SIE LEBTE WIE EINE PRINZESSIN, WÄHREND ANDERE FÜR SIE ZWANGSARBEIT LEISTETEN – DIE DUNKLE GESCHICHTE VON LINA HEYDRICH

SIE LEBTE WIE EINE PRINZESSIN, WÄHREND ANDERE FÜR SIE ZWANGSARBEIT LEISTETEN – DIE DUNKLE GESCHICHTE VON LINA HEYDRICH

TEIL 1 – DER AUFSTIEG IN DEN SCHATTEN DER MACHT

Am Morgen des 15. März 1939 verändert sich Prag innerhalb weniger Stunden. Deutsche Soldaten rollen über das Kopfsteinpflaster, besetzen Brücken, Bahnhöfe und Regierungsgebäude. Menschen stehen schweigend am Straßenrand und sehen zu, wie die Zeichen eines souveränen Staates verschwinden. Noch ahnt kaum jemand, dass einige der dunkelsten Jahre der Stadt gerade begonnen haben. Und noch weniger Menschen wissen, dass bald eine Frau in einem enteigneten Schloss bei Prag leben wird, während ihr Mann Terror, Hinrichtungen und Massenverhaftungen organisiert. Ihr Name: Lina Heydrich.

Wenn euch Geschichten interessieren, in denen nicht nur die bekannten Täter, sondern auch jene Menschen sichtbar werden, die an ihrer Seite von Macht und Verfolgung profitierten, bleibt bis zum Ende dabei. Denn Lina Heydrichs Lebensweg führt von einer kleinen Ostseeinsel über die höchsten Kreise des NS-Regimes bis zu einer Nachkriegsgeschichte, deren Ausgang viele bis heute verstört.

Lina Mathilde von Osten wird am 14. Juni 1911 auf Fehmarn geboren. Ihre Familie trägt zwar einen adeligen Namen, lebt jedoch keineswegs im Luxus. Ihr Vater Jürgen von Osten arbeitet als Dorfschullehrer, ihre Mutter Mathilde führt den Haushalt. Lina wächst in einer Gesellschaft auf, die vom verlorenen Ersten Weltkrieg und vom Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs geprägt ist.

Die politische Atmosphäre ihrer Jugend ist voller Ressentiments. In vielen nationalistischen Milieus wird die junge Weimarer Republik verachtet. Antisemitismus, Feindseligkeit gegenüber der politischen Linken und die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu nationaler Stärke gehören zu den Ideen, die in Linas Umfeld kursieren. Sie übernimmt vieles davon früh und entwickelt sich bereits als Jugendliche zu einer überzeugten Antisemitin.

Nach ihrem Schulabschluss in Oldenburg im Jahr 1927 beginnt sie 1928 in Kiel eine Ausbildung zur Gewerbelehrerin. Es scheint zunächst ein vergleichsweise gewöhnlicher Weg zu sein. Doch im Dezember 1930 begegnet sie einem Mann, dessen Karriere bald eng mit den schlimmsten Verbrechen des NS-Staates verbunden sein wird.

Am 6. Dezember besucht Lina einen Ruderball in Kiel. Dort lernt sie den Marineoffizier Reinhard Heydrich kennen. Er ist ehrgeizig, selbstbewusst und intelligent. Die beiden kommen sich ungewöhnlich schnell näher. Bereits am 18. Dezember, weniger als zwei Wochen nach ihrer ersten Begegnung, geben sie ihre Verlobung bekannt.

Doch hinter dieser überstürzten Romanze verbirgt sich ein Problem. Heydrich hatte zuvor bereits einer anderen Frau, der Tochter eines hochrangigen Marineoffiziers, die Ehe in Aussicht gestellt. Als er diese Verbindung für Lina aufgibt, entsteht ein Skandal. Für einen Marineoffizier jener Zeit geht es dabei nicht nur um verletzte Gefühle, sondern um die sogenannte Ehre des Offiziersstandes.

Im April 1931 muss sich Heydrich vor einem militärischen Ehrengericht verantworten. Das Ergebnis zerstört seine bisherige Karriere. Er wird aus der Marine entlassen. Für den ehrgeizigen jungen Mann ist es ein schwerer Schlag. Sein sicher geglaubter beruflicher Weg scheint beendet.

Lina sieht die Situation anders. Sie steht der nationalsozialistischen Bewegung bereits nahe und ermutigt Heydrich, sich politisch neu zu orientieren. Statt den Zusammenbruch seiner Marinekarriere als endgültige Niederlage zu betrachten, öffnet sich für ihn eine andere Tür, eine Tür, die ihn unmittelbar in den Machtapparat des Nationalsozialismus führen wird.

Im Juni 1931 tritt Reinhard Heydrich der NSDAP bei, einen Monat später folgt der Eintritt in die SS. Heinrich Himmler sucht zu dieser Zeit Männer, die einen internen Nachrichtendienst aufbauen können. Heydrich wird ihm vorgestellt. Dabei spielt sogar ein Missverständnis eine Rolle: Man hält ihn offenbar für jemanden mit nachrichtendienstlicher Erfahrung aus der Marine.

Trotz dieser falschen Voraussetzung überzeugt Heydrich Himmler. Er erhält die Chance, einen Sicherheits- und Nachrichtendienst aufzubauen. Was zunächst klein beginnt, wird später zu einem zentralen Instrument von Überwachung und Unterdrückung.

Am 26. Dezember 1931 heiraten Reinhard und Lina. In den folgenden Jahren bekommen sie vier Kinder: Klaus, Heider, Silke und später Marte. Nach außen entsteht das Bild einer deutschen Familie, deren gesellschaftlicher Aufstieg kaum schneller verlaufen könnte.

Während Reinhard seine Position in der SS ausbaut, unterstützt Lina seine politische Entwicklung. Die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 erlebt sie nicht als Bedrohung, sondern als Erfolg jener Bewegung, deren Überzeugungen sie teilt.

Heydrich erweitert den Sicherheitsdienst der NSDAP, den SD. Als Adolf Hitler im Januar 1933 Reichskanzler wird, beginnt die systematische Ausschaltung politischer Gegner. Für Heydrich öffnen sich immer weitere Türen innerhalb des neuen Regimes.

Lina verfolgt diesen Aufstieg mit Stolz. In Briefen an ihre Eltern berichtet sie begeistert über die neue politische Realität. Verhaftungen von politischen Gegnern und Juden erscheinen in ihrer Darstellung nicht als Unrecht, sondern als gerechtfertigte Maßnahmen.

Das ist ein entscheidender Punkt ihrer Geschichte. Lina Heydrich ist nicht einfach eine unpolitische Ehefrau, die zufällig an der Seite eines mächtigen NS-Funktionärs lebt. Die im Ausgangsmaterial geschilderten Äußerungen zeigen eine Frau, die wesentliche ideologische Vorstellungen ihres Mannes und des Regimes teilt.

1936 wächst Reinhard Heydrichs Macht weiter. Er übernimmt die Leitung der Sicherheitspolizei, wodurch Gestapo und Kriminalpolizei in einer zentralen Struktur zusammengeführt werden. Damit gehört er endgültig zu den einflussreichsten Personen im deutschen Unterdrückungsapparat.

Für Lina bedeutet dieser Aufstieg ein völlig anderes Leben als jenes, das sie aus ihrer Kindheit auf Fehmarn kannte. Aus der Tochter eines verarmten Adeligen wird die Ehefrau eines der mächtigsten Männer im NS-Staat. gesellschaftlicher Status, privilegierte Kontakte und ein zunehmend kostspieliger Lebensstil werden Teil ihres Alltags.

Doch dieser Luxus hat eine andere Seite. Die Macht ihres Mannes beruht auf einem System, das politische Gegner verfolgt, Juden entrechtet und Gewalt zunehmend zum staatlichen Prinzip erhebt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 eskaliert die antisemitische Gewalt in Deutschland und im annektierten Österreich. Synagogen brennen, Geschäfte werden zerstört, Menschen misshandelt und verhaftet. Reinhard Heydrich spielt bei der Organisation und Koordination der Maßnahmen während der sogenannten Reichspogromnacht eine wichtige Rolle.

Lina distanziert sich nicht davon. Dem bereitgestellten Material zufolge unterstützt sie ihren Mann und drängt ihn sogar zu noch größerer Härte. Die Gewalt, die Millionen Menschen bedroht, steht damit nicht außerhalb ihrer Welt. Sie ist Teil jener politischen Ordnung, von der ihre Familie profitiert.

Auch privat ist die Ehe weniger harmonisch, als der gesellschaftliche Aufstieg vermuten lässt. Beide haben Affären. Reinhard ist durch seine Arbeit häufig abwesend. Lina erinnert später daran, dass er während eines großen Teils ihrer gemeinsamen Ehe kaum zu Hause gewesen sei.

Dann kommt der 1. September 1939. Deutschland überfällt Polen. Der Zweite Weltkrieg beginnt. Mit der militärischen Expansion wachsen auch die Aufgaben und die Macht der deutschen Sicherheitsapparate.

Die besetzten Gebiete werden zu Orten systematischer Verfolgung. Heydrich spielt eine führende Rolle bei Maßnahmen gegen Juden, Widerstandskämpfer und politische Gegner. Sein Einfluss reicht inzwischen weit über Deutschland hinaus.

Im September 1941 wird er zum stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren ernannt. Damit erhält er enorme Macht über das besetzte tschechische Gebiet. Für die Bevölkerung beginnt eine Phase besonders brutaler Repression.

Für Lina hingegen bedeutet die Ernennung einen neuen gesellschaftlichen Höhepunkt. Die Familie hält sich zunächst auf der Prager Burg auf und zieht schließlich nach Panenské Břežany nördlich von Prag.

Das Anwesen, in dem sie nun lebt, besitzt eine düstere Vorgeschichte. Es hatte dem jüdischen Industriellen Ferdinand Bloch-Bauer gehört und war nach der deutschen Besetzung enteignet worden. Was für Lina zum luxuriösen Zuhause wird, ist damit unmittelbar mit der nationalsozialistischen Entrechtung verbunden.

Später beschreibt sie ihr Leben dort sinngemäß wie das einer Prinzessin in einem Märchenland. Diese Vorstellung wirkt besonders beklemmend, wenn man betrachtet, was gleichzeitig außerhalb der Schlossmauern geschieht.

Während Lina Gärten, Empfänge und die Privilegien ihres neuen Lebens genießt, setzt ihr Mann im Protektorat auf Terror. Sondergerichte verhängen Hunderte Todesurteile. Tausende Menschen werden verhaftet und der Gestapo übergeben. Heydrich erhält den berüchtigten Beinamen „Schlächter von Prag“.

Seine Macht erreicht Anfang 1942 einen weiteren historischen Höhepunkt. Im Januar organisiert und leitet Heydrich die Wannsee-Konferenz, bei der führende Funktionäre des NS-Regimes die organisatorische Umsetzung der systematischen Ermordung der europäischen Juden koordinieren.

Heydrich glaubt gleichzeitig, mit seiner brutalen Mischung aus Terror und politischer Kontrolle den tschechischen Widerstand gebrochen zu haben. Doch am Morgen des 27. Mai 1942 zeigt sich, wie gefährlich diese Annahme ist.

Auf einer Straße in Prag warten zwei tschechoslowakische Soldaten, Jozef Gabčík und Jan Kubiš, die aus Großbritannien entsandt worden sind. Ihr Auftrag richtet sich gegen einen der mächtigsten Männer des NS-Regimes.

Wenige Augenblicke später wird Reinhard Heydrich bei dem Attentat schwer verletzt.

Er überlebt zunächst.

Doch acht Tage später, am 4. Juni 1942, stirbt der Mann, der geglaubt hatte, Prag mit Terror zum Schweigen gebracht zu haben, an den Folgen seiner Verletzungen.

Für Lina beginnt damit ein völlig neuer Abschnitt. Aber statt dass mit dem Tod ihres Mannes auch die Privilegien verschwinden, geschieht etwas, das für die Opfer des Regimes wie blanker Hohn wirken musste.

Und genau dort beginnt der noch dunklere Teil ihrer Geschichte……

TEIL 2 – DIE WITWE, DAS SCHLOSS UND DAS LEBEN NACH DEM REGIME

Reinhard Heydrichs Tod löst im Protektorat keine Entspannung aus. Im Gegenteil. Das NS-Regime reagiert mit brutalen Vergeltungsmaßnahmen. Menschen werden verhaftet und getötet, ganze Familien geraten ins Visier. Der Terror, für den Heydrich gestanden hatte, setzt sich nach seinem Tod fort.

Lina ist zu diesem Zeitpunkt schwanger. An der Beerdigung ihres Mannes nimmt sie nicht teil. Im Juli 1942 bringt sie das vierte gemeinsame Kind, Marte, zur Welt.

Der Tod ihres Mannes bedeutet für sie keineswegs den Verlust ihres privilegierten Lebens. Adolf Hitler überträgt ihr das Eigentum an Panenské Břežany. Zusätzlich erhält sie eine großzügige lebenslange Versorgung.

So wird die Witwe eines Mannes, der an Massenverfolgung und Völkermord beteiligt war, vom Regime materiell abgesichert. Während Tausende Familien aufgrund genau jenes Systems Angehörige, Häuser und Besitz verlieren, kann Lina Heydrich weiterhin auf einem enteigneten Anwesen leben.

Sie beginnt, das Schloss und seine Umgebung nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Ein Spielplatz und ein Schwimmbecken entstehen. Gleichzeitig lässt sie den englischen Park mit seinen seltenen Bäumen beseitigen.

Das Holz wird verkauft. Auf Teilen des Geländes lässt sie Kartoffeln und Gemüse anbauen, die wiederum an deutsche Truppen in Prag verkauft werden. Aus dem repräsentativen Anwesen wird damit auch ein wirtschaftlich genutzter Betrieb.

Doch für diesen Betrieb braucht Lina Arbeitskräfte.

Auf dem Schlossgelände entsteht ein kleines Lager. Etwa 150 Häftlinge aus Theresienstadt werden dort untergebracht. Sie leben in ehemaligen Stallungen und müssen für Lina Heydrich arbeiten.

Die Bedingungen sind schlecht. Nach den im Ausgangsmaterial genannten Zeugenaussagen geht Lina selbst brutal mit jüdischen Zwangsarbeitern um. Sie soll sie beschimpft, bespuckt und körperlich misshandelt haben.

Berichtet wird außerdem, sie habe Arbeiter mit einem Fernglas beobachtet und Bestrafungen verlangt, wenn ihr jemand zu langsam erschien. Das Bild der bloß passiven Witwe eines NS-Funktionärs zerfällt hier endgültig.

1944 werden die jüdischen Zwangsarbeiter abgezogen. Doch auch danach arbeitet Lina nicht einfach mit regulär beschäftigten Kräften weiter. Sie erhält fünfzehn Zeugen Jehovas aus dem Konzentrationslager Flossenbürg als Arbeitskräfte.

Selbst die Frage, wer für diese Gefangenen bezahlen sollte, führt zu Streit. Schließlich werden die Kosten laut dem vorliegenden Material von Heinrich Himmler übernommen.

Inmitten dieses Lebens trifft Lina jedoch ein persönlicher Schicksalsschlag. Am 24. Oktober 1943 stirbt ihr zehnjähriger Sohn Klaus bei einem Verkehrsunfall.

Der Junge fährt auf eine Straße und wird von einem Lastwagen erfasst. Er stirbt nahezu sofort.

Zunächst heben jüdische Häftlinge sein Grab aus. Lina lehnt jedoch ab, dass ihr Sohn in einem Grab beerdigt wird, das von jüdischen Gefangenen vorbereitet wurde. Deutsche Soldaten müssen ein neues ausheben.

Auch gegenüber dem Fahrer zeigt sie keine Milde. Sie verlangt nach dem Unfall, dass Karel Kašpar erschossen werden solle. Eine Untersuchung stellt jedoch fest, dass er keine Schuld am Tod des Kindes trägt, und er wird nicht hingerichtet.

Dieser Vorgang zeigt eine beklemmende Kontinuität. Selbst in einem Moment persönlichen Verlustes löst sich Lina nicht von dem rassistischen Weltbild, das ihr Leben geprägt hat.

Währenddessen verändert sich der Krieg. Die deutsche Wehrmacht verliert an Boden. Die Fronten rücken näher. Das System, das Lina und ihrer Familie Macht, Besitz und Privilegien verschafft hat, beginnt zusammenzubrechen.

Im Frühjahr 1945 erreichen die Ereignisse auch Panenské Břežany. Sowjetische Truppen nähern sich. Für Lina wird klar, dass sie das Schloss verlassen muss.

Noch immer scheint sie davon überzeugt zu sein, später zurückkehren zu können. Vor ihrer Abreise verabschiedet sie sich vom Personal und verspricht Pensionen.

Sie lässt Tiere schlachten und nimmt Gläser mit eingemachtem Fleisch mit. Es wirkt fast wie der Versuch, eine vorübergehende Reise vorzubereiten.

Doch sie wird niemals als Hausherrin nach Panenské Břežany zurückkehren.

Das Deutsche Reich kapituliert. Die Welt erfährt Schritt für Schritt das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen. Konzentrations- und Vernichtungslager werden befreit. Millionen Tote hinterlassen eine historische Katastrophe ohne Vergleich.

Auch Lina Heydrich gerät nun in den Blick der Justiz.

1948 verurteilt ein tschechoslowakisches Gericht sie in Abwesenheit zu lebenslanger Haft.

Man könnte erwarten, dass ihre Geschichte damit endet: Verhaftung, Auslieferung, Gefängnis.

Doch genau hier nimmt sie eine Wendung, die für viele Opfer kaum zu ertragen gewesen sein dürfte.

Lina wird nicht an die Tschechoslowakei ausgeliefert.

In Deutschland hält sie sich zunächst aus Angst vor einer möglichen Auslieferung zurück beziehungsweise versteckt. Die gegen sie verhängte lebenslange Strafe führt jedoch nicht dazu, dass sie tatsächlich in einem tschechoslowakischen Gefängnis landet.

Mehr noch: In den folgenden Jahren kämpft sie um finanzielle Ansprüche.

Sie beantragt wiederholt eine sogenannte Generalswitwenrente. Das Problem ist offensichtlich. Reinhard Heydrich war nicht einfach ein gefallener Soldat. Er war eine zentrale Figur des NS-Terrorapparates und ein Kriegsverbrecher.

Trotzdem erhält Lina schließlich eine Witwenversorgung.

Damit erreicht ihre Nachkriegsgeschichte einen der bittersten Widersprüche überhaupt: Eine Frau, die von Enteignung und Zwangsarbeit profitiert und deren Mann zu den wichtigsten Organisatoren nationalsozialistischer Verfolgung gehörte, kann in der Bundesrepublik materielle Ansprüche durchsetzen.

1965 heiratet sie erneut. Ihr zweiter Mann ist der finnische Theaterregisseur Mauno Manninen. Durch die Ehe verändert sich auch ihr Name.

Auf Fehmarn, jener Insel, auf der ihr Leben 1911 begonnen hatte, betreibt sie später ihr früheres Sommerhaus als Restaurant und Gasthaus.

Auch dort bleibt die Vergangenheit präsent.

Zu den Besuchern gehören ehemalige Anhänger des Nationalsozialismus, die nostalgisch auf die Zeit des Regimes zurückblicken. Der Ort entwickelt sich damit zumindest für einen Teil der Gäste zu einem Treffpunkt, an dem die Vergangenheit keineswegs grundsätzlich verurteilt wird.

Wer erwartet, dass Lina Heydrich mit zunehmendem Alter Reue zeigt, wird enttäuscht.

Sie distanziert sich nicht grundsätzlich von ihrer nationalsozialistischen Überzeugung.

1979, sechs Jahre vor ihrem Tod, erklärt sie sinngemäß, der Nationalsozialismus sei für sie ein Glaube gewesen, den sie nicht widerrufen könne.

Es ist vielleicht der wichtigste Satz für das Verständnis ihres Lebens.

Denn er zerstört die bequeme Vorstellung, man könne ihre Rolle einfach mit Naivität, ehelicher Loyalität oder politischer Unwissenheit erklären.

Lina Heydrich hatte erlebt, wohin diese Ideologie führte.

Sie hatte den Aufstieg ihres Mannes erlebt.

Sie hatte von der Enteignung eines jüdischen Besitzers profitiert.

Sie hatte Zwangsarbeiter auf ihrem Anwesen eingesetzt.

Sie hatte das Ende des Regimes und die Enthüllung seiner Verbrechen erlebt.

Und dennoch widerrief sie ihren Glauben an diese Ideologie nicht.

Am 14. August 1985 stirbt Lina Heydrich auf Fehmarn. Sie ist 74 Jahre alt.

Damit endet ein Leben, das auf den ersten Blick wie eine Geschichte über die Ehefrau eines berühmten NS-Verbrechers wirken könnte.

Doch bei genauerem Hinsehen ist es mehr.

Es ist die Geschichte einer Frau, die nicht bloß im Schatten eines Täters stand, sondern dessen Weltanschauung teilte, seinen Aufstieg unterstützte und von einem System profitierte, das anderen Menschen Eigentum, Freiheit und Leben nahm.

Der stärkste historische Kontrast liegt deshalb vielleicht zwischen zwei Häusern.

Auf der einen Seite Panenské Břežany: ein enteignetes Schloss, in dem Lina sich wie eine Märchenprinzessin fühlte, während Gefangene auf dem Gelände Zwangsarbeit leisteten.

Auf der anderen Seite ihr späteres Gasthaus auf Fehmarn: ein Ort in einem demokratischen Nachkriegsdeutschland, an dem sie Jahrzehnte später leben konnte, ohne jene Strafe abzusitzen, die ein tschechoslowakisches Gericht gegen sie verhängt hatte.

Zwischen diesen beiden Häusern liegen Krieg, Völkermord, der Tod ihres Mannes, der Tod ihres Kindes, der Untergang des NS-Regimes und Millionen Opfer.

Doch eines fehlt bis zum Ende.

Reue.

Und vielleicht ist genau das die verstörendste Wendung dieser Geschichte.

Nicht dass Lina Heydrich an der Seite eines der brutalsten Männer des NS-Regimes lebte.

Nicht dass sie Privilegien genoss, die auf Enteignung und Terror beruhten.

Sondern dass sie Jahrzehnte Zeit hatte, zurückzublicken und zu erkennen, was dieses System angerichtet hatte, und sich trotzdem nicht glaubwürdig davon lossagte.

Wenn euch solche historischen Geschichten interessieren, in denen wir auch die weniger bekannten Figuren hinter den großen Ereignissen betrachten, könnt ihr gern dabei bleiben und den Kanal unterstützen.

Schreibt auch gern in die Kommentare, welcher Aspekt dieser Geschichte euch am meisten überrascht hat: Linas aktive ideologische Haltung, die Zwangsarbeit auf ihrem Anwesen oder die Tatsache, dass ihre Nachkriegsgeschichte völlig anders verlief, als man nach 1945 vielleicht erwarten würde.

Denn Geschichte besteht nicht nur aus den Männern, deren Namen in den Lehrbüchern stehen.

Manchmal verrät der Blick auf die Menschen direkt neben ihnen ebenso viel darüber, wie ein verbrecherisches System funktionieren konnte.