ER WAR ERST VIER JAHRE ALT, ALS BUCHENWALD BEFREIT WURDE – UND SEIN GESICHT WURDE ZUM SYMBOL EINER GANZEN GENERATION

ER WAR ERST VIER JAHRE ALT, ALS BUCHENWALD BEFREIT WURDE – UND SEIN GESICHT WURDE ZUM SYMBOL EINER GANZEN GENERATION

TEIL 1 – DER JUNGE, DER NICHT EXISTIEREN DURFTE

  1. April 1945. Etwa acht Kilometer nordwestlich von Weimar sitzen Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald über einem heimlich betriebenen Kurzwellensender. Draußen patrouilliert noch immer die SS. Im Lager breiten sich Gerüchte aus, dass die Gefangenen evakuiert werden sollen. Viele wissen, was dieses Wort in den letzten Kriegstagen bedeuten kann: Märsche ohne Nahrung, Erschießungen unterwegs, die Beseitigung von Zeugen. Dann geht eine kurze Botschaft in Morsezeichen hinaus: Hier ist Buchenwald. Wir brauchen Hilfe. Die SS will uns vernichten. Wenige Minuten später kommt eine Antwort. Haltet durch. Wir kommen.

Drei Tage später rollen amerikanische Soldaten der 6. Panzerdivision in das Lager. Was sie dort finden, lässt sich kaum in Zahlen ausdrücken: ungefähr 21.000 Überlebende, viele bis auf die Knochen abgemagert, erschöpft, krank und traumatisiert. Unter ihnen befinden sich zahlreiche Minderjährige. Jugendliche, die in einer Welt aus Hunger, Gewalt und Tod erwachsen werden mussten. Und zwischen ihnen steht ein Kind, das eigentlich längst hätte tot sein sollen.

Er ist vier Jahre alt.

Sein Name ist Josef Schleifstein.

Auf Fotografien aus den Tagen nach der Befreiung erscheint Josef klein zwischen erwachsenen Männern und älteren Jungen. Er trägt Kleidung, die teilweise aus deutschen Uniformstücken hergestellt wurde, weil im Lager kaum geeignete Kinderkleidung vorhanden war. Auf einigen Bildern hält er einen kleinen Spielzeugroller aus Holz. Sein Gesicht wirkt zugleich neugierig, müde und unbegreiflich jung für einen Ort wie Buchenwald.

Wenn euch historische Geschichten interessieren, die nicht nur von Armeen und Generälen handeln, sondern von einzelnen Menschen, die mitten im Grauen überlebten, bleibt bis zum Ende dabei. Denn Josefs Geschichte ist nicht nur die Geschichte eines Kindes, das versteckt wurde. Sie handelt auch von einem Vater, der im entscheidenden Moment eine unmögliche Entscheidung traf, von Gefangenen, die ihr eigenes Leben riskierten, und von einer Familie, die nach dem Krieg fast schon auf wundersame Weise wieder zusammenfand.

Josef Schleifstein wird am 7. März 1941 in Sandomierz im besetzten Polen geboren. Seine Eltern heißen Israel und Esther Schleifstein. Josef kommt in eine Welt, in der seine jüdische Herkunft bereits darüber entscheidet, ob er Rechte besitzt, wo er leben darf und schließlich, ob er leben darf.

Als Josef noch ein Kleinkind ist, wird die Familie in das Ghetto von Sandomierz gezwungen. Von Juni 1942 bis Januar 1943 leben die Schleifsteins dort in einer Atmosphäre ständiger Angst. Hunger, Überwachung und Deportationen bestimmen den Alltag. Ein Kind kann in einer solchen Umgebung nicht verstehen, warum Menschen plötzlich verschwinden. Die Erwachsenen verstehen es dafür umso besser.

Nach der Auflösung des Ghettos wird die Familie in den Raum Częstochowa verlegt. Josefs Eltern müssen vermutlich für HASAG arbeiten, einen Rüstungskonzern, der während des Krieges zahlreiche Fabriken betrieb und in großem Umfang Zwangsarbeiter einsetzte.

In diesen Betrieben werden Munition und andere Rüstungsgüter produziert. Für die Gefangenen bedeutet Arbeit keine Sicherheit. Zehntausende jüdische und andere Zwangsarbeiter sterben unter den Bedingungen der Produktion, an Hunger, Krankheiten, Misshandlungen oder durch direkte Ermordung.

Für Josef gibt es ein zusätzliches Problem.

Er ist zu jung zum Arbeiten.

In der Logik des nationalsozialistischen Lagersystems ist genau das lebensgefährlich. Wer keine Arbeitskraft besitzt, kann als „nutzlos“ eingestuft und ermordet werden. Josefs Eltern wissen, dass die bloße Sichtbarkeit ihres Sohnes seinen Tod bedeuten könnte.

Also verstecken sie ihn.

Der kleine Junge verbringt lange Zeiten in Kellern und dunklen Räumen. Er muss lernen, still zu sein, wenn Schritte näher kommen. Er darf nicht weinen, wenn er Angst hat. Er darf nicht rufen, wenn seine Eltern fort sind.

Für ein Kind ist Schweigen normalerweise eine kurze Bitte der Erwachsenen.

Für Josef wird es zu einer Überlebenstechnik.

Diese Monate prägen ihn tief. Jahrzehnte später wird er noch immer von Erinnerungen an enge, dunkle Räume verfolgt werden. Albträume und Todesangst verschwinden nicht automatisch mit dem Ende eines Krieges.

Im Januar 1945 bricht das deutsche Lagersystem im Osten unter dem Vormarsch der Roten Armee zunehmend zusammen. HASAG-Einrichtungen werden geschlossen oder Produktionsbereiche verlagert. Häftlinge werden nach Deutschland deportiert.

Am 20. Januar 1945 erreichen Josef und seine Eltern das Konzentrationslager Buchenwald.

Josef ist noch keine vier Jahre alt.

Schon bei der Ankunft droht die Familie auseinandergerissen zu werden. Arbeitsfähige Gefangene werden von jenen getrennt, die als nicht arbeitsfähig gelten. Josefs Eltern geraten in die Gruppe der Arbeitskräfte. Der kleine Junge soll dorthin gebracht werden, wo Kinder, ältere Menschen und andere vermeintlich „Unbrauchbare“ gesammelt werden.

Israel Schleifstein begreift sofort, was das bedeuten kann.

Mitten im Durcheinander findet er einen großen Sack. Darin befinden sich Lederwerkzeuge und einige Kleidungsstücke. Er setzt seinen kleinen Sohn hinein.

Dann gibt er Josef möglicherweise die wichtigste Anweisung seines Lebens.

Still sein.

Absolut still.

Man kann sich diesen Moment kaum vorstellen. Ein Vater weiß nicht, ob die Wachen den Sack kontrollieren werden. Ein Kind weiß nicht, wohin man es trägt. Jeder Laut könnte alles verraten.

Doch Josef bleibt verborgen.

Israel trägt den Sack ins Lager.

So gelangt ein kleines Kind nach Buchenwald, ohne bei der Aufnahme entdeckt zu werden.

Josefs Mutter hat dieses Glück nicht. Esther wird von der Familie getrennt und später nach Bergen-Belsen deportiert.

Von diesem Augenblick an weiß Israel nicht, ob seine Frau noch lebt.

Er hat nur noch Josef.

Und Josef hat nur noch seinen Vater.

Mit Hilfe zweier antifaschistischer deutscher Häftlinge gelingt es Israel zunächst, seinen Sohn im Lager zu verstecken. Andere Gefangene helfen mit. In einer Umgebung, in der Nahrung, Kleidung und Sicherheit praktisch nicht existieren, bedeutet die Anwesenheit eines Kindes zusätzliche Gefahr für jeden, der davon weiß.

Trotzdem schweigen Menschen.

Sie teilen Informationen.

Sie schaffen Verstecke.

Sie geben weiter, was sie selbst kaum besitzen.

Irgendwann wird Josef entdeckt.

Eigentlich müsste dieser Moment sein Todesurteil bedeuten.

Doch überraschenderweise wird er nicht sofort ermordet.

Ein Grund liegt offenbar in der Stellung seines Vaters. Israel besitzt handwerkliche Fähigkeiten, die von den Deutschen gebraucht werden. Er arbeitet unter anderem an Lederwaren, Sätteln und Geschirr. Seine Arbeitskraft macht ihn für das Lager nützlich.

Auch Josef selbst wird auf eine makabre Weise Teil des Lageralltags.

Einige SS-Wachen behandeln den kleinen Jungen wie eine Art Maskottchen.

Er bekommt eine gestreifte Häftlingsuniform in Kindergröße.

Beim Morgenappell muss er erscheinen.

Nach den überlieferten Darstellungen salutiert er vor den Wachen und meldet sinngemäß, alle Gefangenen seien anwesend.

Was wie eine bizarre Szene wirken könnte, darf nicht mit Normalität verwechselt werden. Josef lebt weiterhin in einem Konzentrationslager. Die Laune eines Bewachers kann sich jederzeit ändern. Seine Sonderstellung bietet keinen verlässlichen Schutz.

Bei offiziellen Besuchen hochrangiger NS-Funktionäre wird er deshalb versteckt.

Die Lagerleitung soll nicht sehen, dass sich dort ein kleines jüdisches Kind befindet.

Mindestens einmal gerät Josef sogar unmittelbar in Gefahr, hingerichtet zu werden.

Sein Vater kann dies im letzten Moment verhindern.

Für Israel bedeutet jeder Tag eine neue Rechnung: Wie wichtig ist seine Arbeit noch? Wer kennt das Kind? Wer könnte es verraten? Wem kann er vertrauen? Wann wird ein Befehl kommen, gegen den kein handwerkliches Können mehr schützt?

Dann wird Josef krank.

In einem Konzentrationslager kann selbst eine gewöhnliche Krankheit tödlich werden. Es fehlt an Nahrung, Medikamenten, Hygiene und körperlichen Reserven. Josef verbringt eine Zeit im Lagerkrankenhaus.

Draußen nähert sich der Krieg seinem Ende.

Doch das macht die Situation nicht automatisch sicherer.

Im Frühjahr 1945 beginnen die SS-Verantwortlichen in vielen Lagern, Gefangene zu evakuieren. Tausende werden auf sogenannte Todesmärsche geschickt. Diejenigen, die nicht mithalten können, werden häufig erschossen oder bleiben sterbend am Straßenrand zurück.

Auch in Buchenwald wächst die Angst.

Die Häftlinge wissen, dass die amerikanischen Truppen näher kommen.

Sie wissen aber nicht, ob sie schnell genug kommen werden.

Am 8. April gelingt Mitgliedern des Lagerwiderstands schließlich die heimliche Funkübertragung an die vorrückenden Alliierten.

Eine Botschaft geht hinaus.

Das Lager Buchenwald bittet um Hilfe.

Dann kommt die Antwort der Dritten US-Armee.

Haltet durch.

Wir eilen euch zu Hilfe.

Für die Häftlinge müssen diese Worte fast unwirklich geklungen haben. Nach Jahren, in denen Befehle meistens Hunger, Schläge, Appell oder Tod bedeutet hatten, kam plötzlich von irgendwo außerhalb des Stacheldrahts eine Botschaft, die etwas völlig anderes versprach.

Hilfe.

Doch zwischen einem Funkspruch und wirklicher Freiheit liegen noch drei Tage.

Und in einem Konzentrationslager können drei Tage eine Ewigkeit sein.

Die entscheidende Frage lautet nun nicht mehr nur, ob die Amerikaner kommen.

Sondern ob Josef, sein Vater und die Tausenden anderen noch leben werden, wenn die ersten Panzer tatsächlich das Tor erreichen……

TEIL 2 – BEFREIUNG, VERLORENE KINDER UND EIN LEBEN NACH BUCHENWALD

  1. April 1945. Amerikanische Soldaten erreichen Buchenwald. Die deutsche Lagerherrschaft bricht zusammen. Für ungefähr 21.000 noch lebende Gefangene endet die unmittelbare Gefangenschaft.

Unter ihnen befindet sich Josef Schleifstein.

Vier Jahre alt.

Nach Jahren, in denen er sich verstecken musste, kann er sich plötzlich bewegen, ohne bei jedem Geräusch damit rechnen zu müssen, entdeckt und getötet zu werden.

Später erinnert er sich an die Befreiung auch durch kleine, kindliche Dinge.

Er muss sich nicht mehr verstecken.

Und es gibt mehr zu essen.

Amerikanische Soldaten geben Überlebenden Lebensmittel und Getränke. Für Menschen, die systematisch ausgehungert wurden, kann selbst eine einfache Portion Essen wie etwas Unvorstellbares wirken.

Josef wird in den Tagen nach der Befreiung mehrfach fotografiert.

Einige seiner Kleidungsstücke sind aus deutschen Uniformen gefertigt. Im zusammengebrochenen Lager gibt es kaum passende Kleidung für Kinder. Improvisation ist notwendig.

Auf den Fotos erscheint er manchmal mit einem kleinen Holzroller.

Dieses Spielzeug bildet einen beinahe unerträglichen Kontrast zur Umgebung.

Ein Kind mit einem Spielzeug.

Hinter ihm ein Konzentrationslager.

Gerade deshalb bleiben solche Bilder im Gedächtnis.

Sie zeigen, was Zahlen allein nicht ausdrücken können.

In Buchenwald waren während der Jahre seines Bestehens ungefähr 250.000 Menschen aus zahlreichen europäischen Ländern inhaftiert. Mindestens 56.000 Menschen starben im Lagersystem, darunter etwa 11.000 Juden.

Doch selbst diese Zahlen können das Erlebte der einzelnen Gefangenen nicht vollständig erklären.

Hinter jedem Toten steht eine Biografie.

Hinter jedem Überlebenden ebenfalls.

Als amerikanische Militärangehörige das Lager sehen, wollen sie verhindern, dass die Menschen in der Umgebung später behaupten können, die Berichte seien lediglich Propaganda gewesen.

Bürger aus dem nahe gelegenen Weimar werden deshalb gezwungen beziehungsweise aufgefordert, das Lager und die Spuren der Verbrechen selbst anzusehen.

Sie sehen das Krematorium.

Sie sehen abgemagerte Überlebende und Tote.

Sie sehen Gegenstände und menschliche Überreste, die die Brutalität des Lagers dokumentieren.

Viele Einwohner behaupten, sie hätten nicht gewusst, was in Buchenwald geschehen sei.

Überlebende reagieren auf solche Aussagen unterschiedlich.

Manche glauben ihnen nicht.

Der frühere Häftling Gert Schram erinnert sich später sinngemäß an das Gefühl, die Besucher sollten nun endlich ansehen, was unter ihren Augen beziehungsweise mit ihrer Duldung geschehen war.

Für Josef stellt sich jedoch zunächst eine viel unmittelbarere Frage.

Wo ist seine Mutter?

Israel Schleifstein beginnt nach Esther zu suchen.

Er hat seit ihrer Trennung keine Gewissheit über ihr Schicksal.

Millionen Familien in Europa stehen in diesen Wochen vor derselben verzweifelten Aufgabe.

Bahnhöfe, Lagerlisten, Hilfsorganisationen und Nachrichtenbretter werden zu Orten der Hoffnung.

Menschen suchen Namen.

Sie lesen Listen.

Sie fragen Fremde.

Manchmal finden sie niemanden.

Manchmal finden sie nur die Bestätigung eines Todes.

Israel und Josef erhalten Unterstützung vom American Jewish Joint Distribution Committee. Für eine gewisse Zeit können sie sich in der Schweiz erholen.

Doch Israel gibt die Suche nach Esther nicht auf.

Einige Monate später kehren Vater und Sohn nach Deutschland zurück.

Und dann geschieht etwas, das nach all dem Verlust beinahe unmöglich wirkt.

Esther lebt.

Auch sie hat den Holocaust überstanden.

Israel findet seine Frau schließlich in Dachau.

Die Familie Schleifstein ist wieder vereint.

Für Josef bedeutet das nicht, dass das Vergangene verschwindet.

Aber er besitzt wieder beide Eltern.

Für viele andere befreite Kinder gibt es dieses Wiedersehen nicht.

Unter den Minderjährigen von Buchenwald befinden sich Hunderte Jungen, die ihre Eltern und Geschwister verloren haben.

Manche haben gesehen, wie Familienangehörige ermordet wurden.

Andere wissen bis zum Ende ihres Lebens nicht genau, wann und wo Mutter oder Vater starben.

Diese Kinder werden später oft als die „Buchenwald Boys“ bezeichnet.

Ihre Befreiung ist nur der Beginn eines neuen Problems.

Wie bringt man Kindern Normalität bei, die fast ausschließlich Gewalt, Hunger und Willkür kennengelernt haben?

Viele der Jungen reagieren mit Misstrauen auf Autoritäten.

Sie sind wütend.

Einige besitzen kaum Schulbildung.

Ordnung, gesellschaftliche Regeln und Vertrauen müssen teilweise von Grund auf neu gelernt werden.

Selbst gemeinsames Essen wird zur Herausforderung.

Wer über lange Zeit extremen Hunger erlebt hat, denkt nicht automatisch daran, langsam zu essen oder Lebensmittel mit anderen zu teilen.

Einige Kinder verschlingen ihre Mahlzeiten in kürzester Zeit.

Andere verstecken Brot und andere Lebensmittel in den Taschen.

Nicht aus Gier.

Sondern weil ihr Körper und ihr Gedächtnis gelernt haben, dass morgen vielleicht nichts mehr da sein wird.

Betreuer versuchen mit Geduld und klaren Regeln, den Jungen wieder einen Alltag zu vermitteln.

Es geht um viel mehr als Tischmanieren.

Es geht um die langsame Erkenntnis, dass nicht jeder Erwachsene Gewalt bedeutet.

Dass eine Mahlzeit auch morgen noch existieren kann.

Dass Schlaf möglich ist, ohne jederzeit zu einem Appell geweckt zu werden.

Viele der Jugendlichen verlassen später Europa.

Einige gehen nach Kanada oder Australien.

Sie versuchen, Tausende Kilometer zwischen sich und die Orte ihrer Kindheit zu legen.

Josef bleibt zunächst mit seinen Eltern in Deutschland.

Seine Geschichte wird außerdem Teil der juristischen Aufarbeitung des Konzentrationslagers.

Vom 11. April bis zum 14. August 1947 findet in Dachau vor einem amerikanischen Militärgericht der Buchenwald-Hauptprozess statt.

31 Angeklagte müssen sich verantworten, darunter ehemalige Angehörige des Lagerpersonals sowie einige frühere Funktionshäftlinge, denen Verbrechen gegen Mitgefangene vorgeworfen werden.

Josef wird im Zusammenhang mit dem Verfahren als Zeuge der Anklage genannt.

Dass ein Kind, das nur durch einen Sack in das Lager geschmuggelt werden konnte, nun gegenüber einem Gericht über seine Erfahrungen aussagt, besitzt eine enorme symbolische Kraft.

Alle 31 Angeklagten werden schuldig gesprochen.

22 erhalten zunächst Todesurteile, die übrigen Freiheitsstrafen.

Nicht alle Todesurteile werden später tatsächlich vollstreckt. Doch das Verfahren gehört zu den wichtigen amerikanischen Prozessen gegen Verantwortliche des Lagersystems.

1948 verlässt die Familie Schleifstein Europa.

Ihr Ziel sind die Vereinigten Staaten.

Für Josef beginnt erneut ein völlig anderes Leben.

Kein Ghetto.

Kein Lager.

Keine SS-Wachen.

Keine Keller, in denen er sich verstecken muss.

Die Familie lässt sich schließlich in Brooklyn, New York, nieder.

1950 wird Josefs jüngerer Bruder Benjamin geboren.

Damit geschieht etwas, das unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik niemals hätte geschehen sollen.

Die Familie wächst weiter.

Israel Schleifstein stirbt 1956.

Esther lebt noch viele Jahrzehnte und stirbt 1997.

Josef selbst entscheidet sich irgendwann für Schweigen.

Über Jahrzehnte spricht er kaum über seine Kindheit in Buchenwald.

Nicht einmal seinen eigenen Kindern erzählt er alles.

Dieses Schweigen ist bei Holocaustüberlebenden nicht ungewöhnlich. Manche sprechen ununterbrochen, weil sie Zeugnis ablegen wollen. Andere können jahrzehntelang kaum Worte für das finden, was ihnen geschehen ist.

Bei Josef bleiben besonders die Erinnerungen an das Verstecken.

Keller.

Dunkle Räume.

Enge Orte.

Die Angst, entdeckt zu werden.

Sie begleiten ihn noch lange nach dem Krieg und führen zu schweren Albträumen.

Freiheit beseitigt nicht automatisch die Angst, die ein Kind einmal gelernt hat.

Trotzdem baut Josef ein Leben auf.

Er heiratet.

Er wird Vater von zwei Kindern.

Er arbeitet jahrzehntelang bei einem amerikanischen Telekommunikationsunternehmen und geht 1997 nach ungefähr 25 Jahren dort in den Ruhestand.

Seine Biografie besteht damit nicht nur aus Buchenwald.

Das ist wichtig.

Überlebende sind nicht ausschließlich das, was Täter ihnen angetan haben.

Josef wird Arbeitnehmer, Ehemann, Vater.

Er führt ein Leben, das diejenigen, die jüdische Kinder vernichten wollten, ihm eigentlich verweigern wollten.

Jahrzehnte nach der Befreiung geraten die alten Fotografien des kleinen Jungen erneut stärker in den Blick der Öffentlichkeit.

Seine Geschichte wird recherchiert.

Journalisten suchen nach dem Kind auf den Bildern.

Schließlich wird Josef als jener Junge identifiziert, der auf Aufnahmen aus dem befreiten Buchenwald zu sehen ist.

Auch im Zusammenhang mit Roberto Benignis Film „Das Leben ist schön“ aus dem Jahr 1997 wird seine Biografie später als eine der realen Geschichten genannt, die mit der Vorstellung eines Kindes im Konzentrationslager verbunden wurden.

Der Film erzählt jedoch keine direkte Verfilmung von Josefs Leben.

Seine wirkliche Geschichte ist komplizierter und in mancher Hinsicht noch unglaublicher.

Sein Vater konnte ihn nicht mit Humor aus einer erfundenen Welt heraushalten.

Israel konnte ihm keine Illusion geben, die das Lager verschwinden ließ.

Er konnte nur versuchen, seinen Sohn am Leben zu halten.

Mit einem Sack.

Mit Schweigen.

Mit seiner eigenen für die SS nützlichen Arbeit.

Und mit der Hilfe anderer Gefangener.

Der vielleicht stärkste Twist in Josefs Geschichte liegt deshalb nicht in einer spektakulären Rache.

Es gibt keinen Moment, in dem der kleine Junge Jahre später zu seinen ehemaligen Bewachern zurückkehrt und triumphiert.

Seine Antwort auf das System, das ihn töten wollte, ist viel stiller.

Er lebt.

Er bekommt Kinder.

Er arbeitet.

Er wird alt.

Seine Familie existiert weiter.

Aus Sicht der nationalsozialistischen Ideologie hätte Josef verschwinden sollen.

Sein Name hätte niemals auf einer amerikanischen Gehaltsabrechnung stehen dürfen.

Seine Kinder hätten niemals geboren werden sollen.

Seine Fotografien hätten niemals Jahrzehnte später von Menschen betrachtet werden sollen, die wissen wollen, was in Buchenwald geschah.

Doch genau das passiert.

Das Kind, das in einem Sack verborgen werden musste, wird zum Zeugen.

Und sein Gesicht bleibt sichtbar, lange nachdem die Männer, die über Leben und Tod entschieden, verschwunden sind.

Das bedeutet nicht, dass Überleben jede Wunde heilt.

Josef trägt seine Erinnerungen weiter.

Wie viele Überlebende muss er lernen, mit einer Vergangenheit zu leben, die niemals vollständig Vergangenheit wird.

Doch seine Geschichte erinnert uns daran, dass der Holocaust nicht nur aus sechs Millionen ermordeten jüdischen Menschen bestand.

Er bestand aus Millionen einzelnen Leben.

Aus Eltern, die Entscheidungen treffen mussten, die kein Vater und keine Mutter treffen sollte.

Aus Kindern, die lernten, dass ein Geräusch tödlich sein konnte.

Aus Menschen, die anderen halfen, obwohl sie selbst Gefangene waren.

Und aus Überlebenden, die nach 1945 eine Frage beantworten mussten, auf die es keine einfache Antwort gab:

Wie lebt man weiter?

Heute gibt es immer weniger Menschen, die den Holocaust selbst erlebt haben und aus eigener Erinnerung darüber berichten können.

Darum gewinnen Dokumente, Fotografien, Zeugenaussagen und persönliche Geschichten eine immer größere Bedeutung.

Nicht, weil Geschichte nur aus Vergangenheit besteht.

Sondern weil Erinnerung eine Entscheidung der Gegenwart ist.

Wenn euch Josefs Geschichte berührt hat, schreibt gern in die Kommentare, welcher Moment euch am stärksten getroffen hat: der Augenblick, in dem sein Vater ihn im Sack nach Buchenwald schmuggelte, das Wiedersehen mit seiner Mutter oder die Tatsache, dass Josef jahrzehntelang selbst mit seinen Kindern kaum über seine Vergangenheit sprach.

Und wenn ihr weitere Geschichten über Menschen hören möchtet, deren Schicksale hinter den großen Zahlen der Geschichte beinahe verschwunden sind, könnt ihr den Kanal gern unterstützen und bei der nächsten Folge wieder dabei sein.

Denn Buchenwald wurde am 11. April 1945 befreit.

Doch für Josef Schleifstein begann an diesem Tag nicht einfach ein Happy End.

Es begann etwas viel Schwierigeres.

Ein ganzes Leben nach dem Überleben.