„Wir ziehen hier ein.” Angelika sagte es, als wäre es beschlossene Sache. Am dritten Advent saß sie mit ihrer Familie in meinem Wohnzimmer. „Das ist mein Haus”, sagte ich. „Du brauchst doch nicht…

„Wir ziehen hier ein." Angelika sagte es, als wäre es beschlossene Sache. Am dritten Advent saß sie mit ihrer Familie in meinem Wohnzimmer. „Das ist mein Haus", sagte ich. „Du brauchst doch nicht...

„Wir ziehen hier ein. “ Angelika sagte es, als wäre es beschlossene Sache. Am dritten Advent saß sie mit Torsten und Julian in meinem Wohnzimmer, ohne dass ich gefragt worden wäre. Ich lehnte am Fenster und sah meine Tochter an.

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Sie sah aus wie eine Fremde. „Das ist mein Haus“, sagte ich. „Natürlich. Aber wir sind Familie.

Und du brauchst doch nicht mehr so viel Platz. Wir können uns um dich kümmern. Du wirst ja nicht jünger. “

Torsten nickte eifrig.

Dieser Mann hatte mich seit Monaten nur angerufen, wenn er Geld brauchte. Jetzt sprach er von Fürsorge. „Und wenn ich nein sage? “

Angelika zuckte mit den Schultern.

„Dann müssen wir das Haus wohl verkaufen, um unsere Schulden zu begleichen. Wäre schade drum. “

„Welche Schulden? “

„Fünfundvierzigtausend Euro“, sagte Torsten.

Kreditkarten, ein neues Auto, der Urlaub auf Mallorca, eine neue Küche. Sie hatten Geld ausgegeben, das sie nicht besaßen, und standen jetzt in meinem Wohnzimmer, als wäre ich eine Bank. „Und wenn ich die Schulden bezahle? “

„Dann ziehen wir hier ein und beginnen neu.

Als Familie“, sagte Angelika. „Du kannst gern hierbleiben. Aber wir müssten Regeln aufstellen. Keine Besucher ohne Absprache, keine laute Musik nach zwanzig Uhr, an den Haushaltskosten beteiligst du dich natürlich auch.

Ich sah Julian an. Er schaute auf den Boden, als würde er sich schämen. Bevor ich antworten konnte, kam Angelika zu mir, legte mir die Hand auf die Schulter – nicht liebevoll, sondern besitzergreifend – und sagte mit einem Lächeln: „Ach, Papa, sei ehrlich. Das schönste Geschenk, das du uns machen könntest, wäre, wenn du für immer gehst.

Dann könnten wir endlich in Frieden leben. Und Julian müsste sich nicht mehr für seinen griesgrämigen Großvater schämen. “

Julian riss die Augen auf. Torsten murmelte: „Angelika, das war jetzt …“

Sie lachte.

„Was? Es ist doch die Wahrheit. “

In diesem Moment starb etwas in mir. Nicht mein Körper.

Aber das kleine Mädchen, das ich tausendmal in den Arm genommen hatte, das „Papa ist der Beste! “ gerufen hatte, wenn ich es vom Kindergarten abholte, das war weg. Vor mir stand eine Frau, die mir den Tod wünschte, weil sie an mein Erbe wollte. Ich nickte langsam.

„Ich verstehe. “

Angelika strahlte. „Super. Dann können wir morgen anfangen.

Torsten hat schon einen Termin bei der Bank gemacht. “

„Nein“, sagte ich ruhig. „Das werdet ihr nicht. Ihr zieht nicht hier ein.

Ich bezahle eure Schulden nicht. Und ihr werdet nie wieder einen Cent von mir sehen. “

„Papa, sei nicht albern. Das Geld bekommen wir sowieso, wenn du stirbst.

„Werden wir sehen. “

Aber ich wusste genau, was ich tun würde. Damit Sie verstehen, warum, müssen Sie wissen, wie mein Leben aussah, bevor meine Tochter mir den Tod wünschte. Ich bin Georg Steinbach, vierundsiebzig Jahre alt, pensionierter Major der Bundeswehr.

Vor vier Jahren habe ich meine Frau Elisabeth nach schwerer Krankheit verloren. Wir haben unser Haus in Lüneburg vor fünfunddreißig Jahren fertiggestellt, jeden Stein mit unseren eigenen Ersparnissen bezahlt. Ich habe geschuftet, solange ich denken kann. Mit achtzehn zur Bundeswehr, zweiunddreißig Jahre gedient, vom einfachen Soldaten zum Major hochgearbeitet.

Daneben eine Elektrikerlehre, abends Weiterbildungen. Danach dreizehn Jahre als Sicherheitschef in der Industrie. Ich war nie arbeitslos, nie unentschuldigt krank, nie einen Cent vom Staat genommen, den ich nicht verdient hatte. Elisabeth und ich lebten bescheiden.

Unser einziger Luxus war ein Zelturlaub an der Ostsee. Neue Möbel gab es nur, wenn die alten auseinanderfielen. Mein Auto fuhr ich so lange, bis der TÜV sagte: „Herr Steinbach, das war’s. “

Alles, was wir sparten, investierten wir in Angelika.

Privatschule, Gymnasium mit Französisch und Latein, Nachhilfe, Klavier, Reitstunden, Tennisclub. Alles, was andere Kinder hatten, sollte sie auch haben. Mit sechzehn wollte sie ein eigenes Auto. Ich kaufte ihr einen gebrauchten BMW für fünfzehntausend Euro.

Mit achtzehn zahlte ich die Fahrschule. Sie studierte sechs Jahre Betriebswirtschaft in München. Jeden Monat überwies ich zwölfhundert Euro, dazu Studiengebühren, Mietkaution, Einrichtung. Als ihr Auto in München kaputtging, kaufte ich ihr ein neues.

Nach dem Studium fand sie angeblich keinen Job. „Der Markt ist schwierig, Papa. “ Aus einer kurzen Zeit wurden acht Monate, in denen ich weiterzahlte, während sie ihre Tage mit Freunden verbrachte. Dann kam Torsten.

Bankkaufmann, solide, höflich. Sie heirateten, ich zahlte die Hochzeit: achtzehntausend Euro. Als Angelika mir sagte, dass sie schwanger war, freute ich mich auf ein Enkelkind. Elisabeth starb drei Monate bevor Julian geboren wurde.

Wenigstens erlebte sie noch die Nachricht, dass sie Großmutter würde. Es war eines der letzten Male, dass ich sie lächeln sah. Julian ist heute zwölf, ein kluger Junge, und ich liebe ihn über alles. Seine Mutter aber war längst zu einem Menschen geworden, den ich nicht mehr erkannte.

Es begann schleichend. Erst kleine Bemerkungen, dann Forderungen: Waschmaschine, Klassenfahrt, Nachhilfe, Autoreparatur, Nebenkostenabrechnung. Nie ein Bitte, nie ein Danke. Wenn ich zögerte, hieß es: „Papa, du bist doch reich.

Für dich ist das Kleingeld. “

Reich? Ich lebe von 1890 Euro Rente, fahre einen zwölf Jahre alten Opel und kaufe beim Discounter ein. Aber für Angelika war ich nur noch der Alte mit dem Geld.

Einen Monat vor diesem Abend rief sie an: „Papa, wir brauchen dreitausend Euro. Sofort. “

Warum? Miete, Nebenkosten, Julians Schulgeld.

Torsten suche einen neuen Job. „Und was ist mit deinem Job? “

Stille. „Ich habe gekündigt.

„Gekündigt? “

„Der Stress war zu viel. Julian braucht mich zu Hause. “

Julian war zwölf.

Als ich nach ihren langfristigen Plänen fragte, schrie sie: „Du bist so egoistisch. Mama hätte das verstanden. “ Dann legte sie auf. Drei Wochen Funkstille.

Bis zum dritten Advent. An dem Abend, an dem sie mir den Tod wünschte, habe ich verstanden, dass es keine Familie mehr war. Am nächsten Morgen wachte ich um sechs Uhr auf, machte Kaffee und rief meinen Anwalt an. Hartmut Weber, ein Freund aus meiner Bundeswehrzeit.

„Ich muss mein Testament ändern“, sagte ich. „Komplett. “

Er hörte sich alles an. Als ich fertig war, schüttelte er den Kopf.

„Georg, du kannst Angelika nicht einfach enterben. Sie hat Anspruch auf den Pflichtteil. Bei deinem Vermögen wären das ungefähr …“

„Sie soll keinen Cent bekommen“, sagte ich. „Keinen Cent.

„So etwas ist nur in Extremfällen möglich. Schwere Beleidigung, Androhung von Gewalt, versuchter Mord. “

„Sie hat gesagt, das schönste Geschenk wäre, wenn ich sterbe. Julian und Torsten waren dabei.

Hartmut nickte langsam. „Das könnte reichen. Dann machen wir es so: Vollständige Enterbung. Erbe wird Julian – aber erst mit fünfundzwanzig, und nur, wenn er bis dahin keinen Kontakt zu seiner Mutter hat.

Sonst geht alles an wohltätige Zwecke. “

Zwei Stunden später war das Testament geändert, notariell beglaubigt, hinterlegt. Angelika würde nichts erben. Aber das war erst der Anfang.

Ich fuhr zur Bank. „Ich möchte alle Konten kündigen“, sagte ich zu meinem Berater. „Ich wechsle. “ Vierhundertdreißigtausend Euro wanderten auf ein Konto bei der Deutschen Bank in Hamburg.

Ein Konto, von dem Angelika nichts wusste. Am Abend rief ich Julian an. Er meldete sich sofort. „Opa, es tut mir so leid, was Mama gesagt hat.

„Du kannst nichts dafür. Aber ich muss mit dir unter vier Augen sprechen. Kannst du morgen nach der Schule kommen? “

„Klar.

Aber wird Mama nicht sauer? “

„Das ist mein Problem, nicht deins. “

Julian kam. Ich machte ihm einen Kakao und sagte, was ich beschlossen hatte.

„Ich enterbe deine Mutter. Aber dir zuliebe gebe ich ihr eine Chance: Sie soll sich entschuldigen und einen Job suchen. Wenn sie es nicht tut, wirst du mein Alleinerbe – unter einer Bedingung. Du darfst bis zu deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag keinen Kontakt zu ihr haben.

Julian schluckte. „Aber sie ist meine Mama. “

„Ja. Und ich bin ihr Vater.

Trotzdem hat sie mir den Tod gewünscht. “

Er schwieg lange. Dann fragte er: „Wo soll ich wohnen, wenn ich mich für das Erbe entscheide? “

„Bei meinem Bruder Klaus in München.

Du könntest dort studieren, ein normales Leben führen. “

Julian nickte nachdenklich. Er ging an diesem Tag, ohne ein endgültiges Wort zu sagen. Drei Tage später rief Angelika an.

„Julian sagt, du willst mich enterben. Das ist verrückt. Du kannst mich nicht enterben, ich bin deine Tochter. “

„Du warst meine Tochter, bis du mir den Tod gewünscht hast.

Stille. „Das habe ich nicht so gemeint. “

„Ach nein? Und was hast du gemeint, als du gesagt hast, Julian müsse sich nicht mehr für seinen griesgrämigen Großvater schämen?

Sie versuchte zu reden. Ich stellte eine Bedingung: aufrichtige Entschuldigung und ein Job. Sie hatte eine Woche Zeit. „Papa, ich bin fünfunddreißig.

Wer nimmt denn eine Frau, die sechs Jahre nicht gearbeitet hat? “

„Das ist dein Problem, nicht meins. Entschuldigung und Job oder kein Erbe. “

Ich legte auf.

Die Woche verging. Keine Entschuldigung. Stattdessen rief Julian an: „Mama sagt, du bluffst nur. Kein Vater würde sein eigenes Kind enterben.

„Und was denkst du? “

„Ich denke, Mama kennt dich nicht so gut, wie sie glaubt. “

Danach rief ich Hartmut an: „Die Enterbung bleibt. Aber informiere Angelika erst in drei Monaten.

„Was willst du vorher tun? “

„Das Haus verkaufen. “

Ich verkaufte das Haus in Lüneburg für 420. 000 Euro.

Dafür kaufte ich eine Wohnung in Hamburg für 180. 000 Euro. Den Rest legte ich auf das Konto, von dem Angelika nichts wusste. Als ich ihr den Verkauf mitteilte, rastete sie aus.

„Du hast was getan? “

„Ich habe mein Haus verkauft. “

„Das war unser Erbe! “

„Es war mein Eigentum.

Ihr habt darauf gezählt, dass ich sterbe. “

„Wo sollen wir denn wohnen? “

„Das ist euer Problem. “

Sie heulte, schrie und drohte mit einem Anwalt.

Aber was sollte ein Anwalt machen? Ein Mann darf sein eigenes Haus verkaufen. Drei Monate später kam der Brief von Hartmut. Vollständige Enterbung, notariell beglaubigt, rechtskräftig.

Angelika rief an. „Papa, das ist nicht dein Ernst, oder? “

„Doch. “

„Aber ich bin deine Tochter.

„Warst du, bis du mir den Tod gewünscht hast. “

Sie weinte. Echte Tränen, zum ersten Mal seit Jahren. Aber es war zu spät.

Am Abend rief Julian an. „Opa, Mama weint schon stundenlang. “

„Mir tut sie auch leid, Julian. Aber sie hat ihre Chance gehabt.

„Ich weiß. Ich habe entschieden. Ich komme zu dir. Und später zu Onkel Klaus.

„Bist du sicher? “

„Ja. Mama liebt nur das Geld. Du liebst mich.

Heute, ein halbes Jahr später, lebe ich in meiner Wohnung in Hamburg. Julian besucht mich jedes zweite Wochenende, ohne dass seine Mutter es weiß. Angelika musste ihr Haus verkaufen, um ihre Schulden zu bezahlen. Sie wohnt jetzt in einer kleinen Mietwohnung und arbeitet als Kassiererin im Supermarkt, ihr erster Job seit Jahren.

Torsten schuftet als Lagerarbeiter. Sie müssen jeden Cent umdrehen, genau wie Elisabeth und ich damals. Vielleicht lernt meine Tochter jetzt endlich, was Geld wert ist. Manchmal frage ich mich, ob ich früher hätte durchgreifen sollen.

Wahrscheinlich ja. Aber man lernt nie aus. Als Angelika mir den Tod wünschte, dachte sie, sie hätte einen schwachen alten Mann vor sich. Sie hatte sich geirrt.

Das schönste Geschenk, das ich mir machen konnte, war nicht zu sterben, sondern zu leben – ohne gierige Menschen, die mich nur ausnutzen wollten. Auch wenn es meine eigene Tochter war. Julian wird mit fünfundzwanzig ein reicher Mann sein.

Und ich genieße jeden Tag meiner Freiheit.