WOLHYNIEN 1943 – DER SONNTAG, AN DEM FAST HUNDERT POLNISCHE ORTE GLEICHZEITIG ANGEGRIFFEN WURDEN

WOLHYNIEN 1943 – DER SONNTAG, AN DEM FAST HUNDERT POLNISCHE ORTE GLEICHZEITIG ANGEGRIFFEN WURDEN

TEIL 1 – ALS AUS NACHBARN FEINDE WURDEN

Am frühen Morgen des 11. Juli 1943 läuteten in vielen Dörfern Wolhyniens die Kirchenglocken. Es war Sonntag. Familien zogen ihre besten Kleider an, Kinder liefen neben ihren Eltern, alte Menschen machten sich langsam auf den Weg zur Messe. Niemand konnte wissen, dass genau dieser Moment gewählt worden war, weil sich besonders viele Menschen an wenigen Orten versammeln würden. Noch bevor der Tag zu Ende war, waren zahlreiche Kirchen und Dörfer zu Schauplätzen von Massentötungen geworden. Nach Angaben des polnischen Instituts für Nationales Gedenken wurden an diesem sogenannten Blutsonntag nahezu hundert polnische Ortschaften gleichzeitig oder in enger zeitlicher Folge angegriffen.

Die Geschichte dieser Gewalt begann jedoch nicht an jenem Sonntag. Sie war das Ergebnis jahrelanger politischer Radikalisierung, wechselnder Besatzungsherrschaften, nationalistischer Vorstellungen und eines Krieges, der in Osteuropa beinahe jede bestehende Ordnung zerstört hatte. Das von dir bereitgestellte Ausgangsmaterial schildert diesen Weg vom Zerfall des polnischen Staates 1939 bis zu den Massakern von 1943 bis 1945 und dem späteren Schicksal mehrerer OUN- und UPA-Führer.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten Wolhynien und Ostgalizien zur Zweiten Polnischen Republik. Die Bevölkerung war ethnisch und religiös gemischt. Polen, Ukrainer, Juden und andere Gruppen lebten teilweise seit Generationen in denselben Regionen. In vielen ländlichen Gebieten stellten Ukrainer die Mehrheit, während der polnische Staat Verwaltung, Bildung und politische Strukturen kontrollierte.

Das Verhältnis zwischen dem polnischen Staat und einem Teil der ukrainischen Bevölkerung war bereits in der Zwischenkriegszeit stark belastet. Ukrainische Nationalisten forderten einen unabhängigen Staat. Die radikalste Organisation, die Organisation Ukrainischer Nationalisten, die OUN, entwickelte eine Ideologie, in der ein ethnisch möglichst homogener ukrainischer Staat eine zentrale Rolle spielte.

Dann kam der 1. September 1939.

Deutschland überfiel Polen von Westen.

Am 17. September marschierte die Sowjetunion von Osten ein, nachdem Berlin und Moskau im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes ihre Interessensphären in Osteuropa aufgeteilt hatten.

Der polnische Staat konnte dem Angriff zweier Großmächte nicht dauerhaft standhalten. Innerhalb weniger Wochen wurde sein Territorium besetzt und geteilt.

Für Wolhynien und Ostgalizien bedeutete das zunächst sowjetische Herrschaft.

Die neue Macht ging brutal gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner vor. Polnische Beamte, Offiziere, Gutsbesitzer, Lehrer und andere gesellschaftliche Gruppen wurden verhaftet, deportiert oder verfolgt. Auch ukrainische politische Organisationen, die nicht unter sowjetischer Kontrolle standen, waren Repressionen ausgesetzt.

Hunderttausende Menschen in den östlichen Gebieten der ehemaligen polnischen Republik erlebten, wie die politische Ordnung innerhalb weniger Monate vollständig verschwand.

Doch diese Herrschaft dauerte keine zwei Jahre.

Am 22. Juni 1941 begann Deutschland mit dem Unternehmen Barbarossa den Angriff auf die Sowjetunion.

Die Wehrmacht rückte schnell nach Osten vor.

Wieder wechselte die Besatzungsmacht.

Wieder änderten sich Regeln, Uniformen und Fahnen.

Und wieder begann eine neue Welle der Gewalt.

Die deutsche Besatzungsherrschaft war von Beginn an auf Ausbeutung, Terror und rassistische Neuordnung ausgerichtet. Besonders die jüdische Bevölkerung wurde verfolgt und schließlich systematisch ermordet. Lokale Hilfskräfte wurden in verschiedene Strukturen der Besatzungsverwaltung und Polizei einbezogen.

Für Teile der ukrainischen Nationalbewegung erschien der deutsche Angriff zunächst dennoch als historische Gelegenheit.

Man hoffte, nach dem Zusammenbruch der Sowjetherrschaft einen unabhängigen ukrainischen Staat schaffen zu können.

Diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Die deutschen Besatzer waren nicht bereit, eine tatsächlich unabhängige Ukraine zu akzeptieren.

Innerhalb der OUN existierten zudem unterschiedliche Flügel. Besonders die OUN-B, verbunden mit Stepan Bandera, entwickelte sich zu einem wichtigen politischen Zentrum des radikalen ukrainischen Nationalismus.

Aus diesem Umfeld entstand 1942 und 1943 die Ukrainische Aufstandsarmee, die UPA.

Ihr Ziel war ein unabhängiger ukrainischer Staat.

Doch ein entscheidendes Problem blieb: Auf Gebieten, die ukrainische Nationalisten als künftiges ukrainisches Staatsgebiet betrachteten, lebten große polnische Bevölkerungsgruppen.

Für die radikalsten Teile der Bewegung wurde diese Bevölkerung zunehmend nicht mehr als Nachbarschaft oder Minderheit gesehen, sondern als politisches Hindernis.

Anfang 1943 nahm die Gewalt massiv zu.

Das polnische Institut für Nationales Gedenken nennt den Angriff auf die Kolonie Parośla I vom 9. Februar 1943 als eines der frühen großen Massaker. Mindestens 155 polnische Bewohner wurden dort getötet.

Im Frühjahr verschärfte sich die Lage weiter.

Mehrere tausend ukrainische Hilfspolizisten verließen den deutschen Dienst. Viele schlossen sich der UPA an oder gingen in andere bewaffnete Verbände. Damit verfügte die Bewegung plötzlich über zusätzliche Männer, Waffen und Personen, die bereits militärische oder polizeiliche Erfahrung besaßen.

Der Charakter der Angriffe veränderte sich.

Es ging nicht mehr nur um einzelne Morde oder lokale Auseinandersetzungen.

Polnische Siedlungen wurden systematisch angegriffen.

Häuser zerstört.

Bewohner vertrieben oder getötet.

Das Ziel bestand darin, die polnische Präsenz in den umkämpften Gebieten dauerhaft zu beseitigen.

In der polnischen Forschung und offiziellen Erinnerung wird dieses Vorgehen als ethnische Säuberung beziehungsweise als Völkermord eingeordnet. Auch das polnische Institut für Nationales Gedenken verwendet ausdrücklich den Begriff Genozid. Internationale und ukrainische Historiker verwenden teilweise andere juristische oder politische Einordnungen, doch die gezielte Massengewalt gegen polnische Zivilisten ist als historischer Kern des Geschehens unstrittig.

Besonders gefährdet waren kleine Dörfer.

Viele lagen weit von größeren deutschen Garnisonen entfernt.

Die polnischen Bewohner besaßen kaum Waffen.

Wer sich bewaffnete, riskierte gleichzeitig Verfolgung durch die deutsche Besatzungsmacht.

In manchen Regionen entstanden deshalb Selbstverteidigungsstützpunkte.

Einer der bekanntesten befand sich in Przebraże.

Dort sammelten sich Tausende polnische Flüchtlinge und Bewohner aus umliegenden Siedlungen.

Es wurden Befestigungen errichtet, Patrouillen organisiert und Waffen beschafft beziehungsweise repariert.

Przebraże konnte mehrere Angriffe überstehen und wurde für viele Menschen zum Zufluchtsort.

Aber die meisten Dörfer besaßen keine vergleichbare Verteidigung.

Im Sommer 1943 erreichte die Gewalt ihren Höhepunkt.

Der 11. Juli wurde später als „Blutsonntag“ bekannt.

Nach Angaben des IPN griffen UPA-Einheiten an diesem Tag 99 polnische Ortschaften an, vor allem in den Kreisen Kowel, Włodzimierz Wołyński und Horochów. Schätzungen gehen davon aus, dass allein an diesem Tag ungefähr 8.000 Polen getötet worden sein könnten, überwiegend Zivilisten, darunter viele Frauen, Kinder und ältere Menschen.

Dass der Angriff an einem Sonntag erfolgte, erhöhte die Verwundbarkeit der Bevölkerung.

Viele Menschen befanden sich in oder bei Kirchen.

Dadurch konnten Angreifer größere Gruppen auf engem Raum erreichen.

Der Name Kowel.

Horochów.

Kisielin.

Włodzimierz.

Für die meisten Menschen außerhalb Polens und der Ukraine sind dies heute möglicherweise nur geografische Bezeichnungen.

Für Überlebende wurden sie zu Synonymen eines verlorenen Lebens.

Ein besonders bekanntes Beispiel ist Kisielin.

Am 11. Juli wurden dort Menschen während des Gottesdienstes angegriffen.

Ein Teil der polnischen Bevölkerung versuchte, sich im Kirchenkomplex zu verteidigen.

Dutzende wurden getötet.

Andere konnten sich mehrere Stunden lang verschanzen und überlebten.

Ähnliche Szenen ereigneten sich an vielen anderen Orten.

Die Methoden der Täter waren nicht überall identisch.

Es gab Schusswaffen.

Brände.

Morde mit landwirtschaftlichen Werkzeugen und Messern.

Quellen und Zeugenaussagen berichten von außerordentlicher Brutalität.

Doch gerade hier ist bei einer historischen Darstellung Vorsicht wichtig.

Die Dimension des Verbrechens braucht keine immer drastischeren Einzelheiten, um verständlich zu werden.

Entscheidend ist, dass ganze Familien und Siedlungen ausgelöscht wurden und Gewalt bewusst dazu eingesetzt wurde, eine ethnische Gruppe zur Flucht zu zwingen oder sie dauerhaft zu entfernen.

Einige Wochen später, am 30. August 1943, traf die Gewalt unter anderem Ostrówki und Wola Ostrowiecka.

Diese beiden Namen wurden später zu Symbolen für die zweite große Angriffswelle des Sommers.

Die Bewohner wurden teilweise mit Versprechen beruhigt oder zusammengerufen.

Danach begann das Töten.

Mehrere Hundert Menschen starben.

Unter den Opfern waren viele Kinder.

Die Siedlungen verschwanden später weitgehend von der Landkarte.

Heute erinnern Friedhöfe, Kreuze, archäologische Untersuchungen und Familienerinnerungen daran, dass an diesen Orten einmal vollständige Dorfgemeinschaften existierten.

Das Ziel der Gewalt lässt sich nicht allein durch spontane Feindschaft erklären.

Die Angriffe waren in vielen Regionen organisiert.

Sie verlangten Vorbereitung.

Bewaffnete Einheiten.

Ortskenntnis.

Informationen über polnische Bewohner.

Und häufig die Unterstützung einzelner Teile der lokalen Bevölkerung.

Gleichzeitig wäre es historisch falsch, daraus eine Kollektivschuld aller Ukrainer zu konstruieren.

Es gab Ukrainer, die sich an Angriffen beteiligten.

Es gab Menschen, die wegschauten.

Aber es gab auch Ukrainer, die polnische Nachbarn versteckten, warnten oder retteten und damit ihr eigenes Leben riskierten.

Das IPN hat solche Fälle in einer eigenen Dokumentation über ukrainische Helfer und „Gerechte“ gesammelt.

Gerade diese Geschichten zeigen, dass ethnische Herkunft niemals automatisch Verhalten bestimmt.

Menschen trafen Entscheidungen.

Manche entschieden sich für die Täter.

Andere für ihre Nachbarn.

Während die Massaker weitergingen, versuchten polnische Untergrundstrukturen zu reagieren.

Die Heimatarmee, die Armia Krajowa, organisierte Selbstverteidigung und später größere bewaffnete Verbände.

Doch dabei blieb es nicht.

Es kam auch zu polnischen Vergeltungsaktionen gegen ukrainische Dörfer.

Ukrainische Zivilisten wurden getötet.

Häuser wurden zerstört.

Auch diese Taten gehören zur historischen Wahrheit.

Die Opferzahlen auf beiden Seiten waren jedoch nicht gleich.

Polnische Schätzungen gehen für die anti-polnischen Aktionen von OUN-B und UPA häufig von insgesamt etwa 80.000 bis 100.000 oder mehr polnischen Toten in Wolhynien, Ostgalizien und angrenzenden Gebieten aus. Andere Historiker kommen zu niedrigeren oder etwas höheren Zahlen. Eine exakte Gesamtzahl ist wegen zerstörter Ortschaften, fehlender Unterlagen und ungeklärter Einzelfälle nicht möglich.

Für ukrainische Opfer polnischer Vergeltungsaktionen nennen Historiker häufig Zahlen im Bereich von mehreren Tausend bis über zehntausend, abhängig von Region und Zeitraum. Das IPN nennt etwa 10.000 ukrainische Tote in polnischen Vergeltungsaktionen, während andere Forschungen unterschiedliche Schätzungen vorlegen.

Diese Unterschiede sind entscheidend, weil Erinnerungspolitik bis heute häufig versucht, die Ereignisse entweder vollständig voneinander zu trennen oder auf eine einfache Formel eines symmetrischen Bürgerkriegs zu reduzieren.

Die Wirklichkeit war komplizierter.

Es gab einen polnisch-ukrainischen Konflikt.

Es gab Vergeltungsgewalt.

Aber es gab zugleich eine organisierte Kampagne gegen polnische Zivilbevölkerung, die in Wolhynien bereits Anfang 1943 eine massive Dimension annahm.

Der Terror erfüllte seinen Zweck.

Menschen flohen.

Wer eine Nachricht über ein ausgelöschtes Nachbardorf erhielt, wartete oft nicht auf den nächsten Angriff.

Familien nahmen mit, was sie tragen konnten.

Andere suchten Schutz in Städten, größeren Selbstverteidigungszentren oder bei Partisaneneinheiten.

Hunderttausende verloren ihre Heimat.

Doch der Sommer 1943 war nicht das Ende.

Die Gewalt verlagerte sich.

1944 wurden besonders Ostgalizien und weitere Regionen betroffen.

Gleichzeitig näherte sich erneut die Rote Armee.

Die Deutschen zogen sich zurück.

Sowjetische Truppen kehrten zurück.

Wieder wechselte die Macht.

Wieder änderten sich die Fronten.

Für OUN und UPA begann nun ein anderer Krieg.

Sie kämpften zunehmend gegen die sowjetischen Sicherheitsorgane und versuchten, ihren bewaffneten Untergrund aufrechtzuerhalten.

Für viele polnische Überlebende bedeutete die sowjetische Rückkehr jedoch nicht die Wiederherstellung ihrer alten Welt.

Die Grenzen Europas wurden nach Westen verschoben.

Die meisten Polen aus Wolhynien und Ostgalizien wurden schließlich in das neue Polen umgesiedelt oder waren bereits geflohen.

Die Orte ihrer Kindheit lagen nun in der Ukrainischen Sowjetrepublik.

Das jahrhundertelange Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen war in vielen Regionen endgültig zerstört.

Doch eine Frage blieb:

Wer hatte die Entscheidung getroffen, die polnische Bevölkerung mit Gewalt zu entfernen?

Und würden die verantwortlichen Kommandeure jemals dafür zur Rechenschaft gezogen?

Die Antwort darauf sollte ebenso kompliziert werden wie die Geschichte des Massakers selbst.

Denn einige der bekanntesten UPA-Führer starben wenige Jahre später im Kampf gegen die Sowjets.

Andere erreichten den Westen.

Und mindestens einer sollte ausgerechnet unter den Schutz eines westlichen Geheimdienstes geraten…

TEIL 2 – DIE KOMMANDEURE, DIE ERINNERUNG UND DER KAMPF UM DIE WAHRHEIT

Als die Rote Armee 1944 und 1945 erneut die Gebiete der Westukraine erreichte, endete der bewaffnete Kampf der UPA nicht.

Im Gegenteil.

Nun wurde die Sowjetunion zu ihrem wichtigsten militärischen Gegner.

Für Moskau war die ukrainische Untergrundbewegung eine Bedrohung, die beseitigt werden musste.

Zehntausende Soldaten, Angehörige der Staatssicherheit und lokale Kräfte wurden eingesetzt, um UPA-Strukturen aufzuspüren.

Bunker wurden gesucht.

Dörfer durchsucht.

Familien von Untergrundkämpfern verfolgt oder deportiert.

Der Krieg ging weiter, nur in einer anderen Form.

Einer der wichtigsten Namen war Dmytro Klyachkivsky.

Er war als UPA-Kommandeur in Wolhynien eine zentrale Figur der Jahre 1943 und 1944.

In der polnischen Forschung wird ihm eine entscheidende Verantwortung für die anti-polnischen Operationen zugeschrieben.

Das Ausgangsmaterial führt eine angebliche Direktive an, in der die „Liquidierung des polnischen Elements“ beziehungsweise bestimmter Teile der polnischen Bevölkerung angeordnet worden sein soll.

Hier muss jedoch zwischen gesichertem Kontext und umstrittenem Dokument unterschieden werden.

Die Echtheit einer häufig zitierten schriftlichen „Geheimdirektive“ Klyachkivskys wird von einigen ukrainischen Forschern bestritten; andere Historiker leiten seine Verantwortung aus Befehlsketten, Zeugenaussagen und dem tatsächlichen Ablauf der Operationen ab. Der historische Streit über ein bestimmtes Dokument ändert also nichts daran, dass unter seiner militärischen Führung großflächige anti-polnische Aktionen durchgeführt wurden.

Am 12. Februar 1945 wurde Klyachkivsky bei einer sowjetischen Operation getötet.

Für polnische Überlebende konnte sein Tod wie Vergeltung erscheinen.

Juristisch war es jedoch keine Verurteilung für die Massaker.

Er starb als Untergrundkommandeur im bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht.

Dieser Unterschied ist wichtig.

Geschichte ist nicht dasselbe wie ein moralisch perfekt geschriebenes Drehbuch.

Täter werden nicht zwangsläufig vor Gericht gestellt.

Manche sterben in anderen Konflikten.

Manche werden selbst Opfer einer Diktatur, ohne dass dadurch frühere Verbrechen verschwinden.

Ein ähnlicher Fall war Roman Schuchewytsch.

Er wurde 1943 zum Oberkommandierenden der UPA und spielte in den folgenden Jahren eine zentrale Rolle im ukrainischen bewaffneten Untergrund.

Nach Kriegsende lebte er weiterhin im Verborgenen und koordinierte den Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft.

Am 5. März 1950 entdeckten sowjetische Sicherheitskräfte sein Versteck bei Lwiw.

Bei der Operation wurde er getötet.

Auch Schuchewytschs historische Rolle wird bis heute völlig unterschiedlich bewertet.

Für Teile der ukrainischen Erinnerungskultur steht er für den Kampf um nationale Unabhängigkeit gegen Sowjets und Deutsche.

In Polen wird seine Führungsposition innerhalb der UPA untrennbar mit den Massakern an der polnischen Bevölkerung verbunden.

Beide Erinnerungsperspektiven existieren gleichzeitig.

Gerade deshalb bleiben Gedenkfeiern und historische Debatten bis heute politisch sensibel.

Ein anderer Verantwortlicher, den das Ausgangsmaterial nennt, war Iwan Lytwynchuk, ein UPA-Kommandeur, der mit den Operationen in Wolhynien verbunden war.

Er starb Anfang der fünfziger Jahre, nachdem sowjetische Einheiten seinen Bunker aufgespürt hatten.

Auch mehrere niedrigere Kommandeure überlebten die unmittelbaren Kriegsjahre nicht.

Andere wechselten Namen.

Versteckten sich.

Wurden verhaftet.

Oder starben in Gefechten mit sowjetischen Sicherheitskräften.

Doch das Schicksal eines Mannes zeigt besonders deutlich, warum „Gerechtigkeit“ nach einem Weltkrieg keineswegs automatisch bedeutete, dass Täter vor Gericht kamen.

Mykola Lebed war ein führendes Mitglied der OUN.

Nach dem Krieg gelangte er in den Westen.

Dort interessierten sich amerikanische Geheimdienste für Menschen wie ihn nicht in erster Linie wegen ihrer Vergangenheit.

Der neue Feind hieß Sowjetunion.

Der Kalte Krieg begann.

Westliche Geheimdienste wollten Informationen aus Osteuropa und Netzwerke, die gegen Moskau eingesetzt werden konnten.

Plötzlich besaßen ukrainische Nationalisten, die jahrelang Untergrundstrukturen aufgebaut hatten, einen strategischen Wert.

Das führte zu einer moralisch äußerst problematischen Situation.

Menschen mit belasteter Kriegsvergangenheit konnten für westliche Nachrichtendienste nützlich werden.

US-Archivmaterial über Geheimdienstoperationen dokumentiert, dass Lebed nach dem Krieg mit amerikanischen Strukturen zusammenarbeitete. Sein Fall wurde später zu einem Beispiel für den problematischen Umgang westlicher Nachrichtendienste mit Personen, deren Vergangenheit schwere Fragen aufwarf.

Er lebte jahrzehntelang im Westen und starb 1998 in den Vereinigten Staaten.

Er wurde nie in einem öffentlichen Prozess wegen einer möglichen Verantwortung für die ethnische Gewalt in Wolhynien verurteilt.

Für Familien der Opfer war das besonders bitter.

Sie hatten Angehörige verloren.

Dörfer verloren.

Gräber teilweise verloren.

Und viele der Verantwortlichen waren entweder tot, verschwunden oder nie vor einem Gericht erschienen.

Doch auch die politische Situation nach dem Krieg machte eine offene Erinnerung schwierig.

Polen wurde kommunistisch.

Die Westukraine gehörte zur Sowjetunion.

Beide Staaten kontrollierten Geschichtsschreibung und öffentliche Diskussion.

In der Volksrepublik Polen passte eine unabhängige Debatte über die verlorenen östlichen Gebiete nur begrenzt zur offiziellen Politik.

In der Sowjetunion wurde die UPA vor allem als faschistische oder „bourgeois-nationalistische“ Feindorganisation dargestellt.

Das Leid polnischer Zivilisten war dabei häufig nur ein Teil einer viel größeren sowjetischen Erzählung über den Kampf gegen Nationalisten.

Überlebende dagegen erinnerten sich anders.

An konkrete Häuser.

Konkrete Namen.

An die Schule.

Die Kirche.

Den Brunnen.

Die Straße, die zu einem Dorf führte, das es nicht mehr gab.

Viele dieser Erinnerungen wurden innerhalb von Familien weitergegeben.

Ein Kind, das 1943 fliehen musste, wurde irgendwann Großvater oder Großmutter.

Doch die Erinnerung an den verlorenen Ort blieb.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 und der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 änderte sich die Situation.

Archive wurden zugänglicher.

Historiker konnten freier arbeiten.

Grabstätten wurden gesucht.

Zeugen befragt.

Bücher veröffentlicht.

Und zugleich begann ein neuer Konflikt über Erinnerung.

In Polen wuchs die Forderung, die Tötungen eindeutig als Völkermord zu bezeichnen und die Opfer angemessen zu würdigen.

In der Ukraine wurde die UPA nach Jahrzehnten sowjetischer Verurteilung teilweise neu bewertet.

Für viele Ukrainer symbolisierte sie nun vor allem Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft.

Straßen wurden umbenannt.

Denkmäler errichtet.

Einzelne UPA-Führer als nationale Kämpfer geehrt.

Aus polnischer Sicht entstand dadurch ein unerträglicher Widerspruch.

Wie konnte ein Mann als Unabhängigkeitskämpfer gefeiert werden, wenn Einheiten unter seiner Führung an der Ermordung polnischer Zivilisten beteiligt waren?

Aus ukrainischer Perspektive lautete die Gegenfrage teilweise:

Warum wird der Kampf gegen die Sowjetunion ausschließlich durch Wolhynien definiert?

Das Problem liegt darin, dass historische Figuren gleichzeitig mehrere Rollen besitzen können.

Ein Mensch kann gegen eine Diktatur kämpfen und trotzdem an Verbrechen gegen Zivilisten beteiligt sein.

Das eine löscht das andere nicht aus.

Genau deshalb ist die Geschichte so unbequem.

Noch komplizierter wird sie durch die polnischen Vergeltungsaktionen.

In der öffentlichen Erzählung dürfen auch sie nicht verschwinden.

Bewaffnete polnische Gruppen griffen ukrainische Dörfer an.

Zivilisten starben.

Historiker wie Grzegorz Motyka schätzen die Zahl ukrainischer Opfer polnischer Aktionen in den betroffenen Gebieten auf mehrere Tausend; je nach Zeitraum und geografischer Definition unterscheiden sich die Gesamtzahlen erheblich.

Das bedeutet jedoch nicht, dass beide Gewaltkampagnen automatisch identisch waren.

Historische Einordnung verlangt mehr als das bloße Nebeneinander von Opferzahlen.

Man muss fragen:

Wer initiierte welche Operation?

Was war das strategische Ziel?

Welche Gruppen wurden angegriffen?

Wie umfangreich war die Gewalt?

Welche Befehlsstrukturen existierten?

Und welche Reaktionen entstanden darauf?

Gerade diese Fragen erklären, warum viele polnische Historiker die Ereignisse von Wolhynien und Ostgalizien als geplante ethnische Säuberung mit genozidalem Charakter beziehungsweise als Völkermord bezeichnen.

Während ukrainische Forscher teilweise andere Begriffe bevorzugen oder stärker den breiteren polnisch-ukrainischen Konflikt betonen.

Trotz dieser Debatten gibt es Fakten, über die ernsthafte Forschung nicht hinweggehen kann.

Polnische Zivilisten wurden massenhaft getötet.

Frauen und Kinder stellten einen großen Teil der Opfer.

Dörfer wurden vernichtet.

Zehntausende, wahrscheinlich deutlich mehr als 80.000 Menschen, verloren in Wolhynien, Ostgalizien und angrenzenden Gebieten durch anti-polnische Gewalt ihr Leben; genaue Schätzungen variieren.

Der 11. Juli 1943 war ein koordinierter Höhepunkt dieser Gewalt.

Nahezu hundert Ortschaften wurden angegriffen.

Und die Folgen veränderten die ethnische Struktur ganzer Regionen dauerhaft.

Heute existieren manche damaligen polnischen Dörfer überhaupt nicht mehr.

Wo Häuser standen, wächst Wald.

Wo Familiengärten lagen, befindet sich offenes Feld.

Fundamente verschwinden unter Gras.

Einige Friedhöfe wurden wiedergefunden und restauriert.

Andere warten noch auf Untersuchungen.

Das ist einer der Gründe, warum die Suche nach und Exhumierung von Opfern bis in die Gegenwart hinein eine enorme politische und emotionale Bedeutung besitzen.

Für Angehörige geht es nicht nur um Geschichtspolitik.

Es geht um die Frage, wo Eltern, Großeltern oder Geschwister liegen.

Ein Name auf einer Liste ist etwas anderes als ein Grab.

Die schwierigste Aufgabe besteht deshalb darin, Erinnerung nicht erneut in eine Waffe zu verwandeln.

Ein Verbrechen benennen bedeutet nicht, ein heutiges Volk kollektiv verantwortlich zu machen.

Die UPA war nicht „die Ukraine“.

Polnische Vergeltungseinheiten waren nicht „Polen“ als ewige nationale Eigenschaft.

Menschen handelten innerhalb konkreter Organisationen, Befehlsstrukturen und historischer Situationen.

Kollektivschuld ist keine seriöse Antwort auf Massengewalt.

Verantwortung dagegen schon.

Sie verlangt Namen.

Dokumente.

Orte.

Befehlsketten.

Zeugenaussagen.

Und die Bereitschaft, auch die eigenen nationalen Mythen zu prüfen.

Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Lektionen von Wolhynien.

Der Weg zum Massenmord beginnt nicht erst mit der ersten zerstörten Siedlung.

Er beginnt früher.

Wenn Nachbarn nur noch als Vertreter einer Ethnie gesehen werden.

Wenn politische Ziele wichtiger werden als individuelle Menschen.

Wenn Sprache eine ganze Bevölkerungsgruppe zu einem Hindernis erklärt.

Wenn Gewalt plötzlich als notwendige „Lösung“ erscheint.

Und wenn Menschen glauben, eine nationale Zukunft müsse ethnisch sauber sein.

1943 waren die Opfer keine abstrakte „polnische Präsenz“.

Es waren Bauern.

Lehrer.

Priester.

Kinder.

Mütter.

Großeltern.

Menschen, die am Morgen vielleicht noch glaubten, am Abend im eigenen Bett schlafen zu können.

Auch die Ukrainer, die später in polnischen Vergeltungsaktionen starben, waren keine abstrakte „Gegenseite“.

Sie waren Menschen.

Genau deshalb darf Erinnerung nicht darin bestehen, Opfer gegeneinander aufzurechnen.

Der Sinn historischer Aufarbeitung liegt darin, zu verstehen, wie politische Ideologien gewöhnliche Nachbarschaften zerstören können.

Im Juli 1943 brauchte es keine moderne industrielle Vernichtungsanlage, um Tausende Menschen zu töten.

Es brauchte bewaffnete Gruppen.

Planung.

Hass.

Schweigen.

Und die Vorstellung, dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe in der zukünftigen Gesellschaft keinen Platz haben dürfe.

Das macht Wolhynien auch mehr als achtzig Jahre später relevant.

Nicht weil Geschichte sich identisch wiederholt.

Sondern weil Mechanismen wiederkehren können.

Entmenschlichung.

Kollektivschuld.

Radikaler Nationalismus.

Das Versprechen, politische Probleme könnten verschwinden, wenn bestimmte Menschen verschwinden.

Diese Logik endet selten dort, wo ihre Urheber behaupten.

Sie frisst sich weiter.

Sie zerstört nicht nur Opfer.

Sie verändert auch die Gesellschaften der Täter.

Wolhynien und Ostgalizien waren vor dem Krieg multiethnische Räume.

Nach Krieg, Holocaust, Massakern, Deportationen und Grenzverschiebungen existierte diese Welt nicht mehr.

Die jüdischen Gemeinden waren durch die deutsche Vernichtungspolitik nahezu ausgelöscht.

Die meisten Polen waren getötet, geflohen oder umgesiedelt.

Ukrainer aus Gebieten des Nachkriegspolens wurden später ebenfalls deportiert oder im Rahmen der Aktion „Weichsel“ zwangsweise umgesiedelt.

Am Ende standen ethnisch wesentlich homogenere Gebiete.

Aber der Preis dafür waren Tote, Vertriebene und Generationen von Erinnerung.

Vielleicht erklärt genau das, warum die Debatte bis heute so emotional ist.

Es geht nicht nur um Vergangenheit.

Es geht darum, wie Nationen sich selbst erzählen.

Wer war Held?

Wer war Täter?

Wer war Opfer?

Was darf auf einem Denkmal stehen?

Welche Flagge hängt daneben?

Doch Geschichte wird gefährlich, wenn sie nur noch dazu dient, den eigenen Stolz zu schützen.

Eine reife Erinnerungskultur muss mehrere Wahrheiten gleichzeitig aushalten.

Dass Ukrainer unter polnischer, deutscher und sowjetischer Gewalt litten.

Dass viele Ukrainer für nationale Selbstbestimmung kämpften.

Und dass Teile der ukrainischen Nationalbewegung schwere Verbrechen an polnischen Zivilisten begingen.

Dass Polen Opfer dieser Massengewalt waren.

Und dass polnische Verbände ebenfalls ukrainische Zivilisten töteten.

Keine dieser Aussagen löscht die andere.

Die zentrale moralische Tatsache bleibt:

Zivilisten dürfen nicht zu legitimen Zielen werden, weil jemand ihre Sprache, Religion oder Herkunft als politisches Problem betrachtet.

Heute markieren Kreuze und Gedenksteine einige der Massengräber.

Andere Orte besitzen kaum noch sichtbare Spuren.

Doch Erinnerungen brauchen nicht immer große Monumente.

Manchmal reicht ein Familienfoto.

Ein Taufregister.

Der Name eines verschwundenen Dorfes.

Oder die Geschichte einer ukrainischen Familie, die polnische Nachbarn in einem Keller versteckte und damit zeigte, dass selbst mitten in organisierter Gewalt eine andere Entscheidung möglich war.

Das ist vielleicht der wichtigste Gegensatz.

Nicht Polen gegen Ukrainer.

Sondern Menschen, die andere Menschen zu einem zu beseitigenden „Element“ machten, gegen Menschen, die sich weigerten, diese Sprache zu akzeptieren.

Einige der Führer der UPA starben in Kämpfen mit der Sowjetunion.

Andere lebten weiter.

Manche wurden nie vor Gericht gestellt.

Deshalb wäre es falsch, die Geschichte mit der Behauptung zu beenden, alle Täter hätten ihre gerechte Strafe erhalten.

Das taten sie nicht.

Geschichte garantiert keine Gerechtigkeit.

Sie garantiert nicht einmal Erinnerung.

Erinnerung muss bewusst erhalten werden.

Deshalb sind Dokumente wichtig.

Exhumierungen.

Archive.

Zeugenaussagen.

Und eine Sprache, die weder übertreibt noch verharmlost.

Wenn euch diese Geschichte beschäftigt hat, schreibt gern in die Kommentare, welcher Aspekt für euch am wichtigsten ist: der Blutsonntag vom 11. Juli 1943, die zerstörten Dörfer, die Rolle der UPA-Kommandostrukturen, die polnischen Selbstverteidigungszentren oder der schwierige Kampf um Erinnerung nach 1945.

Und wenn ihr weitere historische Geschichten möchtet, die nicht nur Schlagworte wiederholen, sondern zeigen, wie politische Entscheidungen das Leben gewöhnlicher Menschen zerstören können, begleitet unseren Kanal auch bei der nächsten Folge.

Denn Wolhynien ist nicht nur eine Geschichte darüber, wer gewann oder verlor.

Es ist eine Geschichte darüber, was geschieht, wenn eine Ideologie beginnt, Menschen nicht mehr als Nachbarn zu sehen.

Sondern nur noch als Hindernis.

Und sobald eine Gesellschaft diesen Schritt akzeptiert, kann aus einem Dorf, in dem gestern noch Kinder spielten und Kirchenglocken läuteten, innerhalb eines einzigen Morgens ein Ort werden, an dem nur noch Stille bleibt.