ANDRÁS KUN – DER PRIESTER MIT PISTOLE, DER IM NAMEN CHRISTI MORDEN LIESS UND SCHLIESSLICH VON DEN EIGENEN LEUTEN FALLENGELASSEN WURDE

ANDRÁS KUN – DER PRIESTER MIT PISTOLE, DER IM NAMEN CHRISTI MORDEN LIESS UND SCHLIESSLICH VON DEN EIGENEN LEUTEN FALLENGELASSEN WURDE

TEIL 1 – ALS BUDAPEST ZUR FALLE WURDE

Budapest, Januar 1945. Die sowjetische Artillerie erschütterte die Stadt, Häuser brannten, Menschen versteckten sich in Kellern und die Front rückte täglich näher. Doch für Tausende ungarische Juden kam die größte Gefahr nicht allein von den Kämpfen. Männer mit Pfeilkreuzler-Armbinden zogen durch Straßen, Krankenhäuser und Schutzunterkünfte. Einer ihrer berüchtigtsten Anführer trug dabei etwas, das kaum zu dem passte, was er tat: die Kleidung eines katholischen Geistlichen. An seiner Seite hing eine Pistole. Sein Name war András Kun. Und manche seiner Männer behaupteten später, seine Befehle hätten mit religiösen Worten begonnen und mit Schüssen geendet.

Wenn ihr historische Geschichten mögt, bei denen es nicht genügt, einen Täter einfach als „Monster“ zu bezeichnen, sondern man verstehen muss, wie Ideologie, Krieg und persönliche Entscheidungen einen Menschen Schritt für Schritt in Verbrechen führen können, bleibt bis zum Ende dabei. Denn Kun wurde nicht erst gefährlich, als er selbst Gewalt ausübte. Lange vorher hatte er begonnen, eine Weltanschauung zu akzeptieren, in der bestimmte Menschen nicht mehr als Nachbarn, Patienten oder Bürger galten, sondern als Feinde.

András Kun wurde am 8. November 1911 in Nyírbátor im damaligen Königreich Ungarn geboren.

Er schlug zunächst einen Weg ein, der mit seinem späteren Ruf kaum vereinbar erscheint.

Religion.

Theologie.

Priestertum.

Mit Unterstützung eines katholischen Ordens studierte er Philosophie und Theologie. Ein Teil seiner Ausbildung führte ihn nach Rom.

Dort erlebte er das Italien Benito Mussolinis.

In späteren Darstellungen wird betont, dass Kun von der demonstrativen Ordnung und politischen Inszenierung des faschistischen Systems beeindruckt gewesen sei.

Doch politische Radikalisierung geschieht selten durch einen einzigen Augenblick.

Sie besteht aus vielen Schritten.

Aus Sprache.

Feindbildern.

Gruppenzugehörigkeit.

Und dem Gefühl, Teil einer historischen Mission zu sein.

Als Deutschland am 1. September 1939 Polen angriff, begann der Zweite Weltkrieg.

Ungarn stand zunächst nicht unmittelbar im Zentrum des Konflikts, rückte aber immer enger an die Achsenmächte heran.

Im November 1940 trat das Land dem Dreimächtepakt bei.

Im Juni 1941 beteiligten sich ungarische Truppen am Krieg gegen die Sowjetunion.

Im selben Zeitraum wurde Kun zum Priester geweiht.

Auf der einen Seite die religiöse Berufung.

Auf der anderen eine immer radikalere politische Weltanschauung.

Dieser Widerspruch sollte sein weiteres Leben prägen.

Ungarn verfügte bereits vor der deutschen Besetzung über antisemitische Gesetze.

Jüdische Bürger wurden wirtschaftlich, beruflich und gesellschaftlich immer stärker ausgegrenzt.

Doch bis Anfang 1944 hatte die ungarische Regierung einer vollständigen deutschen Forderung nach Deportation der jüdischen Bevölkerung noch nicht entsprochen.

Das bedeutete nicht, dass Juden sicher waren.

Zehntausende waren bereits durch Zwangsarbeit, Massaker außerhalb Ungarns, schlechte Bedingungen und Verfolgung ums Leben gekommen.

Aber die große Deportationswelle nach Auschwitz hatte noch nicht begonnen.

Nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad erkannte die ungarische Führung zunehmend, dass Hitler den Krieg möglicherweise verlieren würde.

Reichsverweser Miklós Horthy und Ministerpräsident Miklós Kállay suchten vorsichtig nach Möglichkeiten, Ungarn aus dem Krieg zu lösen.

Deutschland reagierte.

Am 19. März 1944 marschierte die Wehrmacht in Ungarn ein.

Horthy blieb formal im Amt.

Doch der politische Handlungsspielraum wurde drastisch eingeschränkt.

Der deutschfreundliche Döme Sztójay wurde Ministerpräsident.

Nun begann eine der schnellsten Deportationsaktionen des gesamten Holocaust.

Jüdische Familien außerhalb Budapests wurden in Ghettos und Sammelstellen konzentriert.

Ungarische Behörden spielten dabei eine zentrale Rolle.

Zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli 1944 wurden ungefähr 437.000 Juden aus Ungarn deportiert, die große Mehrheit nach Auschwitz-Birkenau.

Züge verließen fast täglich verschiedene Regionen des Landes.

Menschen wurden in Waggons gepfercht.

Sie nahmen Koffer mit.

Kleidung.

Dokumente.

Manche glaubten, in Arbeitslager umgesiedelt zu werden.

Viele wurden wenige Stunden nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.

Budapest blieb vorerst verschont.

Dort lebte noch eine große jüdische Bevölkerung.

Horthy stoppte im Juli 1944 die Deportationen aus der Hauptstadt.

Doch der Schutz hielt nicht lange.

Zu diesem Zeitpunkt hatte András Kun seinen geistlichen Weg bereits beinahe vollständig mit politischem Extremismus verschmolzen.

Seine zunehmende Radikalisierung führte dazu, dass er sein Kloster verlassen musste beziehungsweise aus seinem bisherigen Ordensumfeld ausgeschlossen wurde.

Er zog nach Budapest.

Anfang 1944 schloss er sich der Pfeilkreuzler-Partei an.

Die Pfeilkreuzler unter Ferenc Szálasi vertraten eine radikal antisemitische, faschistische und prodeutsche Ideologie.

Sie waren nicht bloß eine ungarische Kopie der NSDAP.

Sie besaßen eigene nationalistische Vorstellungen.

Doch Antisemitismus und Bereitschaft zu politischer Gewalt gehörten zu ihren wichtigsten Merkmalen.

Im Oktober 1944 versuchte Horthy erneut, Ungarn aus dem Krieg zu lösen.

Am 15. Oktober verkündete er im Rundfunk einen Waffenstillstand mit der Sowjetunion.

Deutschland reagierte sofort.

Unter deutschem Druck und nach einer Operation, bei der Horthys Sohn entführt wurde, musste der Reichsverweser seine Erklärung zurücknehmen und die Macht abgeben.

Ferenc Szálasi übernahm mit den Pfeilkreuzlern die Regierung.

Für die jüdische Bevölkerung Budapests begann damit eine neue Phase des Terrors.

Kun war nun nicht mehr nur ein radikaler Priester am Rand einer politischen Bewegung.

Er erhielt Einfluss.

Er arbeitete im propagandistischen Apparat der neuen Regierung und hielt Reden, in denen er zum Durchhalten im Krieg aufrief.

Er predigte.

Er trat öffentlich auf.

Und er verband religiöse Sprache mit einer politischen Ideologie, die Gewalt legitimierte.

Gerade diese Kombination machte ihn besonders gefährlich.

Ein Mann in religiöser Kleidung besitzt für viele Menschen automatisch moralische Autorität.

Kun benutzte diese Symbolik innerhalb einer Bewegung, deren bewaffnete Gruppen gleichzeitig Menschen verhafteten, beraubten und ermordeten.

Später erklärte er selbst, dass Propaganda ihm eingeprägt habe, Juden stünden hinter Bolschewismus und den Feinden Ungarns.

Dieser Satz ist entscheidend.

Nicht weil er ihn entschuldigt.

Sondern weil er zeigt, wie er seine Opfer nicht mehr als einzelne Menschen sah.

Sie wurden zu einer politischen Kategorie.

„Die Juden.“

„Die Bolschewiken.“

„Der Feind.“

Sobald dieser Schritt vollzogen ist, wird individuelle Unschuld bedeutungslos.

Ein Kind muss nichts getan haben.

Ein Arzt muss nichts getan haben.

Eine alte Frau muss nichts getan haben.

Es genügt, zur falschen Gruppe zu gehören.

Im Herbst und Winter 1944 eskalierte die Situation in Budapest dramatisch.

Die Rote Armee näherte sich.

Deutsche und ungarische Einheiten bereiteten die Verteidigung der Hauptstadt vor.

Szálasi und große Teile seiner Regierung verließen später die Stadt.

In diesem Machtvakuum gewannen lokale Pfeilkreuzler-Gruppen noch größeren Spielraum.

Kun übernahm die Führung einer bewaffneten Einheit im XII. Bezirk.

Seine Männer suchten nach Juden.

Aber nicht nur dort, wo Menschen offiziell im Ghetto untergebracht worden waren.

Auch Krankenhäuser, Altenheime, Wohnungen und Häuser unter internationalem Schutz gerieten ins Visier.

In Budapest existierten zu dieser Zeit Schutzstrukturen neutraler Staaten.

Schwedische, schweizerische und andere Diplomaten versuchten, Menschen mit Schutzpässen und geschützten Häusern vor Deportation und Mord zu retten.

Raoul Wallenberg wurde später einer der bekanntesten Namen dieser Rettungsaktionen.

Doch derartige Schutzdokumente funktionierten nur, solange bewaffnete Täter bereit waren, sie überhaupt anzuerkennen.

Für radikale Pfeilkreuzler waren selbst diplomatische Schutzmaßnahmen häufig kein Hindernis.

Am 5. November 1944 führte Kun eine Aktion gegen eine Einrichtung durch, in der jüdische Arbeiterinnen beschäftigt waren.

Seine Männer wollten sie zusammentreiben.

Doch dieses Mal stießen sie auf Widerstand von anderer Seite.

Ein ungarischer Offizier griff ein und berief sich auf militärische Interessen sowie den Schutz kirchlicher Stellen.

Die Aktion wurde gestoppt.

Es war eine kleine Erinnerung daran, dass auch innerhalb eines zunehmend verbrecherischen Systems nicht jeder automatisch mitmachte.

Einige Wochen später kam es zu einem weiteren Versuch.

Kun und seine Männer erschienen in einem jüdischen Altenheim in der Alma-Straße.

Auch dort verhinderten zunächst Polizei und Vertreter internationaler Hilfsorganisationen eine Deportation.

Ein Teil der Bewohner floh anschließend.

Sie wussten, dass die Täter möglicherweise zurückkehren würden.

Diese Befürchtung sollte sich bewahrheiten.

Im Dezember griff Kuns Gruppe erneut eine geschützte Einrichtung an.

Wieder konnten manche Menschen entkommen.

Andere wurden deportiert.

Nur wenige der Verschleppten überlebten die Konzentrationslager.

Währenddessen verschärfte sich die Belagerung Budapests.

Lebensmittel wurden knapp.

Strom und Wasser fielen aus.

Menschen hausten in Kellern.

Auf den Straßen lagen Trümmer.

In dieser Umgebung gingen Pfeilkreuzler-Todesschwadronen weiter gegen Juden vor.

Besonders berüchtigt wurden die Erschießungen an der Donau.

Menschen wurden an das Flussufer gebracht.

Viele mussten Wertgegenstände und Schuhe abgeben.

Dann wurden sie ermordet und die Leichen in den Fluss geworfen.

Die Zahl der Opfer solcher Aktionen lässt sich bis heute nicht exakt bestimmen.

Das von dir bereitgestellte Ausgangsmaterial nennt insgesamt bis zu 20.000 Menschen, die an den Ufern der Donau ermordet worden sein könnten, und schreibt Kuns eigener Gruppe mehrere Hundert Opfer zu. Diese Zahlen sollten als historische Schätzungen verstanden werden, nicht als bis auf die Person gesicherte Gesamtwerte.

Unter den Menschen, die in Kuns Hände gerieten, befand sich der Schriftsteller Ernő Ligeti mit seiner Familie.

Sie wurden verhaftet.

Misshandelt.

Später sollte die Familie erschossen werden.

Ligeti und seine Frau starben.

Ihr Sohn Károly überlebte trotz schwerer Verletzungen.

Er gehörte damit zu den wenigen Menschen, die später aus eigener Erfahrung über eine Mordaktion sprechen konnten, die eigentlich keine Zeugen hinterlassen sollte.

Doch selbst das war nur ein Teil der Gewalt.

Im Januar 1945 griff Kuns Einheit jüdische medizinische Einrichtungen an.

Krankenhäuser waren Orte, an denen besonders verletzliche Menschen lagen.

Kranke.

Alte.

Menschen, die nicht fliehen konnten.

Ärzte und Pfleger.

Trotzdem wurden Patienten und Personal ermordet.

Einige Einrichtungen standen formal unter dem Schutz internationaler Organisationen.

Das spielte für die Täter kaum eine Rolle.

Die Angriffe auf das Krankenhaus in der Maros-Straße und auf medizinische Einrichtungen in der Városmajor-Straße gehören zu den bekanntesten Verbrechen, die Kuns Gruppe zugeschrieben werden.

Die genaue persönliche Beteiligung einzelner Männer muss jeweils anhand von Zeugenaussagen und Gerichtsakten beurteilt werden.

Klar ist jedoch, dass Kun als Anführer seiner Einheit eine zentrale Verantwortung trug.

Seine Gewalt richtete sich zunehmend auch gegen Menschen, die nicht jüdisch waren.

Polizisten.

Soldaten.

Diplomatische Mitarbeiter.

Menschen, die Juden versteckten.

Deserteure.

Andere Personen, die seiner Gruppe im Weg standen.

Gleichzeitig plünderten Pfeilkreuzler Wohnungen und nahmen Wertgegenstände an sich.

Ideologie und persönlicher Gewinn verbanden sich.

Der angebliche Kampf für Nation und Religion wurde für manche Täter auch zu einer Gelegenheit, Besitz zu stehlen.

Kun war davon offenbar nicht ausgenommen.

Wohlhabende Menschen konnten verhaftet werden.

Ihr Eigentum verschwand.

Und wer danach ermordet wurde, konnte keine Forderungen mehr stellen.

Genau hier zeigt sich eine weitere Eigenschaft extremistischer Systeme.

Sie ziehen Menschen an, die wirklich an die Ideologie glauben.

Aber sie schaffen zugleich Räume, in denen Gier, persönliche Rache und gewöhnliche Kriminalität als politische Handlung getarnt werden können.

Kun trug weiter Priesterkleidung.

Dazu Pfeilkreuzler-Symbolik und eine Waffe.

Das Bild war so widersprüchlich, dass es selbst Zeitgenossen verstörte.

Ein Priester sollte Trost spenden.

Kun brachte Angst.

Ein Priester sollte das Töten moralisch begrenzen.

Kun legitimierte es mit religiöser Sprache.

Mehrere Berichte schreiben ihm den Ausspruch „Im Namen Christi – Feuer!“ zu, wenn er Erschießungen befahl.

Ob jede einzelne spätere Wiedergabe dieses Satzes wortwörtlich dokumentiert ist, sollte quellenkritisch betrachtet werden.

Doch der Satz wurde zum Symbol dafür, wie vollständig Kun religiöse Begriffe in seine Gewaltideologie integriert hatte.

Anfang 1945 war seine Gruppe offenbar so außer Kontrolle geraten, dass selbst die Pfeilkreuzler-Führung ein Problem sah.

Nicht weil sie plötzlich moralische Skrupel gegen die Verfolgung der Juden entwickelt hätte.

Sondern weil Kun staatliche Strukturen, Polizisten und andere nicht vorgesehene Ziele angriff und zunehmend wie ein unabhängiger Bandenführer handelte.

Die Behörden schickten Polizisten, um ihn festzunehmen.

Kun reagierte nicht wie ein Priester.

Auch nicht wie ein disziplinierter Parteifunktionär.

Seine Männer setzten die Beamten fest und misshandelten sie.

Eine zweite Gruppe von Polizisten wurde ebenfalls gefangen genommen.

Nun eskalierte die Lage.

Schließlich rückten etwa sechzig Polizisten gegen das Hauptquartier seiner Einheit vor.

Das Gebäude wurde umstellt.

Ein Ultimatum gestellt.

Kuns eigene Verbündete mussten entscheiden, ob sie einen offenen Kampf mit den Behörden riskieren wollten.

Sie taten es nicht.

Sie lieferten ihn aus.

Nach Monaten, in denen Menschen in Budapest seinen Namen mit Angst verbanden, wurde András Kun von Männern festgenommen, die derselben Pfeilkreuzler-Herrschaft dienten wie er.

Doch sein Terror war damit noch nicht endgültig beendet.

Denn obwohl ein Gericht ihn verurteilte, rettete ausgerechnet Ferenc Szálasi persönlich seinen Untergebenen zunächst vor dem Tod.

Und nur wenige Wochen später war Kun wieder frei.

Als Budapest zusammenbrach, verschwand er.

Er wechselte Identitäten.

Suchte einen Fluchtweg.

Und war überzeugt, dem Chaos des Kriegsendes entkommen zu können.

Doch im August 1945 sollte er an einer Grenze einen Fehler machen.

Einen Fehler, der ihn direkt zurück nach Budapest führte.

Diesmal gab es dort keine Pfeilkreuzler-Regierung mehr, die ihn schützen konnte…

TEIL 2 – DER PRIESTER VOR GERICHT

Nach seiner ersten Festnahme Anfang 1945 wurde András Kun wegen Verbrechen verfolgt, die selbst innerhalb der Pfeilkreuzler-Strukturen für Aufsehen gesorgt hatten.

Dabei stand zunächst nicht die gesamte Dimension seiner Beteiligung am Judenmord im Mittelpunkt.

Anklagepunkte betrafen unter anderem die Misshandlung von Polizisten und Offizieren sowie mehrere Morde.

Kun wurde zum Tod verurteilt.

Doch Ferenc Szálasi griff ein.

Der Pfeilkreuzler-Führer wandelte das Todesurteil in eine langjährige Haftstrafe um.

Warum?

Loyalität.

Politische Beziehungen.

Der Wert Kuns als überzeugter Anhänger.

Oder schlicht Willkür.

In einem System, das selbst rechtsstaatliche Grundsätze zerstört hatte, konnte das Schicksal eines Menschen von persönlichen Entscheidungen der Führung abhängen.

Kun blieb allerdings nicht lange im Gefängnis.

Das Ausgangsmaterial nennt zwei unterschiedliche Überlieferungen über seine Freilassung.

Nach einer Version wurde er von einem Pfeilkreuzler-Funktionär begnadigt, unter der Bedingung, an die Front geschickt zu werden.

Nach einer anderen Version kam er im Chaos des sowjetischen Vormarschs frei, weil seine Identität nicht erkannt wurde.

Welche dieser Versionen den genauen Ablauf vollständig wiedergibt, ist weniger wichtig als das Ergebnis.

Kun war wieder draußen.

Und er hatte nicht vor, sich freiwillig zu stellen.

Budapest wurde währenddessen erobert.

Die Pfeilkreuzler-Herrschaft brach zusammen.

Szálasi floh nach Westen.

Die deutsche Wehrmacht zog sich zurück.

Ungarn war verwüstet.

Die jüdische Bevölkerung des Landes war durch Deportation, Mord, Zwangsarbeit und Verfolgung dezimiert.

Von den Hunderttausenden ungarischen Juden, die 1944 deportiert worden waren, kehrte nur ein Teil zurück.

Gleichzeitig begann eine neue politische Ordnung unter sowjetischem Einfluss.

Nun wurden ehemalige Pfeilkreuzler gesucht.

Parteifunktionäre.

Milizionäre.

Männer, die an Deportationen, Plünderungen und Morden beteiligt gewesen waren.

Kun wusste, was ihm drohte.

Er versuchte offenbar, seine Identität zu verschleiern.

Seine Kenntnisse der rumänischen Sprache könnten ihm geholfen haben, sich zeitweise als Rumäne auszugeben.

In den chaotischen Monaten nach Kriegsende bewegten sich Millionen Menschen durch Europa.

Soldaten kehrten zurück.

Flüchtlinge suchten Familien.

Gefangene wurden entlassen.

Grenzen veränderten sich.

Dokumente fehlten.

Für einen gesuchten Täter bestand durchaus eine Chance, in dieser Masse zu verschwinden.

Kun hoffte offenbar, nach Rumänien und vielleicht später weiter nach Italien zu gelangen.

Es funktionierte nicht.

Am 3. August 1945 wurde er noch auf ungarischem Gebiet von Grenzkräften erkannt beziehungsweise festgenommen.

Nun gab es keine bewaffnete Einheit mehr, die ihn freischlagen konnte.

Keinen Pfeilkreuzler-Innenminister.

Keinen Szálasi, der ein Urteil umwandelte.

Kun wurde nach Budapest gebracht.

Diesmal musste er sich für weit mehr verantworten als für den Angriff auf einige Polizisten.

Die Ermittler sammelten Aussagen über Massaker.

Über Krankenhäuser.

Über Verhaftungen.

Über Plünderungen.

Über Erschießungen an der Donau.

Über Menschen, die seine Einheit verschleppt hatte.

Die Zahl der ihm im Prozess zugerechneten Morde war sehr hoch.

Das Ausgangsmaterial spricht davon, dass er wegen ungefähr 500 Morden angeklagt wurde.

Eine solche Zahl darf jedoch nicht so verstanden werden, als hätte ein Gericht jede einzelne Tat als isolierten persönlichen Schuss Kuns rekonstruiert.

Als Kommandeur konnte Verantwortung auch aus Befehlen, Beteiligung, Leitung einer Gruppe und gemeinsam verübten Aktionen entstehen.

Der Unterschied ist wichtig.

Kun musste nicht jeden Menschen persönlich erschossen haben, um für einen Massenmord verantwortlich zu sein.

Er führte Männer.

Er gab Befehle.

Er nahm an Aktionen teil.

Er schuf eine Atmosphäre, in der Gewalt nicht Ausnahme, sondern Zweck der Einheit war.

Im September 1945 begann sein Prozess vor einem ungarischen Volksgericht.

Die Nachkriegsjustiz in Ungarn arbeitete unter außergewöhnlichen politischen Bedingungen.

Das Land war zerstört.

Die sowjetische Besatzungsmacht besaß erheblichen Einfluss.

Gleichzeitig existierte ein reales Bedürfnis, Personen zur Verantwortung zu ziehen, die an den Verbrechen des Pfeilkreuzler-Regimes beteiligt gewesen waren.

Kun saß nun dort, wo Monate zuvor Menschen gesessen hatten, über deren Leben er entscheiden konnte.

Zeugen beschrieben ihn.

Die Kleidung.

Die Waffe.

Die Reden.

Seine Einheit.

Die Überfälle.

Kun versuchte sich zu verteidigen.

Er räumte Gewalt gegen Juden ein.

Doch er bestritt, selbst ein Mörder zu sein.

Diese Haltung zieht sich durch Aussagen, die ihm aus seinen letzten Tagen zugeschrieben werden.

Er sah sich nicht so, wie seine Opfer ihn gesehen hatten.

Das ist eines der verstörendsten Elemente seiner Geschichte.

Viele Täter bauen nach dem Verbrechen eine innere Erzählung, die ihnen erlaubt, weiterhin mit sich selbst zu leben.

Sie sagen:

Ich war nur dabei.

Andere waren schlimmer.

Ich habe nur geschlagen.

Ich habe Befehle befolgt.

Ich wollte meinem Land dienen.

Ich habe an eine Idee geglaubt.

Kun griff ebenfalls auf Ideologie zurück.

Für ihn blieben Juden offenbar auch nach dem Krieg eine abstrakte Gruppe, die er für politische und wirtschaftliche Probleme verantwortlich machen konnte.

Damit zeigte er, dass das Ende des Pfeilkreuzler-Regimes nicht automatisch das Ende seiner antisemitischen Weltanschauung bedeutete.

Am 19. September 1945 wurde er schuldig gesprochen.

Das Urteil:

Tod durch den Strang.

Kun war 33 Jahre alt.

Am selben Tag führte der Journalist Rezső Szirmai ein Interview mit ihm.

Wenn man den überlieferten Aussagen folgt, zeigte Kun darin kaum ein Verständnis dafür, warum andere Menschen ihn als außergewöhnlich grausamen Täter betrachteten.

Er gab zu, Juden geschlagen zu haben.

Er bestritt jedoch, Menschen getötet zu haben.

Er bezeichnete sich als zu Unrecht verurteilt.

Und er rückte sich selbst in eine Opferrolle.

Das ist bemerkenswert.

Ein Mann, dessen Einheit mit Massakern in Krankenhäusern und anderen Mordaktionen verbunden war, betrachtete nun die eigene Hinrichtung als großes Unrecht.

Szirmai sprach ihn auf Sadismus an.

Kun soll geantwortet haben, eine solche „Perversion“ existiere in jedem Menschen in ruhendem Zustand.

Auf die Frage, ob sie auch in seiner Seele existiere, antwortete er sinngemäß, wenn dies so gewesen sei, habe er es nicht bewusst wahrgenommen.

Diese Antwort führt zu einer schwierigen Frage.

War Kun ein pathologischer Sadist?

Oder war er ein ideologischer Täter, der erst innerhalb eines Systems von Gewalt lernte, seine Hemmungen abzulegen?

Vielleicht ist diese Unterscheidung weniger wichtig, als sie zunächst klingt.

Denn selbst wenn ein Mensch persönliche Freude an Gewalt empfindet, benötigt er für groß angelegte Verbrechen häufig ein System, das diese Gewalt erlaubt.

Und selbst wenn er anfangs keine Freude empfindet, kann ständige Gewalt Hemmschwellen zerstören.

Kun selbst beschrieb später einen Moment, in dem er erstmals einen Gefangenen schlug.

Danach sei es leichter geworden.

Genau darin liegt ein erschreckender Mechanismus.

Gewalt normalisiert weitere Gewalt.

Die erste Grenze ist schwer.

Die zweite etwas leichter.

Nach der zehnten ist kaum noch eine Grenze sichtbar.

Gleichzeitig bot ihm die Ideologie eine Erklärung.

Er schlug nicht in seinem eigenen Selbstbild einen unschuldigen Menschen.

Er schlug „den Feind“.

Juden wurden mit Bolschewismus, Kapitalismus und angeblicher nationaler Zersetzung verbunden.

Dass diese Behauptungen widersprüchlich waren, spielte keine Rolle.

Antisemitische Ideologien konnten Juden gleichzeitig als kommunistische Revolutionäre und als kapitalistische Ausbeuter darstellen.

Logik war nicht notwendig.

Es ging um Feindbilder.

Kun soll in seinem letzten Interview sogar behauptet haben, er habe menschliches Leiden verringern wollen und deshalb gegen Juden gekämpft.

Für die Opfer muss eine solche Aussage unerträglich gewirkt haben.

Menschen waren aus ihren Häusern geholt worden.

Familien getrennt.

Patienten in Krankenhäusern angegriffen.

Andere an der Donau ermordet.

Und der Mann, der sich an diesem Terror beteiligt hatte, behauptete noch immer, eine Art soziale Mission verfolgt zu haben.

Das zeigt, wie mächtig ideologische Selbsttäuschung sein kann.

Kun musste sich nicht morgens sagen:

„Ich bin böse.“

Er konnte sich sagen:

„Ich kämpfe für etwas.“

Genau deshalb genügt es nicht, Verbrechen nur mit persönlicher Bosheit zu erklären.

Ideologien können Menschen moralische Begriffe liefern, mit denen sie Gewalt als Pflicht, Reinigung, Schutz oder Gerechtigkeit bezeichnen.

Aus Mord wird „Kampf“.

Aus Raub wird „Beschlagnahmung“.

Aus Menschen werden „Feinde“.

Und aus einem Priester kann ein politischer Milizionär werden, ohne dass er in seinem eigenen Kopf vollständig aufhört, sich als Vertreter einer höheren Sache zu betrachten.

Am 19. September 1945 wurde das Todesurteil vollstreckt.

András Kun starb am Galgen.

Sein Tod kam nur Monate nach dem Ende des Krieges in Europa.

Doch er konnte nicht ungeschehen machen, was in Budapest passiert war.

Die Donau floss weiter durch die Stadt.

Menschen gingen über die Kettenbrücke.

Krankenhäuser öffneten wieder.

Häuser wurden repariert.

Aber zahlreiche Familien fehlten.

Einige vollständig.

Die jüdische Gemeinde Budapests überlebte den Holocaust, anders als viele Gemeinden außerhalb der Hauptstadt.

Doch sie war schwer getroffen.

Menschen kehrten aus Lagern oder Verstecken zurück und fanden Wohnungen besetzt.

Familienmitglieder verschwunden.

Geschäfte zerstört.

Manche erfuhren erst nach Monaten, wer noch lebte.

Andere warteten jahrelang auf Menschen, die nie zurückkamen.

Die Erschießungen am Donauufer wurden zu einem der stärksten Symbole des Pfeilkreuzler-Terrors.

Heute erinnert das Mahnmal „Schuhe am Donauufer“ an Menschen, die dort ermordet wurden.

Schuhe aus Metall stehen am Ufer.

Männer.

Frauen.

Kinder.

Keine Körper.

Keine dramatische Rekonstruktion.

Nur Schuhe.

Gerade dadurch wirkt der Ort so stark.

Denn Schuhe erzählen etwas Persönliches.

Jemand hat sie ausgesucht.

Jemand hat sie getragen.

Jemand hatte vielleicht geplant, am nächsten Tag wieder in ihnen durch Budapest zu laufen.

Dann kam eine bewaffnete Gruppe und entschied, dass dieser nächste Tag nicht stattfinden würde.

Kun ist heute außerhalb Ungarns weniger bekannt als andere Täter des Holocaust.

Sein Name steht nicht auf einer Ebene mit Adolf Eichmann oder Heinrich Himmler.

Doch seine Geschichte zeigt etwas Entscheidendes.

Völkermord wird nicht nur von Männern in Ministerien organisiert.

Er braucht lokale Täter.

Milizen.

Parteimitglieder.

Polizisten.

Menschen, die Wohnungen durchsuchen.

Menschen, die Namen notieren.

Menschen, die Opfer zu Sammelstellen bringen.

Menschen, die an Türen klopfen.

Und manchmal sogar Geistliche.

Die Geschichte András Kuns zerstört zudem eine bequeme Vorstellung:

Dass religiöse Bildung einen Menschen automatisch vor politischem Fanatismus schützt.

Das tut sie nicht.

Religion kann moralischen Widerstand gegen Gewalt stärken.

Zahlreiche Geistliche verschiedener Glaubensrichtungen riskierten während des Holocaust ihr Leben, um Verfolgte zu retten.

Aber religiöse Sprache kann auch missbraucht werden.

Kun war dafür ein extremes Beispiel.

Er verband christliche Symbolik mit einer Ideologie, die Menschen nach Abstammung bewertete.

Diese Verbindung war kein zwangsläufiges Ergebnis des Christentums.

Sie war seine Entscheidung.

Gerade deshalb muss man auch an jene erinnern, die anders entschieden.

Diplomaten.

Kirchenvertreter.

Ärzte.

Polizisten.

Nachbarn.

Menschen, die Schutzbriefe ausstellten.

Menschen versteckten.

Warnungen weitergaben.

Falsche Papiere organisierten.

Oder einfach sagten:

Nein.

Nicht alle waren erfolgreich.

Manche wurden selbst getötet.

Aber ihre Existenz widerlegt die bequemste Verteidigung der Täter:

Dass niemand anders handeln konnte.

Menschen konnten anders handeln.

Und manche taten es.

Auch deshalb kann sich Kun nicht hinter Krieg und Chaos verstecken.

Budapest war eine Stadt im Zusammenbruch.

Doch nicht jeder Mensch in dieser Stadt führte eine Todesschwadron.

Nicht jeder Priester trug eine Pistole.

Nicht jeder Parteifunktionär leitete Massaker.

Kun entschied sich für seine Rolle.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Kern seiner Geschichte.

Nicht darin, dass ein „heiliger Mann“ plötzlich zum Monster wurde.

Das wäre zu einfach.

Kun war ein Mensch, der seine moralischen Grenzen Schritt für Schritt neu definierte.

Er akzeptierte ein Feindbild.

Dann politische Radikalisierung.

Dann körperliche Gewalt.

Dann organisierte Verfolgung.

Dann Mordaktionen.

Jede Stufe machte die nächste leichter.

Und gleichzeitig erhielt er von seiner Umgebung immer neue Bestätigung.

Partei.

Propaganda.

Krieg.

Männer mit Waffen.

Eine Regierung, die dieselben Menschen verfolgte.

Das Verbrechen fühlte sich für den Täter dadurch möglicherweise nicht wie ein Bruch mit seiner Welt an.

Es fühlte sich wie Anpassung an.

Das ist die gefährlichste Lektion.

Menschen müssen nicht glauben, dass sie Böses tun, um Böses zu tun.

Es genügt manchmal, dass sie glauben, ihre Gruppe habe immer recht.

Dass der Feind keine Rechte besitzt.

Dass Gewalt notwendig sei.

Und dass persönliche Verantwortung hinter einer höheren Sache verschwinden könne.

Kun starb 1945.

Die Ideologien, die ihn prägten, verschwanden jedoch nicht mit ihm.

Antisemitismus überlebte.

Politischer Extremismus überlebte.

Die Vorstellung, Minderheiten für gesellschaftliche Probleme verantwortlich zu machen, überlebte.

Deshalb bleibt die Geschichte aktuell.

Nicht weil sie sich identisch wiederholen muss.

Sondern weil die Sprache des Hasses erstaunlich anpassungsfähig ist.

Sie braucht nicht immer dieselben Uniformen.

Nicht dieselben Symbole.

Nicht dieselben Feinde.

Sie beginnt oft mit der Behauptung:

Diese Menschen sind schuld.

Danach kommt:

Diese Menschen gehören nicht wirklich zu uns.

Dann:

Diese Menschen sind gefährlich.

Und irgendwann stellt jemand die Frage:

Warum schützen wir sie überhaupt noch?

1944 und 1945 sah Budapest, wohin diese Logik führen konnte.

An das Flussufer.

In Keller.

In Krankenhäuser.

In Häuser, in denen Familien hofften, eine weitere Nacht zu überleben.

Das ist der Grund, warum die Namen der Opfer wichtiger bleiben als die Selbstrechtfertigungen ihrer Täter.

Kun konnte behaupten, er habe niemanden ermordet.

Er konnte behaupten, er sei selbst Opfer.

Er konnte über Politik und Kapital sprechen.

Doch die Menschen, die nicht mehr nach Hause kamen, konnten auf seine Erklärungen nicht antworten.

Geschichte muss es für sie tun.

Wenn euch solche historischen Dokumentationen wichtig sind, unterstützt den Kanal gern mit einem Like und einem Abonnement. Nicht um Gewalt zu sensationalisieren, sondern um zu verstehen, wie schnell gesellschaftliche und moralische Grenzen zerfallen können, wenn Hass zur politischen Tugend erklärt wird.

Schreibt auch gern in die Kommentare, welcher Teil dieser Geschichte euch am meisten beschäftigt: Kuns Weg vom Priester zum Pfeilkreuzler-Kommandeur, die Massaker in Budapester Krankenhäusern, seine Festnahme durch die eigene Regierung oder seine erstaunliche Selbstrechtfertigung kurz vor der Hinrichtung.

Denn vielleicht ist die erschreckendste Szene seines Lebens nicht der Moment am Galgen.

Nicht einmal der Priester mit Pistole.

Es ist der Augenblick davor.

Der Augenblick, in dem ein Mensch zum ersten Mal Gewalt gegen jemanden ausübt und sich selbst erklärt, warum diese Gewalt notwendig gewesen sei.

Wenn diese Erklärung oft genug wiederholt wird, kann aus einem Schlag ein System werden.

Aus einem Feindbild eine Mordpolitik.

Und aus einem Mann, der einst gelernt hatte, von Nächstenliebe zu predigen, einer der berüchtigtsten Täter des Budapester Pfeilkreuzler-Terrors.