Wenn man über die Verbrechen des Nationalsozialismus spricht, denkt man oft an die Männer an der Spitze des Regimes. An Generäle, Politiker und diejenigen, deren Namen in Geschichtsbüchern stehen.

Doch hinter vielen dieser Männer standen Menschen, die ihre Ideologie unterstützten, ihre Macht genossen und von den Verbrechen profitierten.
Eine dieser Personen war Lina Heydrich.
Sie war nicht nur die Ehefrau eines der mächtigsten Männer des NS-Regimes.
Sie war eine überzeugte Nationalsozialistin.
Eine Frau, die den Aufstieg ihres Mannes bewunderte, den Luxus seiner Macht genoss und nach dem Krieg jahrzehntelang jede Verantwortung für die Verbrechen ablehnte.
Dies ist die Geschichte einer Frau, deren Leben eng mit einem der dunkelsten Kapitel Europas verbunden war.
Eine Geschichte über Ideologie, Macht, Privilegien und die Frage, wie Menschen mit ihrer eigenen Vergangenheit leben können.
Bevor Lina Heydrich zur Besitzerin eines Schlosses und zur Frau eines der gefürchtetsten Männer des Dritten Reiches wurde, begann ihr Leben weit entfernt von den Machtzentren Berlins.
Sie wurde am 14. Juni 1911 als Lina Mathilde von Osten auf Fehmarn geboren, damals Teil des Deutschen Reiches.
Ihre Familie gehörte zum verarmten deutschen Adel.
Ihr Vater Jürgen von Osten arbeitete als Dorfschullehrer.
Trotz ihrer finanziell schwierigen Situation hielt die Familie stark an nationalistischen und konservativen Vorstellungen fest.
Schon als junge Frau entwickelte Lina eine tiefe Bindung an die Ideen der extremen Rechten.
Für sie waren die Versprechen der nationalsozialistischen Bewegung nicht nur Politik.
Sie wurden zu einer Weltanschauung.
1927 verließ Lina die Schule in Oldenburg.
Ein Jahr später begann sie eine Ausbildung zur Berufsschullehrerin in Kiel.
Dort schien ihr Leben zunächst einen gewöhnlichen Weg zu nehmen.
Doch eine Begegnung sollte alles verändern.
Am 6. Dezember 1930 besuchte Lina einen Ball eines Rudervereins.
Dort traf sie einen jungen Marineleutnant.
Sein Name war Reinhard Heydrich.
Er war ehrgeizig.
Er war intelligent.
Und er hatte den Ruf, stolz und äußerst selbstbewusst aufzutreten.
Viele beschrieben ihn als einen Mann, der seine Ziele mit großer Entschlossenheit verfolgte.
Zwischen Lina und Reinhard entstand schnell eine Beziehung.
Nur wenige Wochen später, am 18. Dezember 1930, gaben sie ihre Verlobung bekannt.
Für Heydrich hatte diese Entscheidung jedoch schwere Folgen.
Er löste damit eine bestehende Verbindung mit der Tochter eines ranghohen Marineoffiziers.
Das Militär betrachtete sein Verhalten als Verstoß gegen die Erwartungen eines Offiziers.
Ein Ehrengericht kam zu dem Schluss, dass Heydrich das Ansehen der Reichsmarine beschädigt habe.
Im April 1931 musste er die Marine verlassen.
Für einen jungen Offizier, dessen gesamte Zukunft auf einer militärischen Karriere aufgebaut war, war dies ein schwerer Schlag.
Heydrich verlor seine Stellung.
Seine berufliche Zukunft schien zerstört.
Doch genau in dieser Krise öffnete sich ein anderer Weg.
Unter dem Einfluss Linas und ihres nationalsozialistisch geprägten Umfelds begann Heydrich, sich stärker mit der NS-Bewegung zu identifizieren.
Lina selbst war bereits überzeugte Anhängerin der Partei.
Ihr Bruder Hans war Mitglied der SA.
Auch sie selbst trat nach einer Veranstaltung, bei der Adolf Hitler sprach, der NSDAP bei.
Reinhard Heydrich folgte kurze Zeit später.
Im Juni 1931 trat er der NSDAP bei.
Im Juli 1931 wurde er Mitglied der SS.
Diese Entscheidung veränderte sein Leben vollständig.
Zu dieser Zeit plante Heinrich Himmler den Aufbau eines geheimen Nachrichtendienstes innerhalb der SS.
Er suchte nach jemandem mit organisatorischen Fähigkeiten und analytischem Denken.
Ursprünglich sollte es zu einem Gespräch zwischen Himmler und Heydrich kommen.
Doch der Termin wurde kurzfristig abgesagt.
Lina akzeptierte diese Absage nicht.
Sie überzeugte Reinhard, nach München zu fahren.
Dort hinterließ Heydrich bei Himmler einen starken Eindruck.
Sein Auftreten, seine Fähigkeiten und auch sein Erscheinungsbild entsprachen dem nationalsozialistischen Idealbild, das innerhalb der SS propagiert wurde.
Himmler gab ihm eine Chance.
Im August 1931 begann Heydrich mit dem Aufbau des Sicherheitsdienstes der SS.
Im Dezember desselben Jahres heirateten Lina und Reinhard.
Aus ihrer Ehe gingen vier Kinder hervor:
Klaus.
Heider.
Silke.
Und Marte.
Während Reinhard Heydrich innerhalb des NS-Systems immer mächtiger wurde, veränderte sich auch Linas Leben.
Aus der Tochter eines einfachen Lehrers wurde die Frau eines Mannes, der bald zu den wichtigsten Figuren der nationalsozialistischen Führung gehören sollte.
1933 kam Adolf Hitler an die Macht.
Nur wenige Wochen später begann die systematische Verfolgung politischer Gegner und jüdischer Menschen.
Heydrich spielte dabei eine zentrale Rolle.
Als Heinrich Himmler im April 1933 Chef der Bayerischen Politischen Polizei wurde, ernannte er Heydrich zu seinem Stellvertreter.
Für Lina war dieser Aufstieg ein Triumph.
In Briefen an ihre Eltern beschrieb sie voller Begeisterung die Verhaftungswellen gegen politische Gegner.
Sie sah die Gewalt nicht als Verbrechen.
Sie sah sie als notwendigen Kampf gegen Feinde.
Diese Haltung zeigt, wie tief ihre Überzeugung in der nationalsozialistischen Ideologie verwurzelt war.
Heydrichs Macht wuchs weiter.
1936 wurde er nach der Ernennung Himmlers zum Chef der deutschen Polizei Leiter des neu gegründeten Reichssicherheitshauptamtes.
Damit wurden Gestapo, Kriminalpolizei und Sicherheitsdienst unter einer zentralen Struktur zusammengeführt.
Heydrich wurde zu einem der wichtigsten Organisatoren des Terrorapparates.
Für Lina bedeutete seine Position gesellschaftlichen Aufstieg.
Sie lebte nun in einer Welt, die ihre Eltern niemals hätten erreichen können.
Luxus.
Einfluss.
Ansehen innerhalb der nationalsozialistischen Elite.
Während andere Menschen verfolgt wurden, profitierte ihre Familie von diesem System.
Im November 1938 erreichte die Gewalt gegen jüdische Menschen einen neuen Höhepunkt.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden Synagogen, Geschäfte und Wohnungen zerstört.
Die Pogrome gingen als „Kristallnacht“ in die Geschichte ein.
Reinhard Heydrich gehörte zu den wichtigsten Organisatoren dieser Verfolgungswelle.
Lina stand weiterhin an seiner Seite.
Sie unterstützte seinen Weg.
Sie bewunderte seinen Einfluss.
Und sie genoss die Vorteile seiner Position.
Doch der Zweite Weltkrieg veränderte die Dimension der Gewalt noch einmal.
Am 1. September 1939 begann Deutschland den Krieg mit dem Überfall auf Polen.
Nach dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 verstärkten sich Widerstandsbewegungen in den besetzten Gebieten.
Hitler suchte nach einem härteren Vertreter für das Protektorat Böhmen und Mähren.
Der bisherige Reichsprotektor Konstantin von Neurath galt als zu vorsichtig.
Im September 1941 wurde Reinhard Heydrich zum stellvertretenden Reichsprotektor ernannt.
Für die Familie Heydrich bedeutete dies den nächsten großen Aufstieg.
Prag wurde nun zum Zentrum ihrer Macht.
Doch für die Menschen im Protektorat begann eine neue Phase des Terrors.
Als Heydrich eintraf, machte er deutlich, dass er die tschechische Bevölkerung unterwerfen und kontrollieren wollte.
Es folgten Verhaftungen.
Hinrichtungen.
Einschüchterung.
Sondergerichte verurteilten Hunderte Menschen zum Tod.
Viele weitere wurden an die Gestapo übergeben.
Bald erhielt Heydrich einen Namen, der seine Brutalität widerspiegelte:
„Der Schlächter von Prag“.
Während Reinhard Heydrich die Bevölkerung terrorisierte, lebte Lina in einer völlig anderen Realität.
Sie zog mit ihrer Familie zunächst in die Prager Burg.
Später bezog die Familie das luxuriöse Schloss Panenské Břežany außerhalb von Prag.
Das Anwesen hatte zuvor einem jüdischen Besitzer gehört und war nach der deutschen Besetzung beschlagnahmt worden.
Für Lina war es ein Märchen.
Sie schrieb später:
Sie fühle sich wie eine Prinzessin in einem Traumland.
Doch hinter den Mauern dieses Schlosses befand sich eine andere Wahrheit.
Eine Wahrheit, die Jahrzehnte später gegen sie verwendet werden sollte.
Denn der Luxus, den Lina genoss, entstand in einem System, das Menschen ihrer Rechte, ihrer Freiheit und ihres Lebens beraubte.
Und während sie glaubte, ihr neues Leben würde für immer bestehen…
bewegten sich bereits Ereignisse, die alles verändern sollten.
Am 27. Mai 1942 fuhr Reinhard Heydrich wie gewohnt durch Prag.
Er fühlte sich sicher.
Zu sicher.
Er verzichtete auf viele Sicherheitsmaßnahmen.
Doch an diesem Tag warteten zwei tschechoslowakische Widerstandskämpfer auf ihn.
Und ihr Angriff sollte die Geschichte des NS-Regimes erschüttern…


