Wenn wir heute über die Verbrechen des Nationalsozialismus sprechen, denken viele Menschen zuerst an die Namen der politischen Führer.

An Adolf Hitler.
An die höchsten Vertreter des Regimes.
Doch ein System des Terrors funktioniert niemals nur durch einige wenige Menschen an der Spitze.
Es braucht auch diejenigen, die Befehle ausführen.
Diejenigen, die Gefangene bewachen.
Diejenigen, die Gewalt organisieren und zu einem Teil des täglichen Lebens machen.
Einer dieser Männer war Egon Zill.
Ein SS-Angehöriger, der in mehreren Konzentrationslagern eingesetzt wurde und dessen Name später mit Brutalität und Misshandlungen verbunden war.
Er arbeitete in Lichtenburg.
In Ravensbrück.
In Dachau.
In Hinzert.
In Natzweiler-Struthof.
Und in Flossenbürg.
Orte, an denen Tausende Menschen unter dem nationalsozialistischen Terror litten und starben.
Doch seine Geschichte endet nicht 1945.
Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes begann eine jahrelange Suche nach den Verantwortlichen.
Und auch Egon Zill konnte seiner Vergangenheit nicht für immer entkommen.
Dies ist die Geschichte eines Mannes, der in einem verbrecherischen System Karriere machte und Jahrzehnte später vor Gericht stand.
Eine Geschichte darüber, wie Ideologie, Macht und Entmenschlichung aus gewöhnlichen Menschen Täter machen können.
Egon Gustav Adolf Zill wurde am 18. März 1906 in Plauen geboren, damals Teil des Deutschen Reiches.
Seine Kindheit begann in einer schwierigen Zeit.
Sein Vater war Braumeister und wurde im Ersten Weltkrieg schwer verletzt.
Die Familie hatte finanzielle Probleme.
Deshalb musste Egon bereits früh Verantwortung übernehmen.
Nach nur acht Jahren Schulbildung begann er eine Ausbildung bei einem Bäcker.
Er arbeitete nicht aus persönlichem Wunsch, sondern weil die Familie dringend Unterstützung brauchte.
Doch Deutschland veränderte sich nach dem Ersten Weltkrieg grundlegend.
Die Niederlage von 1918 führte zu politischen und gesellschaftlichen Spannungen.
Der Versailler Vertrag wurde von vielen Deutschen als Demütigung empfunden.
Die Monarchie war verschwunden.
Die Weimarer Republik entstand.
Eine demokratische Staatsform, die von Anfang an mit großen Problemen kämpfen musste.
Wirtschaftliche Krisen.
Politische Gewalt.
Radikale Bewegungen.
In dieser Atmosphäre entstanden zahlreiche extremistische Gruppen.
Besonders am rechten Rand verbreiteten sich nationalistische und antisemitische Ideologien.
Sie behaupteten, Deutschland sei nicht durch militärische Niederlage gescheitert, sondern durch Verrat im Inneren.
Juden, politische Gegner und demokratische Kräfte wurden für die Probleme des Landes verantwortlich gemacht.
Diese Propaganda schuf den Boden, auf dem die Nationalsozialisten wachsen konnten.
Die NSDAP wurde 1920 gegründet.
Die Partei versprach vielen Menschen eine Rückkehr zu nationaler Stärke.
Gleichzeitig verbreitete sie Hass und Ausgrenzung.
Ihr Programm forderte unter anderem die Ablehnung des Versailler Vertrags, die Schaffung eines Großdeutschen Reiches und den Ausschluss von Menschen, die nicht in das rassistische Weltbild der Nationalsozialisten passten.
Unter Adolf Hitler gewann die Partei zunehmend Einfluss.
Sie erhielt Unterstützung aus Teilen des Militärs, der Wirtschaft und der Gesellschaft.
Ein wichtiger Bestandteil ihres Aufstiegs waren paramilitärische Organisationen.
1921 gründete Hitler die Sturmabteilung, kurz SA.
Die sogenannten Braunhemden sollten politische Gegner einschüchtern und die Macht der Partei auf den Straßen durchsetzen.
Viele Mitglieder kamen aus ehemaligen Freikorps und hatten bereits Erfahrungen mit politischer Gewalt gesammelt.
Als Egon Zill 1923 der NSDAP und der SA beitrat, war er erst 17 Jahre alt.
Nur wenige Jahre später trat er auch der SS bei.
Er erhielt die Mitgliedsnummer 535.
Eine sehr niedrige Nummer, die ihn zu einem frühen Mitglied dieser Organisation machte.
Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand wissen, welche Rolle die SS später im Terrorapparat des NS-Regimes spielen würde.
Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.
Dieser Moment veränderte Deutschland vollständig.
Die Demokratie wurde Schritt für Schritt zerstört.
Politische Gegner wurden verfolgt.
Grundrechte wurden abgeschafft.
Der Staat wurde in eine Diktatur umgewandelt.
Bereits kurz nach der Machtübernahme errichteten die Nationalsozialisten die ersten Konzentrationslager.
Dort wurden Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und andere als Gegner oder „gefährlich“ eingestufte Menschen gefangen gehalten.
Eines dieser frühen Lager war Hohenstein.
Es befand sich in einer Burg und existierte von März 1933 bis August 1934.
Die Gefangenen, vor allem politische Gegner, mussten unter Zwang in einem nahegelegenen Steinbruch arbeiten.
Viele wurden misshandelt.
Einige wurden ermordet.
Andere sahen keinen Ausweg mehr und nahmen sich das Leben.
Das Konzentrationslagersystem entwickelte sich immer weiter.
Und Männer wie Egon Zill wurden Teil dieser Struktur.
1934 heiratete Zill.
Seine Frau war bereits seit den 1920er Jahren in verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen aktiv gewesen.
Das Paar bekam drei Kinder.
Doch während seines privaten Lebens baute Zill gleichzeitig seine Karriere innerhalb des SS-Systems aus.
Am 12. Oktober 1934 übernahm er eine Aufgabe im Konzentrationslager Lichtenburg.
Das ehemalige Renaissance-Schloss war eines der ersten Konzentrationslager, die von der SS betrieben wurden.
Zwischen 1933 und 1939 diente es als Haftort für politische Gefangene.
Später wurde es zu einem Lager für Frauen.
Zill arbeitete dort als Wachführer.
Unter den Gefangenen machte er sich schnell einen Namen wegen seiner Härte.
Der Lagerkommandant Hans Helwig überließ ihm große Verantwortung bei der Verwaltung des Lagers.
Für die Häftlinge bedeutete dies zusätzliche Angst.
Denn innerhalb des SS-Systems wurden Brutalität und Gehorsam häufig belohnt.
Je rücksichtsloser ein Mann auftrat, desto größer konnten seine Aufstiegschancen sein.
Eine der bekanntesten Personen, die in Lichtenburg gefangen gehalten wurde, war Armin Wegner.
Wegner war kein gewöhnlicher Häftling.
Er war ein deutscher Soldat und Sanitäter im Ersten Weltkrieg.
Später wurde er Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist.
Bereits 1933 hatte er öffentlich gegen die Verfolgung jüdischer Menschen protestiert.
In einem offenen Brief an Adolf Hitler warnte er vor den Folgen der antisemitischen Politik.
Er schrieb sinngemäß, dass ein Land ohne Gerechtigkeit kein wahres Vaterland sein könne.
Die Reaktion des Regimes war brutal.
Die Gestapo verhaftete ihn.
Er wurde gefoltert und in Konzentrationslager gebracht.
Unter anderem kam er nach Oranienburg und später nach Lichtenburg.
1934 wurde er entlassen und floh nach Italien.
Viele andere hatten dieses Glück nicht.
Ab Februar 1938 wurde Egon Zill Adjutant des Lagerkommandanten in Lichtenburg.
Zu diesem Zeitpunkt war das Lager bereits vollständig in die SS-Strukturen eingebunden.
Die Organisation hatte ein System geschaffen, in dem Gefangene nicht mehr als Menschen betrachtet wurden.
Sie wurden zu Nummern.
Zu Arbeitskräften.
Zu Objekten staatlicher Gewalt.
Und genau diese Entmenschlichung machte die späteren Verbrechen möglich.
Im Mai 1939 wurde Zill zusammen mit anderen SS-Angehörigen in das neu eröffnete Konzentrationslager Ravensbrück versetzt.
Ravensbrück war das größte Konzentrationslager des NS-Regimes, das speziell für Frauen errichtet wurde.
Tausende Frauen aus ganz Europa wurden dorthin deportiert.
Polinnen.
Russinnen.
Jüdinnen.
Sinti und Roma.
Widerstandskämpferinnen.
Viele von ihnen überlebten das Lager nicht.
Die Bedingungen waren grausam.
Hunger.
Zwangsarbeit.
Krankheiten.
Gewalt.
Ravensbrück wurde zu einem Symbol für die Verfolgung von Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem.
In Ravensbrück arbeitete Zill als Adjutant des Kommandanten.
Auch hier beschrieben Überlebende ihn später als brutalen Täter.
Sein Verhalten gegenüber Gefangenen war geprägt von Gewalt und Willkür.
Innerhalb der Lagerhierarchie stieg er weiter auf.
Nicht trotz seiner Grausamkeit.
Sondern auch wegen ihr.
Denn das System belohnte Menschen, die bereit waren, besonders rücksichtslos zu handeln.
Im Dezember 1939 wechselte Zill nach Dachau.
Dort sollte seine Karriere innerhalb des Konzentrationslagersystems ihren Höhepunkt erreichen.
Dachau war eines der ersten Konzentrationslager des NS-Regimes.
Es wurde zum Modell für viele spätere Lager.
Hier wurden Methoden entwickelt, die später in anderen Lagern übernommen wurden.
Und hier sollte Egon Zill seine Macht über Gefangene weiter ausbauen.
Doch was in Dachau geschah, sollte ihn Jahrzehnte später vor Gericht bringen…


