WASSILI BLOCHIN – STALINS HENKER IM SCHATTEN: DER NKWD-OFFIZIER, DER TAUSENDE MENSCHEN ERSCHOSS, KATYN MITVERANTWORTETE UND SPÄTER AUS DER GESCHICHTE GELÖSCHT WERDEN SOLLTE

WASSILI BLOCHIN – STALINS HENKER IM SCHATTEN: DER NKWD-OFFIZIER, DER TAUSENDE MENSCHEN ERSCHOSS, KATYN MITVERANTWORTETE UND SPÄTER AUS DER GESCHICHTE GELÖSCHT WERDEN SOLLTE

TEIL 1 – DER MANN, DER ZUR MASCHINE DES TERRORS WURDE

In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1940 begann in einem abgelegenen Gebäude des sowjetischen Geheimdienstes eine Arbeit, die niemals in öffentlichen Berichten erscheinen sollte. Keine Schlacht. Kein Gefecht. Kein militärischer Sieg.

Nur eine Tür.

Ein Raum.

Eine Liste mit Namen.

Und ein Mann, der jeden einzelnen davon ohne Urteil, ohne öffentliche Anklage und ohne Gnade töten sollte.

Sein Name war Wassili Michailowitsch Blochin.

Während die Welt auf den Zweiten Weltkrieg blickte, während Armeen Grenzen überschritten und Regierungen um ihr Überleben kämpften, arbeitete ein sowjetischer Offizier im Verborgenen an einer Aufgabe, die ihn später zum berüchtigtsten Vollstrecker des Stalin-Systems machen sollte.

Er war kein berühmter General.

Kein Politiker.

Kein Mann, dessen Gesicht Millionen Menschen kannten.

Doch innerhalb der Mauern des sowjetischen Sicherheitsapparats galt er als jemand, auf den Stalin sich verlassen konnte.

Wenn eine Liste erstellt wurde, wenn ein Befehl aus Moskau kam und wenn eine Entscheidung bereits gefallen war, bevor ein Opfer überhaupt davon wusste, gehörte Blochin zu den Männern, die dafür sorgten, dass sie ausgeführt wurde.

Wenn euch historische Geschichten interessieren, die zeigen, wie einzelne Menschen innerhalb eines Systems zu Werkzeugen von Gewalt werden konnten, bleibt bis zum Ende dabei. Denn die Geschichte von Wassili Blochin ist nicht nur die Geschichte eines Mannes, der Befehle ausführte. Sie ist die Geschichte eines Menschen, der lernte, staatlichen Terror wie eine gewöhnliche Verwaltungsaufgabe zu behandeln – und der am Ende selbst von dem System vergessen wurde, dem er jahrzehntelang gedient hatte.

Wassili Michailowitsch Blochin wurde am 7. Januar 1895 in dem Dorf Gawriliwskoje im damaligen Russischen Kaiserreich geboren.

Er stammte aus einer armen Bauernfamilie.

Seine Kindheit hatte wenig mit politischer Macht, Geheimdiensten oder den dunklen Korridoren der Lubjanka zu tun.

Er wuchs in einer einfachen Umgebung auf.

Von 1905 bis 1910 arbeitete er zunächst als Hirte.

Später zog er nach Moskau und arbeitete dort als Maurer.

Er war einer von vielen jungen Männern aus einfachen Verhältnissen, deren Leben durch die politischen Umbrüche Russlands völlig verändert werden sollte.

Dann kam der Erste Weltkrieg.

Am 28. Juli 1914 begann der Krieg, der Europa in eine Katastrophe stürzte.

Blochin diente als Unteroffizier im 82. Infanterieregiment der kaiserlich-russischen Armee.

Er kämpfte für den Zaren.

Doch während Millionen Soldaten an den Fronten starben, zerbrach gleichzeitig die politische Ordnung im Inneren Russlands.

Die Revolution von 1917 veränderte alles.

Im Februar stürzte die jahrhundertealte Zarenherrschaft.

Im Oktober übernahmen die Bolschewiki unter Wladimir Lenin die Macht.

Für viele Menschen bedeutete die Revolution Hoffnung auf Veränderung.

Für andere bedeutete sie Bürgerkrieg, Gewalt und neue Formen staatlicher Kontrolle.

Blochin schloss sich der neuen Ordnung an.

Im Oktober 1918 trat er der Roten Armee bei.

Doch seine Zukunft sollte nicht auf dem Schlachtfeld liegen.

Er interessierte sich zunehmend für den Sicherheitsapparat des neuen Staates.

Im März 1921 trat er der Kommunistischen Partei Russlands bei und begann gleichzeitig mit der Arbeit für die Tscheka.

Die Tscheka war die erste sowjetische Geheimpolizei.

Sie war gegründet worden, um Gegner der Revolution zu verfolgen.

Ihre Aufgaben umfassten Spionageabwehr, politische Überwachung und Repression.

Schon in diesen frühen Jahren zeigte sich ein Grundprinzip des sowjetischen Sicherheitsapparats:

Der Staat definierte, wer als Feind galt.

Und sobald jemand als Feind betrachtet wurde, konnte fast jede Maßnahme gerechtfertigt werden.

Blochin passte sich diesem System an.

Er arbeitete nicht als politischer Redner.

Er war kein großer Ideologe.

Seine Stärke lag in etwas anderem:

Disziplin.

Gehorsam.

Zuverlässigkeit.

Und die Bereitschaft, Aufgaben auszuführen, vor denen andere zurückschreckten.

1924 führte Blochin seine erste dokumentierte Hinrichtung im Moskauer Gefängnis Lubjanka durch.

Die Lubjanka war mehr als nur ein Gefängnis.

Sie war das Zentrum der sowjetischen Sicherheitsapparate.

Ein Ort, an dem Menschen verschwanden.

Ein Ort, an dem Entscheidungen über Leben und Tod getroffen wurden.

Für Blochin wurde dieser Ort zum Beginn seiner besonderen Rolle.

Er war nicht derjenige, der politische Prozesse erfand.

Er war nicht derjenige, der die Ideologie formulierte.

Er war derjenige, der dafür sorgte, dass Urteile und Befehle umgesetzt wurden.

Genau diese Eigenschaft machte ihn für die Führung wertvoll.

In einem System, das absolute Loyalität verlangte, wurde ein Mann wie Blochin zu einem Werkzeug.

Bald erregte seine Arbeit die Aufmerksamkeit höherer Stellen.

Schließlich wurde er Leiter der Kommandantur innerhalb des sowjetischen Sicherheitsapparats.

Diese Einheit war unter anderem für besondere Operationen zuständig.

Zu den Aufgaben gehörten auch geheime Hinrichtungen.

Stalin selbst bezeichnete solche Tätigkeiten später als „schwarze Arbeit“.

Ein Begriff, der viel darüber verrät, wie das System seine eigenen Verbrechen betrachtete.

Nicht als offene politische Entscheidung.

Sondern als notwendige Aufgabe im Hintergrund.

Blochin wurde einer jener Männer, die diese schwarze Arbeit ausführten.

Während Josef Stalin seine Macht in den 1930er Jahren festigte, wuchs auch die Gewalt des Staates.

Die sogenannte Große Säuberung begann.

Stalin war überzeugt, dass überall Feinde lauerten.

Ehemalige Bolschewiki.

Parteifunktionäre.

Militärführer.

Intellektuelle.

Bauern.

Angehörige bestimmter Nationalitäten.

Niemand war vollständig sicher.

Der NKWD entwickelte ein riesiges System aus Überwachung, Verhaftung, Verhören und Hinrichtungen.

Menschen wurden aufgrund erfundener Anschuldigungen verfolgt.

Geständnisse wurden unter Zwang erzeugt.

Familien wurden zerstört.

Karrieren beendet.

Leben ausgelöscht.

Blochin befand sich im Zentrum dieses Apparats.

Während der Säuberungen wurde er nicht verfolgt.

Im Gegenteil.

Er wurde belohnt.

Denn in Stalins System war die Fähigkeit, Befehle ohne Zweifel auszuführen, ein großer Vorteil.

Blochin führte Hinrichtungen von Menschen durch, die einst selbst Teil der revolutionären Bewegung gewesen waren.

Alte Bolschewiki.

Parteimitglieder.

Militärführer.

Menschen, die früher für dieselbe Sache gekämpft hatten.

Unter ihnen befanden sich auch prominente Persönlichkeiten.

Die politische Revolution verschlang ihre eigenen Kinder.

Doch Blochin blieb.

Er überlebte jede Säuberungswelle.

Warum?

Weil er nicht fragte.

Er führte aus.

Im Jahr 1937 und 1938 erreichte der Terror seinen Höhepunkt.

Der NKWD richtete sogenannte Massenoperationen gegen verschiedene Gruppen ein.

Eine davon war die sogenannte polnische Operation.

Sie richtete sich gegen Menschen polnischer Herkunft innerhalb der Sowjetunion.

Nicht nur gegen tatsächliche Gegner.

Auch gegen Menschen, die allein aufgrund ihrer Nationalität verdächtig erschienen.

Der NKWD verhaftete Tausende.

Viele wurden gefoltert.

Viele gezwungen, falsche Geständnisse abzulegen.

Viele wurden ohne Gerichtsverfahren erschossen.

Mehr als hunderttausend Menschen polnischer Herkunft wurden im Rahmen dieser Operation getötet.

Diese Kampagne war nur ein Teil eines viel größeren Systems.

Doch sie zeigte, wie weit der sowjetische Staat bereit war zu gehen.

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe konnte ausreichen, um zum Ziel zu werden.

Als Deutschland 1939 Polen überfiel, änderte sich die Situation erneut.

Am 17. September 1939 marschierte die Sowjetunion von Osten in Polen ein.

Polen wurde zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt.

Für die sowjetischen Behörden bedeutete dies eine neue Welle von Verhaftungen.

Polnische Offiziere.

Beamte.

Polizisten.

Intellektuelle.

Menschen, die als mögliche Gegner einer sowjetischen Herrschaft betrachtet wurden.

Im Frühjahr 1940 fiel eine Entscheidung, die zu den bekanntesten sowjetischen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gehört.

Die Entscheidung von Katyn.

Der NKWD betrachtete polnische Kriegsgefangene als Bedrohung.

Lawrenti Beria, der Leiter des NKWD, legte Stalin einen Vorschlag vor.

Die Gefangenen sollten nicht vor Gericht gestellt werden.

Sie sollten getötet werden.

Die sowjetische Führung stimmte zu.

Damit begann eine der brutalsten geheimen Operationen des NKWD.

Und Wassili Blochin sollte eine zentrale Rolle darin spielen.

Im April 1940 wurde er nach Kalinin geschickt, dem heutigen Twer.

Dort befand sich ein Gefängnis des NKWD.

Die Gefangenen wussten nicht, was sie erwartete.

Viele glaubten weiterhin, dass sie irgendwann freigelassen oder ausgetauscht werden könnten.

Doch ihre Namen standen bereits auf Listen.

Und über ihr Schicksal war längst entschieden.

Blochin bereitete die Operation vor.

Er entwickelte ein System, das auf Geschwindigkeit und Kontrolle ausgelegt war.

Die Opfer wurden einzeln aus ihren Zellen gebracht.

Ihre Identität wurde überprüft.

Dann wurden sie in einen speziell vorbereiteten Raum geführt.

Dort wartete Blochin.

Er trug spezielle Kleidung:

Eine Lederschürze.

Lange Handschuhe.

Eine Kopfbedeckung.

Nicht die Uniform eines Soldaten.

Sondern die Arbeitskleidung eines Mannes, der seine Aufgabe als Routine betrachtete.

Die Gefangenen wurden ohne Urteil und ohne echte Untersuchung getötet.

Blochin benutzte eine deutsche Walther-Pistole.

Sie galt als zuverlässig.

Außerdem konnte ihre Verwendung im Falle späterer Entdeckungen eine gewisse Verwirrung über die Verantwortlichen erzeugen.

Die Hinrichtungen fanden nachts statt.

Die Operation sollte geheim bleiben.

Die Körper wurden anschließend abtransportiert und in Massengräbern verscharrt.

Blochin arbeitete über viele Nächte hinweg.

Sein Ziel war Effizienz.

Nicht Diskussion.

Nicht Zweifel.

Nicht Menschlichkeit.

Am Ende der Operation hatte er Tausende Menschen persönlich getötet.

Die Gesamtzahl der Opfer des Massakers von Katyn und verwandter NKWD-Morde wird auf etwa 22.000 polnische Bürger geschätzt.

Unter ihnen waren Offiziere, Polizisten, Beamte und Angehörige der Intelligenz.

Eine ganze Generation polnischer Führungskräfte wurde ausgelöscht.

Doch Blochin erhielt keine Strafe.

Keine Untersuchung.

Keine Verurteilung.

Stattdessen erhielt er eine hohe sowjetische Auszeichnung.

Für den Staat war er kein Verbrecher.

Er war ein zuverlässiger Mitarbeiter.

Doch hinter den Mauern des NKWD gab es eine Wahrheit, die nur wenige kannten:

Blochin war nicht einfach ein Beamter.

Er war der Mann, den Stalin für die dunkelsten Aufgaben einsetzte.

Und je größer Stalins Angst vor Feinden wurde, desto mehr Arbeit bekam Blochin.

Doch die Geschichte sollte noch eine weitere Wendung nehmen.

Denn nach dem Krieg, nach dem Sieg über Nazi-Deutschland und nach dem Tod Stalins würde der Mann, der jahrzehntelang Menschen im Namen des Staates getötet hatte, plötzlich selbst zum Problem werden.

Und die neue sowjetische Führung würde entscheiden, dass Männer wie Blochin nicht mehr gebraucht wurden …

FORTSETZUNG IN TEIL 2