„Freddy hat sich das Auge wieder aufgekratzt“, sagte Michelle und kniete sich vor dem Gehege nieder. „Er hatte den Kragen noch nicht auf, als wir letzte Woche hier waren, und jetzt sieht es so aus. “
Ich beugte mich vor und spähte in den Raum. Da lag er, unser blinder Kater, in einer Ecke auf einer weichen Decke, den Kopf leicht schief gelegt, als würde er uns mit seinen erloschenen Augen doch irgendwie wahrnehmen.

Auf seinem Kopf saß ein kleiner, süßer Kragen, der wie eine umgedrehte Schüssel wirkte. Es war fast niedlich, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. „Er hat sich die Wunde wieder aufgerissen“, erklärte ich in die Kamera. „Die war komplett zugenäht nach der OP, aber er kommt mit der Kralle immer wieder ran.
Die Gefahr, dass es sich infiziert, ist riesig. “
Freddy war nicht immer blind gewesen. Er war als Privatabgabe zu uns gekommen, mehr oder weniger eine Notfallaufnahme. Die Besitzerin hatte gesagt, er sei ein Streuner, nur geholfen habe sie ihm.
Dabei war er dreimal mit ihr umgezogen. Dreimal. Ein wilder Streuner, der dreimal mit umzieht? Wir hatten da so unsere Zweifel, aber letztendlich war das egal.
Was zählte, war, dass er ein Glaukom hatte. „Das ist quasi ein grüner Star“, sagte ich. „Ein richtig dickes, blindes Auge, das höllisch weh tut. Der hat das wahrscheinlich schon Monate oder vielleicht sogar Jahre gehabt.
“
Jemand im Chat schrieb: „Glupschauge. “
„Ja, genau, kann man so sagen“, antwortete ich. „Auf jeden Fall war das Auge milchig und total schmerzhaft. Da half nichts anderes, das musste raus.
“
Die OP war ein Notfall gewesen. Wir hatten eigentlich keinen Platz, wir waren rappelvoll, wie so oft. Aber dann kam diese Anfrage und wir konnten nicht Nein sagen. Was hätte mit ihm passiert?
Im schlimmsten Fall hätten sie ihn auf die Straße gesetzt. Also nahmen wir ihn auf, und er kam direkt in die Not-OP. Erst danach stellte sich heraus, dass er auf dem zweiten Auge auch nichts mehr sah. Er orientierte sich gar nicht, lief überall gegen.
Wir hatten gemerkt, dass da etwas nicht stimmte, als er ständig mit dem Kopf gegen Dinge lief, die direkt vor ihm standen. „Für ihn ist es jetzt ganz wichtig, dass sein Zimmer immer genau gleich aussieht“, erklärte ich. „Bevor er den Kragen bekam, standen hier Kratzbäume drin. Und nach dem Saubermachen mussten die wirklich immer genau an dieselbe Stelle.
Sonst hat er sich nicht zurechtgefunden. “
Jemand aus dem Chat fragte nach den Kratzbäumen. „Die sind jetzt raus“, sagte ich. „Mit dem Kragen können wir das nicht riskieren.
Er könnte sich irgendwo verfangen oder runterfallen. Deshalb hat er jetzt nur Decken, Körbchen und Kratzpappen. Die nutzt er übrigens ganz gut. “
Freddy stand langsam auf und tapsste vorsichtig ein paar Schritte.
Er wirkte unsicher, aber ruhig. Der Kragen schien ihn nicht zu stören, er hatte sich offenbar schon daran gewöhnt. „Er ist ein zuckersüßer Spatz“, sagte ich. „Total verschmust, wenn man ihn kennenlernt.
Die Besitzerin hat ihn als wilden Streuner beschrieben, aber das ist er überhaupt nicht. Er ist ein Schatz. “
Jemand im Chat fragte, ob er ein Zuhause suche. „Sobald seine Wunde verheilt ist, ja“, antwortete ich.
„Aber es wird nicht leicht. Ein blinder Kater, der auf sieben, acht Jahre geschätzt wird – das ist nicht einfach zu vermitteln. Die Leute wollen meistens junge, gesunde Katzen. Aber er hat so viel Liebe verdient.
“
Ich schaute noch einmal in die Kamera. „Wir hoffen einfach, dass sich jemand findet, der ihm ein Zuhause gibt. Er ist es wert. “
Die Mods hatten unterdessen wieder fleißig Willkommensgrüße rausgehauen.
Ich warf einen Blick auf das Tablet, das auf einem kleinen Tisch stand. Da waren wieder ein paar neue Abos reingekommen. „Vielen Dank für das Prime Abo! “, sagte ich.
„Und danke für die verschenkten Abos. Das ist wirklich großartig. “
Jemand hatte fünf Abos verschenkt. Fünf.
Das war nicht selbstverständlich. „Wir haben übrigens letzten Monat endlich die Gewinnausschüttung erreicht“, erzählte ich weiter. „Ab Mai gibt es dann die 60/30-Auswertung. Das macht einen riesigen Unterschied bei der monatlichen Auszahlung.
“
Ein Zuschauer schrieb etwas von „Abopunkten“. „Ja, wir haben schon zehn Abopunkte“, lachte ich. „Das ist der Wahnsinn. Wir hätten nie gedacht, dass wir das so schnell schaffen.
Danke an alle, die uns dabei unterstützen. “
Jemand anderes hatte Bits geschickt. Ich sah es auf dem Tablet, weil mein Handy gerade woanders lag. „Danke für die 100 Bits“, sagte ich.
„Und danke für die 50 Bits für die Bildschirm-Celebration. Ich sehe das gerade hier auf dem Tablet, auf dem Handy sehe ich das leider nicht. “
Ich stand auf und streckte mich. Meine Füße waren eingeschlafen.
„Ich glaube, wir gehen jetzt mal weiter. Aber vorher machen wir noch kurz das Katzenklo sauber. “
Ich nahm die Schaufel und ging zu dem Katzenklo, das in einer Ecke des Raumes stand. Die Katzen, die wir gerade gestreichelt hatten, schauten uns neugierig zu.
Eine von ihnen, Hazel, war besonders zutraulich geworden, seitdem sie ihre Kitten hatte. „Hazel ist eigentlich zahm“, erklärte ich. „Sie kommt raus, sie lässt sich streicheln. Aber seit sie ihre Kitten hat, ist sie sehr in sich gekehrt.
Sie beschützt sie, hat immer ein Auge darauf. Wir lassen sie in Ruhe und füttern sie ein bisschen mit Schleckis in ihrer Höhle. “
Ich hielt die Kamera kurz auf eine Ecke, wo Hazel zusammengerollt lag, ihre Kitten eng an sich gedrückt. „Die Kleinen haben gestern übrigens ordentlich zugenommen“, sagte ich.
„188 und 142 Gramm. Gestern waren es noch 172 und 132. Das ist ein super Fortschritt. “
Eine Zuschauerin schrieb: „Die sind ja total niedlich.
“
„Ja, oder? “, sagte ich. „Lecky ist übrigens eine Geheimwaffe. Der hat uns letztes Jahr dabei geholfen, unseren traumatisierten Frischflausch zu zähmen.
Mit Schleckis kann man einfach jedes Herz erobern. “
Ich lachte. „Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viel geben. Sonst gibt es Durchfall.
Aber ein Schlecky am Tag tut niemandem weh. Selbst unsere schüchternen Katzen kommen dann raus und lassen sich streicheln. “
Jemand fragte nach den anderen Katzen. „Wir gehen gleich zu Freddy“, sagte ich.
„Aber vorher zeige ich euch noch kurz die anderen. Wir haben eine trächtige Katze, Fabi, die bald Kitten bekommt. Wie weit sie genau ist, wissen wir nicht. Wir lassen uns überraschen.
“
Ich schaute in die Kamera. „Sie braucht auf jeden Fall viel Energie. Sie hat hier Nassfutter und Kittenmilch stehen, das ist hochkalorisch. Sie frisst zum Glück ganz gut.
“
Wir gingen weiter durch den Raum. Jemand fragte nach dem Zeitplan. „Ab Mai sind wir übrigens wieder mittwochs und am Wochenende da“, sagte ich. „Der Mittwoch findet wieder im Tierheim statt.
Im April haben wir es nicht hinbekommen, aber jetzt klappt es wieder. Und wir versuchen, zusätzlich einmal unter der Woche einen Plauder-Stream von zu Hause zu machen. Aber wir müssen noch schauen, wann und wie. “
Jemand fragte nach dem Schichtdienst und ob man dann besser eine oder zwei Katzen halten sollte.
„Katzen, wenn es geht, immer zu zweit“, antwortete ich. „Kitten vermitteln wir auch nur zu zweit. Katzen sind hochsoziale Tiere, die wollen einen Artgenossen an ihrer Seite. Es gibt Ausnahmen, wenn die Sozialisierung fehlgeschlagen ist, aber ansonsten: immer zwei Katzen.
Du machst dir und den Katzen eine riesige Freude. “
Eine Zuschauerin schrieb, dass ihr Kater Hugo nicht gerne schwimmen gehe. „Ich kenne auch ein paar, die gar nicht ins Wasser gehen und das richtig blöd finden“, sagte ich. „Das ist normal.
Frag dich lieber, ob Hugo nicht gerne einen Artgenossen hätte. Was sagt das Tierheim dazu? Habt ihr mit denen gesprochen? “
Wir kamen an einem Zwinger vorbei, in dem ein Hund lag.
Ich blieb stehen. „Das ist Paul“, sagte ich leise. „Paul ist unser aktuell einziger Seniorhund. Er ist elfeinhalb Jahre alt, ein Schäferhund-Collie-Mischling.
Ein super feiner Kerl. “
Ich holte tief Luft. „Paul hat drei Tage neben seinem verstorbenen Besitzer gesessen, bis er gefunden wurde. Das Ordnungsamt konnte keine Angehörigen ausfindig machen.
Deshalb ist er jetzt hier. “
Paul hob kurz den Kopf, als er unsere Stimmen hörte, und legte ihn dann wieder auf seine Pfoten. Er wirkte verloren, völlig orientierungslos. „Er ist erst seit Kurzem bei uns“, erklärte ich.
„Es fällt ihm unglaublich schwer hier. Elfeinhalb Jahre hat er vermutlich bei seinem Menschen gelebt, hat dessen Tod miterlebt und war dann drei Tage hilflos daneben. Und jetzt sitzt er hier im Zwinger. “
Ich schaute in die Kamera.
„Eigentlich gehört kein Tier ins Tierheim, aber so ein Paul hat es einfach besonders schwer. Wir versuchen, ihm so viel Ansprache wie möglich zu geben, aber wir sind rappelvoll. Es bleibt leider nicht für jeden gleich viel Zeit. “
Jemand fragte, ob sich schon Interessenten gemeldet hätten.
„Tatsächlich ja“, sagte ich und lächelte. „Ich glaube, unsere Michelle hat heute mit Leuten telefoniert, die ihn kennenlernen wollen. Wir hoffen, dass er bald ausziehen darf. Er hat es sich mehr als verdient.
“
Ich machte eine kurze Pause. „Aber für Senioren ist es einfach schwer, einen Platz zu finden. Man muss sich bewusst sein, dass ein Seniorhund schnell in die Tierarztkosten schießen kann. Das hat jeder Hund irgendwann im Alter.
Manche Hunde haben auch im Alter nichts, aber man muss es einkalkulieren. “
Jemand fragte nach den Schildkröten. „Die beiden Wasserschildkröten sind leider noch hier“, antwortete ich. „Aber unsere Landschildkröten am zweiten Standort in Geldo dürfen jetzt tagsüber auf die Schildkrötenwiese.
Das ist schön zu sehen. “
Wir gingen weiter. „So, jetzt zeige ich euch noch kurz die anderen Katzen und dann machen wir den Primetime-Stream mit Paul. Wir holen ihn in den Aufenthaltsraum und gehen mit ihm eine Runde spazieren.
“
Eine Zuschauerin schrieb: „Ich habe nur gelesen, dass irgendetwas 48 Stunden hält. “
Ich musste lachen. „Was zur Hölle? Geht ihr nicht duschen?
Deo ist keine Alternative, Leute. Duschen! “
Die Zuschauerin schrieb zurück: „Da stand was von Nutzlos, das hält 48 Stunden. “
„Ach so“, sagte ich und lachte weiter.
„Nein, das war wohl ein anderes Thema. Egal, wir gehen jetzt zu Freddy. “
Wir blieben vor Freddys Zimmer stehen. „Er hat aktuell einen Kragen auf“, erklärte ich.
„Er hat sich die Wunde wieder aufgekratzt und wir mussten ihn schützen. Deshalb sind auch alle Kratzbäume raus. Er hat nur Decken und Körbchen, damit er sich nicht verletzen kann. “
Ich öffnete die Tür und ging hinein.
Freddy lag auf einer Decke und hob den Kopf, als er unsere Schritte hörte. „Hi Freddy“, sagte ich sanft. Er blinzelte mit seinem einen gesunden Auge in unsere Richtung, obwohl er uns nicht sehen konnte. Sein Körper war angespannt, aber er blieb liegen.
„Oh, das sieht schon so viel besser aus“, sagte ich und beugte mich zu ihm. „Die Wunde heilt gut. Es ist noch ein bisschen rot, aber es schließt sich langsam. “
Ich setzte mich neben ihn auf den Boden.
„Er ist ein zuckersüßer Spatz“, sagte ich in die Kamera. „Wenn man ihn kennenlernt, ist er total verschmust. Er ist leider komplett blind, aber er hat sich hier gut eingelebt. Sobald seine Wunde verheilt ist, sucht er ein Zuhause.
“
Jemand fragte nach seiner Vorgeschichte. „Freddy kam als Notfallaufnahme zu uns“, erklärte ich. „Er hatte ein Glaukom auf einem Auge, ein richtig schmerzhaftes Blauauge. Das musste sofort raus.
Wir hatten eigentlich keinen Platz, aber wir konnten nicht Nein sagen. Im schlimmsten Fall hätten sie ihn auf die Straße gesetzt. “
Ich streichelte Freddy vorsichtig über den Kopf. „Er kam direkt in die Not-OP.
Und danach hat sich herausgestellt, dass er auf dem zweiten Auge auch blind ist. Er konnte sich gar nicht orientieren, ist überall gegen gelaufen. “
Freddy legte seinen Kopf auf meine Hand. Er schnurrte leise.
„Für ihn ist es wichtig, dass sein Zimmer immer gleich aussieht“, fuhr ich fort. „Bevor er den Kragen bekam, standen hier Kratzbäume. Nach dem Saubermachen mussten sie immer genau an dieselbe Stelle. Er hat sich nur über die Umgebung orientiert.
Wir wollten ihm die Chance geben, dass er sich nicht jedes Mal neu zurechtfinden muss. “
Ich schaute in die Kamera. „Jetzt muss er leider den Kragen tragen, weil er sich das Auge wieder aufgekratzt hat. Das ist eine große Gefahr, dass es sich infiziert.
Aber sobald die Wunde verheilt ist, kommt der Kragen ab, und dann kriegt er auch wieder Kratzbäume. “
Freddy gähnte und legte sich wieder hin. Er wirkte entspannt, fast friedlich. „Er wird auf sieben, acht Jahre geschätzt“, sagte ich.
„Das ist kein junger Kater mehr. Es wird nicht leicht, ein Zuhause für ihn zu finden. Aber er hat so viel Liebe verdient. Er ist ein richtig süßer Kerl.
“
Ich stand auf und schaute noch einmal auf ihn. „Wir geben alles, dass er sich hier wohlfühlt. Und wenn er dann soweit ist, hoffen wir, dass sich jemand findet, der ihm ein Zuhause gibt. Ein blindes Tier kann auch ein wunderbares Zuhause finden.
“
Ich sah zu Michelle, die neben mir stand. „Sollen wir dann zu Paul gehen? “
Sie nickte. „Ja, ich mache den Primetime-Stream mit ihm.
Wir holen ihn in den Aufenthaltsraum und gehen mit ihm eine Runde spazieren. Er freut sich sicher, wenn er rauskommt. “
Wir verließen Freddys Zimmer und gingen zurück zu Pauls Zwinger. Paul stand auf, als er uns kommen sah, und wedelte vorsichtig mit dem Schwanz.
„Na, Paul“, sagte ich weich. „Kommst du mit? “
Er schaute uns an, als wollte er fragen: „Wirklich? “, und kam dann langsam auf uns zu.
Wir öffneten die Tür und er trat heraus, vorsichtig, fast schüchtern, als hätte er vergessen, wie es sich anfühlt, außerhalb seines Zwingers zu sein. „Er ist so ein feiner Kerl“, sagte ich. „Ich hoffe wirklich, dass er bald ein Zuhause findet. Er hat es so verdient.
“
Wir führten Paul durch den Flur, an den anderen Zwingern vorbei. Er ging ruhig neben uns her, den Kopf leicht gesenkt, aber mit einem Hauch von Neugier. „Kommt, wir gehen eine Runde um das Gelände“, schlug ich vor. „Er soll mal wieder frische Luft schnappen.
“
Paul folgte uns nach draußen, wo die Nachmittagssonne über dem Tierheim lag. Er blieb stehen, hob den Kopf und nahm die Luft auf. Es war das erste Mal, dass ich so etwas wie Entspannung in seinem Gesicht sah. Wir gingen langsam über den Hof, Paul an der Leine neben uns.
Er war ein ruhiger, würdevoller Hund, der trotz allem, was er durchgemacht hatte, noch Vertrauen fasste. Er lehnte sich hin und wieder an unsere Beine, als suchte er Halt. „Ich glaube, der freut sich richtig“, sagte ich. Michelle nickte.
„Er ist wirklich ein Schatz. Ich hoffe, die Leute von heute melden sich. Der würde so ein schönes Zuhause verdienen. “
Ich schaute Paul an, der mit gespitzten Ohren neben uns herging.
„Ja“, sagte ich. „Das würde er. “
Wir gingen noch eine Weile spazieren, bevor wir zurückgingen. Paul ließ sich bereitwillig wieder in seinen Zwinger führen, aber ich sah, wie er uns nachschaute, als wir uns entfernten.
Es lag etwas in seinem Blick, das nicht zu beschreiben war. Trauer, ja, aber auch etwas anderes. Etwas, das aussah wie Hoffnung.


