DER ROSA WINKEL – DIE VERGESSENEN OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS: WIE HITLERS REGIME HOMOSEXUELLE MÄNNER JAGTE, FOLTERTE UND TAUSENDE VON IHNEN IN KONZENTRATIONSLAGERN STERBEN LIESS

DER ROSA WINKEL – DIE VERGESSENEN OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS: WIE HITLERS REGIME HOMOSEXUELLE MÄNNER JAGTE, FOLTERTE UND TAUSENDE VON IHNEN IN KONZENTRATIONSLAGERN STERBEN LIESS

TEIL 1 – DER BEGINN EINER VERFOLGUNG, DIE EIN GANZES LEBEN ZERSTÖRTE

Am 30. Januar 1933 änderte sich Deutschland für Millionen Menschen für immer.

An diesem Tag wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Für seine Anhänger begann eine neue politische Ära.

Für viele andere begann eine Zeit der Angst.

Innerhalb weniger Monate zerstörte das nationalsozialistische Regime grundlegende Rechte und Freiheiten.

Politische Gegner wurden verfolgt.

Die Presse wurde kontrolliert.

Organisationen wurden verboten.

Menschen, die nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten passten, wurden zu Feinden erklärt.

Unter ihnen befanden sich auch homosexuelle Männer.

Sie wurden nicht verfolgt, weil sie eine politische Gefahr darstellten.

Sie wurden verfolgt, weil das NS-Regime ihre Existenz als Bedrohung seiner rassistischen und gesellschaftlichen Vorstellungen betrachtete.

Wenn euch historische Geschichten interessieren, die zeigen, wie Vorurteile zu staatlicher Gewalt werden können, bleibt bis zum Ende dabei.

Denn die Geschichte der Männer mit dem rosa Winkel ist nicht nur die Geschichte eines Verbrechens.

Sie ist auch die Geschichte von Menschen, deren Leid nach dem Krieg jahrzehntelang kaum anerkannt wurde.

Bereits kurz nach der Machtübernahme errichteten die Nationalsozialisten eines der ersten Konzentrationslager des Regimes:

Dachau.

Das Lager bei München wurde zunächst für politische Gefangene geschaffen.

Kommunisten.

Sozialdemokraten.

Gewerkschafter.

Regimegegner.

Doch bald wurden auch andere Gruppen dorthin verschleppt.

Juden.

Religiöse Minderheiten.

Menschen, die von den Nazis als „asozial“ bezeichnet wurden.

Und homosexuelle Männer.

Die Nationalsozialisten betrachteten Homosexualität nicht als private Angelegenheit.

In ihrer Ideologie sollte jeder Mensch einer bestimmten Rolle dienen.

Männer sollten Soldaten, Arbeiter und Väter einer angeblich „reinen“ deutschen Volksgemeinschaft sein.

Sexualität wurde ausschließlich mit Fortpflanzung verbunden.

Eine Beziehung zwischen Männern widersprach diesem Weltbild.

Die Nationalsozialisten bezeichneten Homosexualität als „Entartung“.

Sie behaupteten, sie gefährde die Zukunft des deutschen Volkes.

Diese Vorstellung war nicht plötzlich im Jahr 1933 entstanden.

Schon seit dem Kaiserreich existierte der Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches.

Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe.

Doch während der Weimarer Republik entwickelte sich trotz dieser gesetzlichen Einschränkung eine sichtbare homosexuelle Kultur.

Vor allem in Großstädten wie Berlin entstanden Treffpunkte, Zeitschriften und Organisationen.

Viele Aktivisten kämpften für eine Abschaffung des Paragraphen 175.

Wissenschaftler und Schriftsteller setzten sich für eine Entkriminalisierung ein.

Berlin wurde international bekannt für seine vergleichsweise offene Kulturszene.

Genau diese Entwicklung hassten die Nationalsozialisten.

Für Hitler und seine Anhänger symbolisierte die Weimarer Republik alles, was sie ablehnten:

Demokratie.

Kulturelle Vielfalt.

Offene Sexualität.

Individuelle Freiheit.

Die Nazis bezeichneten diese Zeit als moralischen Verfall.

Nach ihrer Machtübernahme begannen sie, die homosexuelle Gemeinschaft systematisch zu zerstören.

Eine der ersten Maßnahmen war die Schließung von Treffpunkten.

Bars und Clubs, in denen sich homosexuelle Männer trafen, wurden durchsucht oder geschlossen.

Organisationen mussten sich auflösen.

Zeitschriften und Verlage verschwanden.

Damit verloren viele Menschen ihre sozialen Netzwerke.

Orte, an denen sie Freunde treffen konnten.

Orte, an denen sie nicht verstecken mussten, wer sie waren.

Doch die Nationalsozialisten wollten mehr als nur öffentliche Treffpunkte zerstören.

Sie wollten Menschen identifizieren.

Überwachen.

Verhaften.

Ab Ende 1933 und Anfang 1934 verstärkten Polizei und Gestapo ihre Maßnahmen.

Männer wurden registriert.

Akten wurden angelegt.

Informationen wurden gesammelt.

Diese Listen wurden später als sogenannte „Rosa Listen“ bekannt.

Sie enthielten Namen von Männern, die der Polizei als homosexuell bekannt oder verdächtig waren.

Für viele Betroffene bedeutete ein einziger Eintrag den Beginn einer Katastrophe.

Denn im NS-Staat konnte ein Verdacht ausreichen, um das gesamte Leben eines Menschen zu zerstören.

Besonders gefährlich waren Denunziationen.

Die Gestapo und Kriminalpolizei waren nicht nur auf eigene Ermittlungen angewiesen.

Sie erhielten Hilfe aus der Bevölkerung.

Nachbarn.

Kollegen.

Bekannte.

Familienmitglieder.

Menschen konnten andere anzeigen.

Oft nicht wegen tatsächlicher Straftaten.

Manchmal nur wegen Gerüchten.

Viele Denunzianten übernahmen die Sprache der Nationalsozialisten.

Sie bezeichneten homosexuelle Männer als unmännlich, pervers oder gefährlich.

Eine persönliche Feindschaft konnte plötzlich zu einer staatlichen Verfolgung führen.

Ein Nachbar, der jemanden nicht mochte.

Ein Kollege mit persönlichem Streit.

Eine Person, die Vorurteile hatte.

Jeder konnte einen Verdacht melden.

Und der Staat reagierte.

Die Polizei führte Razzien durch.

Verdächtige Männer wurden verhaftet.

Sie wurden verhört.

Viele wurden unter massivem Druck gezwungen, Namen weiterer Personen zu nennen.

Auf diese Weise entstanden ganze Netzwerke von Verfolgung.

Ein Mann wurde verhaftet.

Unter Folter nannte er andere Namen.

Diese Männer wurden ebenfalls verhaftet.

Und die Liste wurde immer länger.

Die Nationalsozialisten nutzten den Paragraphen 175 als Werkzeug der Unterdrückung.

Doch 1935 verschärften sie das Gesetz erheblich.

Die neue Version stellte nicht mehr nur eindeutig sexuelle Handlungen unter Strafe.

Auch andere Formen von Nähe und Kontakt konnten verfolgt werden.

Dadurch konnten die Behörden viel mehr Männer kriminalisieren.

Die Zahl der Ermittlungen stieg dramatisch.

Was zuvor ein relativ begrenztes Strafrecht gewesen war, wurde nun zu einem Instrument der Massenverfolgung.

Eine weitere wichtige Figur in dieser Entwicklung war Heinrich Himmler.

Als Chef der SS und der deutschen Polizei war er einer der radikalsten Gegner homosexueller Männer.

Für Himmler war Homosexualität nicht nur eine persönliche Angelegenheit.

Er betrachtete sie als Gefahr für die Geburtenrate und damit für die Zukunft Deutschlands.

1936 gründete er die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“.

Diese Behörde arbeitete eng mit der Kriminalpolizei und der Gestapo zusammen.

Ihr Ziel war die systematische Verfolgung homosexueller Männer.

Polizeibehörden erhielten mehr Macht.

Ermittlungen wurden ausgeweitet.

Akten wurden miteinander verbunden.

Ein riesiger Überwachungsapparat entstand.

Doch auch innerhalb der NS-Führung gab es Widersprüche.

Der bekannteste Fall war Ernst Röhm.

Röhm war einer der wichtigsten Männer der NS-Bewegung.

Er war der Führer der SA, der Sturmabteilung.

Millionen Menschen kannten die braunen Uniformen der SA.

Röhm war offen homosexuell.

Seine Orientierung war innerhalb der NSDAP bekannt.

Für ihn widersprach seine Sexualität nicht seiner politischen Rolle.

Doch seine Existenz stellte ein Problem für die Propaganda dar.

Denn gleichzeitig behaupteten die Nationalsozialisten, Homosexualität sei eine Bedrohung für die Gesellschaft.

1934 wurde Röhm während der sogenannten Nacht der langen Messer ermordet.

Hitler ließ die Führung der SA ausschalten.

Hunderte Menschen wurden getötet.

Darunter auch Männer, die als homosexuell galten.

Nach Röhms Ermordung nutzte das Regime seine Sexualität als Propaganda.

Die Nazis stellten ihn nachträglich als Beispiel für ihre Feindbilder dar.

Sein Fall zeigte die Brutalität eines Systems, in dem persönliche Beziehungen und politische Machtkämpfe miteinander verbunden waren.

Nach 1935 nahm die Verfolgung weiter zu.

Die Polizei führte verstärkt Razzien durch.

Männer wurden vor Gericht gestellt.

Viele erhielten Gefängnisstrafen.

Andere wurden direkt in Konzentrationslager eingewiesen.

Nicht jeder nach Paragraph 175 verurteilte Mann kam in ein KZ.

Viele verbüßten zunächst normale Haftstrafen.

Doch für einige begann mit der Verhaftung ein noch schlimmeres Kapitel.

Sie wurden in Konzentrationslager deportiert.

Dort mussten sie ein besonderes Zeichen tragen:

Den rosa Winkel.

Dieses Symbol wurde auf die Häftlingskleidung genäht.

Es sollte den Grund ihrer Gefangenschaft sichtbar machen.

Für die SS bedeutete der rosa Winkel, dass diese Männer als besonders verachtenswert galten.

Innerhalb der Lagerhierarchie standen sie häufig ganz unten.

Sie waren isoliert.

Sie hatten kaum Unterstützung.

Andere Häftlinge halfen ihnen oft nicht, weil auch innerhalb der Lager Vorurteile gegen Homosexuelle existierten.

Für die SS waren sie leichte Opfer.

Viele wurden brutal misshandelt.

Sie mussten schwere Zwangsarbeit leisten.

Sie wurden gedemütigt.

Gefoltert.

Und manche wurden gezielt ermordet.

Die Geschichte eines dieser Männer war Josef Kohut.

Er wurde 1939 verhaftet.

Der Grund:

Eine abgefangene Weihnachtskarte an seinen männlichen Partner.

Nach seiner Deportation nach Sachsenhausen erlebte er die grausame Realität der Lager.

Homosexuelle Häftlinge wurden besonders streng überwacht.

Sie durften kaum Kontakt zu anderen Gefangenen aufnehmen.

Sie lebten isoliert.

Sie waren der Gewalt der SS und der Lagergesellschaft fast schutzlos ausgeliefert.

Kohut überlebte.

Doch viele andere Männer mit dem rosa Winkel nicht.

Und während das Regime immer weiter gegen sie vorging, wurde die Verfolgung noch systematischer.

Denn der Krieg begann.

Und mit dem Krieg wurde die Gewalt des NS-Staates noch größer.

Was nun mit tausenden homosexuellen Männern geschah, sollte zu einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte werden …

FORTSETZUNG IN TEIL 2