TEIL 1 – DIE FRAU, DIE DEN MACHTAPPARAT DES NS-REGIMES BEJUBELTE
Im Sommer 1940 wirkte der Obersalzberg in Bayern wie eine Welt, die nichts mit dem Krieg zu tun hatte. Während deutsche Truppen große Teile Europas eroberten, während Millionen Menschen verfolgt wurden und während die Führung des NS-Regimes die Grundlagen für einen beispiellosen Massenmord schuf, genossen die Familien der nationalsozialistischen Elite die Ruhe der Alpen.

Auf den Bergen rund um Hitlers Berghof spazierten Frauen durch gepflegte Gärten, tranken Kaffee am Nachmittag und sahen abends Filme in privaten Vorführungen. Es war eine abgeschirmte Welt aus Komfort, Privilegien und Macht.
Nur wenige Kilometer entfernt begann für Millionen Menschen eine völlig andere Realität.
Hunger.
Gefängnisse.
Deportationen.
Tod.
Eine Frau in dieser abgeschotteten Welt nahm eine besondere Stellung ein.
Sie war nicht diejenige, die Befehle unterschrieb.
Sie war nicht diejenige, die öffentlich Reden hielt.
Aber sie war Teil des innersten Kreises des NS-Regimes.
Sie kannte Adolf Hitler persönlich seit ihrer Kindheit.
Sie war mit einem Mann verheiratet, der später einer der mächtigsten Funktionäre des Dritten Reiches wurde.
Und sie unterstützte die Ideologie, die Millionen Menschen das Leben kostete.
Ihr Name war Gerda Bormann.
Wenn euch historische Geschichten interessieren, die nicht nur die bekannten Führer einer Diktatur betrachten, sondern auch die Menschen in ihrem persönlichen Umfeld, bleibt bis zum Ende dabei. Denn Gerda Bormanns Geschichte zeigt, dass ein verbrecherisches System nicht nur durch Männer in Uniform getragen wurde. Es wurde auch durch Menschen unterstützt, die diese Ideologie im Alltag akzeptierten, verteidigten und an die nächste Generation weitergaben.
Gerda Bormann wurde am 23. Oktober 1909 als Gerda Buch in Konstanz am Bodensee geboren.
Sie war die älteste von vier Kindern.
Ihr Vater Walter Buch war Berufsoffizier und überzeugter deutscher Nationalist.
Schon früh prägte er die Weltanschauung seiner Tochter.
Walter Buch gehörte zu jenen Männern, die die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg niemals akzeptierten.
Wie viele Nationalisten seiner Generation suchte er nach einer Erklärung für den Zusammenbruch des Kaiserreiches.
Er fand sie nicht in politischen Fehlern oder militärischen Niederlagen.
Er suchte die Schuld bei angeblichen inneren Feinden.
Diese Denkweise wurde später ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie.
Ende 1922 trat Walter Buch der NSDAP bei.
Damit gehörte er zu den frühen Anhängern Adolf Hitlers.
Seine politische Bedeutung innerhalb der Partei wuchs.
1927 wurde er Vorsitzender des Parteigerichts der NSDAP.
Damit war er verantwortlich für die interne Disziplin und die ideologische Kontrolle innerhalb der Bewegung.
Er entschied darüber, ob Parteimitglieder gegen die Regeln der nationalsozialistischen Organisation verstoßen hatten.
Die Familie Buch war dadurch eng mit der frühen NS-Führung verbunden.
Adolf Hitler selbst besuchte regelmäßig das Haus der Familie.
Für Gerda war Hitler kein ferner Politiker aus Zeitungen.
Er saß an ihrem Esstisch.
Er sprach mit ihrer Familie.
Er gehörte zu ihrer Kindheit.
Während andere Menschen Hitler erst später durch Propaganda kennenlernten, begegnete Gerda ihm als Teil ihres privaten Umfelds.
Auch die antisemitische Ideologie ihres Vaters war in ihrem Elternhaus präsent.
Walter Buch äußerte sich offen gegen jüdische Menschen.
Für Gerda war diese Haltung nicht nur politische Propaganda.
Sie war Teil der Atmosphäre, in der sie aufwuchs.
Sie lernte früh, dass die nationalsozialistische Weltanschauung in ihrer Familie als selbstverständlich dargestellt wurde.
Nach ihrer Schulzeit absolvierte Gerda eine Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Ihr Leben schien zunächst einen gewöhnlichen Weg zu nehmen.
Doch ihre familiären Verbindungen führten sie immer tiefer in die nationalsozialistische Elite.
Mit neunzehn Jahren lernte sie Martin Bormann kennen.
Er war neun Jahre älter als sie.
Bormann war bereits politisch aktiv und hatte eine problematische Vergangenheit.
Er war wegen seiner Beteiligung an der Ermordung des deutschen Lehrers Walter Kadow zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden.
Für Walter Buch war diese Verbindung zunächst schwierig.
Ein Mann mit einer kriminellen Vergangenheit schien nicht der ideale Schwiegersohn.
Doch schließlich stimmte er der Beziehung zu.
Am 2. September 1929 heirateten Gerda Buch und Martin Bormann.
Die Hochzeit war kein gewöhnliches Familienereignis.
Adolf Hitler und Rudolf Hess waren Trauzeugen.
Damit wurde deutlich, wie eng die Verbindung zwischen der Familie Buch, Martin Bormann und der Spitze der NSDAP bereits war.
Für Bormann bedeutete die Ehe einen wichtigen sozialen und politischen Vorteil.
Über die Familie seiner Frau erhielt er weiterhin Zugang zu Hitler.
Und Bormann verstand sehr genau, wie wertvoll diese Nähe war.
Er war ein Mann, der Beziehungen, Loyalität und Macht miteinander verband.
Nach der Hochzeit begann sein Aufstieg innerhalb der NSDAP.
Als Adolf Hitler 1933 Reichskanzler wurde, war Martin Bormann bereits ein wichtiger Funktionär.
Er arbeitete als Sekretär von Rudolf Hess.
Im Oktober 1933 wurde er zum Reichsleiter ernannt.
Damit gehörte er zu den höchsten Rängen innerhalb der Parteihierarchie.
Gerda beobachtete diesen Aufstieg aus nächster Nähe.
Und sie unterstützte ihn.
Sie sah nicht nur den beruflichen Erfolg ihres Mannes.
Sie sah den Aufstieg einer Bewegung, an die sie selbst glaubte.
Zwischen 1930 und 1943 brachte Gerda Bormann zehn Kinder zur Welt.
Für das NS-Regime entsprach sie damit dem Idealbild der nationalsozialistischen Frau.
Die Frau sollte vor allem Mutter sein.
Sie sollte Kinder für das Volk gebären.
Sie sollte die Familie im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie formen.
Gerda erfüllte dieses Bild vollständig.
Sie trug traditionelle Kleidung.
Sie präsentierte sich öffentlich als Ehefrau und Mutter.
Und sie wurde für ihre Rolle geehrt.
Ihr erstes Kind wurde am 14. April 1930 geboren.
Der Sohn erhielt den Namen Martin Adolf.
Der Name Adolf war eine direkte Verbindung zu Hitler, der als Pate des Kindes fungierte.
Weitere Kinder erhielten Namen, die Verbindungen zu führenden Nationalsozialisten zeigten.
Heinrich Hugo wurde nach Heinrich Himmler benannt.
Rudolf Gerhard nach Rudolf Hess.
Die Familie Bormann verband damit ihr eigenes Familienleben direkt mit der Spitze des Regimes.
Doch die politische Lage veränderte sich.
1941 flog Rudolf Hess überraschend nach Schottland.
Seine Mission scheiterte.
Innerhalb des NS-Regimes wurde sein Name plötzlich problematisch.
Kinder, die nach Hess und seiner Familie benannt worden waren, erhielten neue Namen.
Aus der politischen Nähe wurde plötzlich eine Belastung.
Gerda und Martin Bormann blieben jedoch weiterhin überzeugte Nationalsozialisten.
Im September 1943 wurde ihr zehntes Kind geboren.
Da Gerda mehr als acht Kinder hatte, erhielt sie das Ehrenkreuz der deutschen Mutter in Gold.
Diese Auszeichnung war Teil der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik.
Frauen wurden nicht für wissenschaftliche Leistungen, berufliche Erfolge oder gesellschaftliches Engagement geehrt.
Ihr Wert wurde vor allem daran gemessen, wie viele Kinder sie dem Staat „schenkten“.
Gerda verkörperte dieses Ideal nicht widerwillig.
Sie nahm es an.
Sie verteidigte es.
Und sie erzog ihre Kinder entsprechend.
Die Familie lebte auf dem Obersalzberg in Bayern.
Dieser Ort wurde während der NS-Zeit zu einem wichtigen Machtzentrum.
Martin Bormann spielte eine entscheidende Rolle beim Ausbau des Alpenkomplexes.
Er kaufte große Mengen Land auf.
Straßen wurden gebaut.
Kasernen entstanden.
Gästehäuser wurden errichtet.
Das berühmte Kehlsteinhaus, auch Adlerhorst genannt, wurde gebaut.
Der gesamte Komplex erstreckte sich über viele Quadratkilometer.
Das Familienhaus der Bormanns lag in Sichtweite von Hitlers Berghof.
Für Gerda war die Nähe zu Hitler Teil ihres gesamten Erwachsenenlebens.
Ihre Kinder spielten in der Nähe von Männern, die gleichzeitig Entscheidungen trafen, die das Leben von Millionen Menschen zerstörten.
Der private Alltag der Familie wirkte nach außen fast normal.
Doch hinter den Kulissen war die Ehe der Bormanns keineswegs harmonisch.
Martin Bormann galt als autoritär und herrschsüchtig.
Er kontrollierte seine Umgebung.
Er erwartete Gehorsam.
Selbst gegenüber seiner Frau zeigte er wenig Respekt.
Berichten zufolge pfiff er nach Gerda, als würde er einen Hund rufen.
Er trank viel.
Er hatte Wutausbrüche.
Und nach Zeugenaussagen konnte seine Gewalt auch die Kinder treffen.
Ein Bericht beschreibt, dass er zwei Kinder mit einer Peitsche geschlagen haben soll, weil sie Angst vor einem großen Hund hatten.
Ein anderes Kind soll er getreten haben, nachdem es in eine Pfütze gefallen war.
Auch öffentlich behandelte er seine Frau manchmal erniedrigend.
Doch Gerda reagierte nicht wie viele andere Menschen reagiert hätten.
Sie stellte nicht die Beziehung infrage.
Sie stellte die Ideologie nicht infrage.
Stattdessen suchte sie eine politische Erklärung.
Während des Krieges begann Martin Bormann eine langjährige Beziehung mit der Schauspielerin Manja Behrens.
Er verbrachte zeitweise mehr Zeit mit ihr als mit seiner eigenen Familie.
Viele Menschen hätten darin eine persönliche Krise gesehen.
Gerda interpretierte es anders.
In einem Brief an ihren Mann schrieb sie sinngemäß, dass es besser wäre, wenn eine andere Frau Kinder für ihn bekommen könnte, während sie selbst ebenfalls Kinder zur Welt bringe.
Ihre Lösung war nicht Trennung.
Nicht Kritik.
Sondern eine radikalere Anpassung der Ehe an die Ideologie des Regimes.
Im Februar 1944 setzte sie sich schriftlich für eine sogenannte „Volksnotehe“ ein.
Sie argumentierte, die hohen Kriegsverluste machten eine neue Form der Ehe notwendig.
Männer, die dem Staat besonders wertvoll seien, sollten mehrere Ehefrauen haben dürfen.
Diese Frauen sollten abwechselnd Kinder bekommen.
Das Wort Ehebruch sollte ihrer Meinung nach aus der Sprache verschwinden.
Mit diesen Ideen ging Gerda sogar über viele andere Nationalsozialisten hinaus.
Ihre Briefe zeigen eine Frau, die nicht nur passiv in diesem System lebte.
Sie dachte über eine Gesellschaft nach, die vollständig nach nationalsozialistischen Vorstellungen organisiert sein sollte.
Auch ihre antisemitischen Ansichten waren extrem.
Sie bewunderte Julius Streicher, den Herausgeber der antisemitischen Propagandazeitung „Der Stürmer“.
Sie übernahm die rassistische Sprache des Regimes.
In ihrem Haushalt wurde das Christentum zunehmend als unvereinbar mit dem Nationalsozialismus betrachtet.
Die älteren Kinder wurden noch getauft.
Die später geborenen Kinder nicht mehr.
Ihr Sohn Martin Adolf beschrieb später eine Kindheit, die stark von nationalsozialistischer Ideologie geprägt war.
Die Kinder lernten nicht Mitgefühl als zentrale Tugend.
Sie lernten Zugehörigkeit zu einer angeblichen rassischen Elite.
Während Gerda diese Welt innerhalb der Familie unterstützte, baute ihr Mann gleichzeitig einen der wichtigsten Verwaltungsapparate des NS-Staates auf.
Nach dem Flug von Rudolf Hess nach Schottland übernahm Martin Bormann die Leitung der Parteikanzlei.
Er war nur noch Adolf Hitler direkt unterstellt.
Er spielte eine wichtige Rolle bei politischen Entscheidungen.
Er war an der Umsetzung antijüdischer Maßnahmen beteiligt.
Er unterschrieb den Erlass, durch den die Nürnberger Gesetze auf die annektierten Ostgebiete ausgeweitet wurden.
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion erhielt die Parteikanzlei Berichte über die Massaker der Einsatzgruppen.
Auch Fragen im Zusammenhang mit der sogenannten Endlösung wurden an seine Behörde weitergeleitet.
Martin Bormann gehörte damit zu den zentralen Funktionären des NS-Systems.
Und Gerda wusste, welchen Platz ihr Mann einnahm.
Sie lebte nicht außerhalb dieser Welt.
Sie profitierte von ihr.
Sie unterstützte sie.
Doch im Frühjahr 1945 begann diese Welt zusammenzubrechen.
Am 25. April griffen britische und amerikanische Bomber den Obersalzberg an.
Der Alpenkomplex wurde schwer beschädigt.
Die Orte, die einst Macht und Sicherheit symbolisiert hatten, lagen plötzlich unter Bomben.
Noch am selben Tag floh Gerda mit ihren Kindern nach Süden.
Sie überquerte die Grenze nach Italien.
Ihr Ziel war das Dorf Wolkenstein in Südtirol.
Martin Bormann blieb dagegen in Berlin.
Er gehörte zum engsten Kreis um Hitler im Führerbunker.
Er war Trauzeuge bei Hitlers Hochzeit mit Eva Braun.
Er befand sich dort, als Hitler am 30. April 1945 Selbstmord beging.
Am 1. Mai versuchte Bormann, aus Berlin zu entkommen.
Er verschwand.
Sein Schicksal blieb jahrzehntelang ein Rätsel.
War er entkommen?
Hatte er überlebt?
Viele Gerüchte entstanden.
Erst 1998 wurden seine sterblichen Überreste durch DNA-Analysen eindeutig identifiziert.
Doch für Gerda begann die Abrechnung bereits viel früher.
Die Alliierten fanden sie in Wolkenstein.
Sie wurde verhaftet.
Mehrere Tage wurde sie verhört.
Sie durfte keine Besucher empfangen.
Sie durfte keine Briefe schreiben.
Die Frau, die jahrzehntelang in der Nähe der mächtigsten Männer des NS-Regimes gelebt hatte, war nun selbst ohne Macht.
Doch bevor sie sich vor einem Gericht verantworten konnte, veränderte sich ihr Gesundheitszustand dramatisch.
Im Herbst 1945 wurde sie in ein Krankenhaus in Meran gebracht.
Die Ärzte stellten Gebärmutterkrebs fest.
Dort sollte ihr Leben enden.
Doch die Geschichte der Familie Bormann war damit nicht vorbei.
Denn während Gerda im Krankenhaus lag, begann die Welt zu fragen, welche Verantwortung Menschen wie sie getragen hatten.
Nicht nur diejenigen, die Befehle gaben.
Sondern auch diejenigen, die diese Ideologie in den Familien, in Schulen und im Alltag weitertrugen.
Gerda Bormann starb am 23. März 1946.
Sie wurde nur 36 Jahre alt.
Doch bis zu ihrem Tod musste sie sich niemals vor einem internationalen Gericht für ihre Rolle im NS-System verantworten.
Und genau darin liegt die letzte Frage ihrer Geschichte:
War sie nur die Ehefrau eines mächtigen Mannes?
Oder war sie selbst eine überzeugte Anhängerin einer Ideologie, die Millionen Menschen zerstörte?
Die Antwort sollte sich vor allem in ihren eigenen Briefen finden……
FORTSETZUNG IN TEIL 2

