„JEMAND MUSSTE DEN ANFANG MACHEN“ – SOPHIE SCHOLL WUSSTE, DASS SIE STERBEN WÜRDE, UND SCHRIEB TROTZDEM WEITER

„JEMAND MUSSTE DEN ANFANG MACHEN“ – SOPHIE SCHOLL WUSSTE, DASS SIE STERBEN WÜRDE, UND SCHRIEB TROTZDEM WEITER

TEIL 1 – DAS MÄDCHEN, DAS SICH WEIGERTE ZU SCHWEIGEN

Am 18. Februar 1943 fiel ein Bündel weißer Blätter durch das Treppenhaus der Münchner Universität.

Es waren nur Flugblätter.

Papier.

Gedruckte Worte.

Für die meisten Menschen wären sie wertlos gewesen.

Für das nationalsozialistische Regime waren sie gefährlicher als eine Waffe.

Denn auf diesen Seiten stand etwas, das Hitler und seine Helfer unbedingt verhindern wollten:

Die Deutschen sollten erkennen, dass der Krieg verloren war.

Dass Menschen ermordet wurden.

Dass die nationalsozialistische Herrschaft nicht unbesiegbar war.

Und dass jeder Einzelne die Möglichkeit hatte, Nein zu sagen.

Die Frau, die diese Blätter gerade über das Geländer in den Lichthof warf, wusste, dass sie beobachtet werden konnte.

Sie wusste, dass die Gestapo Studenten verfolgte.

Sie wusste, dass auf Widerstand gegen das Regime die Todesstrafe stehen konnte.

Trotzdem streckte Sophie Scholl ihre Hände aus.

Das letzte Flugblatt glitt aus ihren Fingern.

Es schwebte für einen kurzen Moment durch die Luft.

Dann fiel es zu Boden.

Ein Hausmeister hatte alles gesehen.

Sein Name war Jakob Schmid.

Er war überzeugter Nationalsozialist.

Und wenige Minuten später sollte er dafür sorgen, dass Sophie Scholl und ihr Bruder Hans den Ort nicht mehr verlassen konnten.

Was danach geschah, dauerte nur wenige Tage.

Aber diese Tage machten Sophie Scholl zu einem der bekanntesten Symbole des deutschen Widerstands.

Wenn euch historische Geschichten interessieren, in denen Menschen trotz Angst ihre Überzeugungen verteidigen, bleibt bis zum Ende dabei. Denn Sophie Scholls Geschichte ist nicht die Geschichte einer unbesiegbaren Heldin. Sie war eine junge Frau, die Angst hatte, zweifelte und wusste, was ihr drohte.

Und genau deshalb ist ihr Mut so außergewöhnlich.

Sophie Magdalena Scholl wurde am 9. Mai 1921 in Forchtenberg in Baden-Württemberg geboren.

Sie war das vierte von sechs Kindern von Magdalena und Robert Scholl.

Ihr Vater war Bürgermeister.

Später gründete er in Ulm eine Steuer- und Buchhaltungsfirma.

Die Familie war evangelisch geprägt.

Doch noch wichtiger waren Werte, die Sophie und ihre Geschwister zu Hause lernten.

Aufrichtigkeit.

Verantwortung.

Freiheit des Denkens.

Ihr Vater war kein Anhänger der Nationalsozialisten.

Als Hitler 1933 an die Macht kam, beobachtete Robert Scholl die politische Entwicklung mit großer Skepsis.

Sein Sohn Hans war damals zwölf Jahre alt.

Sophie war elf.

Wie viele Jugendliche ihrer Generation wurden auch sie von der nationalsozialistischen Jugendpolitik erfasst.

Hans trat der Hitlerjugend bei.

Sophie wurde Mitglied des Bundes Deutscher Mädel.

Zunächst schien diese Welt für junge Menschen attraktiv.

Gemeinschaft.

Uniformen.

Fahrten.

Lager.

Musik.

Sport.

Ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Doch hinter dieser Gemeinschaft stand ein politisches Ziel.

Die Nationalsozialisten wollten nicht nur Erwachsene kontrollieren.

Sie wollten die nächste Generation formen.

Kinder sollten lernen, Hitler zu verehren.

Sie sollten Gehorsam gegenüber dem Staat als Tugend betrachten.

Sie sollten sich als Teil einer rassisch definierten „Volksgemeinschaft“ verstehen.

Individualität war unerwünscht.

Kritisches Denken gefährlich.

Der Einfluss der Familie sollte zurückgedrängt werden.

Ebenso der Einfluss von Kirche, Lehrern und anderen Autoritäten.

Die Hitlerjugend und der Bund Deutscher Mädel wurden damit zu wichtigen Werkzeugen der ideologischen Erziehung.

Sophie machte zunächst mit.

Sie wurde sogar Gruppenführerin im Bund Deutscher Mädel.

Doch schon bald begann sie Fragen zu stellen.

Warum durften bestimmte Menschen nicht dazugehören?

Warum wurden Bücher verboten?

Warum wurden Künstler verfolgt?

Warum sollte jeder gleich denken?

Warum musste man gehorchen, nur weil ein Staat etwas verlangte?

Die Familie Scholl geriet zunehmend in Konflikt mit der nationalsozialistischen Welt.

1937 wurden Sophie und mehrere ihrer Geschwister festgenommen, weil sie an Treffen einer verbotenen Jugendgruppe teilgenommen hatten.

Die Gruppe orientierte sich an den freien Jugendbünden, die von der Hitlerjugend abgelehnt wurden.

Sie sang andere Lieder.

Sie pflegte andere Traditionen.

Sie wollte ihre eigene Identität bewahren.

Das allein war für das Regime bereits verdächtig.

Das Verfahren wurde schließlich im Zusammenhang mit einer Amnestie eingestellt.

Doch die Erfahrung hinterließ Spuren.

Sophie hatte gelernt, dass der Staat nicht automatisch recht hatte.

Und dass ein Gesetz nicht automatisch moralisch war.

Dann kam die Reichspogromnacht.

Am 9. und 10. November 1938 organisierten die Nationalsozialisten eine massive Gewaltaktion gegen jüdische Menschen.

Synagogen brannten.

Geschäfte wurden zerstört.

Wohnungen verwüstet.

Menschen geschlagen.

Tausende jüdische Männer wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt.

Für Sophie war diese Gewalt nicht abstrakt.

Sie kannte jüdische Menschen.

Sie kannte Künstler.

Sie wusste, dass Menschen wegen ihrer Herkunft verfolgt wurden.

Und sie konnte die Vorstellung nicht akzeptieren, dass ein Staat bestimmen durfte, wer als Mensch etwas wert war.

Sophie hatte ein besonderes Interesse an Kunst.

Sie zeichnete.

Sie malte.

Sie interessierte sich für moderne Kunst.

Doch genau diese Kunst wurde von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert.

Kunstwerke wurden aus Museen entfernt.

Ausstellungen wurden organisiert, um moderne Künstler öffentlich zu verhöhnen.

Sophie erkannte darin etwas, das weit über Kunst hinausging.

Das Regime wollte nicht nur kontrollieren, was Menschen taten.

Es wollte kontrollieren, was sie dachten.

Was sie lasen.

Was sie hörten.

Was sie schön fanden.

Was sie glaubten.

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen.

Sophie war damals 18 Jahre alt.

Kurz zuvor hatte sie ihrer Schwester Inge sinngemäß gesagt, dass sie sogar auf einen Krieg hoffe, weil dieser vielleicht die Menschen dazu bringen würde, sich gegen Hitler aufzulehnen.

Doch der Krieg brachte zunächst nicht den erhofften Widerstand.

Er brachte Tod.

Zerstörung.

Besatzung.

Und immer neue Verbrechen.

Nach ihrem Schulabschluss machte Sophie zunächst eine Ausbildung zur Kindergärtnerin.

Sie hoffte, dadurch dem Reichsarbeitsdienst zu entgehen.

Doch im Frühjahr 1941 wurde sie trotzdem zum Reichsarbeitsdienst eingezogen.

Sie arbeitete als Hilfskraft in einem staatlichen Kindergarten.

Diese Erfahrung verstärkte ihre Abneigung gegen die staatliche Kontrolle.

Im Mai 1942 begann Sophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München Biologie und Philosophie zu studieren.

Ihr Bruder Hans studierte dort Medizin.

Und genau dort sollte Sophie Menschen kennenlernen, die ihr Leben verändern würden.

Einer von ihnen war Willi Graf.

Ein Medizinstudent.

Er hatte als Sanitäter an der Ostfront gedient.

Dort hatte er Dinge gesehen, die sich kaum in Worte fassen ließen.

Grausamkeiten.

Erschießungen.

Das Elend der Zivilbevölkerung.

Die Behandlung jüdischer Menschen.

Graf wusste, dass die deutsche Propaganda eine völlig andere Realität zeigte als die, die Soldaten vor Ort erlebten.

Auch Alexander Schmorell kannte die Realität der besetzten Gebiete.

Er sprach Russisch.

Er konnte mit Menschen in der Sowjetunion kommunizieren.

Was er hörte, bestätigte die Berichte über die Verbrechen des deutschen Regimes.

Auch Hans Scholl war nicht länger bereit, zu schweigen.

Gemeinsam begannen die jungen Männer, über Widerstand nachzudenken.

Sie diskutierten über Politik.

Philosophie.

Religion.

Moral.

Und eine Frage wurde immer wichtiger:

Was muss ein Mensch tun, wenn sein eigener Staat Verbrechen begeht?

Die Antwort der jungen Gruppe war radikal.

Man musste handeln.

Ende Juni 1942 verfassten Hans Scholl und Alexander Schmorell die ersten Flugblätter.

Sie nannten ihre Gruppe:

Die Weiße Rose.

Die Flugblätter waren nicht laut.

Sie enthielten keine Aufrufe zu blindem Hass.

Sie appellierten an das Gewissen.

An Vernunft.

An Verantwortung.

Sie prangerten die Ermordung jüdischer Menschen an.

Sie kritisierten den Krieg.

Sie forderten die Deutschen auf, sich nicht länger hinter Ausreden zu verstecken.

Die Verfasser wussten, wie gefährlich das war.

Deshalb arbeiteten sie heimlich.

Flugblätter wurden per Post verschickt.

An Studenten.

An Professoren.

An Menschen, von denen sie hofften, dass sie weiterdenken würden.

Andere Exemplare wurden in Telefonzellen oder öffentlichen Orten zurückgelassen.

Die Weiße Rose wollte keine Armee aufstellen.

Sie wollte Bewusstsein schaffen.

Und genau das machte sie für das Regime gefährlich.

Im Sommer 1942 wurden Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf als Sanitäter an die Ostfront geschickt.

Dort sahen sie noch mehr.

Die Realität des Krieges war schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatten.

Währenddessen blieb Sophie in München.

Sie wusste zunächst nicht jedes Detail über die Aktivitäten ihres Bruders.

Doch irgendwann erfuhr sie davon.

Ihre Reaktion war eindeutig.

Sie wollte sich anschließen.

Sophie war keine passive Unterstützerin.

Sie übernahm Aufgaben.

Sie half beim Verteilen und Vervielfältigen der Flugblätter.

Sie nahm damit bewusst dasselbe Risiko auf sich wie ihr Bruder.

Auch Professor Kurt Huber schloss sich der Gruppe an.

Ein angesehener Philosophieprofessor.

Bei den Studenten beliebt.

Er war kein radikaler Revolutionär.

Aber er war überzeugt davon, dass Deutschland moralisch und politisch zerstört wurde.

Anfang 1943 entstand das fünfte Flugblatt.

Diesmal richtete es sich nicht mehr nur an Studenten oder Intellektuelle.

Es wandte sich an die deutsche Bevölkerung.

Der Ton wurde entschlossener.

Der Krieg war nicht mehr als glorreiche Mission darstellbar.

Die Niederlage Deutschlands zeichnete sich immer deutlicher ab.

Dann kam Stalingrad.

Am 2. Februar 1943 kapitulierten die letzten deutschen Truppen in der Stadt.

Die Sechste Armee war vernichtet.

Tausende deutsche Soldaten gerieten in Gefangenschaft.

Die Niederlage war ein Schock.

Für die Weiße Rose war sie ein Zeichen.

Das Regime war verwundbar.

Die Gruppe glaubte, dass nun mehr Menschen den Mut finden könnten, sich gegen Hitler zu stellen.

Doch das Gegenteil geschah.

Die NS-Führung reagierte mit noch stärkerer Propaganda.

Der Krieg sollte zum „totalen Krieg“ werden.

Die Repression nahm zu.

Die Weiße Rose wusste:

Die Zeit wurde knapp.

Am 3., 8. und 15. Februar 1943 schrieben Mitglieder der Gruppe Parolen an Gebäude der Universität und andere öffentliche Orte.

„Nieder mit Hitler!“

„Hitler, der Massenmörder!“

„Freiheit!“

Diese Worte erschienen mitten in München.

Mitten im Machtzentrum des Regimes.

Doch die Aktion erhöhte auch das Risiko.

Die Gestapo suchte nach den Urhebern.

Dann kam der 18. Februar.

Sophie und Hans gingen mit einem Koffer voller Flugblätter zur Universität.

Sie wussten, dass dies möglicherweise ihr letzter Einsatz sein würde.

Im Gebäude verteilten sie die Blätter.

Doch am Ende waren noch einige Exemplare übrig.

Sophie ging zum oberen Stockwerk.

Sie blickte hinunter in den Lichthof.

Dann tat sie etwas, das sie niemals zurücknehmen konnte.

Sie warf die Flugblätter über das Geländer.

Weiße Blätter segelten durch die Luft.

Einige Studenten blieben stehen.

Und am anderen Ende des Hofes beobachtete sie Jakob Schmid.

Der Hausmeister.

Ein überzeugter Nationalsozialist.

Er griff ein.

Sophie und Hans wurden festgehalten.

Die Gestapo wurde gerufen.

Damit begann ihr letzter Kampf.

Während des Verhörs versuchten die Ermittler, Sophie zum Einlenken zu bringen.

Sie hätte ihren Bruder belasten können.

Sie hätte behaupten können, die Aktionen seien seine Idee gewesen.

Sie hätte sich distanzieren können.

Vielleicht hätte sie dadurch eine Chance gehabt.

Doch Sophie lehnte ab.

Sie übernahm Verantwortung.

Sie stand zu ihren Überzeugungen.

Und dann kam die Frage, die ihr Schicksal endgültig besiegelte:

War sie bereit, die Konsequenzen zu tragen?

Ihre Antwort war eindeutig.

Sie hatte getan, was sie für richtig hielt.

Und sie würde sich nicht dafür entschuldigen.

Zwei Tage später wurde auch Christoph Probst verhaftet.

Er hatte eine Familie.

Eine Ehefrau.

Ein neugeborenes Kind.

Trotzdem wurde auch er in den Fall hineingezogen.

Die drei wurden vor den sogenannten Volksgerichtshof gestellt.

Der Vorsitzende Richter war Roland Freisler.

Ein Mann, dessen Prozesse für politische Willkür bekannt waren.

Das Urteil stand praktisch fest.

Doch Sophie hatte noch etwas zu sagen.

Im Gerichtssaal machte sie deutlich, dass viele Deutsche dieselben Gedanken hätten, aber zu ängstlich seien, sie auszusprechen.

Der Prozess dauerte nur wenige Stunden.

Dann kam das Urteil.

Schuldig.

Hochverrat.

Todesstrafe.

Sophie Scholl war 21 Jahre alt.

Hans 24.

Christoph Probst 23.

Und plötzlich hatten sie nur noch wenige Stunden zu leben.

Doch was in den letzten Stunden geschah, sollte Sophie Scholl zu einer Legende machen.

Denn selbst jetzt hätte sie noch Angst haben dürfen.

Sie hätte weinen dürfen.

Sie hätte verzweifeln dürfen.

Und vielleicht tat sie all das innerlich.

Doch sie blieb standhaft.

Wenige Stunden später sollte sich die Tür ihrer Zelle öffnen.

Ein Gefängnisbeamter würde ihr sagen, dass sie zur Hinrichtung gebracht werde.

Sophie wusste, was das bedeutete.

Und dennoch sagte sie etwas, das ihre Zellengenossin später nie vergessen würde.

Etwas über diesen sonnigen Tag.

Etwas über den Sinn ihres Todes.

Denn Sophie glaubte, dass ihr Tod nicht das Ende ihrer Handlung sein musste.

Vielleicht würde ihr Opfer andere Menschen aufrütteln.

Vielleicht würde es andere dazu bringen, aufzustehen.

Und während draußen München weiterlebte, wartete im Gefängnis Stadelheim bereits das Fallbeil.

Sophie Scholl wusste:

Sie würde diesen Tag nicht überleben.

Aber die Worte, die sie hinterlassen hatte, würden es vielleicht tun.

FORTSETZUNG IN TEIL 2