TEIL 1 – VOM DEKORIERTEN SOLDATEN ZUM BEFEHLSHABER DES TERRORS
Im März 1940 lag über Deutschland eine Atmosphäre, in der sich der Krieg längst nicht mehr wie ein gewöhnlicher militärischer Konflikt entwickelte.

Adolf Hitler und Heinrich Himmler beschlossen die Aufstellung einer ungewöhnlichen Einheit.
Sie sollte nicht aus gewöhnlichen Soldaten bestehen.
Sie sollte aus Männern gebildet werden, die wegen Wilderei oder ähnlicher Delikte mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren.
Was zunächst wie ein militärisches Experiment wirkte, entwickelte sich zu etwas weitaus Schlimmerem.
Aus der Einheit wurde eine Truppe, in der sich später verurteilte Verbrecher, Gewalttäter und andere Männer sammelten, die für ihre Brutalität bekannt waren.
Ihr Auftrag lautete zunächst, Partisanen in schwer zugänglichen Gebieten zu bekämpfen.
Doch schon bald wurde die Einheit selbst zu einem Instrument des Terrors.
Ihr Kommandeur hieß Oskar Dirlewanger.
Und seine Geschichte gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Waffen-SS.
Wenn euch historische Geschichten über die Täter des Zweiten Weltkriegs interessieren, bleibt bis zum Ende dabei. Denn Dirlewangers Aufstieg zeigt nicht nur, wie brutal ein einzelner Mensch werden konnte, sondern auch, wie ein verbrecherisches Regime solche Männer bewusst einsetzte, obwohl ihre Methoden selbst innerhalb der eigenen Reihen für Entsetzen sorgten.
Oskar Dirlewanger wurde am 26. September 1895 in Würzburg geboren.
Sein Vater war Händler.
Über seine Kindheit ist deutlich weniger bekannt als über seine spätere militärische Laufbahn.
Doch bereits der Erste Weltkrieg sollte sein Leben entscheidend prägen.
Als Deutschland 1914 in den Krieg eintrat, meldete sich Dirlewanger zum Militär.
Er nahm am deutschen Vormarsch durch Belgien teil und kämpfte später an der Westfront in Frankreich.
Er wurde mehrfach verwundet.
Insgesamt soll er sechs Verwundungen erlitten haben.
Trotz einer später festgestellten erheblichen körperlichen Beeinträchtigung kehrte er immer wieder an die Front zurück.
Für seinen Einsatz erhielt er das Eiserne Kreuz zweiter Klasse.
Später wurde ihm auch das Eiserne Kreuz erster Klasse verliehen.
Im November 1918, als Deutschland kapitulierte und der Erste Weltkrieg endete, trug Dirlewanger den Rang eines Oberleutnants.
Der Krieg war vorbei.
Doch für ihn schien der Kampf nicht zu enden.
Die Erfahrungen der Front beeinflussten seine Persönlichkeit tiefgreifend.
Nach dem Krieg wurde er als instabil, fanatisch und gewalttätig beschrieben.
Auch Alkohol spielte in seinem späteren Leben eine wichtige Rolle.
Deutschland befand sich inzwischen in einer völlig neuen politischen Situation.
Das Kaiserreich war verschwunden.
Die Weimarer Republik entstand.
Doch auf den Straßen kämpften politische Gruppen gegeneinander.
Kommunisten.
Nationalisten.
Revolutionäre.
Rechtsextreme Freikorps.
Dirlewanger schloss sich verschiedenen Freikorpsverbänden an.
Diese paramilitärischen Gruppen kämpften vor allem gegen kommunistische Bewegungen, agierten dabei jedoch häufig selbst äußerst brutal und entzogen sich teilweise der Kontrolle staatlicher Behörden.
1921 wurde Dirlewanger während seiner Aktivitäten in einem Freikorps am Kopf verwundet.
Parallel dazu setzte er seine akademische Ausbildung fort.
1922 promovierte er in Politikwissenschaft.
Sein Lebensweg hätte theoretisch eine völlig andere Richtung nehmen können.
Ein ehemaliger Offizier.
Akademiker.
Unternehmer.
Doch Dirlewanger bewegte sich zunehmend in Richtung des radikalen Nationalismus.
Im Oktober 1922 trat er der NSDAP bei.
In den folgenden Jahren arbeitete er unter anderem in einem Textilunternehmen, das einer jüdischen Familie gehörte.
Von 1928 bis 1931 war er dort als Geschäftsführer tätig.
Doch seine berufliche Laufbahn blieb von Problemen begleitet.
Er wurde mehrfach der Unterschlagung beschuldigt.
Später arbeitete er als selbstständiger Steuerberater.
Dann kam das Jahr 1933.
Adolf Hitler übernahm die Macht.
Für viele Männer aus dem rechtsradikalen Milieu eröffnete die neue Diktatur Möglichkeiten, die in einer demokratischen Gesellschaft nicht existiert hätten.
Auch für Dirlewanger.
Doch sein persönlicher Lebensweg geriet zunächst in eine schwere Krise.
1934 wurde er wegen der Vergewaltigung eines dreizehnjährigen Mädchens verurteilt.
Hinzu kamen weitere Gesetzesverstöße.
Unter anderem wurde er wegen Trunkenheit am Steuer und der Beschädigung eines Regierungsfahrzeugs verurteilt.
Seine akademischen Titel wurden ihm entzogen.
Er wurde aus der NSDAP und der SA ausgeschlossen.
Und er musste eine Gefängnisstrafe verbüßen.
Für einen gewöhnlichen Menschen hätte dies möglicherweise das Ende einer politischen Karriere bedeutet.
Für Dirlewanger war es nur ein Rückschlag.
Denn er verfügte über mächtige Unterstützer.
Später sollte insbesondere Gottlob Berger, ein hoher SS-Funktionär, eine entscheidende Rolle dabei spielen, Dirlewangers Rückkehr in die nationalsozialistischen Strukturen zu ermöglichen.
Nach seiner Haftzeit erhielt Dirlewanger eine neue Gelegenheit.
Zwischen 1936 und 1939 kämpfte er in der Legion Condor.
Diese deutsche Militäreinheit unterstützte die nationalistischen Truppen Francisco Francos im Spanischen Bürgerkrieg.
Für Deutschland war Spanien zugleich ein Testfeld.
Neue militärische Methoden konnten erprobt werden.
Bombardierungen.
Luftunterstützung.
Koordination zwischen verschiedenen Waffengattungen.
Dirlewanger wurde erneut verwundet.
Doch seine militärische Vergangenheit half ihm.
Nach seiner Rückkehr erhielt er die Möglichkeit, wieder in die NSDAP aufgenommen zu werden.
Auch sein Doktortitel wurde ihm zurückgegeben.
Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, war Dirlewanger damit wieder Teil des Systems.
Im Juli 1940 wurde er in die SS aufgenommen.
Und bald bekam er eine Aufgabe, die seinen Namen für immer mit Gewalt verbinden sollte.
Er erhielt die Erlaubnis, eine spezielle Einheit aufzubauen.
Zunächst bestand sie vor allem aus Männern, die wegen Wilderei verurteilt worden waren.
Sie galten als besonders geeignet für die Suche und Bekämpfung von Partisanen.
Doch die Zusammensetzung der Einheit veränderte sich.
Immer mehr verurteilte Kriminelle wurden aufgenommen.
Die militärische Disziplin trat in den Hintergrund.
Brutalität wurde zur Methode.
Die Einheit wurde später als Dirlewanger-Brigade bekannt.
Ihr erster großer Einsatzort war das von Deutschland besetzte Polen.
Dirlewanger übernahm dort unter anderem Verantwortung für ein Lager, in dem jüdische Gefangene zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.
Dort kam es zu schweren Misshandlungen.
Gefangene wurden geschlagen und gefoltert.
Zeugenaussagen und spätere Untersuchungen berichteten von grausamen Experimenten und Tötungen.
Dirlewangers Männer gingen mit einer Brutalität vor, die selbst innerhalb des SS-Systems Aufmerksamkeit erregte.
Doch das Entscheidende war:
Die Führung wusste davon.
Heinrich Himmler wusste von Dirlewangers Methoden.
Gottlob Berger, sein politischer und persönlicher Unterstützer, wusste ebenfalls davon.
Und dennoch blieb Dirlewanger im Einsatz.
Warum?
Weil das Regime Männer wie ihn für nützlich hielt.
Sie waren bereit, Dinge zu tun, vor denen andere zurückschreckten.
Sie hatten kaum Hemmungen.
Sie sahen die Bevölkerung in den besetzten Gebieten nicht als Menschen mit gleichen Rechten.
Und genau diese Haltung entsprach dem rassistischen Weltbild des NS-Regimes.
Ein SS-Richter namens Georg Konrad Morgen begann schließlich, gegen Dirlewanger zu ermitteln.
Es gab Vorwürfe wegen Mordes und Korruption.
Eine Auflösung seiner Einheit wurde erwogen.
Dirlewanger sollte sich sogar vor einem SS-Gericht verantworten.
Doch auch diesmal entging er einer ernsthaften Bestrafung.
Die Ermittlungen führten nicht zu seinem endgültigen Sturz.
Stattdessen wurde seine Einheit an einen anderen Kriegsschauplatz geschickt.
Im Februar 1942 kam die Dirlewanger-Einheit nach Weißrussland.
Dort begann eine Phase, in der ihre Brutalität ein neues Ausmaß erreichte.
Der Kampf gegen Partisanen wurde zum Vorwand für systematische Gewalt gegen Zivilisten.
Dörfer wurden durchsucht.
Menschen wurden zusammengetrieben.
Unbewaffnete Bewohner wurden ermordet.
Die Einheit setzte Methoden ein, die nicht zwischen bewaffneten Gegnern und Zivilisten unterschieden.
Ein besonders berüchtigtes Vorgehen bestand darin, Menschen in Gebäude zu treiben und diese anschließend anzuzünden.
Wer versuchte zu fliehen, wurde erschossen.
Andere Zivilisten wurden gezwungen, über verminte Gebiete zu gehen.
Menschen wurden als Schutzschilde benutzt.
Die Zahl der Opfer ging in die Zehntausende.
Nach außen wurden diese Toten in deutschen Berichten häufig als angebliche „Banditen“ oder Partisanen dargestellt.
Die Sprache der Verwaltung sollte verschleiern, was tatsächlich geschah.
Doch hinter den Zahlen standen Dörfer.
Familien.
Kinder.
Alte Menschen.
Menschen, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, in einem Gebiet zu leben, das die deutsche Besatzungsmacht kontrollierte.
Die Dirlewanger-Brigade entwickelte sich zu einer Einheit, die selbst von anderen deutschen Stellen als außergewöhnlich brutal wahrgenommen wurde.
Doch ihre Führung sah darin keinen Grund zur Auflösung.
Im Gegenteil.
Die Einheit wurde weiter eingesetzt.
Ihre nächste große Bewährungsprobe kam 1944.
Warschau.
Am 1. August begann der polnische Aufstand gegen die deutsche Besatzungsmacht.
Die polnische Heimatarmee versuchte, die Stadt zu befreien.
Sowjetische Truppen standen inzwischen auf der anderen Seite der Weichsel.
Die deutschen Behörden wollten den Aufstand mit aller Gewalt niederschlagen.
Dirlewanger erhielt den Befehl, seine Männer in den Kampf zu führen.
Die Einheit war inzwischen zu einer großen Kampfgruppe angewachsen.
Ihre Männer waren berüchtigt.
Sie waren keine gewöhnliche Infanterie.
Sie hatten sich in Polen und Weißrussland einen Ruf erworben, der selbst andere deutsche Soldaten erschreckte.
In Warschau wurde diese Brutalität erneut sichtbar.
Die Einheit war an den Kämpfen und Massakern beteiligt, die später mit dem Namen Wola verbunden wurden.
Zehntausende polnische Zivilisten wurden dort ermordet.
Krankenhäuser wurden angegriffen.
Patienten getötet.
Medizinisches Personal misshandelt.
Frauen und Kinder wurden nicht verschont.
Die deutschen Befehle zielten nicht nur darauf ab, den militärischen Widerstand zu besiegen.
Die Bevölkerung sollte terrorisiert werden.
Hitler wollte den Aufstand um jeden Preis brechen.
Dirlewangers Männer wurden zu einem der Werkzeuge dieser Politik.
Sie gingen durch die Straßen und hinterließen Verwüstung.
Zivilisten wurden getötet.
Gebäude zerstört.
Menschen in Konzentrationslager deportiert.
Warschau wurde Stück für Stück zerstört.
Doch etwas war bemerkenswert.
Selbst deutsche Stellen waren zunehmend besorgt über das Verhalten der Einheit.
Die Dirlewanger-Brigade war so unkontrollierbar geworden, dass Forderungen nach ihrem Rückzug laut wurden.
Für Dirlewanger bedeutete die brutale Niederschlagung des Aufstands dennoch einen weiteren Karriereschritt.
Er wurde befördert.
Er erhielt das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes.
Die nationalsozialistische Führung belohnte ihn für seine Leistungen.
Im Oktober 1944 veranstaltete Hans Frank, der Generalgouverneur des besetzten Polen, ein Essen zu seinen Ehren.
Der Mann, dessen Einheit gerade an einigen der schlimmsten Verbrechen des Warschauer Aufstands beteiligt gewesen war, wurde offiziell ausgezeichnet.
Das war die Logik des Systems.
Je brutaler der Krieg geführt wurde, desto wertvoller konnten Männer wie Dirlewanger für die Führung erscheinen.
Doch während er Auszeichnungen erhielt, rückte die Rote Armee immer näher.
Deutschland verlor den Krieg.
Die Fronten brachen zusammen.
Und selbst Männer wie Dirlewanger, die jahrelang von der Gewalt des Regimes profitiert hatten, konnten die Realität nicht mehr ignorieren.
Im Herbst 1944 wurde seine Einheit auch gegen den Slowakischen Nationalaufstand eingesetzt.
Wieder kam es zu schweren Kämpfen und Verbrechen.
Danach wurde Dirlewanger an die Front gegen die sowjetischen Truppen geschickt.
Die Zeit der Strafaktionen und Massaker im Hinterland ging langsam in einen verzweifelten militärischen Rückzug über.
Im Februar 1945 wurde seine Einheit erneut vergrößert und schließlich als 36. Waffen-Grenadier-Division der SS bezeichnet.
Dirlewanger wurde erneut verwundet.
Eine Kugel traf ihn in die Brust.
Es war seine zwölfte und letzte Verwundung im Krieg.
Er wurde hinter die Front gebracht.
Doch während Deutschland bereits vor dem Zusammenbruch stand, dachte Dirlewanger noch daran, geplünderte Gegenstände in Sicherheit zu bringen.
Er versuchte, die Beute vor Kriegsende bei seinen Eltern unterzubringen.
Dann kam der Zusammenbruch.
Deutschland kapitulierte.
Das Regime, das ihn geschützt hatte, existierte nicht mehr.
Seine Unterstützer konnten ihn nicht länger retten.
Und plötzlich war Oskar Dirlewanger kein gefeierter SS-Offizier mehr.
Er war ein gesuchter Mann.
Ein Täter.
Ein Gefangener, der sich verstecken musste.
Am 1. Juni 1945 wurde er schließlich festgenommen.
Er trug Zivilkleidung.
Er benutzte einen falschen Namen.
Doch ein ehemaliger jüdischer Konzentrationslagerhäftling erkannte ihn.
Damit war seine Flucht beendet.
Dirlewanger wurde in Haft genommen.
Was danach geschah, sollte jedoch noch einmal zeigen, wie brutal die Welt unmittelbar nach dem Krieg sein konnte.
Denn in seiner Zelle warteten Männer, die unter der deutschen Besatzung alles verloren hatten.
Und während Dirlewanger auf ein mögliches Gerichtsverfahren wartete, begann sich die Geschichte seiner eigenen Gewalt gegen ihn zu wenden.
Nur wenige Tage später sollte Oskar Dirlewanger feststellen, dass der Krieg zwar vorbei war…
aber seine letzte Strafe gerade erst begann.
FORTSETZUNG IN TEIL 2


