Der 23. April 1944 begann für die Bewohner des Bergdorfes Pyrgoi wie jeder andere Tag. Doch dann kamen sie. Deutsche Truppen und ihre griechischen Kollaborateure rückten gegen das Dorf vor.

Vorausgegangen waren Wochen erbitterter Kämpfe zwischen den Besatzern und der Widerstandsarmee ELAS in den Bergen Westmakedoniens. Die Partisanen hatten Hinterhalte gelegt, Brücken gesprengt, Versorgungswege attackiert. Die deutsche Führung reagierte mit einem brutalen Plan: Unternehmen Maiwetter, eine großangelegte Operation zur Zerschlagung des Widerstands. Pyrgoi lag in einem strategisch wichtigen Korridor.
Der Verdacht, die Dorfbewohner würden die Partisanen unterstützen, reichte aus. Als die Soldaten das Dorf erreichten, begann die systematische Vernichtung. Die Männer wurden zusammengetrieben und in Gruppen erschossen. Frauen und Kinder trieb man in Scheunen und zündete sie an.
Wer fliehen wollte, wurde mit Bajonetten niedergemacht. Säuglinge wurden getötet, Alte und Kranke verbrannten dort, wo sie lagen. Es war keine blinde Wut, sondern geplante Auslöschung einer ganzen Gemeinschaft. Soldaten vergewaltigten Frauen, manche in der Kirche, andere auf dem Dorfplatz.
Kollaborateure plünderten derweil Geld und Schmuck. Von den Häusern des Dorfes wurden 365 niedergebrannt oder gesprengt. Die Besatzer beschlagnahmten mindestens zehn Tonnen Weizen, 12. 000 Schafe und Ziegen sowie 3.
500 Pferde und Rinder. Selbst wer das Massaker überlebte, blieb zurück ohne Nahrung, ohne Vieh, ohne Existenzgrundlage. Insgesamt fanden an diesem Tag 327 von 1. 302 Einwohnern den Tod.
Etwa 1. 400 Überlebende aus dem Dorf und dem Nachbarort wurden zu einem Gasthaus in der Stadt Ptolemaida getrieben und dort als Geiseln festgehalten. Zwei ältere Frauen, die den Marsch nicht mehr schafften, wurden auf der Stelle erschossen. Das Massaker von Pyrgoi war kein Einzelfall.
Es war Teil einer Kette von Verbrechen der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division. Ihr Regiment 7 stand unter dem Kommando von SS-Obersturmbannführer Karl Schümers, einem Mann, der bereits für das Massaker von Glissa verantwortlich war, bei dem 280 Zivilisten erschossen und das Dorf niedergebrannt wurden. Auch griechische Kollaborateure waren beteiligt.
Angeführt wurden sie von Georgios Poulos, einem ehemaligen Offizier der griechischen Armee und überzeugten Antikommunisten, der sich für eine Zusammenarbeit mit den Nazis entschieden hatte. Seine Einheit führte die Deutschen durch das Bergland, bewachte Gefangene und raubte Vieh und Wertgegenstände der Bevölkerung. Doch die Täter sollten ihren Preis zahlen. Karl Schümers wurde im Juli 1944 zum Kommandeur der gesamten Division ernannt.
Nur einen Monat später, im August 1944, fuhr sein Fahrzeug in der Nähe einer Stadt im Nordwesten Griechenlands auf eine Mine. Er wurde dabei getötet. Die Division selbst wurde im Spätsommer 1944 nach Serbien verlegt, um sich der vorrückenden Roten Armee entgegenzustellen. Sie erlitt schwere Verluste auf dem Balkan, dann in Ungarn und in der Slowakei.
Im Juni 1944 zählte sie noch rund 16. 000 Mann. Sechs Monate später waren es nur noch 9. 000.
1945 zog sich die geschwächte Formation durch Norddeutschland zurück und ergab sich schließlich amerikanischen Truppen in der Nähe der Elbe – zerschlagen, dezimiert, am Ende. Auch Georgios Poulos konnte seiner Verantwortung nicht entkommen. Er floh mit den deutschen Truppen nach Österreich und wurde dort von amerikanischen Soldaten gefangen genommen. 1947 wurde er nach Griechenland ausgeliefert und vor Gericht gestellt.
Zunächst wurde er vom Vorwurf der Spionage freigesprochen. Doch wenig später stand er erneut vor Gericht, diesmal vor dem Sondergericht für Kollaborateure. Er wurde wegen Kollaboration und Kriegsverbrechen schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Poulos flehte um Gnade.
Er schrieb einen Brief an die griechische Regierung, behauptete, aus Patriotismus gehandelt zu haben, und bot an, im Bürgerkrieg gegen die Kommunisten zu kämpfen. Doch seine Verbrechen waren zu schwer. Am 11. Juni 1949 wurde er in Athen hingerichtet.
Die Opfer von Pyrgoi erhielten keine Gerechtigkeit. Kein Urteil konnte die Toten zurückbringen, keine Hinrichtung die verbrannten Dörfer wieder aufbauen. Aber die Männer, die befohlen hatten und die ausgeführt hatten, bezahlten am Ende mit ihrem eigenen Leben.


