## TEIL 1 — DIE FRAU, DIE SICH FÜR DIE FALSCHE SEITE ENTSCHIED
Nürnberg, August 1933.

Die Stadt war kaum wiederzuerkennen.
Überall hingen riesige Hakenkreuzfahnen.
Tausende Menschen marschierten in perfekten Formationen durch die Straßen.
Uniformen.
Fackeln.
Musik.
Rufe.
Alles war sorgfältig inszeniert, um Stärke, Einheit und Macht auszustrahlen.
Vier Tage lang verwandelte sich Nürnberg in eine Bühne für Adolf Hitler und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.
Es war der erste große Reichsparteitag nach Hitlers Machtübernahme.
Ein Ereignis, das nicht nur politische Bedeutung hatte.
Es sollte ein Gefühl erzeugen.
Die Botschaft war klar:
Das neue Regime sollte unbesiegbar erscheinen.
Unter den internationalen Gästen auf der Tribüne befand sich eine junge Frau aus Großbritannien.
Sie war elegant gekleidet.
Außergewöhnlich schön.
Selbstbewusst.
Sie stammte aus einer der bekanntesten Adelsfamilien Englands.
Ihr Name war Diana Mitford.
Später würde die Welt sie als Diana Mosley kennen.
Eine Frau, deren Leben von Privilegien geprägt war.
Aber auch von Entscheidungen, die sie für immer mit einer der dunkelsten politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts verbinden würden.
Denn Diana Mosley hatte etwas, das nur wenige Menschen ihrer Generation besaßen:
Reichtum.
Bildung.
Schönheit.
Einfluss.
Und die Freiheit, selbst zu entscheiden, welchen Weg sie gehen wollte.
Doch genau diese Freiheit führte sie zu einer Bewegung, die Millionen Menschen Leid brachte.
Wenn euch historische Geschichten über Menschen interessieren, deren Entscheidungen den Lauf ihres Lebens für immer veränderten, bleibt bis zum Ende dabei.
Denn die Geschichte von Diana Mosley ist nicht nur die Geschichte einer berühmten Frau.
Sie ist die Geschichte einer Entscheidung.
Einer Entscheidung, die sie bis zu ihrem Tod niemals wirklich bereuen sollte.
***
Diana Freeman Mitford wurde am 17. Juni 1910 in London geboren.
Sie war das vierte Kind von David Freeman-Mitford, dem zweiten Baron Redesdale, und seiner Frau Sydney Bowles.
Die Familie Mitford gehörte zur britischen Oberschicht.
Sie lebten in einer Welt aus Landsitzen, gesellschaftlichen Veranstaltungen und alten Traditionen.
Die Kinder wuchsen in einer Umgebung auf, in der Herkunft und Name eine enorme Bedeutung hatten.
Die Mitford-Geschwister sollten später auf völlig unterschiedliche Weise berühmt werden.
Und teilweise berüchtigt.
Nancy Mitford wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin.
Ihre Romane machten sie zu einer bekannten Persönlichkeit der britischen Literaturszene.
Jessica Mitford entwickelte sich politisch in eine völlig andere Richtung.
Sie wurde überzeugte Kommunistin und engagierte sich gegen den Faschismus.
Unity Mitford hingegen wurde eine leidenschaftliche Anhängerin Adolf Hitlers.
Ihre Bewunderung für den deutschen Diktator ging so weit, dass sie sogar versuchte, sich nach Beginn des Zweiten Weltkriegs das Leben zu nehmen.
Deborah Mitford wurde später Herzogin von Devonshire.
Ihr Bruder Tom wollte nicht gegen Deutschland kämpfen und wurde schließlich an die Pazifikfront geschickt, wo er im Krieg fiel.
Innerhalb dieser ungewöhnlichen Familie galt Diana als die schönste der Schwestern.
Viele Menschen beschrieben ihre Erscheinung als außergewöhnlich.
Der Schriftsteller James Lees-Milne verglich sie später mit einer modernen Venus.
Sie hatte blondes Haar.
Elegante Gesichtszüge.
Eine natürliche Sicherheit, die typisch für Menschen war, die seit ihrer Kindheit gelernt hatten, sich in höchsten gesellschaftlichen Kreisen zu bewegen.
Diana wuchs zunächst auf dem Familienanwesen Batsford Park auf.
Später lebte sie im Asthall Manor in Oxfordshire.
Ihre Ausbildung erhielt sie hauptsächlich privat.
Sie besuchte keine gewöhnliche Schule.
Stattdessen wurde sie innerhalb der Welt erzogen, in die sie hineingeboren worden war.
Eine Welt aus britischen Herrenhäusern, gesellschaftlichen Bällen und der Überzeugung, dass Abstammung eine besondere Bedeutung habe.
Doch trotz all dieser Privilegien fehlte Diana etwas.
Sie suchte nach Aufregung.
Nach Bedeutung.
Nach einer Persönlichkeit, die größer war als die Rolle, die ihr die Gesellschaft zugedacht hatte.
***
1929 heiratete Diana Brian Guinness.
Er war der Erbe der bekannten Guinness-Brauereidynastie.
Die Ehe brachte Diana noch mehr Reichtum und gesellschaftliches Ansehen.
Das junge Paar lebte zwischen London und Irland.
Ihr gemeinsames Jahreseinkommen war außergewöhnlich hoch.
Nach heutigen Maßstäben entsprach es Millionenbeträgen.
Sie gehörten zu einer Gruppe junger Aristokraten, die später als „Bright Young Things“ bekannt wurden.
Diese jungen Menschen veranstalteten extravagante Partys.
Sie provozierten bewusst die ältere Generation.
Sie wollten modern, frei und außergewöhnlich wirken.
Nach außen schien Dianas Leben perfekt.
Ein wohlhabender Ehemann.
Kinder.
Ein Platz in der höchsten Gesellschaft.
Doch innerlich fühlte sie sich nicht erfüllt.
Brian Guinness war ruhig.
Familienorientiert.
Zurückhaltend.
Diana dagegen suchte Bewegung.
Neue Menschen.
Neue Erfahrungen.
Sie wollte nicht nur die Frau eines reichen Mannes sein.
Sie wollte Teil von etwas Größerem werden.
Und dann traf sie den Mann, der ihr Leben verändern würde.
***
Im Februar 1932 besuchte Diana eine Gartenparty bei der bekannten Gastgeberin Emerald Cunard.
Dort begegnete sie Sir Oswald Mosley.
Mosley war zu dieser Zeit bereits eine bekannte politische Persönlichkeit.
Er hatte eine Karriere in der britischen Politik hinter sich.
Doch inzwischen gründete er eine neue Bewegung:
Die British Union of Fascists.
Mosley war charismatisch.
Selbstbewusst.
Ein begabter Redner.
Er verstand es, Menschen für seine Ideen zu begeistern.
Diana war sofort fasziniert.
Obwohl Mosley verheiratet war, begann eine Beziehung zwischen den beiden.
Mosley war damals mit Lady Cynthia Curzon verheiratet, der Tochter des ehemaligen Vizekönigs von Indien.
Cynthia unterstützte ihren Mann lange Zeit.
Doch Diana ließ sich davon nicht abschrecken.
Sie verließ Brian Guinness.
Sie zog in ein kleineres Haus.
Nicht weit entfernt von Mosleys Wohnsitz.
Sie wartete darauf, dass er seine Ehe beendete.
Doch Mosley zögerte.
Dann geschah eine Tragödie.
1933 starb Cynthia Mosley plötzlich an einer Bauchfellentzündung.
Viele hätten erwartet, dass Mosley nun Diana heiraten würde.
Doch zunächst geschah das nicht.
Er begann stattdessen eine Beziehung mit Lady Alexandra Curzon, der Schwester seiner verstorbenen Frau.
Für Diana war dies eine schwere Enttäuschung.
Trotzdem blieb sie ihm verbunden.
Im Juni 1933 ließ sie sich offiziell von Brian Guinness scheiden.
Ihre Eltern waren entsetzt.
Ein Teil der britischen Gesellschaft betrachtete ihre Entscheidung kritisch.
Diana verlor den Rückhalt vieler Menschen aus ihrem Umfeld.
Doch sie hatte ihre Wahl getroffen.
Sie wollte Mosley.
Und sie wollte Teil seiner politischen Welt werden.
***
Noch im selben Jahr reiste Diana gemeinsam mit ihrer Schwester Unity nach Deutschland.
Offiziell aus Interesse.
Neugier.
Sie wollte das neue Deutschland sehen.
Doch die Reise sollte ihr Leben verändern.
Beim Reichsparteitag in Nürnberg erlebte sie die Machtinszenierung des Nationalsozialismus aus nächster Nähe.
Während Unity immer stärker von Hitler fasziniert wurde, begann auch Diana, Zugang zu den höchsten Kreisen des Regimes zu bekommen.
1935 lernte sie Adolf Hitler persönlich kennen.
Der Kontakt entstand über ihre Schwester.
Von diesem Moment an gehörte Diana regelmäßig zum Umfeld der nationalsozialistischen Führung.
Sie wurde zu gesellschaftlichen Veranstaltungen eingeladen.
Sie traf Mitglieder der NS-Elite.
Sie bewegte sich in Kreisen, die für gewöhnliche Menschen unerreichbar waren.
Hitler behandelte sie als besondere Persönlichkeit.
1935 kehrte Diana als persönlicher Gast Hitlers nach Nürnberg zurück.
1936 besuchte sie die Olympischen Spiele in Berlin.
Hitler stellte ihr sogar ein Mercedes-Benz-Fahrzeug zur Verfügung.
Sie freundete sich mit Persönlichkeiten wie Magda Goebbels, der Ehefrau des Propagandaministers Joseph Goebbels, und Winifred Wagner, der Schwiegertochter Richard Wagners, an.
Für Diana war diese Welt faszinierend.
Sie sah Macht.
Einfluss.
Bedeutung.
Und sie entschied sich, näher an diese Bewegung heranzurücken.
Gleichzeitig versuchte sie, Mosleys faschistische Bewegung in Großbritannien finanziell zu unterstützen.
Sie verhandelte sogar mit deutschen Funktionären über die Möglichkeit, kommerzielle Radiosendungen von Deutschland nach Großbritannien auszustrahlen.
Joseph Goebbels lehnte den Plan ab.
Der deutsche Rundfunk sollte unter vollständiger Kontrolle des Regimes bleiben.
Doch der Vorgang zeigte etwas Wichtiges:
Diana war längst nicht mehr nur eine Beobachterin.
Sie war aktiv beteiligt.
***
Im Oktober 1935 sorgte Diana in Großbritannien für Aufsehen.
Bei einer Kundgebung im Londoner Hyde Park sang die Menge „God Save the King“.
Währenddessen zeigte Diana den Hitlergruß.
Ein öffentliches Zeichen ihrer politischen Haltung.
Ein Moment, der ihre Verbindung zum Faschismus deutlich machte.
Trotz wachsender Kritik blieb sie überzeugt.
Am 6. Oktober 1936 heiratete sie Oswald Mosley.
Die Hochzeit wurde geheim gehalten.
Mehr als ein Jahr wusste die Öffentlichkeit nichts davon.
Der Ort der Trauung war besonders bemerkenswert.
Sie fand im Haus von Joseph Goebbels statt.
Adolf Hitler war einer der Trauzeugen.
1938 wurde ihr gemeinsamer Sohn Alexander geboren.
Erst danach wurde die Ehe offiziell bekannt.
Für Diana war dies der Höhepunkt ihrer Verbindung mit Mosley und dem nationalsozialistischen Umfeld.
Doch die politische Lage in Europa verschärfte sich.
Und bald sollte die Welt in einen Krieg stürzen.
Im August 1939 erklärte Hitler Diana während eines gemeinsamen Mittagessens, dass ein Krieg zwischen Deutschland und Großbritannien unvermeidlich sei.
Nur wenige Wochen später begann der Zweite Weltkrieg.
Deutschland griff Polen an.
Europa veränderte sich für immer.
Und plötzlich wurden Diana und Oswald Mosley nicht mehr nur als politische Außenseiter betrachtet.
Sie galten als potenzielle Gefahr.
Denn ihre Verbindung zu Nazi-Deutschland war bekannt.
Und die britische Regierung begann zu handeln.
Im Mai 1940 wurde Oswald Mosley verhaftet.
Kurz darauf traf es auch Diana.
Doch was danach geschah, sollte zeigen, wie umstritten ihre Rolle wirklich war.
Denn während manche sie als gefährliche Unterstützerin des Feindes sahen, behauptete Diana weiterhin, sie habe nichts getan, was Großbritannien bedrohen könnte.
Aber die britischen Behörden waren anderer Meinung.
Und sie hatten einen Grund.
Denn die Frau, die einst in Nürnberg auf der Tribüne gestanden hatte, war nun eine der bekanntesten britischen Sympathisantinnen des Nationalsozialismus.
Ihre nächste Station war das Gefängnis Holloway.
Und dort würde sie zeigen, dass selbst der Krieg ihre Überzeugungen nicht verändert hatte.
**FORTSETZUNG IN TEIL 2**


