## TEIL 1 — VOM EHRGEIZIGEN REITER ZUM MANN IM INNEREN KREIS HITLERS
Berlin, April 1945.

Das Dritte Reich lag in Trümmern.
Die einst mächtige Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschlands wurde von sowjetischen Truppen umzingelt.
Über den Straßen Berlins lag Rauch.
Gebäude brannten.
Die Niederlage war nicht mehr aufzuhalten.
Tief unter der Reichskanzlei, im Führerbunker, versammelte sich die letzte Führung des Regimes.
Dort saßen Männer, die jahrelang über das Schicksal von Millionen Menschen entschieden hatten.
Generäle.
Minister.
SS-Funktionäre.
Menschen, die glaubten, Teil eines tausendjährigen Reiches zu sein.
Doch jetzt kämpften sie nur noch ums eigene Überleben.
Unter ihnen befand sich ein Mann, der jahrelang vom System profitiert hatte.
Ein Mann, der durch Loyalität, Ehrgeiz und Brutalität aufgestiegen war.
Ein Mann, der Zugang zu Adolf Hitler hatte und sogar in die Familie von Eva Braun eingeheiratet hatte.
Sein Name war Hermann Fegelein.
Nur wenige Tage vor dem Ende des Krieges sollte ausgerechnet dieser Mann, der so lange von der Macht geschützt worden war, alles verlieren.
Nicht auf einem Schlachtfeld.
Nicht durch einen feindlichen Angriff.
Sondern durch den Zusammenbruch des Systems, dem er sein ganzes Leben gewidmet hatte.
Denn Hermann Fegelein war ein Beispiel dafür, wie ein Mensch durch ein verbrecherisches Regime aufsteigen konnte.
Und wie schnell dieser Schutz verschwand, sobald dieses Regime selbst zusammenbrach.
Wenn euch historische Geschichten über die Menschen hinter den großen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs interessieren, bleibt bis zum Ende dabei.
Denn Fegeleins Geschichte zeigt nicht nur den Aufstieg eines SS-Offiziers.
Sie zeigt auch die Mechanismen von Macht, Opportunismus und Verrat im innersten Kreis Adolf Hitlers.
***
Hermann Fegelein wurde am 30. Oktober 1906 in Ansbach im Deutschen Kaiserreich geboren.
Seine Kindheit war stark von Pferden geprägt.
Sein Vater Hans Fegelein war ein ehemaliger Offizier der deutschen Armee und betrieb in München eine Reitschule.
Schon früh lernte Hermann Disziplin, Reiten und den Umgang mit der militärischen Welt kennen.
Als junger Mann entwickelte er außergewöhnliche Fähigkeiten als Reiter.
Er nahm an Wettbewerben teil.
Er genoss Anerkennung.
Er lernte, wie wichtig Auftreten und Beziehungen in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen waren.
Doch das Deutschland seiner Jugend war ein Land voller Krisen.
Der Erste Weltkrieg endete 1918 mit der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs.
Danach folgten politische Instabilität, wirtschaftliche Probleme und gesellschaftliche Unzufriedenheit.
Die junge Weimarer Republik kämpfte ums Überleben.
Viele junge Männer suchten nach Bewegungen, die Stärke, Ordnung und nationale Wiedergeburt versprachen.
Auch Fegelein wurde von diesen Ideen angezogen.
Er sah in radikalen nationalistischen Bewegungen eine Möglichkeit für Aufstieg und Bedeutung.
1925 trat er einer Kavallerieeinheit bei.
Später wechselte er zur bayerischen Landespolizei.
Doch seine Karriere dort endete früh.
1929 wurde er beschuldigt, Prüfungsantworten aus dem Büro eines Vorgesetzten gestohlen zu haben.
Offiziell wurde sein Ausscheiden aus der Polizei später anders dargestellt.
Fegelein selbst behauptete, er habe den Dienst verlassen, um sich stärker der nationalsozialistischen Bewegung widmen zu können.
Was auch immer seine wahren Beweggründe waren:
Sein Weg führte ihn zunehmend in Richtung NSDAP.
1930 trat er der Partei bei.
Gleichzeitig wurde er Mitglied der SA.
Die Sturmabteilung war die paramilitärische Organisation der Nationalsozialisten und spielte eine zentrale Rolle bei der Einschüchterung politischer Gegner.
Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, änderte sich die Situation grundlegend.
Für Männer wie Fegelein eröffnete das neue Regime Möglichkeiten, die vorher nicht existiert hatten.
Im April 1933 wechselte er von der SA zur SS.
Eine Organisation, die bald zu einem der wichtigsten Machtinstrumente des NS-Staates werden sollte.
Die SS stand für politische Kontrolle.
Unterdrückung.
Terror.
Und später für die Organisation des Holocaust.
Fegelein passte perfekt in dieses System.
Er war ehrgeizig.
Anpassungsfähig.
Bereit, jede Gelegenheit zu nutzen.
Innerhalb der SS fand er genau die Umgebung, in der solche Eigenschaften belohnt wurden.
***
Ein wichtiger Unterstützer seines Aufstiegs war Heinrich Himmler.
Der Reichsführer SS erkannte in Fegelein einen loyalen Mitarbeiter.
Fegelein übernahm die Reitschule seines Vaters und machte sie zu einem Zentrum der SS-Reiterausbildung.
Dadurch gewann er Einfluss.
Er knüpfte Kontakte.
Er wurde sichtbar.
Mitte der 1930er Jahre wurde er mit der Vorbereitung von Anlagen für die Reitwettbewerbe der Olympischen Spiele 1936 in Berlin beauftragt.
Die Olympischen Spiele waren für das NS-Regime ein wichtiges Propagandaprojekt.
Deutschland wollte der Welt ein Bild von Stärke, Ordnung und Modernität zeigen.
Fegelein nutzte diese Gelegenheit.
Er präsentierte sich als fähiger Organisator.
Doch hinter der professionellen Fassade entwickelte sich auch ein anderer Ruf.
Viele beschrieben ihn als jemanden, der sich Vorgesetzten anpasste.
Jemanden, der genau wusste, wem er gefallen musste.
Für seine Karriere war das ein Vorteil.
Für seinen Charakter sagte es viel aus.
***
Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Angriff auf Polen.
Kurz danach erhielt Fegelein ein eigenes Kommando.
Er wurde Leiter der SS-Totenkopf-Reiterstandarte.
Offiziell sollte seine Einheit Ordnung sichern und Widerstand bekämpfen.
In der Realität wurde sie Teil eines brutalen Besatzungssystems.
Polen sollte nicht nur militärisch besiegt werden.
Die deutsche Führung plante die Zerstörung gesellschaftlicher Strukturen.
Lehrer.
Priester.
Ärzte.
Intellektuelle.
Lokale Führungspersonen.
Sie wurden als mögliche Träger nationaler Identität verfolgt.
Fegeleins Einheit war an solchen Operationen beteiligt.
Am 7. Dezember 1939 nahm sie an einer Massenerschießung im Kampinos-Wald teil.
Etwa 1700 Menschen wurden ermordet.
Die Opfer wurden zu vorbereiteten Gruben gebracht und erschossen.
Später beteiligte sich die Einheit auch an sogenannten Partisanenbekämpfungsaktionen.
Dieser Begriff sollte verschleiern, was tatsächlich geschah.
Denn häufig traf die Gewalt nicht bewaffnete Gegner.
Sie traf Zivilisten.
Männer.
Frauen.
Familien.
Im Frühjahr 1940 wurden in verschiedenen Regionen Polens weitere Menschen getötet.
Während Fegelein in Berichten die Aktionen seiner Männer als ordnungsgemäß darstellte, gab es zahlreiche Hinweise auf brutales Verhalten, Plünderungen und Misshandlungen.
Soldaten seiner Einheit raubten Eigentum der Opfer.
Wertgegenstände wurden nach Deutschland geschickt.
Persönliche Bereicherung spielte eine Rolle.
Auch Fegelein selbst geriet wegen verschiedener Vorwürfe unter Druck.
Es gab Anschuldigungen wegen Korruption.
Missbrauch seiner Position.
Und persönlichem Fehlverhalten.
Doch er hatte einen mächtigen Schutz.
Heinrich Himmler.
Trotz der Vorwürfe wurden Untersuchungen eingestellt.
Fegelein blieb im System.
Und das System belohnte ihn weiter.
***
1940 nahm Fegelein an den Feldzügen gegen Belgien und Frankreich teil.
Er erhielt militärische Auszeichnungen.
Doch sein größter Einfluss sollte an der Ostfront entstehen.
Im Juni 1941 begann Deutschland die Operation Barbarossa.
Der Angriff auf die Sowjetunion.
Dieser Krieg war nicht nur ein militärischer Konflikt.
Er war ein Vernichtungskrieg.
Ideologische Ziele bestimmten die Operationen.
Millionen Menschen wurden Opfer deutscher Besatzungspolitik.
Fegeleins Einheiten wurden in Belarus und der Ukraine eingesetzt.
Unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung wurden ganze Regionen verwüstet.
Dörfer wurden zerstört.
Zivilisten wurden ermordet.
Jüdische Gemeinden wurden ausgelöscht.
Besonders bekannt wurden die Operationen in den Pripjet-Sümpfen.
Dort sollten seine Truppen eine sogenannte Säuberung durchführen.
In Wirklichkeit bedeutete dies systematischen Massenmord.
Jüdische Männer wurden erschossen.
Frauen und Kinder wurden ebenfalls getötet.
Als ein ursprünglicher Plan, Menschen in den Sümpfen zu ermorden, nicht praktikabel war, wurden sie ebenfalls erschossen.
In seinen Berichten wurden diese Verbrechen als Kampf gegen Partisanen dargestellt.
Die Zahlen seiner eigenen Meldungen zeigen jedoch ein anderes Bild.
Tausende Menschen wurden getötet.
Die Verluste der eigenen Einheit waren vergleichsweise gering.
Es handelte sich nicht um große militärische Kämpfe.
Es handelte sich um Gewalt gegen Zivilisten.
Trotzdem wurde Fegelein nicht bestraft.
Im Gegenteil.
Er erhielt weitere Anerkennung.
Bis 1943 war er ein etablierter SS-Offizier.
Er hatte bewiesen, dass er bereit war, die brutalsten Befehle umzusetzen.
Doch dann änderte sich sein Leben erneut.
Nach einer schweren Verwundung wurde er von der Front abgezogen.
Und Heinrich Himmler brachte ihn an einen Ort, der für seine Karriere entscheidend werden sollte:
In das Führerhauptquartier.
Als Verbindungsoffizier zwischen SS und Adolf Hitler.
Damit betrat Hermann Fegelein den innersten Machtkreis des Dritten Reiches.
Ein Ort, an dem wenige Menschen Zugang hatten.
Ein Ort, an dem Entscheidungen getroffen wurden, die Millionen Menschen betrafen.
Und dort begann Fegelein ein neues Spiel.
Nicht mehr nur mit Waffen.
Sondern mit Beziehungen.
Denn in Hitlers Nähe konnte ein einziger Freund den Unterschied zwischen Aufstieg und Untergang bedeuten.
Und Fegelein wusste genau, wie man solche Beziehungen nutzte.
Doch während er scheinbar unantastbar wurde, ahnten viele Menschen in seiner Umgebung bereits:
Dieser Mann war nicht loyal.
Er war nur loyal zu sich selbst.
Und als das Ende des Dritten Reiches näher kam, sollte genau diese Eigenschaft sein größter Fehler werden.
**FORTSETZUNG IN TEIL 2**


