## TEIL 1 — VOM RESPEKTIERTEN HISTORIKER ZUM WERKZEUG DER GERMANISIERUNG
Prag, März 1939.
Die Straßen der tschechischen Hauptstadt waren voller Soldaten.

Deutsche Militärfahrzeuge rollten durch die Stadt.
Menschen standen schweigend an den Straßenrändern.
Viele konnten kaum glauben, was sie sahen.
Nur wenige Monate zuvor hatte Europa noch gehofft, dass der Konflikt um die Tschechoslowakei durch Diplomatie gelöst werden könnte.
Doch nun marschierte die Wehrmacht in Prag ein.
Das Münchner Abkommen von 1938 hatte das Sudetenland an Deutschland übergeben.
Die Vertreter der Tschechoslowakei waren bei den entscheidenden Gesprächen nicht einmal beteiligt gewesen.
Großbritannien und Frankreich hatten geglaubt, durch Zugeständnisse einen Krieg verhindern zu können.
Doch Adolf Hitler ging weiter.
Am 15. März 1939 besetzte Deutschland die tschechischen Gebiete.
Das Protektorat Böhmen und Mähren entstand.
Für viele Tschechen bedeutete dieser Tag den Beginn einer brutalen Fremdherrschaft.
Für einige Deutsche in der Region bedeutete er eine Gelegenheit.
Eine dieser Personen war Josef Pfitzner.
Ein Mann, der einst als angesehener Historiker galt.
Ein Wissenschaftler, der zwischen tschechischen und deutschen akademischen Kreisen bewegt hatte.
Ein Professor, der einmal als möglicher Vermittler zwischen zwei Kulturen gesehen wurde.
Doch innerhalb weniger Jahre verwandelte er sich in einen überzeugten Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie.
Er wurde zu einem der fanatischsten Unterstützer der deutschen Besatzung in Prag.
Und am Ende sollte genau diese Loyalität zu seinem Untergang führen.
Denn Josef Pfitzner war ein Beispiel dafür, wie ein gebildeter Mensch seine Fähigkeiten nicht für Verständnis und Wissenschaft einsetzen kann, sondern für Unterdrückung und politische Gewalt.
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Josef Pfitzner wurde am 24. März 1901 im schlesischen Dorf Petrowitz geboren.
Er wuchs in einer einfachen Familie auf.
Sein Vater war Schuhmacher.
Die Familie gehörte nicht zur politischen Elite.
Doch Josef zeigte früh großen Ehrgeiz.
Nach seiner Schulzeit begann er ein Studium der Geschichte an der Deutschen Universität Prag.
Die Stadt Prag war damals ein besonderer Ort.
Sie war ein Zentrum verschiedener Kulturen.
Tschechische und deutsche Gemeinschaften lebten nebeneinander.
Die Universität war ein wichtiger Treffpunkt intellektueller Debatten.
Pfitzner bewegte sich zunächst sicher in beiden Welten.
Er sprach fließend Tschechisch.
Er beschäftigte sich mit tschechischer Geschichte.
Er besuchte sogar Seminare des bekannten tschechischen Historikers Josef Pekař.
Seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden in tschechischen Fachzeitschriften besprochen.
Viele sahen ihn nicht als Gegner, sondern als einen Gelehrten, der Brücken zwischen verschiedenen Gruppen bauen konnte.
Auch der tschechoslowakische Präsident Tomáš Garrigue Masaryk betrachtete ihn als einen Vertreter der deutschen Minderheit, der zum gegenseitigen Verständnis beitragen könnte.
Zu dieser Zeit deutete wenig darauf hin, dass Pfitzner später eine völlig andere Rolle übernehmen würde.
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Seine akademische Karriere verlief außergewöhnlich schnell.
Er habilitierte sich.
Und bereits 1930 wurde er im Alter von nur 29 Jahren Professor.
Für einen jungen Historiker war das ein beeindruckender Aufstieg.
Er hatte Anerkennung.
Ein angesehenes Umfeld.
Eine sichere Zukunft.
Privat heiratete er Elisabeth.
Das Paar bekam zwei Söhne.
Nach außen schien Pfitzners Leben erfolgreich und stabil.
Doch die politischen Veränderungen Europas begannen auch seine Entwicklung zu beeinflussen.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland von Niederlage, wirtschaftlicher Krise und politischer Unsicherheit geprägt.
Viele Menschen suchten nach einfachen Antworten.
Nationalistische Bewegungen versprachen Stärke und Wiedergeburt.
Adolf Hitler und die NSDAP nutzten genau diese Stimmung.
1933 kamen die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht.
Das politische Klima veränderte sich dramatisch.
Juden wurden systematisch entrechtet.
Die ersten Konzentrationslager entstanden.
Gleichzeitig erhöhte Berlin den Druck auf die Tschechoslowakei.
Besonders das Sudetenland wurde zum Mittelpunkt deutscher Forderungen.
Dort lebte eine große deutschsprachige Bevölkerung.
Hitler behauptete, Deutschland müsse diese Menschen „schützen“.
In Wirklichkeit nutzte das Regime die Minderheitenfrage als politisches Werkzeug.
Und viele Sudetendeutsche wurden zunehmend von nationalistischen Ideen beeinflusst.
Auch Pfitzner blieb davon nicht unberührt.
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1935 gewann die Sudetendeutsche Partei bei den Wahlen große Unterstützung.
Sie wurde zur wichtigsten politischen Kraft innerhalb der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei.
Pfitzner fühlte sich zunehmend von ihrer Bewegung angezogen.
Er trat der Partei bei.
Und damit begann eine entscheidende Veränderung.
Der Wissenschaftler wurde immer stärker zum politischen Aktivisten.
Seine historischen Arbeiten verloren ihre wissenschaftliche Neutralität.
Stattdessen verfasste er Texte, die politische Ziele unterstützten.
Er trat bei Parteiveranstaltungen auf.
Er sprach nicht mehr nur als Historiker.
Er sprach als Vertreter einer nationalistischen Bewegung.
Der Bruch mit seinen früheren tschechischen Kollegen wurde besonders deutlich, als er private Briefe seines ehemaligen Mentors Josef Pekař veröffentlichte.
Er versuchte darin, Pekař mit nationalistischen und antisemitischen Ideen in Verbindung zu bringen.
Viele tschechische Akademiker betrachteten dies als Verrat.
Ein Mann, der einst als Vermittler gegolten hatte, stellte sich nun gegen jene Kreise, die ihn unterstützt hatten.
Pfitzner hatte eine Entscheidung getroffen.
Er wollte nicht mehr zwischen Kulturen vermitteln.
Er wollte eine politische Ordnung unterstützen, die eine Seite über die andere stellte.
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1938 wurde Pfitzner Mitglied des Prager Stadtrats.
In diesem Jahr spitzte sich die internationale Lage weiter zu.
Im März annektierte Hitler Österreich.
Großbritannien und Frankreich reagierten nicht mit militärischem Widerstand.
Hitler wurde dadurch ermutigt.
Im Herbst 1938 forderte er das Sudetenland.
Er drohte offen mit Krieg.
Die Tschechoslowakei verfügte in diesem Gebiet über wichtige Grenzbefestigungen.
Eine Abgabe des Territoriums schwächte das Land erheblich.
Zwischen dem 29. und 30. September 1938 trafen sich die Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Deutschlands in München.
Das Ergebnis ging als Münchner Abkommen in die Geschichte ein.
Deutschland erhielt das Sudetenland.
Hitler versprach im Gegenzug Frieden.
Die Tschechoslowakei selbst durfte nicht mitentscheiden.
Viele Tschechen empfanden dies als Verrat.
Doch für Männer wie Pfitzner war es ein politischer Sieg.
Als deutsche Truppen im März 1939 in Prag einmarschierten, begrüßte er die neue Ordnung.
Am 16. März 1939 stand Josef Pfitzner auf der Prager Burg, als Adolf Hitler die Stadt besuchte.
Er sah nicht die Besetzung seines Landes.
Er sah eine historische „Korrektur“.
Für ihn bedeutete der Einmarsch nicht Unterdrückung.
Er sah darin die Möglichkeit, Prag nach nationalsozialistischen Vorstellungen umzugestalten.
Kurz darauf erhielt er eine wichtige Position.
Er wurde Regierungskommissar für die Prager Verwaltung und stellvertretender Bürgermeister.
Formal blieb Otakar Klapka Bürgermeister.
Doch durch neue Regelungen erhielt Pfitzner weitreichende Kontrollmöglichkeiten.
Er musste über wichtige Entscheidungen informiert werden.
Er konnte seine Unterschrift verweigern.
Er konnte Einfluss auf die gesamte Stadtverwaltung ausüben.
Praktisch wurde er zu einem der wichtigsten Vertreter der deutschen Besatzungsmacht in Prag.
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Pfitzners Ziel war klar.
Er wollte Prag nicht nur verwalten.
Er wollte die Identität der Stadt verändern.
Er betrachtete Prag als eine deutsche Stadt, deren tschechischer Charakter beseitigt werden sollte.
Er kontrollierte Veröffentlichungen über die Geschichte der Stadt.
Bücher und Darstellungen, die nicht seiner Ideologie entsprachen, wurden verboten.
Er ließ Stadtführer neu ausbilden.
Besucher sollten eine deutsche Interpretation Prags hören.
Symbole der tschechischen und jüdischen Geschichte wurden entfernt.
Denkmäler verschwanden.
Straßennamen wurden verändert.
Das Stadtwappen wurde angepasst.
Alles sollte zeigen:
Prag gehörte nun zum deutschen Machtbereich.
Doch nicht jeder innerhalb der Verwaltung unterstützte diesen Kurs.
Der Bürgermeister Otakar Klapka versuchte, die radikalsten Maßnahmen zu verlangsamen.
Er hielt sich an Verwaltungsregeln.
Er widersetzte sich nicht offen.
Aber für Pfitzner war jede Verzögerung ein Problem.
In seinen Berichten an deutsche Sicherheitsstellen beschuldigte er Klapka, unzuverlässig und zu tschechisch orientiert zu sein.
Pfitzner wollte mehr.
Er wollte vollständige Kontrolle.
Er wollte zeigen, dass er ein besonders loyaler Vertreter des Reiches war.
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1941 kam Reinhard Heydrich nach Prag.
Als stellvertretender Reichsprotektor übernahm er eine zentrale Rolle bei der Unterdrückung der tschechischen Bevölkerung.
Heydrich war einer der mächtigsten und brutalsten Männer des NS-Regimes.
Pfitzner versuchte sofort, seine Nähe zu gewinnen.
Er bewunderte die harte Linie Heydrichs.
Er wollte zeigen, dass er genauso entschlossen war.
Doch trotz seiner Bemühungen wurde er von einigen führenden Nationalsozialisten nicht vollständig ernst genommen.
Heydrich hielt ihn angeblich für intellektuell überheblich.
Andere betrachteten ihn als jemanden, der vor allem nach Einfluss suchte.
Auch Propagandaminister Joseph Goebbels stand ihm kritisch gegenüber.
Einige seiner historischen Arbeiten wurden sogar abgelehnt.
Trotzdem gab Pfitzner nicht auf.
Er wollte Anerkennung.
Er wollte eine größere Rolle.
Und er blieb dem nationalsozialistischen System treu.
Dann geschah etwas, das er als neue Chance betrachtete.
Am 27. Mai 1942 wurde Reinhard Heydrich bei einem Attentat schwer verletzt.
Wenige Tage später starb er.
Für die Nationalsozialisten war sein Tod ein symbolisches Ereignis.
Für Pfitzner war es erneut eine Gelegenheit, seine Loyalität zu zeigen.
Er beteiligte sich demonstrativ an den Trauerveranstaltungen.
Er stellte sich weiterhin als entschlossener Verteidiger deutscher Interessen dar.
Doch während er nach mehr Macht strebte, näherte sich der Krieg seinem Ende.
Und bald würde das Regime, dem er so fanatisch gedient hatte, zusammenbrechen.
Die Frage war nur:
Was würde mit den Menschen geschehen, die bis zuletzt daran festgehalten hatten?
Für Josef Pfitzner sollte die Antwort schneller kommen, als er erwartete.
Denn 1945 würde aus dem mächtigen Besatzungspolitiker plötzlich ein Angeklagter werden.
Und die Stadt, die er verändern wollte, würde über sein Schicksal entscheiden.
**FORTSETZUNG IN TEIL 2**


