DOROTHEA BINZ: SIE WAR 19, ALS SIE NACH RAVENSBRÜCK KAM – ACHT JAHRE SPÄTER WARTETE IN HAMELN DER GALGEN AUF SIE

DOROTHEA BINZ: SIE WAR 19, ALS SIE NACH RAVENSBRÜCK KAM – ACHT JAHRE SPÄTER WARTETE IN HAMELN DER GALGEN AUF SIE

TEIL 1

Am 3. Februar 1947 lag über Hamburg ein kalter Wintertag, als ehemalige Angehörige des Konzentrationslagers Ravensbrück vor einem britischen Militärgericht ihre Urteile erwarteten. Fast zwei Monate lang hatten Überlebende vor dem Tribunal über das berichtet, was hinter den Zäunen des größten nationalsozialistischen Frauenkonzentrationslagers geschehen war. Namen waren genannt worden, Gesichter beschrieben, Taten rekonstruiert. Für die Angeklagten war die Zeit gekommen, in der Ausreden, Befehle und Uniformen ihre Macht verloren. Unter den Verurteilten befand sich eine junge Frau, die wenige Jahre zuvor selbst noch kaum älter als viele der Frauen gewesen war, über die sie nun Macht ausgeübt hatte: Dorothea Binz. Sie war 26 Jahre alt, als sie vor Gericht stand, und 27, als ihr Leben endete. Doch um zu verstehen, wie diese Frau zu einer der gefürchtetsten Aufseherinnen von Ravensbrück werden konnte, muss man zurückgehen zu einem Mädchen aus einer kleinen Ortschaft nahe dem späteren Lager, zu einer Zeit, in der Deutschland begann, sich Schritt für Schritt in eine Diktatur zu verwandeln. Wenn dich diese Geschichte interessiert, bleib bis zum Ende dabei, denn es geht nicht nur um das Urteil über eine einzelne Täterin, sondern um die Frage, wie ein System gewöhnliche Menschen dazu bringen konnte, Grausamkeit als Beruf, Gehorsam als Tugend und andere Menschen als wertlos zu betrachten.

Dorothea Binz wurde am 16. März 1920 in Düsterlake geboren, in einer Gegend, die nicht weit von Ravensbrück entfernt lag. Ihr Vater arbeitete als Waldarbeiter, und ihre Kindheit spielte sich in einer Welt ab, die zunächst wenig mit den politischen Zentren Deutschlands zu tun hatte. Sie war die zweite Tochter der Familie. Nichts deutete zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass ihr Name später in Gerichtsakten stehen würde, die sich mit Mord, Folter und Konzentrationslagern beschäftigten. Sie besuchte die Schule und wuchs in den letzten Jahren der Weimarer Republik auf, einer politischen Ordnung, die von wirtschaftlichen Krisen, gesellschaftlichen Spannungen und politischen Kämpfen geprägt war. Als Kind konnte sie kaum erahnen, wie schnell sich Deutschland verändern würde. Doch genau diese Veränderungen begleiteten sie während ihrer Jugend und formten die Umgebung, in der sie erwachsen wurde.

Als Dorothea vierzehn Jahre alt war, kam Adolf Hitler im Januar 1933 an die Macht. Was zunächst wie ein politischer Machtwechsel erschien, entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zur Zerstörung der demokratischen Ordnung. Parteien wurden ausgeschaltet, Gegner verfolgt und staatliche Institutionen der nationalsozialistischen Führung untergeordnet. Die Propaganda drang in nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens ein. Zeitungen, Radio, Film und öffentliche Veranstaltungen verbreiteten ein einheitliches Weltbild. Joseph Goebbels leitete das Propagandaministerium und half dabei, Hitler als unfehlbaren Führer darzustellen. Kinder und Jugendliche wurden nicht nur Zuschauer dieser Entwicklung. Sie sollten Teil davon werden. Schule, Jugendorganisationen und öffentliche Rituale vermittelten Vorstellungen von Gehorsam, Opferbereitschaft und rassischer Zugehörigkeit. Der Gruß „Heil Hitler“ wurde zum sichtbaren Zeichen einer Gesellschaft, in der politische Loyalität zunehmend über persönliche Überzeugungen gestellt wurde.

Während Dorothea zur jungen Frau heranwuchs, wurde gleichzeitig die jüdische Bevölkerung systematisch aus dem deutschen gesellschaftlichen Leben gedrängt. Gesetze machten Menschen zu Außenseitern, obwohl sie seit Generationen in Deutschland lebten. Berufe wurden ihnen versperrt, Unternehmen enteignet und soziale Beziehungen kontrolliert. Die Nürnberger Gesetze von 1935 hatten die rassistische Ideologie in staatliches Recht überführt. Drei Jahre später folgten die Pogrome vom 9. und 10. November 1938. Synagogen brannten, Geschäfte wurden zerstört, Menschen geschlagen und verhaftet. Tausende jüdische Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt. Für viele Familien war spätestens jetzt offensichtlich, dass die Verfolgung nicht vorübergehen würde. Während ein Teil der Betroffenen versuchte, Deutschland zu verlassen, gewöhnte sich ein großer Teil der übrigen Gesellschaft an eine immer radikalere Form der Ausgrenzung.

Das erste Konzentrationslager des nationalsozialistischen Regimes war Dachau, das im März 1933 eröffnet wurde. Zunächst diente es vor allem der Verfolgung politischer Gegner. Doch das Lagersystem wuchs schnell und entwickelte sich zu einem Instrument der Unterdrückung, Zwangsarbeit und systematischen Gewalt. Frauenlager entstanden später. Ravensbrück wurde im Mai 1939 eröffnet und entwickelte sich zum zentralen Konzentrationslager für Frauen im nationalsozialistischen Deutschland. Das Lager wurde von der SS organisiert und von männlichen SS-Angehörigen sowie weiblichen Aufseherinnen betrieben. Diese Frauen waren keine einheitliche Gruppe. Einige meldeten sich freiwillig zur SS. Andere wurden von den vergleichsweise guten Arbeitsbedingungen und der Bezahlung angezogen. Doch sobald sie die Uniform trugen, erhielten sie eine Macht, die im normalen Leben kaum vorstellbar gewesen wäre. Sie konnten Befehle erteilen, Strafen verhängen und über den Alltag von Menschen bestimmen, die vollständig ihrer Willkür ausgeliefert waren.

Im August 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, bewarb sich die 19-jährige Dorothea Binz um eine Stelle als Küchenverwalterin im Konzentrationslager Ravensbrück. Nach dem Ausgangstext wollte sie damit einer anderen Form der Zwangsarbeit entgehen. Die Stelle war jedoch bereits vergeben. Stattdessen wurde sie als Aufseherin eingestellt. Dieser Schritt bedeutete für die junge Frau den Eintritt in eine Institution, deren eigentliche Funktion sie bald viel genauer kennenlernen sollte. Aus der Bewerberin, die eine bestimmte Arbeitsstelle gesucht hatte, wurde eine Angehörige des Wachpersonals. Ihre persönliche Entwicklung und die Geschichte des Lagers begannen sich von diesem Moment an miteinander zu verbinden.

Ravensbrück war kein gewöhnlicher Arbeitsplatz. Hinter den Zäunen lebten Frauen aus zahlreichen europäischen Ländern. Polinnen, Russinnen, Jüdinnen, Roma und viele andere Gefangene wurden dorthin verschleppt. Manche waren wegen politischen Widerstands inhaftiert worden, andere aufgrund rassistischer Verfolgung oder anderer Kategorien, die das NS-Regime geschaffen hatte. Sie mussten unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Hunger, Krankheiten, Kälte, Gewalt und Erschöpfung gehörten zum Alltag. Für die SS war die Gefangene nicht mehr in erster Linie ein Mensch mit einem Namen, einer Familie und einer eigenen Geschichte. Sie war eine Nummer, eine Arbeitskraft oder ein Objekt staatlicher Repression. Diese Entmenschlichung war die Grundlage dafür, dass Gewalt immer leichter ausgeübt werden konnte.

Dorothea begann ihre Tätigkeit zunächst mit der Überwachung kleinerer Arbeitsgruppen. Bereits im November hatte sie die Aufsicht über Gefangene, die Holz sägten und transportierten. Später kamen weitere Arbeitskommandos hinzu. Frauen mussten Kohle tragen, Ziegel abladen, Schutt bewegen, Strohsäcke transportieren oder bei Bauarbeiten helfen. Andere arbeiteten im Garten oder in der Verwaltung. Die junge Aufseherin sah täglich die Folgen der Zwangsarbeit. Sie sah erschöpfte Frauen, die kaum noch Kraft hatten, und lernte gleichzeitig, dass ihre Stellung es ihr erlaubte, diese Frauen zu bestrafen, wenn sie nicht schnell genug arbeiteten. Mit jeder neuen Aufgabe wuchs ihre Erfahrung innerhalb des Systems.

Im August oder September 1940 wurde Binz zur stellvertretenden Leiterin des Zellenblocks befördert. Dieser Bereich wurde als „Bunker“ bezeichnet. Der Name konnte harmlos klingen, doch der Ort hatte mit einem normalen Gefängnis wenig gemeinsam. Dort wurden Gefangene isoliert und bestraft. Berichte über Ravensbrück schilderten Misshandlungen und Folter. Dorothea arbeitete dort unter Maria Mandl, die später eine bedeutende Stellung innerhalb des Lagers einnahm. Zu den Aufgaben, an denen Binz beteiligt war, gehörten körperliche Bestrafungen. Für eine junge Frau, die erst ein Jahr zuvor als Aufseherin begonnen hatte, bedeutete diese Beförderung einen enormen Machtzuwachs.

Im April 1941 trat Dorothea Binz der NSDAP bei. Im gleichen Monat wurde Maria Mandl zur Oberaufseherin befördert und Binz übernahm die Leitung des Zellenblocks. Ihr Aufstieg war damit nicht beendet. Sie wurde zunehmend in die Entscheidungen und Strukturen des Lagers eingebunden. Dazu gehörte nach den Angaben des Ausgangstextes auch die Unterstützung bei der Auswahl von Gefangenen für medizinische Experimente. Menschen, die bereits unter Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit litten, konnten dadurch weiteren Eingriffen ausgesetzt werden. Die Grenze zwischen Verwaltung, Bestrafung und direkter Beteiligung an der Gewalt wurde immer undeutlicher.

Während der Krieg weiterging, wuchs auch Ravensbrück. Immer mehr Frauen wurden aus den besetzten Gebieten Europas dorthin gebracht. Die SS benötigte Arbeitskräfte für die Kriegswirtschaft, gleichzeitig wurde das Lager immer stärker zu einem Ort systematischer Vernichtung. Für die Gefangenen bedeutete die Ankunft in Ravensbrück, dass sie in eine Welt eintraten, in der ihre Rechte vollständig ausgelöscht worden waren. Für die Aufseherinnen bedeutete die zunehmende Größe des Lagers mehr Arbeit, aber auch mehr Macht. Binz gehörte zu jenen Frauen, die diese Macht nicht nur erhielten, sondern weiter ausbauten.

Im Sommer 1943 wurde sie nach den Angaben des Ausgangstextes zunächst inoffiziell zur stellvertretenden Oberaufseherin gemacht. Im Februar 1944 wurde diese Stellung offiziell bestätigt. Nun war sie Mitglied des Kommandostabs und konnte bis zu hundert weibliche Wachkräfte unter sich haben. Ihre Aufgabe bestand nicht mehr nur darin, einzelne Gefangene zu überwachen. Sie war nun an der Ausbildung anderer Aufseherinnen beteiligt. Damit bekam ihre Tätigkeit eine Wirkung, die weit über ihre eigenen Handlungen hinausging. Was sie vormachte, konnte von anderen übernommen werden. Welche Haltung sie gegenüber Gefangenen vermittelte, konnte sich vervielfachen.

Ravensbrück wurde zu einem wichtigen Ausbildungsort für weibliche Aufseherinnen. Tausende Frauen durchliefen dort eine Ausbildung und wurden anschließend in Ravensbrück oder anderen Konzentrationslagern eingesetzt. Unter ihnen befanden sich auch Frauen, deren Namen später ebenfalls mit den Verbrechen des NS-Lagersystems verbunden wurden. Eine davon war Irma Grese. Die Ausbildung bestand nicht nur aus praktischen Anweisungen. Sie vermittelte ein Weltbild, in dem Gefangene als minderwertig betrachtet wurden und Härte als berufliche Stärke galt. Die Uniform verlieh Autorität, die Hierarchie rechtfertigte Befehle, und die Ideologie lieferte die scheinbare Begründung für die Gewalt.

Gerade darin lag eine der gefährlichsten Eigenschaften des Konzentrationslagersystems. Es musste nicht jeder Beteiligte persönlich jeden Mord begehen, damit die Maschine funktionierte. Es genügte, dass Menschen ihre Rolle akzeptierten und erfüllten. Einer bewachte ein Tor. Ein anderer schrieb Listen. Ein weiterer organisierte Transporte. Andere teilten Arbeit ein, verhängten Strafen oder führten Gefangene in Zellen. Das System funktionierte, weil viele einzelne Handlungen ineinandergreifen konnten. Binz befand sich inzwischen an einer Stelle, an der ihre Entscheidungen und ihr Verhalten direkten Einfluss auf zahlreiche Menschen hatten.

Mit ihrer zunehmenden Macht wurde auch ihr Verhalten gegenüber Gefangenen immer brutaler beschrieben. Überlebende berichteten nach dem Krieg von Schlägen, Ohrfeigen, Tritten und Peitschenhieben. Besonders gefährdet waren Frauen, die bereits körperlich und psychisch geschwächt waren. Wer zu langsam arbeitete oder aus Sicht einer Aufseherin nicht gehorsam genug war, konnte bestraft werden. Die Angst vor Binz soll so groß gewesen sein, dass beim Auftauchen der Aufseherin eine auffällige Stille unter den Gefangenen entstand. Diese Stille war kein Zeichen von Respekt. Sie war ein Zeichen der Angst.

Appelle wurden zu einer weiteren Form der Kontrolle. Gefangene mussten lange stehen, unabhängig davon, wie krank oder erschöpft sie waren. Kälte und Hunger wurden Teil einer Bestrafung, die den gesamten Körper erfasste. Hunde konnten zur Einschüchterung eingesetzt werden. Gewalt wurde öffentlich sichtbar und dadurch zu einer Warnung für alle anderen. Wer zusah, wusste, dass die gleiche Behandlung ihn selbst treffen konnte. So wurde Angst zu einem Instrument der Herrschaft.

Die Aussagen von Überlebenden zeichneten außerdem das Bild einer Aufseherin, die nicht nur Befehle ausführte, sondern Gewalt selbst ausübte. Besonders erschütternd waren Berichte über eine Gefangene, die nach Ansicht von Binz nicht hart genug gearbeitet habe. Die Frau wurde angegriffen und schließlich mit einer Spitzhacke getötet. Nach dem Bericht soll Binz anschließend ihre Stiefel mit einem Stück des Rocks des Opfers gereinigt haben, bevor sie mit ihrem Fahrrad zurückfuhr. Wenn diese Darstellung das Geschehen zutreffend wiedergibt, zeigt sie eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod eines Menschen. Die Gewalt war nicht mehr nur Mittel zum Zweck. Sie war zu einem Bestandteil des Alltags geworden.

Im Jahr 1944 veränderte sich die Situation in Ravensbrück erneut. Einrichtungen zur systematischen Ermordung von Gefangenen wurden geschaffen. Selektionen entschieden darüber, wer als arbeitsfähig galt und wer als nicht mehr verwendbar eingestuft wurde. Für kranke und erschöpfte Menschen konnte die fehlende Arbeitsfähigkeit tödliche Folgen haben. Das nationalsozialistische Denken reduzierte Menschen auf ihren vermeintlichen Nutzen. Wer nicht mehr arbeiten konnte, verlor in diesem System seinen Schutz vollständig.

Binz war nach den vorliegenden Angaben an solchen Selektionen beteiligt. Damit war sie Teil eines Vorgangs, bei dem über das Schicksal von Gefangenen entschieden wurde. Gleichzeitig wurde Ravensbrück immer stärker zu einem Ort, an dem die Grenzen zwischen Zwangsarbeit, Terror und systematischer Tötung verschwanden. Für die Frauen hinter dem Stacheldraht wurde jeder Tag zu einem Kampf ums Überleben. Für die Angehörigen des Wachpersonals wurde das Unmenschliche zur Routine.

Auch Binz’ Privatleben war mit der Welt des Lagers verbunden. Sie hatte eine Beziehung zu dem SS-Mann Edmund Bräuning, der als Mitarbeiter des Lagerkommandanten Fritz Suhren tätig war. Nach den Berichten gingen Binz und Bräuning gemeinsam durch das Lager. Überlebende schilderten Situationen, in denen sie das Paar lachend oder vertraut miteinander gesehen hätten, während in ihrer Nähe Gefangene misshandelt wurden. Gerade dieser Kontrast blieb im Gedächtnis: ein scheinbar normales Privatleben neben einem Ort, an dem Menschen unter schlimmsten Bedingungen litten.

Die Beziehung zwischen Binz und Bräuning macht die Absurdität des Lageralltags besonders deutlich. Menschen konnten wenige Minuten nach einer Gewalttat über persönliche Dinge sprechen, essen, lachen oder nach Hause gehen. Für die Opfer hingegen blieb jeder Moment existenziell. Die Fähigkeit, zwischen privatem Alltag und öffentlicher Grausamkeit zu trennen, war ein Teil der moralischen Zerstörung, die das System hervorbrachte. Ein Mensch konnte am Vormittag eine Gefangene bestrafen und am Abend mit einem Partner zusammensitzen, als sei nichts geschehen.

Währenddessen starben Tausende.

Ravensbrück wurde zu einem zentralen Ort der nationalsozialistischen Verfolgung von Frauen. Menschen aus vielen Ländern Europas wurden dorthin verschleppt. Sie kamen mit unterschiedlichen Sprachen, Religionen und Lebensgeschichten. Einige hatten Familien, andere Kinder, Ehemänner, Eltern oder Geschwister. Hinter jeder Gefangenen stand ein Leben, das vor der Ankunft im Lager existiert hatte. Doch innerhalb der Lagerordnung wurden diese individuellen Geschichten ausgelöscht.

Die Zahl der Opfer wuchs während des Krieges. Der Ausgangstext nennt etwa 132.000 Frauen, die Ravensbrück durchliefen, und mehr als 92.000 Tote. Die genauen Opferzahlen werden in der historischen Forschung differenziert betrachtet, doch unstrittig ist die enorme Dimension des Leidens und Sterbens. Die Befreiung des Lagers konnte das Geschehene nicht rückgängig machen. Sie konnte nur die Herrschaft beenden, unter der diese Verbrechen möglich geworden waren.

Im Frühjahr 1945 begann die nationalsozialistische Herrschaft zusammenzubrechen. Die Rote Armee rückte vor. Die Fronten näherten sich dem Lager. Für die SS wurde die Frage immer dringender, was mit den Gefangenen und den Spuren ihrer Verbrechen geschehen sollte. Am 30. April 1945 erreichten sowjetische Truppen das Lager. Noch immer befanden sich dort Tausende kranke Frauen, Männer und Kinder. Viele waren dem Tod nahe.

Doch Dorothea Binz war nicht mehr dort, um diesen Moment als Aufseherin zu erleben. Das System, das ihr jahrelang Macht gegeben hatte, zerfiel. Die Uniform, die einst Autorität bedeutet hatte, wurde zu einem Beweisstück. Die Hierarchie, auf die sie sich verlassen hatte, war verschwunden. Und nun begann die Zeit, in der nicht mehr sie über andere entschied.

Nun würden andere Fragen stellen.

Was hatte sie getan?

Welche Befehle hatte sie ausgeführt?

Welche Entscheidungen hatte sie selbst getroffen?

Wie viele Menschen waren durch ihre Handlungen misshandelt worden?

Und konnte sie sich hinter der Behauptung verstecken, lediglich Befehle befolgt zu haben?

Die Antworten würden nicht mehr in Ravensbrück gegeben werden.

Sie würden vor Gericht fallen.

Und während die Überlebenden begannen, ihre Erinnerungen zusammenzutragen, begann für Dorothea Binz der letzte Abschnitt ihres Lebens.

Denn am 5. Dezember 1946 öffnete sich in Hamburg der Gerichtssaal des ersten Ravensbrück-Prozesses.

Dorothea Binz saß nun nicht mehr hinter einem Schreibtisch im Lager.

Sie saß auf der Anklagebank.

Und vor ihr standen Menschen, die überlebt hatten, was sie selbst für ihre tägliche Arbeit gehalten hatte.

FORTSETZUNG IN TEIL 2