Es ist der 11. November 2022, ein Samstag in Unterhaching, einer Gemeinde am südlichen Rand von München. Der Himmel ist grau, die Luft riecht nach nassem Laub. Um 16:40 Uhr betritt eine Frau zusammen mit einem Mann einen Norma-Supermarkt in der Münchener Straße.

Sie schieben einen Einkaufswagen durch die Gänge, legen Brot und Milch hinein. Die Überwachungskamera zeichnet alles auf. Es ist das letzte Bild, das jemals von Vanessa Huber aufgenommen wird. Vanessa verlässt nach dem Einkauf zusammen mit ihrem Mann Tobias den Supermarkt.
Sie fahren nach Hause in ihre gemeinsame Eigentumswohnung in Unterhaching. Dort kommt es zum Streit. Um 17:50 Uhr, so wird Tobias Huber später der Polizei erzählen, verlässt Vanessa die Wohnung – ohne Handy, ohne Geldbeutel, ohne Schlüssel, ohne Ausweis, ohne Brille, ohne Ehering. Ohne alles, was einen Menschen in der modernen Welt existieren lässt.
Und niemand wird Vanessa Huber jemals wiedersehen. Zwei Tage lang schweigt Tobias, bis er seine Frau als vermisst meldet. Monatelange Ermittlungen folgen: Durchsuchungen im Perlacher Forst, Taucher in einem Tümpel, Leichenspürhunde, die in der Wohnung anschlagen, aber keine eindeutigen Signale geben. 4 TB Daten auf den Computern des Ehemanns werden ausgewertet.
Ein Ehemann, der verdächtigt wird – und stirbt, bevor die Wahrheit ans Licht kommt. Eine Frau, die seit über zwei Jahren spurlos verschwunden ist. Vanessa wird 1983 in Berlin geboren, in einer Stadt, die noch geteilt ist. Ihre Eltern Brigitte und Michael Kitowski beschreiben ihre Kindheit als glücklich.
Vanessa ist sportlich, sie studiert Fitnessökonomie und schließt mit einem Diplom ab. Mit Anfang 20 zieht sie von Berlin nach München. Dort findet sie Arbeit in einem Fitnessstudio und trifft Tobias Huber, einen Sporttrainer. Die beiden teilen die Leidenschaft für Fitness und Gesundheit.
Sie verlieben sich schnell. Im Sommer 2018 heiraten Vanessa und Tobias im engsten Kreis. Sie kaufen 2019 eine Eigentumswohnung in Unterhaching, einer ruhigen Gemeinde südlich von München. Vanessa joggt regelmäßig im Perlacher Forst, dem Wald direkt vor ihrer Haustür.
Der Wald ist ihr Ort, ihr Rückzugsraum. Die Wohnung ist ein Projekt, ein gemeinsames Ziel, eine Investition in die Zukunft. Sie träumen von dem Kind, das hier aufwachsen soll. Von außen betrachtet ist das Leben von Vanessa und Tobias Huber das, was man sich unter einem gelungenen Leben vorstellt.
Zwei gesunde, sportliche Menschen, eine schöne Wohnung, Arbeit, Zukunft. Aber von außen sieht man vieles nicht. Dann kommt 2020. Die Coronapandemie trifft die Fitnessbranche mit voller Härte.
Studios werden geschlossen, wochenlang, monatelang. Tobias wird in Kurzarbeit geschickt, dann arbeitslos. Die finanzielle Verantwortung für die Wohnung, die Kreditraten, das gesamte gemeinsame Leben lastet plötzlich allein auf Vanessas Schultern. Sie arbeitet als Finanzberaterin, nimmt zusätzliche Arbeit an.
Sie wird zur Alleinverdienerin, zur Stütze, zu der Person, die morgens aufsteht und weiß, dass alles von ihr abhängt. Und dann ist da der Kinderwunsch. Vanessa und Tobias wünschen sich ein Kind, aber es klappt nicht. Monat für Monat Hoffnung, Monat für Monat Enttäuschung.
Ein unerfüllter Kinderwunsch ist ein Trauern um etwas, das nie existiert hat. Die Enttäuschung wächst, der Druck wächst, die Spannung zwischen den beiden wächst. Eine Freundin wird später sagen, Vanessa sei meistens sehr erschöpft, besorgt und bedrückt gewesen. Über das Ausmaß der Probleme habe sie nicht gesprochen.
Sie habe sich psychologische Hilfe gesucht. Oktober 2022, wenige Tage vor dem Verschwinden. Vanessa hat ein Sparkonto, das sie zusammen mit ihrer Mutter Brigitte führt. Tobias weiß nichts davon.
Ende Oktober kommt es heraus. Tobias reagiert mit Wut. Es kommt zum Streit – so heftig, dass Tobias seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung wirft. Vanessa zieht zu einer Freundin.
Die Freundin beschreibt ihren Zustand später: Sie sah elend aus und war psychisch am Boden. Vanessa vereinbart einen Termin bei einer Scheidungsanwältin – nimmt ihn aber nicht wahr. Krankheitsbedingt, heißt es. War es wirklich Krankheit oder war es Zögern?
Diese Frage wird nie beantwortet. Dann, ein paar Tage später, die Versöhnung. Das Paar geht gemeinsam spazieren im Perlacher Forst. Sie machen ein Foto zusammen, ein Versöhnungsfoto.
Zwei Menschen, die nebeneinander stehen, zwischen kahlen Bäumen in der Novembersonne. Ich frage mich: War die Versöhnung echt oder war sie die Ruhe vor dem Sturm? Dieses Foto wird später von der Polizei veröffentlicht. Es zeigt, wie dünn die Linie ist zwischen dem, was scheint, und dem, was ist.
5. November 2022, Samstag, 16:40 Uhr. Norma-Supermarkt. Die Kamera läuft.
Vanessa und Tobias kaufen ein. Sie fahren nach Hause. Es kommt zum Streit. 17:50 Uhr verlässt Vanessa die Wohnung – so sagt es Tobias.
Ohne alles. 7. November 2022, Montag. Tobias Huber geht zur Polizei und meldet seine Frau als vermisst.
Zwei Tage nachdem sie angeblich die Wohnung verlassen hat. Und was hat er in diesen zwei Tagen getan? Er hat sein Auto gereinigt und zwei Matratzen mit einem Dampfreiniger gesäubert. Er wird später sagen: wegen Erbrochenem.
Lasst das einen Moment sacken. Die Polizei reagiert schnell. Das Kommissariat 11 des Polizeipräsidiums München übernimmt – die Abteilung, die für Tötungsdelikte zuständig ist. Die Ermittler durchsuchen die Wohnung, setzen Leichenspürhunde ein.
Die Hunde schlagen an, aber die Signale sind nicht eindeutig. Kein Blut, keine DNA, keine Kampfspuren. Was sie finden: alle Gegenstände von Vanessa – Handy, Geld, Ringe, Brille. Alles in der Wohnung, alles ordentlich.
Die Polizei durchsucht den Perlacher Forst mit Drohnen, mit Hunden, mit Hundertschaften. Vanessas Lieblingslaufstrecke wird Meter für Meter abgelaufen. Sie finden nichts. Keinen Schuh, kein Kleidungsstück, keinen Hinweis.
Vanessas digitales Leben wird überprüft: keine Kontobewegung nach dem 5. November, kein Login, kein Signal ihres Handys. Es ist, als hätte jemand einen Schalter umgelegt – von Existenz auf nichts. Tobias Huber wird mehrfach vernommen.
Er kooperiert, aber er sagt nichts, was den Fall löst. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts eines Tötungsdelikts, aber die Beweise reichen nicht. Nicht für einen Haftbefehl, nicht für eine Anklage. Januar 2023.
Der Fall wird erstmals bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorgestellt. Millionen sehen Vanessa beim Einkaufen – die letzten Bilder. Es kommen Hinweise, aber keine heiße Spur. Die Monate vergehen.
Die Ermittler werten über 4 TB Daten von Tobias Hubers Computern aus. Millionen von Dateien, Fotos, Dokumente, Suchverläufe, Geodaten. September 2023. Eine erneute Großsuche im Perlacher Forst.
Wieder nichts. Und dann, im März 2024, geschieht etwas, das den Fall in eine neue Dimension katapultiert. Am 15. März 2024 wird Tobias Huber tot in der gemeinsamen Wohnung aufgefunden.
Er lag dort bereits seit etwa einer Woche. Die Polizei stellt fest: kein Fremdverschulden. Was der Ermittler später sagt, ist kryptisch: „Manch ein Lebensstil ist mit einer gewissen Gefahr verbunden. “ Mehr wird nicht gesagt.
Tobias Huber war der einzige Verdächtige. Und jetzt ist er tot. Der einzige Mensch, der mit Sicherheit weiß, was am 5. November 2022 passiert ist, kann nicht mehr befragt werden.
Lasst mich über die Widersprüche sprechen. Erster Punkt: die zwei Tage Schweigen. Tobias meldet seine Frau erst am 7. November als vermisst.
In diesen zwei Tagen reinigt er sein Auto und zwei Matratzen. Die Erklärung: Erbrochenes. Die Frage: Warum? Zweiter Punkt: die zurückgelassenen Gegenstände.
Vanessa verlässt die Wohnung angeblich nach einem Streit, aber sie nimmt nichts mit. Kein Handy, kein Geld, keinen Schlüssel, keine Brille, keine Ringe. Welche Frau verlässt im November eine Wohnung ohne Handy, ohne Geld, ohne Schlüssel und ohne Brille? Dritter Punkt: die Leichenspürhunde.
Sie schlagen in der Wohnung an, aber die Signale sind nicht eindeutig. Die Hunde haben etwas gerochen. Vierter Punkt: die Daten. Tobias Huber war technikaffin.
Bei der Auswertung stoßen die Ermittler auf Geodaten eines Tümpels in Taufkirchen – ein kleines Gewässer südlich von München, unterhalb einer Hangkante an der Hochstraße. Ein Ort, den man nicht zufällig findet. Die Polizei sucht dort im Juli 2024. Sechs Taucher, ein halbes Dutzend Bereitschaftspolizisten.
Das Gewässer ist hüfthoch, voller grüner Algen. Die Taucher suchen den Grund Meter für Meter ab. Sie finden nichts. Aber die Frage bleibt: Warum hatte Tobias Huber die Koordinaten dieses Tümpels auf seinem Computer?
Fünfter Punkt: der Tod von Tobias. Er stirbt eineinhalb Jahre nach dem Verschwinden seiner Frau in der Wohnung, die sie gemeinsam bewohnt haben. Die Polizei schließt Fremdverschulden aus. Aber der Zeitpunkt, der Ort und die Umstände werfen Fragen auf, die nie beantwortet werden.
Der Leiter der Münchner Mordkommission sagt es bei „Aktenzeichen XY“ selbst: „Wir hoffen und wünschen uns alle, dass wir Vanessa Huber noch lebend finden. “ Der Ermittler formuliert es vorsichtiger: „Wir können ein Verbrechen weiterhin nicht ausschließen, ebenso wenig einen Suizid, ein Unfallgeschehen oder dass sie einem unbekannten Täter in die Arme lief. “
Erstes Szenario: Tobias Huber hat seine Frau getötet und die Leiche an einen unbekannten Ort gebracht. Die zwei Tage hätten ihm Zeit gegeben.
Das Auto, die Matratzen, alles könnte auf Spurenbeseitigung hindeuten. Viele Beobachter halten das für das wahrscheinlichste Szenario – aber bewiesen ist es nicht, und der einzige Verdächtige ist tot. Zweites Szenario: Vanessa hat die Wohnung tatsächlich verlassen und ist einem Verbrechen durch eine dritte Person zum Opfer gefallen. Eine Frau ohne Handy, ohne Geld, allein in der Dämmerung eines Novemberabends.
Die Polizei schließt das nicht aus. Drittes Szenario: Vanessa hat sich das Leben genommen. Die psychische Belastung, die Eheprobleme, der unerfüllte Kinderwunsch. Die Polizei hält das für möglich, aber wegen fehlender Hinweise auf eine psychische Vorbelastung für unwahrscheinlich.
Vanessas Familie widerspricht entschieden. Viertes Szenario: Vanessa ist untergetaucht – ohne Handy, ohne Geld, ohne Papiere. Extrem schwierig, aber nicht unmöglich. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass sie eine solche Entscheidung vorbereitet hat.
Vanessas Mutter Brigitte sagt bei „Aktenzeichen XY“: „Man mag sich nicht vorstellen, dass sie irgendwo tot ist. “ In diesem einen Satz steckt alles: die Angst, die Hoffnung, die Weigerung, das Schlimmste zu akzeptieren – und gleichzeitig das Wissen, dass das Schlimmste die wahrscheinlichste Erklärung ist. Es gibt ein Bild, das mich in diesem Fall am meisten verfolgt. Nicht das Überwachungsvideo aus dem Supermarkt.
Sondern das Versöhnungsfoto aus dem Perlacher Forst. Zwei Menschen, die nebeneinander stehen, ein paar Tage nach dem schlimmsten Streit ihrer Ehe, ein paar Tage vor dem Ende. Was denkt Vanessa in diesem Moment? Glaubt sie, dass es jetzt besser wird?
Oder spürt sie etwas – einen Schatten, der sich über den Wald legt? Vanessas Eltern leben in Berlin, 800 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ihre Tochter zuletzt gesehen wurde. Sie können nichts tun – nichts außer warten, hoffen und bei jeder Nachricht auf dem Handy zusammenzucken. Brigitte Kitowski spricht über ihre Tochter: „Sie war eine Macherin.
Wenn es Probleme gab, hat Vanessa immer versucht, eine Lösung zu finden. “ Und genau deshalb ist es so schwer zu akzeptieren, dass sie nicht zurückkommt. Unterhaching liegt immer noch am südlichen Rand von München. Der Norma-Supermarkt ist immer noch geöffnet.
Die Überwachungskamera läuft weiter. Sie nimmt jeden Tag neue Bilder auf. Aber das eine Bild, das zählt, stammt vom 5. November 2022, 16:40 Uhr.
Zwei Menschen beim Einkaufen. Eine kam nach Hause, die andere nicht. 4 TB Daten liegen noch immer auf den Servern der Münchner Kriminalpolizei. Irgendwo in diesen Daten liegt vielleicht die Antwort.
Ein Geodatensatz, ein Suchverlauf, ein Hinweis. Die Ermittler geben nicht auf. Und solange die Polizei hofft, gibt es eine Chance. 16:40 Uhr einkaufen.
17:50 Uhr verschwunden. Eine Stunde und zehn Minuten. Das ist die Zeitspanne, in der Vanessas Welt aufgehört hat zu existieren. Vanessa Huber, 39 Jahre alt bei ihrem Verschwinden.
Berlinerin, Münchnerin, Sportlerin, Macherin. Die Frau, die ihre Ringe zurückließ und ohne Brille in die Nacht ging. Vermisst seit dem 5. November 2022.
Die Münchner Kriminalpolizei ist weiterhin zuständig. Hinweise nimmt das Polizeipräsidium München unter der Telefonnummer 089 2910-0 entgegen. Gesucht werden Zeugen, die Vanessa Huber oder Tobias Huber am 5. November 2022 nach 16:40 Uhr gesehen haben.
Informationen zu den Lebensumständen der beiden, Informationen zu möglichen Orten, an denen Vanessa sein könnte. Wenn ihr in Unterhaching oder München lebt, teilt diese Geschichte. Manchmal reicht ein einziger Hinweis.


