Sophie Albrecht hatte ihr Leben lang geglaubt, dass manche Gedanken besser im Verborgenen blieben. Doch an diesem Dienstagmittag im stickigen Pausenraum der Falkenberg AG in Hamburg zerbröckelte ihre Selbstbeherrschung. Der Raum roch nach aufgewärmter Pizza und altem Kaffee, und die Neonröhren summten, während Sophie lustlos in ihrem Salat stocherte. Gegenüber saß ihre beste Freundin Jenny und beugte sich neugierig vor.

„Ich schwöre dir, Jenny, das war der lebendigste Traum, den ich je hatte“, flüsterte Sophie und errötete. „Und du wirst es nicht glauben. “ Adrian Falkenberg war darin. Der CEO persönlich.
„Na los, erzähl“, drängte Jenny. Sophie sah sich um, ob wirklich niemand sonst im Raum war. Dann senkte sie die Stimme. „Wir haben spät an der Präsentation für den neuen Kunden gearbeitet.
Alle anderen waren weg. Und dann kam er in mein Büro, lockerte seine Krawatte und sagte, er beobachte mich schon seit Monaten. “
Jenny schlug sich die Hand vor den Mund. „Das Beste kommt noch.
Er meinte, meine Leidenschaft für die Arbeit sei das Attraktivste, was er je gesehen hätte. Dann schloss er die Tür, kam zu mir und sah mich an mit diesen grauen Augen. Er stand so nah, dass ich sein Parfüm riechen konnte. Und dann sagte er wörtlich, er wolle das schon tun, seit ich die Hartmann-Kampagne präsentiert habe.
Und dann hat er mich hochgezogen, gegen das Fenster gedrückt und geküsst, als hinge sein Leben davon ab. “
Jenny japste. „Nicht dein Ernst. “
„Doch.
Auf dem Konferenztisch, dem Tisch, an dem wir immer mit den Kunden sitzen. In meinem Traum hat er die ganzen Unterlagen einfach vom Tisch gewischt und gesagt: ‚Mir egal, was in den Berichten steht. Ich will nur dich. ‘ Es war so intensiv, Jenny.
Und dann, genau als es spannend wurde, klingelte mein Wecker. “
„Das ist Folter“, rief Jenny. „Sag ich doch. “ Sophie vergrub das Gesicht in den Händen.
„Und jetzt muss ich morgen wieder in Meetings mit ihm sitzen und so tun, als wäre nichts, obwohl ich die halbe Nacht von ihm geträumt habe. “
Was die beiden nicht wussten: Das alte Durchsagesystem im Pausenraum war fehlerhaft. Ein defekter Schalter hatte dafür gesorgt, dass ihre Worte direkt in die Büros einiger Führungskräfte übertragen wurden. Und eines dieser Büros gehörte Adrian Falkenberg persönlich.
Drei Etagen höher saß er an seinem Mahagonischreibtisch, die Kaffeetasse halb erhoben, und erstarrte. Jedes Wort hatte er gehört. Jede Einzelheit. Die Art, wie sie über seine grauen Augen sprach.
Wie sie den Kuss auf dem Konferenztisch beschrieb. Wie sie zugab, dass sie von ihm träumte. Er stellte die Tasse langsam ab und sah aus dem Fenster auf Hamburgs Dächer. Lange sagte er nichts.
Dann zog er sein Jackett glatt und verließ das Büro mit festem Schritt. Am nächsten Morgen wartete Sophie in ihrem Großraumbüro auf die morgendliche Besprechung. Ihr Herz klopfte, als sie den Flur entlangging. Doch statt des üblichen Meetingraums führte sie eine E-Mail von Adrian Falkenberg in sein privates Büro.
Nur sie. Keine Kollegen. Keine Tagesordnung. Als sie eintrat, stand er am Fenster, den Rücken ihr zugewandt.
Er drehte sich nicht sofort um, sondern ließ die Stille schwer werden. Dann sagte er mit ruhiger, tiefer Stimme: „Sie haben gestern im Pausenraum über einen Traum gesprochen. Ich habe ihn zufällig mitangehört. “
Sophies Blut gefror.
„Das… das kann nicht sein. “
„Oh doch. “ Er kam langsam näher. „Und ich möchte wissen, ob Sie wirklich nur davon geträumt haben.
Oder ob Sie sich das gewünscht haben. Denn ich beobachte Sie tatsächlich schon seit Monaten. Aber nicht nur Ihre Arbeit. “
Sophie wich einen Schritt zurück, doch er blieb dicht vor ihr.
Seine grauen Augen sahen sie an – nicht spöttisch, sondern ernst, forschend, offen. „Also? Was ist es wert, was Sie da erzählt haben? Ein Traum?
Oder eine Wahrheit, die Sie sich nicht eingestehen wollten? “
Sie wollte antworten, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Draußen rauschte der Verkehr, irgendwo lachte ein Kollege. Aber in diesem Raum gab es nur noch ihn, ihre Angst und diesen Funken, der seit Monaten zwischen ihnen geschwelt hatte.
Sie hob den Kopf. „Und Sie? Was wollen Sie wirklich? “
Er lächelte langsam.
„Das, was Sie geträumt haben. Und mehr. “
Später, als die Abenddämmerung über Hamburg fiel, saßen sie nicht mehr am Konferenztisch, sondern auf der Fensterbank seines Büros. Die Stadt lag unter ihnen, golden und weit.
Sophie wusste nicht genau, wann aus dem Traum Wirklichkeit geworden war. Aber sie wusste, dass manche Geschichten nicht geschrieben werden – sie werden gelebt. Mit all ihren Fehlern, Umwegen und unerwarteten Wendungen.
Und sie wollte keine einzige davon missen.


