TEIL 1 – DER WEG IN DEN NATIONALISTISCHEN UNTERGRUND
Der 22. Juni 1941 begann für Millionen Menschen in der Sowjetunion wie ein gewöhnlicher Sommermorgen. Dann überschritten deutsche Truppen die Grenze. Panzerkolonnen rollten nach Osten, Flugzeuge bombardierten Städte und hinter den vorrückenden Verbänden folgten Einsatzgruppen, die mit systematischem Massenmord begannen. Doch während die Wehrmacht in die Ukraine und andere sowjetische Gebiete eindrang, hofften ukrainische Nationalisten auf etwas völlig anderes: die Zerschlagung der sowjetischen Herrschaft und die Entstehung eines unabhängigen ukrainischen Staates. Einer der bekanntesten Männer dieser Bewegung war Stepan Bandera. Für manche wurde er später zum Symbol des Kampfes für nationale Unabhängigkeit. Für andere blieb er bis heute der Name eines Mannes, dessen Bewegung mit antisemitischer Ideologie, politischem Terror und Massengewalt verbunden war. Seine Geschichte ist deshalb keine einfache Heldengeschichte und auch keine eindimensionale Täterbiografie. Sie ist die Geschichte eines radikalen Nationalisten, dessen politische Ziele ihn zunächst in eine Zusammenarbeit mit Hitlerdeutschland führten, bevor er selbst mit den Nationalsozialisten in Konflikt geriet.

Stepan Bandera wurde am 1. Januar 1909 in Staryj Uhryniw in Galizien geboren, einer Region, die damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte. Sein Vater Andrij war griechisch-katholischer Priester, seine Mutter Myroslawa stammte ebenfalls aus einer Geistlichenfamilie. Die Familie lebte in einer Welt, in der Religion, nationale Identität und Politik eng miteinander verbunden waren. Für den jungen Stepan war die Ukraine kein unabhängiger Staat. Das Gebiet, in dem seine Familie lebte, gehörte zu einem größeren politischen Reich, und nach dem Ersten Weltkrieg sollte sich diese Situation erneut dramatisch verändern. Schon als Kind erlebte Bandera deshalb, dass Grenzen keine abstrakten Linien auf Karten waren. Sie entschieden darüber, welche Sprache in Schulen gesprochen wurde, welche Flagge über einem Gebäude wehte und welcher Staat über das Leben der Menschen bestimmte.
Als Bandera fünf Jahre alt war, erreichte der Erste Weltkrieg seine Heimat. Soldaten zogen durch die Dörfer. Lebensmittel wurden beschlagnahmt, Straßen wurden zu Militärwegen und der Alltag der Familie veränderte sich. Der Krieg zerstörte die Vorstellung, dass die Welt dauerhaft geordnet bleiben würde. Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns 1918 entstand in Osteuropa ein Machtvakuum. Verschiedene nationale Bewegungen versuchten, eigene Staaten zu schaffen. Auch ukrainische Politiker und Soldaten kämpften für einen unabhängigen Staat. Doch Polen beanspruchte ebenfalls große Teile Galiziens. Der Konflikt wurde militärisch ausgetragen und endete mit der Eingliederung Ostgaliziens in den polnischen Staat.
Für die Familie Bandera bedeutete dies einen neuen politischen Alltag. Sie waren nun polnische Staatsbürger, obwohl sie sich kulturell und national als Ukrainer verstanden. In den folgenden Jahren verschärften sich die Spannungen zwischen polnischen Behörden und ukrainischen Nationalisten. Die ukrainische Bevölkerung beklagte politische Benachteiligung und Einschränkungen. Gleichzeitig betrachteten polnische Behörden radikale ukrainische Organisationen zunehmend als Sicherheitsbedrohung. Für junge Männer wie Bandera entstand dadurch ein Umfeld, in dem Nationalismus nicht nur eine politische Idee, sondern eine Frage persönlicher Identität wurde. Wer glaubte, dass die Ukraine nur durch einen eigenen Staat überleben könne, musste sich entscheiden, wie weit er für dieses Ziel gehen wollte.
Bandera schloss sich als Jugendlicher der ukrainischen Pfadfinderbewegung Plast an. Dort lernte er Disziplin, Organisation und Gemeinschaft. Gleichzeitig kam er mit Untergrundkreisen in Kontakt. Er trat der Ukrainischen Militärorganisation bei, einer Gruppe, die davon überzeugt war, dass die Unabhängigkeit nicht durch bloße Verhandlungen erreicht werden konnte. Für diese Männer waren geheime Netzwerke, Sabotage und politische Gewalt legitime Instrumente. Bandera entwickelte sich schnell zu einem überzeugten Aktivisten. Er verteilte Flugblätter, organisierte Treffen und beteiligte sich an Aktionen gegen polnische Behörden. Je stärker seine Überzeugungen wurden, desto weniger interessierte er sich für ein normales bürgerliches Leben.
1929 entstand die Organisation Ukrainischer Nationalisten, kurz OUN. Sie verband radikalen Nationalismus mit der Vorstellung eines unabhängigen ukrainischen Staates. Die Bewegung war hierarchisch organisiert und setzte auf Propaganda, Untergrundarbeit und Gewalt. Bandera schloss sich ihr früh an. Er war jung, energisch und bereit, Risiken einzugehen. Innerhalb kurzer Zeit stieg er in der Organisation auf. Er half beim Aufbau von Kuriernetzwerken, organisierte Propaganda und unterstützte Aktionen gegen Vertreter des polnischen Staates. Die Bewegung sah sich selbst als Befreiungsorganisation. Die polnischen Behörden betrachteten sie dagegen als terroristisches Netzwerk.
Bandera studierte zunächst an der Technischen Hochschule in Lwiw Landwirtschaft. Doch das Studium wurde zunehmend nebensächlich. Sein eigentliches Leben spielte sich in den politischen Untergrundstrukturen ab. Dort lernte er, wie man gefälschte Dokumente herstellt, Nachrichten verschlüsselt und geheime Kontakte organisiert. Die OUN arbeitete mit Zellen, die voneinander teilweise getrennt waren. Dadurch sollte verhindert werden, dass eine Festnahme sofort das gesamte Netzwerk zerstörte. Bandera erwies sich als besonders engagierter Organisator. Seine politischen Gegner sollten später behaupten, dass seine Entschlossenheit vor allem daraus bestand, Gewalt als normalen Bestandteil des politischen Kampfes zu betrachten.
Die OUN richtete sich nicht nur gegen polnische Institutionen. Ihre Ideologie war zunehmend antisemitisch und autoritär. Juden wurden in Teilen der nationalistischen Propaganda als Fremdkörper dargestellt. Die Bewegung betrachtete die Gesellschaft nicht als Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger, sondern als eine nationale Ordnung, in der bestimmte Gruppen keinen Platz haben sollten. Genau diese ideologische Entwicklung ist für das Verständnis der späteren Gewalt entscheidend. Der ukrainische Unabhängigkeitsgedanke allein erklärt nicht, warum Teile der Bewegung sich an Verfolgung und Massenmorden beteiligten. Es war die Verbindung von Nationalismus, ethnischer Abgrenzung und politischem Radikalismus, die den Weg für spätere Verbrechen bereitete.
In den frühen 1930er Jahren nahm die Gewalt zu. OUN-Mitglieder verübten Sabotageakte, griffen staatliche Einrichtungen an und beschafften Geld für die Organisation. Politische Gegner wurden bedroht. Einzelne Anschläge richteten sich gegen polnische Beamte. Die Organisation wollte zeigen, dass der polnische Staat die Ukraine nicht dauerhaft kontrollieren könne. Gleichzeitig sollte die Bevölkerung durch Aktionen eingeschüchtert und mobilisiert werden. Bandera war inzwischen eine der wichtigsten Figuren des radikalen Flügels.
1934 erreichte der Konflikt einen neuen Höhepunkt. Der polnische Innenminister Bronisław Pieracki wurde in Warschau ermordet. Die Ermittlungen führten zur OUN und zu Bandera. Er wurde verhaftet und wegen seiner Rolle innerhalb der Organisation sowie seiner Beteiligung an terroristischen Aktivitäten angeklagt. Das Gericht verhängte zunächst die Todesstrafe. Später wurde sie in lebenslange Haft umgewandelt. Bandera kam ins Gefängnis, doch seine politische Karriere war damit nicht beendet. Im Gegenteil: Für seine Anhänger wurde er zu einem Symbol des Widerstands gegen den polnischen Staat.
Während Bandera inhaftiert war, veränderte sich Europa dramatisch. Adolf Hitler hatte 1933 in Deutschland die Macht übernommen. Das nationalsozialistische Regime begann mit der Verfolgung politischer Gegner und jüdischer Menschen. Hitler strebte gleichzeitig nach einer grundlegenden Neuordnung Europas. Polen sollte verschwinden, die Sowjetunion sollte zerschlagen und große Gebiete im Osten sollten für das Deutsche Reich erobert werden. Für ukrainische Nationalisten entstand dadurch eine scheinbare Möglichkeit. Wenn Deutschland Polen und die Sowjetunion zerstören würde, könnte vielleicht ein ukrainischer Staat entstehen.
1939 griff Deutschland Polen an. Wenige Wochen später marschierte die Sowjetunion von Osten her ein. Der polnische Staat brach zusammen. Bandera kam aus dem Gefängnis frei, entweder weil die Wärter flohen oder weil er offiziell entlassen wurde. In jedem Fall kehrte er zunächst nach Lwiw zurück. Doch die Stadt geriet unter sowjetische Kontrolle. Bandera wusste, dass die Sowjets seine Bewegung als gefährlichen Gegner betrachten würden. Er floh weiter nach Krakau, in das von Deutschland kontrollierte Generalgouvernement.
Dort begann ein neues Kapitel.
Deutsche Geheimdienstoffiziere erkannten schnell, dass ukrainische Nationalisten als Werkzeug gegen die Sowjetunion nützlich sein konnten. Die Abwehr, der militärische Nachrichtendienst der Wehrmacht, nahm Kontakt zu Bandera und seinen Anhängern auf. Die Zusammenarbeit beruhte nicht auf gemeinsamen politischen Werten allein, sondern auf gemeinsamen Feinden. Bandera wollte eine unabhängige Ukraine. Deutschland wollte die Sowjetunion zerstören und seine eigene Herrschaft über Osteuropa ausweiten. Beide Seiten glaubten zunächst, ihre Ziele könnten miteinander vereinbar sein.
1940 spaltete sich die OUN. Ein älterer Flügel unter Andrij Melnyk setzte auf eine vorsichtigere Zusammenarbeit mit Deutschland. Der jüngere und radikalere Flügel sammelte sich um Bandera. Er wurde als OUN-B bekannt. Banderas Anhänger wollten nicht warten, bis Deutschland ihnen einen Staat schenkte. Sie wollten selbst die politische Kontrolle übernehmen, sobald die Sowjetmacht zusammenbrach. Dafür brauchten sie bewaffnete Einheiten, Nachrichtenverbindungen und Geld.
Die deutsche Abwehr unterstützte Teile dieser Vorbereitungen. Bereits vor dem Angriff auf die Sowjetunion wurden ukrainische Freiwillige für Sabotage- und Aufklärungseinsätze ausgebildet. Die Deutschen hofften, dass diese Männer hinter den sowjetischen Linien Unruhe schaffen und den Vormarsch der Wehrmacht erleichtern würden. Bandera wiederum hoffte, dass Deutschland nach einem Sieg über Stalin eine ukrainische Regierung akzeptieren würde. Diese Hoffnung sollte sich als fataler Irrtum erweisen.
Im Frühjahr 1941 intensivierte sich die Zusammenarbeit. Ukrainische Einheiten wie Nachtigall und Roland wurden vorbereitet. Die deutschen Dienste stellten finanzielle Mittel zur Verfügung. Bandera und seine Mitarbeiter entwickelten Pläne für mobile Gruppen, die den deutschen Vormarsch begleiten und in eroberten Gebieten Verwaltungsstrukturen übernehmen sollten. Für Bandera war dies der Weg zu einer ukrainischen Revolution. Für Berlin waren diese Kräfte zunächst nur ein Instrument für den Krieg gegen die Sowjetunion.
Dann kam der 22. Juni 1941.
Die Operation Barbarossa begann.
Millionen deutsche und verbündete Soldaten überschritten die sowjetische Grenze. Die Front bewegte sich mit ungeheurer Geschwindigkeit nach Osten. In der Ukraine brach die sowjetische Verwaltung in vielen Gebieten zusammen. Gleichzeitig begann eine beispiellose Welle von Gewalt. Einsatzgruppen ermordeten Juden. Gefangene wurden erschossen. Dörfer wurden zerstört. In einigen Regionen begrüßten lokale Nationalisten die deutschen Truppen zunächst als Befreier von Stalin.
Für Bandera war der Moment gekommen.
Am 30. Juni 1941 wurde in Lwiw eine ukrainische Unabhängigkeitserklärung verkündet. Banderas Bewegung wollte damit vollendete Tatsachen schaffen. Die Ukraine sollte unabhängig sein und nicht einfach zu einem deutschen Besatzungsgebiet werden. Doch Hitler und seine Führung hatten niemals vor, eine wirklich souveräne Ukraine entstehen zu lassen. Für die Nationalsozialisten waren die eroberten Gebiete vor allem Teil ihres kolonialen Projekts im Osten.
Die deutsche Reaktion kam schnell.
Bandera sollte die Erklärung zurücknehmen.
Er weigerte sich.
Für ihn war die Unabhängigkeit wichtiger als die Zusammenarbeit mit Berlin.
Damit begann der Bruch.
Die Deutschen hatten geglaubt, Bandera kontrollieren zu können. Nun sahen sie ihn als Problem. Er wurde verhaftet und zunächst nach Berlin gebracht. Schließlich kam er in den Sonderhäftlingsblock des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Dort wurden prominente politische Gefangene untergebracht. Bandera war damit ein Gefangener des Regimes, mit dem er zuvor zusammengearbeitet hatte.
Doch seine Inhaftierung bedeutete nicht das Ende seiner Bewegung.
Seine Anhänger blieben aktiv.
Und während Bandera hinter den Mauern von Sachsenhausen saß, begann sich in den Wäldern der Westukraine eine neue bewaffnete Organisation zu entwickeln.
Die Ukrainische Aufstandsarmee, die UPA.
Sie sollte später gegen Deutsche, Sowjets und Polen kämpfen.
Doch der Kampf gegen die Besatzer war nur ein Teil ihrer Geschichte.
In den kommenden Jahren sollte die Gewalt gegen polnische und jüdische Zivilisten eine der dunkelsten Seiten dieser Bewegung werden.
Und während die Front weiter nach Osten und später wieder nach Westen wanderte, sollte sich zeigen, dass Banderas ursprüngliche Hoffnung auf deutsche Unterstützung längst in einen viel komplizierteren Krieg verwandelt worden war.
Der Mann, der geglaubt hatte, Deutschland könne den Weg zu einem unabhängigen ukrainischen Staat öffnen, saß nun in einem deutschen Konzentrationslager.
Aber seine Organisation kämpfte draußen weiter.
Und in den Wäldern begann eine Gewalt, deren Folgen bis heute nachwirken.
FORTSETZUNG FOLGT …

