Der Motor gab den Geist auf, mitten auf einer einsamen Landstraße. Kein hoffnungsvoller Neuanfang, nur ein letztes Röcheln und dann Stille. Eine dünne Rauchfahne stieg aus dem Kühler, während die Sommerhitze über dem Asphalt flirrte. Ich schlug mit beiden Händen auf das Lenkrad, bis meine Unterarme brannten.

Vor mir stand ein verwittertes Holzschild: Willkommen in Falkenberg, Bayern. Noch Kilometer bis zu meinem Ziel, und schon war alles kaputt. Vor einer Woche hatte ich noch ein Leben gehabt – eine kleine Wohnung in Augsburg, einen sicheren Job im Callcenter. Dann kam die Umstrukturierung, die Kündigung, und kurz darauf verlor ich auch die Wohnung.
Jetzt saß ich hier, festgenagelt in einem rostigen Kleinwagen, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Hoffnung. Tränen brannten in meinen Augen, und natürlich hatte ich keinen Empfang. Ich ließ den Kopf sinken, bereit aufzugeben, als hinter mir Kies knirschte. Ein alter, hellblauer Pickup hielt an.
Der Fahrer, ein Mann um die sechzig mit wettergegerbtem Gesicht, beugte sich aus dem Fenster. „Problemen mit dem Wagen? “ Ich nickte nur. Er stieg aus, öffnete die Motorhaube und schüttelte den Kopf.
„Der ist hin. Den kriegen wir hier nicht mehr repariert. Ich kann dich ins Dorf mitnehmen, wenn du willst. “ Ich zögerte, aber was blieb mir übrig?
Ich kletterte in seinen Pickup, und wir fuhren schweigend die wenigen Kilometer nach Falkenberg. Er ließ mich an der Dorfstraße raus. „Gasthaus ist da drüben“, sagte er. „Frag nach Frau Weber.
Die hilft dir bestimmt. “ Dann war er weg. Ich stand allein vor dem Gasthaus, einem alten, weiß getünchten Gebäude mit einer mächtigen Kastanie davor. Im Inneren war es kühl und roch nach Bier und Holz.
Eine Frau mit grauem Dutt und strengen Augen musterte mich von der Theke. „Was kann ich für dich tun? “ Ich erklärte ihr meine Situation, zu müde, um zu lügen. Sie hörte zu, nickte und sagte: „Ich habe ein Zimmer für dich.
Und für die erste Nacht, die bezahlst du nicht. “ Ich hätte fast geweint vor Erleichterung. Das Zimmer war klein, aber sauber. Ich ließ mich auf das Bett fallen und schlief fast zwanzig Stunden.
Am nächsten Morgen wachte ich auf mit dem Gefühl, dass ich etwas tun musste. Ich konnte nicht ewig in diesem Gasthaus bleiben. Also fragte ich Frau Weber, ob es in Falkenberg Arbeit gäbe. Sie lachte trocken.
„Hier kannst du höchstens im Supermarkt Regale einräumen. Aber wenn du schreiben kannst, gibt es vielleicht was Besseres. “ Sie deutete auf eine Anzeige an der Wand: Die Gemeindebibliothek suchte jemanden für die Abende, der Veranstaltungen organisiert und Geschichten vorliest. Ich bewarb mich am selben Tag, und drei Tage später bekam ich den Job.
Die Arbeit war ruhig, fast meditativ. Ich sortierte Bücher, half Rentnern beim Lesen, stellte Lesungen auf die Beine. Und irgendwann begann ich, meine eigene Geschichte aufzuschreiben. Alles, was ich erlebt hatte – den Verlust, die Angst, die Wut, das Gefühl, am Boden zu sein.
Ich schrieb nachts, wenn die Bibliothek leer war, und meine Finger taten weh, aber ich konnte nicht aufhören. Es war wie eine Befreiung. Nach einigen Wochen zeigte ich das Geschriebene Frau Weber. Sie las es, schwieg lange und sagte dann: „Das ist gut.
Das ist wirklich gut. Du solltest es irgendwo veröffentlichen. “ Ich lachte, abwehrend. „Wer soll das denn lesen?
Das ist doch nur mein Kram. “ Aber sie ließ nicht locker. Sie kannte jemanden in der Stadt, einen kleinen Verlag. Also schickte ich mein Manuskript ab, ohne Hoffnung.
Wochen vergingen. Ich hatte es fast vergessen, als eine E-Mail kam. „Wir möchten Ihr Buch veröffentlichen. “ Ich las die Zeile dreimal, bevor ich es glaubte.
Als das Buch erschien, war es unscheinbar – schlichter Einband, mein Name in dezentem Druck. Frau Weber hielt das erste Exemplar in den Händen und lächelte. „Das ist erst der Anfang“, sagte sie. Und sie behielt recht.
Die Lesungen, die ich in der Bibliothek hielt, wurden plötzlich voll. Die Leute sagten, meine Geschichten würden sie berühren. Ein Verleger aus München meldete sich, wollte eine größere Auflage. Und ich saß an meinem Schreibtisch, an demselben Ort, an dem ich vor Monaten noch am Boden zerstört gewesen war, und begriff, dass dieser Ort mir mehr gegeben hatte als nur eine zweite Chance.
Er hatte mir einen neuen Anfang geschenkt – einen, den ich mir nie erträumt hätte.


