Ein Glas Mineralwasser, das ich seit einer Stunde kaum angerührt habe. Um mich herum feiert die Münchner Anwaltselite – rauschende Seide, maßgeschneiderte Anzüge, das satte Lachen von Menschen, die wissen, dass sie zu den Gewinnern gehören. In der Mitte steht mein Bruder Corbinian, 33 Jahre alt, heute frisch gekürter Partner der Kanzlei Sonnenberg und Partner, und die ganze Familie dreht sich um ihn wie Planeten um die Sonne. Ich trage Zivil – beige Hose, dunkelblauer Blazer, unauffällig, genau wie man sich kleidet, wenn man nicht gesehen werden will.

Oder wenn man wie ich seit Jahren gelernt hat, in einem Raum voller Menschen praktisch unsichtbar zu sein. Mein Vater entdeckt mich schließlich aus dem Augenwinkel. Er nickt mir kurz zu. Nicht kalt, aber auch nicht warm.
Es ist dieses Nicken, das er Menschen schenkt, die er höflich grüßt, aber nicht wirklich sieht. Dann wendet er sich wieder seinen Gästen zu. Ironisch, nicht wahr? Ich bin Richterin am Bundesgerichtshof.
Seit vier Jahren entscheide ich in Revisionsverfahren über Rechtsfragen, die Rechtsgeschichte schreiben. Mit 28 wurde ich als jüngste Richterin meines Landes an das Landgericht berufen. Mit 32 erhielt ich den Ruf an den BGH – ein Anruf, der mich mitten in einer Verhandlung unterbrach und bei dem ich auf die Toilette flüchten musste, damit niemand sah, wie mir vor Freude die Hände zitterten. Aber das weiß meine Familie nicht.
Sie glauben, ich bin Sachbearbeiterin bei einer Versicherungsgesellschaft in Frankfurt. Bevor ich erzähle, was an diesem Abend passiert ist, möchte ich dich etwas fragen: Hast du jemals etwas erreicht, das du nicht aussprechen durftest, während andere für weitaus weniger gefeiert wurden? Schreib es in die Kommentare. […] Du bist nicht allein.
[…] Ich habe hart gelernt. […] Corbinian hatte einen Monat zuvor sein Examen mit dem gleichen Ergebnis abgeschlossen, und dafür hatte es ein Familienessen gegeben, bei dem mein Vater eine Flasche Burgunder geöffnet hatte, die er zwanzig Jahre lang aufgehoben hatte. […] Und bei dir? […] Edda saß später neben mir, nippte an ihrem Prosecco und fragte mit dieser besonderen Aufmerksamkeit, die nur wirklich neugierige oder wirklich grausame Menschen aufbringen.
[…] Es war das erste Mal in meiner Amtszeit am BGH, dass eine meiner Entscheidungen in dieser Form Bestand hatte. […] Der Name der Kanzlei war um zwei neue Partner erweitert worden, und das Fest fand in einem der großen Hotels am Englischen Garten statt. […] Mein Name fiel nicht. […] Mein Vater stand völlig still.
[…] Mein Vater stand immer noch still. […] Als ich ankam, standen draußen dieselben pensionierten Anwaltskollegen, die ich aus all den Jahren kannte. […] Die echte Version. […] Der Wert dessen, was du tust – still, ohne Anerkennung, ohne dass jemand deinen Namen nennt, wenn er von Erfolgen spricht – dieser Wert ist real.
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