An meinem 25. Geburtstag saß ich im Restaurant Lindenhof in Heidelberg, umgeben von 40 Gästen. Meine Mutter Sabine hatte auf dieser Feier bestanden, mit allen wichtigen Leuten. Das Essen war zur Hälfte vorbei, als mein Vater Klaus aufstand und mit seinem Weinglas auf den Tisch schlug.

Er hielt eine Rede über meine Ausbildung, meinen Job und wie stolz er sei. Dann sagte er: “Die Entscheidung, dich zu adoptieren, war eine der besten Entscheidungen, die wir je getroffen haben. Nicht nur emotional, auch finanziell. Wir haben dich damals nicht nur aus gutem Willen adoptiert, sondern auch wegen der Steuervorteile.
400 Euro Steuerermäßigung für Adoptionen, das war eine ziemlich große Summe. Aber du warst jeden Cent wert. ” Meine Mutter stellte sich neben ihn und sagte: “Mira, unsere beste Investition. ” Die Gäste lachten.
Ich saß da, mein Gesicht ausdruckslos. Niemand bemerkte, dass in diesem Moment etwas in mir zerbrach. Eine Woche zuvor hatte ich im Keller nach alten Fotoalben gesucht. Ich wollte ein Foto von meinem ersten Schultag finden.
Neben den Alben lag ein abgenutzter Ordner mit meinem Namen darauf. Ich öffnete ihn und fand meine Adoptionsurkunde, die ich schon kannte. Darunter lag ein Dokument, das ich noch nie gesehen hatte: meine Geburtsurkunde. Name des Kindes: Mira Lomann.
Geboren am 12. März 1999 in Mannheim. Mutter: Judith Lomann. Vater unbekannt.
Ich starrte auf den Namen Judith Lomann, eine Person, deren Existenz mir nie real erschienen war. Ganz unten im Ordner lag ein Steuerbescheid von 2001, Zeile 47: Steuerermäßigung für Adoption, 5400 Euro. Ich legte die Akte zurück und ging nach oben, um zu verstehen, was ich gesehen hatte. Am nächsten Tag rief ich meine Krankenkasse an und bat um eine Kopie meiner Geburtsurkunde.
Der Sachbearbeiter fragte: “Welche Version? Die adoptierte oder die echte? ” Ich beantragte Akteneinsicht beim Einwohnermeldeamt in Mannheim. Am Freitag fuhr ich dorthin, füllte ein Formular aus und wartete.
Ein Beamter reichte mir einen Umschlag mit meiner ursprünglichen Geburtsurkunde und einer Kopie der Adoptionsakte. Ich setzte mich auf eine Bank vor dem Gebäude und öffnete den Umschlag. In den Unterlagen fand ich einen handschriftlichen Brief von Judith Lomann, datiert auf Mai 2001: “Ich kann mich nicht um mein Kind kümmern. Ich bitte darum, dass es in eine gute Familie kommt.
” In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich lag im Bett und starrte an die Decke. Die Worte meines Vaters, der Brief meiner leiblichen Mutter. Ich fragte mich: Hatte Sabine mich geliebt?
Hatte Klaus mich gewollt? Oder war ich nur eine Steuererleichterung? Und zum ersten Mal in meinem Leben fragte ich mich: Wer bin ich wirklich? Am Montag kehrte ich zur Arbeit zurück.
Ich arbeitete als Freiberuflerin in einer kleinen Agentur. Niemand bemerkte, dass etwas anders war. Ich erledigte meine Aufgaben, trank Kaffee in den Pausen, aber dieselben Fragen gingen mir nicht aus dem Kopf. Am Abend ging ich nach Hause, in das Haus meiner Eltern in Rohrbach.
Es war ein gepflegtes Einfamilienhaus mit Garten, aber seit ich die Akte gefunden hatte, kam es mir seltsam vor. Sabine kochte in der Küche, Klaus kam aus seinem Arbeitszimmer. Wir aßen zu Abend, räumten den Tisch ab, und ich zog mich in mein Zimmer zurück. Ich öffnete meinen Laptop und begann zu recherchieren.
Ich las über Adoption in Deutschland und stieß auf einen Abschnitt über Steuervergünstigungen. Bis 2008 konnten Adoptiveltern eine einmalige Steuervergünstigung von bis zu 5400 Euro beantragen, wenn das Kind jünger als drei Jahre war. Ich wurde im Juni 2001 im Alter von zwei Jahren adoptiert. Die Zahlen stimmten.
Am nächsten Tag rief ich eine Adoptionsberatungsstelle an. Der Berater war freundlich. Ich erzählte ihm, dass ich adoptiert bin und mehr über meine leibliche Familie erfahren möchte. Er fragte, ob ich Kontakt aufnehmen wolle.
Ich sagte, ich wisse es nicht. Er meinte, das sei völlig normal. Ich notierte mir Informationen, wie ich herausfinden konnte, ob meine leibliche Mutter noch lebt. Nach dem Gespräch saß ich lange da.
Wollte ich wirklich wissen, wer Judith Lomann war? Die Antwort kam schneller als erwartet, weil ich wissen wollte, ob ich erwünscht war. Am Donnerstagabend ging ich wieder in den Keller. Ich öffnete den braunen Ordner und fotografierte jedes Dokument mit meinem Handy: Adoptionsurkunde, Geburtsurkunde, Steuererklärung, Brief vom Jugendamt.
Dann stieß ich auf einen neuen Brief, adressiert an Klaus und Sabine Kellner, von der Adoptionsagentur Mannheim, datiert auf April 2001: “Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Ihr Adoptionsantrag genehmigt wurde. Das am 12. März geborene Kind Mira Lomann wird am 15. Juni 2001 in Ihre Obhut gegeben.
Bitte beachten Sie, die leibliche Mutter hat der offenen Adoption nicht zugestimmt. Kontaktversuche sind nicht gestattet. ” Ich fotografierte auch diesen Brief und legte alles zurück. Am Freitag beschloss ich, einen DNA-Test zu machen.
Ich bestellte ein Kit im Internet. Drei Tage später kam es an. Ich spuckte in das Röhrchen und schickte es zurück. Die Ergebnisse würden sechs bis acht Wochen dauern.
In der Zwischenzeit setzte ich meine Recherchen fort. Ich gab den Namen Judith Lomann in Suchmaschinen ein, fand aber nichts. Ich stellte einen Antrag beim Einwohnermeldeamt Mannheim mit dem Grund “Familienzusammenführung”. Zwei Wochen später kam die Antwort: Judith Lomann, geboren am 15.
August 1928, zuletzt in Mannheim gemeldet, 2003 umgezogen, neue Adresse unbekannt. Meine Mutter war verschwunden. Die Enttäuschung war da. Zwei Wochen vor meinem Geburtstag kamen die DNA-Ergebnisse.
Ich öffnete die E-Mail. Ethnische Herkunft: 68% Mitteleuropa, 22% Osteuropa, 10% nicht bestimmbar. DNA-Übereinstimmungen: 84 entfernte Verwandte. Die meisten waren Cousins vierten oder fünften Grades, aber dann sah ich einen Namen: Julia Hartmann.
DNA-Übereinstimmung 24%, Verwandtschaftsgrad: Tante oder Stiefschwester. Ich klickte auf ihr Profil: Julia Hartmann, 41 Jahre alt, wohnhaft in Ludwigshafen. Ich schickte ihr eine Nachricht: “Hallo Julia, mein Name ist Mira. Laut DNA-Test sind wir verwandt.
Ich bin adoptiert und auf der Suche nach meiner leiblichen Familie. Kennst du Judith Lomann? ” Drei Tage später antwortete sie: “Hallo Mira. Ja, ich kenne Judith.
Sie ist meine Schwester. Können wir telefonieren? ” Mein Herz schlug wie wild. Am selben Abend rief ich sie an.
Julia war ruhig. Sie erzählte mir, dass Judith lebt, in einem Pflegeheim in Kaiserslautern. Sie sagte: “Judith hat Probleme. Das hatte sie schon immer.
Drogenabhängigkeit, psychische Erkrankungen. Sie hat dich nicht weggegeben, weil sie dich nicht wollte. Sie konnte dich nicht weggeben. ” Ich fragte, warum sich niemand bei mir gemeldet habe, 25 Jahre lang.
Julia erklärte, die Adoption sei abgeschlossen gewesen, Judith habe auf alle Rechte verzichtet, und die Adoptionsagentur habe ihnen nicht gesagt, wo ich lebe. Dann sagte sie: “Mira, Judith hat nie aufgehört, an dich zu denken. Weil sie jedes Jahr an deinem Geburtstag zusammenbricht. ” Ich sagte, ich möchte sie sehen.
Julia arrangierte ein Treffen für den nächsten Samstag. Ich fuhr allein zum Pflegeheim in Kaiserslautern. Julia wartete vor dem Eingang. Wir umarmten uns.
Sie führte mich zu einem Zimmer. Als ich eintrat, saß eine Frau auf einem Stuhl. Sie sah mich an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. “Mira, hallo.
” Ich blieb an der Türschwelle stehen. Julia schob mich sanft hinein und schloss die Tür. Judith und ich saßen uns gegenüber. Sie sagte: “Du siehst aus wie ich, als ich in deinem Alter war.
Du bist sehr gewachsen. ” Ich sagte: “Ja, Entschuldigung. ” Sie fragte: “Wofür? ” “Weil ich dich jemand anderem gegeben habe.
” Ich antwortete: “Du hattest keine andere Wahl. ” Sie sagte: “Doch, ich hatte, aber ich war zu schwach. ” Wir unterhielten uns eine Stunde lang über Belanglosigkeiten. Beim Abschied begleitete mich Julia zum Auto.
Sie fragte, wie es mir gehe. Ich sagte, ich wisse es nicht. An diesem Abend traf ich eine Entscheidung. Ich würde nicht mehr die Tochter von Sabine und Klaus Kellner sein.
Ich würde herausfinden, wer Mira Lomann war, und ich würde meine Identität zurückgewinnen. In den folgenden Wochen begann ich zu planen. Ich eröffnete ein neues Bankkonto bei einer anderen Bank, ohne dass Sabine oder Klaus davon wussten. Jeden Monat überwies ich die Hälfte meines Gehalts dorthin.
Ich suchte nach einer Wohnung. Im Westen der Stadt fand ich eine kleine Wohnung für 450 Euro inklusive Nebenkosten, verfügbar ab November. Ich unterschrieb den Mietvertrag. Sabine und Klaus bemerkten nichts.
Ich wohnte weiterhin bei ihnen, aß mit ihnen zu Abend, lächelte bei Gesprächen, aber innerlich hatte ich mich längst getrennt. Gleichzeitig setzte ich meine Recherchen fort. Ich nahm Kontakt zu einem Anwalt auf, der sich auf Adoptionsrecht spezialisiert hatte, Dr. Lehmann, mit Kanzlei in der Altstadt.
Ich erzählte ihm, dass ich adoptiert bin und meine gesamten Adoptionsunterlagen einsehen möchte. Er erklärte, die vollständige Akte befinde sich beim Familiengericht, und ich habe als Adoptivkind das Recht, sie einzusehen, es sei denn, die leiblichen Eltern hätten Einspruch erhoben. Er half mir, einen Antrag zu stellen. Drei Wochen später wurde mein Antrag auf vollständige Akteneinsicht genehmigt.
Ich ging zum Familiengericht in Mannheim. Die Akte war dicker als erwartet. Ich setzte mich in einen kleinen Lesesaal und begann, die Seiten durchzublättern. Die ersten kannte ich bereits, aber dann kamen neue Dokumente.
Eine psychologische Beurteilung von Judith Lomann, erstellt im Mai 2001: “Die Patientin zeigt Anzeichen von Drogenabhängigkeit und einer instabilen Persönlichkeitsstruktur. Sie ist nicht geeignet, Eltern zu sein. ” Ein Bericht vom Jugendamt: “Frau Lomann hat ihr Kind mehrmals unbeaufsichtigt gelassen. Nachbarn haben dies gemeldet.
” Und dann etwas, das mir den Atem raubte: eine Notiz über die Adoptivfamilie Kellner. “Verheiratetes Paar, kinderlos, finanziell abgesichert, Motivation: Kinderwunsch und Steuervorteile. ” Steuervorteile, nicht als Verdacht, nicht als Spekulation. Ich fotografierte jede Seite und verließ das Gericht.
Drei Wochen vor meinem Geburtstag sprach ich erneut mit Julia. Ich erzählte ihr von der Akte. Sie fragte: “Und jetzt, was wirst du tun? ” Ich sagte, ich wisse es noch nicht.
Sie warnte mich: “Mira, sei vorsichtig. Adoptiveltern mögen es nicht, die Kontrolle abzugeben. ” Ich wusste, sie hatte recht. Zehn Tage vor meinem Geburtstag erhielt ich einen Brief von Sabine und Klaus.
Es war eine Kündigung des Mietvertrags, gültig ab dem 31. Dezember, mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten. Sie wollten mich aus dem Haus werfen, nur ein Brief. Ich ging nach unten.
Sabine stand in der Küche. Ich reichte ihr den Brief. Sie sagte: “Du bist jetzt 25 Jahre alt. Es ist Zeit, dass du auf eigenen Beinen stehst.
” Ich fragte: “Ihr werft mich aus dem Haus? ” Sie antwortete: “Wir geben dir die Chance, unabhängig zu werden, mit einer Frist von drei Monaten, kurz vor Weihnachten. ” Klaus kam aus seinem Arbeitszimmer und fragte, ob es ein Problem gebe. Ich sagte: “Nein, kein Problem.
” Ich ging nach oben, schloss die Tür und lächelte zum ersten Mal seit Wochen. Sie hatten mir einen guten Grund gegeben. Am nächsten Tag rief ich Dr. Lehmann an.
Ich erzählte ihm von der Kündigung. Er sagte, das sei rechtlich möglich, sobald man volljährig und unabhängig sei. Ich fragte: “Können adoptierte Kinder, wenn die Adoption auf falschen Angaben beruht, eine Entschädigungsklage gegen ihre Adoptivfamilie einreichen? ” Er fragte, was ich mit falschen Angaben meine.
Ich sagte: “Wenn die Motivation in erster Linie finanzieller Natur ist. ” Er sagte, das sei theoretisch möglich, aber praktisch schwierig. Ich sagte, ich möchte keine Klage einreichen, nur wissen, ob es möglich ist. Er bestätigte.
Ich legte auf. Ich würde keine Klage einreichen, aber das mussten sie nicht wissen. Fünf Tage vor meinem Geburtstag rief mich Sabine an. Sie sagte, sie plane eine Party zu meinem Geburtstag.
Ich sagte, ich brauche keine Party. Sie sagte: “Doch, es wird eine geben, im Lindenhof, mit 40 Gästen. ” Ich sagte: “Das will ich nicht. ” Sie sagte: “Mira, das steht nicht zur Diskussion.
” Ich sagte: “Okay. ” Denn ich wusste, das war meine Bühne, nicht ihre. Einen Tag vor der Party packte ich eine Tasche mit Kleidung, Dokumenten und Laptop. Ich brachte sie in meine neue Wohnung, deren Schlüssel ich schon hatte.
Dann ging ich zurück, ein letztes Mal. Die Feier begann um 18 Uhr. Ich kam pünktlich, in einem schwarzen Kleid. Sabine empfing mich vor dem Restaurant: “Mira, du siehst wunderschön aus.
” Wir gingen hinein. Der Raum war festlich dekoriert. 40 Personen standen auf und applaudierten. Ich lächelte und setzte mich auf den Ehrenplatz.
Das Essen begann, aber meine Gedanken waren woanders. In meiner Tasche war ein Umschlag mit Kopien aller Dokumente: Adoptionsunterlagen, Steuerbescheid, Gerichtsbericht und ein Brief von mir. Um 19 Uhr stand Klaus auf und hielt seine Rede über Steuererleichterungen, Investitionen und finanzielle Prognosen. Als er fertig war, applaudierten die Gäste.
Sabine stand auf und stellte sich neben ihn: “Mira, unsere beste Investition. ” Ich stand auf. Alle Augen richteten sich auf mich. Ich fragte: “Darf ich etwas sagen?
” Klaus sagte: “Natürlich. ” Ich trat einen Schritt vor, holte den Umschlag aus meiner Tasche und sagte: “Vielen Dank für diese Feier. Vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Ich möchte Ihnen auch etwas schenken.
” Ich reichte Sabine den Umschlag. Sie öffnete ihn und nahm die Papiere heraus. Ihr Gesicht wurde kreidebleich. Klaus kam näher.
Ich wandte mich an die Gäste: “Meine Familie hat mich 1999 adoptiert. Ich war zwei Jahre alt. Sie sagten, sie hätten mich auch wegen der Steuervorteile adoptiert, 400 Euro. Ich war neugierig, ob das wirklich der Grund war.
” Ich holte ein zweites Blatt Papier aus meiner Tasche, einen Auszug aus meiner Adoptionsakte vom Familiengericht Mannheim: “Motivation der Adoptiveltern: Kinderwunsch und Steuervorteile. ” Ich faltete das Papier zusammen und sagte: “25 Jahre lang glaubte ich, dass ich gewollt und geliebt wurde, dass ich Teil dieser Familie war. Heute weiß ich, ich war eine Investition. ”
Sabine begann zu sprechen: “Mira, das ist nicht fair.
” Ich fragte: “Nicht fair? Du verstehst das nicht. ” Sie sagte: “Dann erklär es mir. ” Sie sagte: “Mira, das ist nicht der richtige Ort dafür.
” Ich fragte: “Warum nicht? Du hast hier vor 40 Leuten über Steuervorteile gesprochen. Ich dachte, Transparenz sei wichtig. ” Ein Gast, Philips Onkel, stand auf und fragte: “Entschuldigung, aber was genau werfen Sie Ihren Eltern vor?
” Ich antwortete: “Ich werfe Ihnen vor, dass Sie mich adoptiert haben, um Geld zu sparen, und mich jetzt rauswerfen, weil ich ihnen nicht mehr nütze. ” Sabine stand auf: “Das ist eine Lüge. ” Ich holte ein weiteres Blatt Papier hervor: “Das ist die Kündigung, die Sie mir vor 10 Tagen geschickt haben. Eine dreimonatige Kündigungsfrist, 31.
Dezember. Sie entlassen ihre Tochter kurz vor Weihnachten. ” Sabine sagte: “Mira, du bist 25 Jahre alt. Es ist Zeit, unabhängig zu werden.
” Ich fragte: “Warum jetzt? Warum nicht vor einem Jahr oder in einem Jahr? Weil ich angefangen habe, Fragen zu stellen. Weil ich meine leibliche Familie gefunden habe.
Weil ich die Wahrheit wissen wollte. ” Sabine setzte sich, ihr Gesicht war kreidebleich. Die Gäste sahen uns an, niemand sagte etwas. Dann stand eine Frau auf, Philips Tante, und sagte: “Ich glaube, ich gehe jetzt.
” Sie verließ den Raum. Innerhalb von fünf Minuten waren 20 Gäste gegangen. Nur die Familie und ein paar enge Freunde blieben. Klaus sah mich an: “Bist du jetzt zufrieden?
” Ich sagte: “Nein, aber ich bin fertig. ” Ich nahm meine Tasche und wandte mich zur Tür. Sabine rief mir hinterher: “Wohin gehst du? Mira, bitte, wir können darüber reden.
” Ich fragte: “Worüber? Über Steuervorteile, über meine Kündigung oder darüber, dass du meine leibliche Mutter als drogenabhängig bezeichnet hast? ” Ich wartete. Niemand sagte etwas.
Dann ging ich. Ich ging direkt in meine neue Wohnung. Ich war sehr müde und schlief ein. Am nächsten Morgen klingelte mein Telefon.
Sabine. Ich ging nicht dran. Sie rief viermal an, dann schickte sie mir eine Nachricht: “Wir müssen reden. Bitte komm nach Hause.
” Ich habe nicht geantwortet. Stattdessen rief ich Julia an. Ich erzählte ihr, was ich getan hatte. Sie sagte: “Gut.
Sie konnten nichts sagen. ” Ich fragte sie, ob sie bereue, dass Judith mich weggegeben habe. Sie sagte: “Nein, denn damals hatte sie keine andere Wahl. Aber es tut mir leid, dass du mit Menschen zusammen bist, die dich nicht wirklich mögen.
” Ich fragte, ob ich Judith wiedersehen könne. Sie sagte, sie werde es arrangieren. In den nächsten Tagen meldete sich Klaus bei mir, zuerst per SMS, dann per E-Mail, dann per Brief. Alle hatten denselben Inhalt: “Wir müssen das klären.
Du verstehst die Situation falsch. ” Ich habe auf keine seiner Nachrichten geantwortet. Stattdessen richtete ich meine Wohnung ein. Zwei Wochen später kam ein Einschreiben von einem Rechtsanwalt Dr.
Hoffmann im Namen von Klaus und Sabine Kellner. Es war ein Aufforderungsschreiben zur Rückgabe aller Unterlagen aus der Adoptionsakte und eine Abmahnung bezüglich öffentlicher Äußerungen über die Adoptivfamilie. Ich rief Dr. Lehmann an.
Er sagte, ich müsse die Unterlagen nicht zurückgeben, da ich sie legal erhalten habe, und ich solle die Abmahnung nicht unterschreiben, da ich das Recht auf freie Meinungsäußerung habe. Ich zerriss den Brief. Zwei Tage später stand Sabine vor meiner Tür. Ich öffnete, ließ sie aber nicht herein.
Sie sagte: “Ich möchte mit dir reden. ” Ich sagte: “Wir haben nichts zu besprechen. ” Sie sagte: “Mira, bitte. ” Ich sagte: “Du hast 5 Minuten Zeit.
” Sie holte tief Luft und sagte: “Es tut mir leid, wie wir mit der Situation umgegangen sind. ” Ich fragte: “Welcher Situation? Der Adoption, der Kündigung oder der Tatsache, dass ihr mich vor 40 Leuten bloßgestellt habt? ” Sie sagte: “Wir haben dich nicht bloßgestellt.
Ihr habt gesagt, ich sei eine Investition. Das war ein Scherz. ” Ich trat einen Schritt zurück und sagte: “Sabine, ich habe die Akte gelesen. Ich habe die Unterlagen.
Ich weiß, warum Sie mich adoptiert haben. Und jetzt weiß ich auch, warum Sie mich entlassen haben. ” Sie fragte: “Warum? ” Ich sagte: “Weil ich angefangen habe, Fragen zu stellen.
Weil ich meine leibliche Familie gefunden habe. Weil ich nicht mehr kontrollierbar bin. ” Sie sagte: “Das ist Unsinn. ” Ich holte mein Handy heraus und öffnete eine Sprachaufnahme, eine Aufnahme unseres letzten Abendessens vor der Trennung.
Ich drückte auf Abspielen. Sabines Stimme: “Mira stellt zu viele Fragen. Das wird langsam nervig. ” Klaus’ Stimme: “Vielleicht sollten wir es ihr früher sagen.
Dann hat sie Zeit, sich darauf einzustellen. ” Sabine: “Gute Idee. Machen wir das nach ihrem Geburtstag. ” Ich stoppte die Aufnahme.
Sabine war kreidebleich. Sie fragte: “Hast du uns aufgenommen? ” Ich sagte: “Ja. ” Sie sagte: “Das ist illegal.
” Ich sagte: “Nein, ist es nicht. Ich war auch Teil des Gesprächs. Jetzt geh. ” Sabine drehte sich um und ging.
Ich schloss die Tür. Drei Wochen später traf ich Judith wieder, diesmal in einem Café in Kaiserslautern. Julia war auch da. Wir saßen zu dritt an einem kleinen Tisch.
Judith sah besser aus. Sie fragte, wie es mir gehe. Ich sagte, gut, ich habe jetzt meine eigene Wohnung. Ich fragte sie: “Bereust du es, dass du mich weggegeben hast?
” Sie sagte: “Damals jeden Tag. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich konnte mich nicht um dich kümmern. Ich war abhängig, ich war labil.
Ich wollte, dass du ein besseres Leben hast. ” Ich fragte, ob sie gewusst habe, bei wem ich leben würde. Sie sagte: “Nein. Die Adoptionsagentur sagte mir nur, dass es eine gute Familie sei.
” Ich fragte: “Haben sie dir von den Steuervorteilen erzählt? ” Sie sagte: “Nein, davon hatte ich noch nie gehört. ” Ich sagte: “Du wusstest also nicht, dass sie mich auch aus finanziellen Gründen adoptiert haben? ” Sie sagte: “Nein.
” Julia mischte sich ein: “Mira, die meisten Adoptivfamilien erhalten Unterstützung. Das ist normal. Aber das sollte niemals der Hauptgrund sein. ” Ich sagte: “Aber das war es doch.
” Dann sagte Judith: “Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals zugestimmt. ” Ich sagte: “Ich glaube dir. ” Wir saßen noch eine Weile da und sprachen über alltägliche Dinge. Beim Abschied umarmte mich Judith.
Einen Monat nach meinem Geburtstag erhielt ich einen Brief vom Familiengericht Mannheim. Klaus und Sabine Kellner hatten einen Antrag auf Aufhebung der Adoption gestellt. Ich rief Dr. Lehmann an.
Er sagte, die Adoption könne nicht ohne meine Zustimmung rückgängig gemacht werden, und selbst dann nur unter besonderen Umständen. Er riet mir, Widerspruch einzulegen. Ich legte auf und lächelte. Sie wollten mich loswerden, aber sie hatten nicht mit mir gerechnet.
Zwei Wochen später wurde der Verhandlungstermin vor dem Familiengericht in Mannheim festgelegt. Ich war mit Dr. Lehmann anwesend, Klaus und Sabine mit ihren Anwälten. Die Richterin war eine ältere Frau mit strenger, ernster Ausstrahlung.
Sie las die Anträge und sah Klaus an: “Herr Kellner, Sie beantragen die Aufhebung der Adoption. Aus welchem Grund? ” Klaus sagte: “Die Beziehung zwischen Frau Kellner und mir ist irreparabel zerstört. ” Die Richterin fragte: “In welcher Weise?
” Er sagte: “Sie hat uns in der Öffentlichkeit diffamiert. Sie hat falsche Anschuldigungen verbreitet. ” Die Richterin sah mich an: “Frau Kellner, möchten Sie dazu etwas sagen? ” Ich sagte: “Ja, ich habe keine falschen Anschuldigungen verbreitet.
Ich habe die Wahrheit gesagt, aus der offiziellen Adoptionsakte. Dass meine Adoptivfamilie mich auch aus finanziellen Gründen adoptiert hat. Das steht in der Akte. ” Ich reichte der Richterin eine Kopie.
Sie las sie und sah Klaus an: “Ist das wahr? ” Klaus zögerte: “Ja, aber das war nicht der einzige Grund. ” Die Richterin fragte: “Was war es dann? ” Er sagte: “Wir wollten ein Kind.
” Sie fragte: “Warum wollen Sie dann jetzt die Adoption rückgängig machen? ” Klaus sagte nichts. Sabine mischte sich ein: “Weil wir keine Beziehung mehr haben. ” Die Richterin lehnte sich zurück: “Das ist kein ausreichender Grund.
Eine Adoption kann nicht wegen einer schwierigen Beziehung rückgängig gemacht werden. ” Sie lehnte den Antrag ab. Sabine stand auf: “Das können Sie nicht machen. ” Die Richterin sagte: “Doch, das kann ich.
” Sie schloss die Akte. Die Verhandlung war beendet. Klaus und Sabine verließen den Raum, ohne mich anzusehen. Dr.
Lehmann gratulierte mir: “Sie haben gewonnen. ” Ich sagte: “Ja, aber es fühlte sich nicht wie ein Sieg an. ”
In den folgenden Monaten begann ich, mein Leben neu aufzubauen. Ich änderte meinen Namen beim Einwohnermeldeamt von Mira Kellner zu Mira Lomann, dem Namen meiner Mutter, dem Namen, mit dem ich geboren wurde.
Als ich meinen neuen Personalausweis erhielt, war ich sehr glücklich. Mira Lomann. Ich begann, Judith regelmäßig zu besuchen, einmal im Monat, manchmal öfter. Wir sprachen über alles und nichts.
Es war nicht perfekt, sie war immer noch krank, aber sie war meine Mutter. Julia wurde meine engste Vertraute. Wir telefonierten jede Woche und sahen uns regelmäßig. Sie war die Familie, die ich nie hatte.
Von Klaus und Sabine hörte ich nichts mehr. Kein Anruf, kein Brief. Ein Jahr nach meinem 25. Geburtstag erhielt ich eine E-Mail von einer unbekannten Adresse, Betreff: “Entschuldigung”.
Sie schrieb: “Liebe Mira, ich weiß nicht, ob du das lesen wirst, aber ich musste es versuchen. Es tut mir leid für alles, für unser Verhalten dir gegenüber, für die Worte, die wir gesagt haben, für die Entscheidungen, die wir getroffen haben. Wir hatten keine bösen Absichten. Aber das entschuldigt nichts.
Du hattest recht. Wir haben dich nicht so geliebt, wie du es verdient hast. Ich hoffe, du findest Frieden. Sabine.
” Ich löschte die E-Mail, aber nur, weil ich sie nicht mehr brauchte. An meinem 26. Geburtstag lud ich Julia und Judith zum Abendessen in ein kleines Restaurant in Heidelberg ein. Wir saßen zu dritt, tranken Wein, lachten und hatten Spaß.
Judith erzählte eine Geschichte aus ihrer Jugend, Julia machte sich über meine neue Frisur lustig. Ich saß zwischen zwei Frauen, und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich zu Hause, nicht in einem Haus, sondern unter Menschen. Zwei Jahre nach dieser Begegnung zog ich in eine größere Wohnung mit zwei Zimmern. Ich richtete ein Gästezimmer ein für Judith, für Julia, für alle, die mich besuchen wollten.
Meine Arbeit lief gut, ich wurde befördert und leitete ein kleines Team. Ich verdiente genug, um mir ein Leben aufzubauen, ein echtes Leben. An einem Herbstabend saß ich auf meinem Balkon, trank Tee und sah mir den Sonnenuntergang an. Mein Handy klingelte, eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab. “Hallo Mira. ” “Ja? ” “Ich bin Tobias Lomann.
” Ich musste einen Moment innehalten. “Lomann? Sind Sie mit Judith verwandt? ” “Ja, ich bin ihr Bruder.
” Ich wusste nicht, dass sie einen Bruder hat. Er sagte: “Wir haben uns lange nicht gesehen. Aber Julia hat mir von Ihnen erzählt. Ich würde Sie gerne kennenlernen.
” Ich fragte: “Warum? ” Er sagte: “Weil Sie zu unserer Familie gehören. ” Wir verabredeten uns für die nächste Woche in Mannheim. Wir trafen uns in einem Café.
Tobias war Anfang 50. Wir unterhielten uns drei Stunden lang über Judith und die Familie. Er erzählte mir von seiner Kindheit, von den Problemen zu Hause, von dem Moment, als Judith verschwand. “Ich habe jahrelang nach ihr gesucht”, sagte er, “aber ich habe sie nie gefunden, bis jetzt.
” Als wir uns verabschiedeten, umarmte er mich: “Willkommen in der Familie. ” Ich sagte: “Danke. ”
In den folgenden Monaten lernte ich weitere Verwandte kennen: Cousins, Tanten, Onkel, Menschen, die ich nie gekannt hatte, die aber Teil meiner Geschichte waren. Nicht alle waren einfach, nicht alle waren warmherzig, aber sie waren echte Menschen, und das war wichtiger.
An meinem 27. Geburtstag organisierte Julia eine kleine Party bei ihr zu Hause in Ludwigshafen. 15 Leute kamen: Judith, Tobias, Cousins, Freunde. Wir haben gegessen, getrunken, gelacht.
Später am Abend stand ich mit Judith auf dem Balkon. Sie rauchte eine Zigarette. “Ich bin stolz auf dich”, sagte sie. “Wofür?
” “Dass du dich nicht unterkriegen lässt. ” Ich sagte: “Ich habe Hilfe bekommen. ” Sie sagte: “Trotzdem hast du es geschafft. ” Ich fragte: “Bereust du es immer noch, dass du mich weggegeben hast?
” Sie sah mich an: “Jeden Tag. Aber ich bin froh, dass du zurückgekommen bist. ” Ich sagte: “Ich auch. ” Wir standen da, Seite an Seite, zwei Frauen durch Blutsbande verbunden, durch die Umstände getrennt, aber dank ihres Mutes wieder zusammengefunden.
Heute bin ich 28 Jahre alt. Ich lebe in Heidelberg und arbeite als Regisseurin. Ich habe Freunde, ich habe eine Familie, ich habe mein eigenes Leben. Seit drei Jahren habe ich nichts mehr von Klaus und Sabine Kellner gehört.
Ich habe sie nicht angerufen, sie haben mich auch nicht angerufen. Und das ist kein Problem. Manchmal denke ich an diese 25 Jahre zurück, an das Haus in Rohrbach, an die Abendessen. Ich frage mich, ob sie wirklich bereuen, was sie getan haben, aber dann erinnere ich mich, das ist nicht mehr meine Frage.
Vor einem Monat erhielt ich einen Brief vom Nachlassgericht. Klaus Kellner war verstorben, Herzinfarkt. Ich war als Erbe aufgeführt. Ich schickte den Brief zurück und verzichtete auf mein Erbrecht.
Sabine kann es behalten. Eine Woche später rief Julia an. “Hast du es gehört? ” “Ja.
” “Wie fühlst du dich? ” “Gar nichts. Ich fühle gar nichts. ” “Kein Problem.
” “Ich weiß. ” Ich fragte: “Julia, darf ich dich etwas fragen? ” “Jederzeit. ” “Glaubst du, ich habe die richtige Entscheidung getroffen, damals während der Konfrontation?
” “Ja, weil du dir selbst treu geblieben bist. ” “Danke. ”
Letzten Monat besuchte ich Judith. Sie lebte immer noch im Pflegeheim, aber es ging ihr besser.
Sie ging zur Therapie und nahm ihre Medikamente. Wir saßen in ihrem Zimmer und tranken Kaffee. Plötzlich sagte sie: “Mira, ich habe etwas für dich. ” Sie holte eine kleine Schachtel aus dem Schrank und reichte sie mir.
Ich öffnete sie. Darin war ein Foto: ein Baby, eingewickelt in eine rosa Decke. “Das bist du”, sagte Judith, “als du drei Monate alt warst. ” Ich hielt das Foto in meiner Hand und sah das Baby an.
Zum ersten Mal sah ich mich so, wie Judith mich sah: nicht als Investition, nicht als Steuervorteil, sondern als ihr Kind. Ich sagte: “Danke. ” Sie sagte: “Gern geschehen. ”
Heute sitze ich auf meinem Balkon.
Die Sonne geht unter, der Himmel färbt sich orange. Ich halte das Foto in der Hand, das Baby, die rosa Decke, der Anfang. Ich denke über die letzten Jahre nach, über alles, was ich verloren habe und über alles, was ich gewonnen habe. Ich habe meine Familie nicht verloren.
Ich habe mich selbst gefunden, und das ist viel mehr, als ich erwartet hatte. Mein Name ist Mira Lomann. Ich bin 28 Jahre alt, und endlich bin ich nach Hause zurückgekehrt.


