TEIL 1 – VOM JUNGEN MANN AUS LINZ ZUM WÄCHTER VON MAUTHAUSEN
Es begann nicht mit einem Schuss. Am 12. März 1938 überschritten deutsche Truppen die Grenze nach Österreich, und vielerorts wurden sie nicht mit Widerstand, sondern mit Jubel, Fahnen und Blumen empfangen. Während Adolf Hitler in Linz und später in Wien von Menschenmengen gefeiert wurde, begann für andere Österreicher eine völlig andere Zeit. Juden, politische Gegner und Menschen, die sich dem Nationalsozialismus widersetzten, versuchten verzweifelt, das Land zu verlassen, bevor die neuen Grenzen und Verfolgungsmaßnahmen ihnen jede Möglichkeit dazu nahmen. Nur wenige Monate später wurde nahe Linz ein Ort eröffnet, dessen Name für Tausende Menschen zum Synonym für Hunger, Zwangsarbeit, Gewalt und Tod werden sollte: Mauthausen. Unter den Männern, die dort später Gefangene bewachten und misshandelten, befand sich ein junger Österreicher aus Linz. Sein Name war Josef Riegler. Wenn du verstehen willst, wie ein junger Mann aus einer normalen Familie in eine solche Rolle geraten konnte, musst du nicht zuerst auf den Galgen schauen. Du musst an den Anfang zurückgehen.

Josef Riegler wurde am 5. Juli 1922 in Linz geboren. Sein Vater arbeitete in einer Fabrik, seine Mutter Katharina kümmerte sich um die Familie. Nichts an seiner Geburt deutete darauf hin, dass sein Name eines Tages in Zusammenhang mit einem der brutalsten Konzentrationslager des nationalsozialistischen Systems stehen würde. Als Kind besuchte er die Schule und zeigte nach den Angaben des Ausgangsmaterials gute akademische Leistungen. Er dachte zunächst darüber nach, Lehrer zu werden. Es war der typische Traum eines jungen Menschen, der sich eine Zukunft aufbauen wollte: Bildung, Beruf, ein eigenes Leben. Doch Österreich und Deutschland veränderten sich schneller, als ein Jugendlicher wie Riegler begreifen konnte.
Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, war Riegler gerade zehn Jahre alt. In Deutschland begann die Demokratie innerhalb kürzester Zeit zu zerfallen. Politische Gegner wurden verfolgt, Organisationen verboten und der Staat zunehmend auf die Ideologie der Nationalsozialisten ausgerichtet. Für junge Menschen bedeutete dies, dass Politik nicht mehr nur etwas war, worüber Erwachsene in Zeitungen diskutierten. Sie drang in Schulen, Vereine, Jugendorganisationen und Familien ein. Die nationalsozialistische Propaganda versprach Stärke, Ordnung und eine vermeintliche nationale Erneuerung. Gleichzeitig wurden Juden und andere Gruppen systematisch ausgegrenzt und als Feinde dargestellt.
Auch Österreich blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Hitler wollte die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich. Österreichische Nationalsozialisten arbeiteten darauf hin, während die deutsche Führung Druck ausübte. Ab 1933 begann eine Propaganda- und Terrorkampagne, die von Deutschland unterstützt wurde. Der österreichische Staat versuchte zunächst, seine Unabhängigkeit zu bewahren, doch die politische Lage wurde immer instabiler. Im März 1938 war der Moment gekommen, auf den die Nationalsozialisten hingearbeitet hatten. Deutsche Truppen marschierten ein. Österreich wurde dem Deutschen Reich angeschlossen. Der sogenannte Anschluss wurde propagandistisch als historische Vereinigung gefeiert.
Für jüdische Österreicher war dieser Moment kein Grund zum Feiern. Innerhalb kürzester Zeit begann eine Welle von Gewalt. Menschen wurden auf offener Straße beschimpft, geschlagen und gedemütigt. Jüdische Bürger mussten Zwangsarbeiten verrichten und wurden gezwungen, öffentliche Flächen zu reinigen oder erniedrigende Tätigkeiten auszuführen. Geschäfte und Eigentum wurden beschlagnahmt. Wer fliehen konnte, versuchte es. Vor den Konsulaten in Wien bildeten sich lange Schlangen. Menschen warteten auf Visa und Ausreisemöglichkeiten, während sie wussten, dass die Zeit gegen sie arbeitete. Für viele kam die Flucht zu spät.
Für Riegler bedeutete der Anschluss etwas anderes. Er war fünfzehn Jahre alt. Er befand sich in einem Alter, in dem politische Vorstellungen besonders leicht durch Gruppen, Vorbilder und gesellschaftlichen Druck geprägt werden konnten. Im April 1938 trat er nach den Angaben des Ausgangsmaterials der SS bei. Damit betrat er eine Organisation, die zu diesem Zeitpunkt bereits weit mehr war als eine gewöhnliche politische Formation. Die SS war ein Machtinstrument des nationalsozialistischen Staates und sollte später eine zentrale Rolle bei Verfolgung, Terror und Massenmord spielen.
Riegler schloss sich schließlich den SS-Totenkopfverbänden an. Diese Einheiten waren für die Bewachung und Verwaltung der Konzentrationslager zuständig. Ihre Aufgabe bestand nicht darin, Gefangene zu schützen. Sie sollten ein System kontrollieren, in dem Menschen bewusst entrechtet, ausgebeutet und misshandelt wurden. Nach 1934 standen Konzentrationslager unter der Kontrolle der SS. Die Sicherheitspolizei mit Gestapo und Kriminalpolizei verfügte über Befugnisse zur Verhaftung und Überwachung. Doch innerhalb der Lager lag das tägliche Leben der Häftlinge in den Händen der SS-Wachmannschaften und ihrer Vorgesetzten.
Riegler erhielt seine militärische Ausbildung in Oranienburg. Dort lernte er Disziplin, Befehlsstrukturen und den Umgang mit Waffen. Für einen jungen Mann konnte diese Welt eine starke Anziehungskraft besitzen. Uniformen gaben ihm eine Identität. Rangabzeichen vermittelten Status. Die Organisation vermittelte ihm das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Doch hinter dieser scheinbaren Ordnung stand eine Ideologie, die bestimmte Menschen nicht als gleichwertig betrachtete. Je stärker ein junger SS-Mann diese Denkweise übernahm, desto leichter konnte er die Gewalt gegen Gefangene als angeblich notwendige Aufgabe betrachten.
Am 1. September 1939 griff Deutschland Polen an. Damit begann der Zweite Weltkrieg in Europa. Riegler war zu diesem Zeitpunkt erst siebzehn Jahre alt. Nach den Angaben des Ausgangsmaterials nahm er am deutschen Überfall auf Polen teil. Der Krieg wurde von der nationalsozialistischen Führung von Anfang an mit äußerster Brutalität geführt. In den besetzten Gebieten wurden politische Gegner verfolgt, jüdische Gemeinden entrechtet und ganze Bevölkerungsgruppen terrorisiert. Für Männer in SS- und Polizeieinheiten bedeutete der Krieg eine weitere Radikalisierung ihrer Aufgaben.
Im April 1940 nahm Riegler an der deutschen Besetzung Norwegens teil. Das Unternehmen Weserübung sollte unter anderem die Kontrolle über strategisch wichtige Seewege sichern und den Zugang zu Rohstoffen, insbesondere schwedischem Eisenerz, schützen. Riegler war zu diesem Zeitpunkt noch ein junger Mann. Er hatte innerhalb weniger Jahre einen Weg zurückgelegt, der ihn von einem Schüler aus Linz in militärische Einsätze geführt hatte. Doch der Krieg im Norden sollte nicht seine wichtigste Station werden.
Im Juni 1941 begann Deutschland den Angriff auf die Sowjetunion. Der Krieg im Osten war kein gewöhnlicher Feldzug. Die nationalsozialistische Führung betrachtete ihn als ideologischen Vernichtungskrieg. Juden, politische Funktionäre, sowjetische Kriegsgefangene und zahlreiche andere Menschen wurden systematisch verfolgt und ermordet. Riegler wurde an der Ostfront eingesetzt. Dort erlitt er Erfrierungen an beiden Füßen und musste zur Behandlung zurückgeschickt werden. Sein körperlicher Zustand führte schließlich zu einer anderen Verwendung.
Im Februar 1942 wurde Riegler in das Konzentrationslager Mauthausen versetzt. Von diesem Moment an begann der entscheidende Abschnitt seines Lebens. Mauthausen lag in Oberösterreich, nicht weit von Linz. Das Lager war am 8. August 1938 eröffnet worden, nur wenige Monate nach dem Anschluss Österreichs. Die SS hatte den Standort unter anderem wegen des nahegelegenen Granitsteinbruchs ausgewählt. Der Steinbruch bot dem Regime eine Möglichkeit, Gefangene für schwere Zwangsarbeit einzusetzen. Die ersten Häftlinge, überwiegend Männer aus Deutschland und Österreich, mussten Teile des Lagers selbst errichten.
Mauthausen war nicht nur ein Gefängnis. Es war ein System. Hinter den Mauern befanden sich Baracken, Arbeitsbereiche, Wachanlagen und Einrichtungen, die den gesamten Alltag der Gefangenen kontrollierten. Die Häftlinge wurden nach ihrer Ankunft registriert und in Kategorien eingeteilt. Ihre Identität wurde auf eine Häftlingsnummer reduziert. Viele verloren jede Kontrolle über ihr eigenes Leben. Wer gegen die Regeln verstieß oder den Anforderungen der SS nicht genügte, konnte mit brutalen Strafen rechnen.
Im Dezember 1939 ordnete die SS den Bau eines zweiten großen Lagers in der Nähe an: Gusen. Es lag nur wenige Kilometer von Mauthausen entfernt und nahm im Mai 1940 den Betrieb auf. Mit dem Fortschreiten des Krieges entstand ein immer größeres Netz von Nebenlagern. Die SS brachte Gefangene dorthin, wo sie als Zwangsarbeiter benötigt wurden. Steinbrüche, Rüstungsbetriebe und andere Unternehmen profitierten von ihrer Arbeit. Die Gefangenen wurden dabei unter Bedingungen eingesetzt, die für viele tödlich waren.
Mauthausen und Gusen gehörten zu den Lagern mit besonders hohen Sterberaten. Hunger, Krankheiten, Erschöpfung und Misshandlungen gehörten zum Alltag. Wer nicht mehr arbeiten konnte, war besonders gefährdet. Der Wert eines Menschen wurde innerhalb dieses Systems danach bemessen, wie viel Arbeit er noch leisten konnte. Sobald ein Häftling körperlich zusammenbrach, konnte sein Schicksal besiegelt sein. Die SS behandelte die Gefangenen nicht als Menschen mit Rechten, sondern als kontrollierbare Arbeitskraft.
Im Jahr 1941 begann die SS in Mauthausen mit dem Bau einer Gaskammer und weiterer Einrichtungen, die dem systematischen Massenmord dienen konnten. Damit wurde der Charakter des Lagers noch tödlicher. Mauthausen war bereits zuvor ein Ort extremer Gewalt gewesen. Nun wurde es zusätzlich zu einem Ort, an dem Menschen gezielt getötet werden konnten. Nach dem Krieg berichtete der frühere Lagerkommandant Franz Ziereis über verschiedene Mordmethoden. Gefangene wurden erschossen, vergast, durch Zwangsarbeit zugrunde gerichtet oder auf andere Weise getötet.
Eine besonders grausame Form des Terrors bestand darin, Gefangene extremen Temperaturen auszusetzen. Menschen wurden bei eisiger Kälte zum Baden gezwungen und anschließend nass und ohne ausreichende Kleidung im Freien stehen gelassen. Andere wurden im Steinbruch so lange zur Arbeit gezwungen, bis sie zusammenbrachen. Manche Häftlinge wurden anschließend erschossen. In den Unterlagen konnte ihr Tod dann mit einer fingierten Begründung versehen werden, beispielsweise als angeblicher Fluchtversuch. Mord wurde dadurch in einen Verwaltungsakt verwandelt.
Riegler wurde in Mauthausen zum Blockführer beziehungsweise Blockwart eingesetzt. Damit erhielt er direkte Macht über Gefangene. Er war kein unbedeutender Zuschauer. Er befand sich innerhalb der Hierarchie, die den Alltag der Häftlinge bestimmte. Nach den Zeugenaussagen und den Angaben des Ausgangsmaterials erwarb er sich schnell den Ruf eines besonders brutalen Wachmannes. Schläge gehörten zu seinem Verhalten. Gewalt wurde nicht immer durch einen konkreten Verstoß ausgelöst. Die Gefangenen wussten, dass sie ihm ausgeliefert waren.
Ein besonders schwerer Vorwurf betraf einen Transport von etwa dreihundert Gefangenen. Diese Männer waren gezwungen worden, die vorherige Nacht nackt auf dem Lagerhof zu verbringen. Sie waren der Kälte ausgesetzt, geschwächt und erschöpft. Nach den Angaben des Ausgangsmaterials schlug Riegler anschließend Überlebende dieses Transports zu Tode. Für die Betroffenen bedeutete die Nacht eine Tortur, die bereits zahlreiche Menschen körperlich an ihre Grenzen gebracht hatte. Statt Hilfe erwartete sie weitere Gewalt.
Ein anderer Vorfall betraf einen spanischen Gefangenen. Riegler soll einen Knüppel genommen und den Mann erschlagen haben, während dieser an eine Wand gefesselt war. Die Tat zeigt die völlige Machtlosigkeit eines Häftlings gegenüber einem SS-Mann. Der Gefangene konnte sich nicht verteidigen. Riegler wusste, dass er innerhalb des Lagersystems nahezu völlige Macht über dessen Leben besaß. Gewalt war für ihn nicht mehr nur eine theoretische Möglichkeit. Sie war zu einem Bestandteil seiner täglichen Tätigkeit geworden.
Dass sich Spanier in Mauthausen befanden, hatte einen besonderen historischen Hintergrund. Nach dem Sieg der franquistischen Truppen im Spanischen Bürgerkrieg 1939 flohen zahlreiche Republikaner nach Frankreich. Viele hatten gegen die Truppen Francos gekämpft und hofften, dort Sicherheit zu finden. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs wurden Tausende dieser spanischen Flüchtlinge an die Nationalsozialisten ausgeliefert oder gerieten in deutsche Gefangenschaft. Viele von ihnen wurden nach Mauthausen deportiert.
Für die spanischen Häftlinge bedeutete das Lager eine weitere Katastrophe nach Jahren des Krieges und der Flucht. Sie hatten den Bürgerkrieg überlebt, ihre Heimat verloren und waren anschließend in französischen Lagern oder unter deutscher Besatzung erneut verfolgt worden. In Mauthausen trafen sie auf ein System, das sie als politische Gegner behandelte und ihre Arbeitskraft ausbeutete. Viele starben. Andere überlebten nur unter extremen Bedingungen.
Riegler stieg innerhalb der Lagerhierarchie weiter auf. Im November 1942 war er SS-Unterscharführer und als Rapportführer tätig. Damit beaufsichtigte er die Blockführer. Seine Position bedeutete, dass er nicht nur einzelne Gefangene kontrollierte, sondern auch Verantwortung innerhalb der Wachorganisation trug. Zwischen 1943 und 1945 war er nach den Angaben des Ausgangsmaterials an zahlreichen Hinrichtungen beteiligt. Er beaufsichtigte etwa zehn bis fünfzehn Erhängungen.
Hinrichtungen gehörten zu den erschreckendsten Momenten des Lageralltags. Die Gefangenen wussten, dass sie keine Möglichkeit hatten, dem Urteil zu entkommen. Die SS konnte eine Exekution als offizielle Maßnahme darstellen, doch für das Opfer war sie das Ende des Lebens. Riegler war an solchen Vorgängen direkt beteiligt. Das bedeutete, dass seine Verantwortung nicht nur in Schlägen und Misshandlungen bestand. Er war Teil des Apparats, der Gefangene gezielt zum Tod führte.
Doch Mauthausen war nicht nur ein Ort von Hinrichtungen. Das gesamte System war tödlich. Menschen wurden in Steinbrüchen eingesetzt, bis ihre Kräfte versagten. Andere starben an Hunger oder Krankheiten. Medizinische Versorgung war unzureichend. Die SS konnte Gefangene als „arbeitsunfähig“ betrachten und damit faktisch ihrem Tod überlassen. Das Lager funktionierte durch eine Kombination aus Zwang, Gewalt und Entmenschlichung.
Riegler war zu diesem Zeitpunkt kaum mehr der junge Mann, der einst Lehrer werden wollte. Die Uniform war zu seiner Identität geworden. Die SS-Hierarchie gab ihm Macht. Gewalt hatte sich normalisiert. Die Gefangenen waren für ihn offenbar keine Individuen mehr. Sie waren Untergebene, Nummern und Feinde. Je länger er in diesem System blieb, desto stärker schien die Grenze zwischen Pflicht und Grausamkeit zu verschwinden.
Dann kam der Februar 1945.
An einem eisigen Abend beschlossen Gefangene in Mauthausen, etwas zu tun, das nach den Bedingungen des Lagers nahezu unmöglich schien: Sie wollten ausbrechen. Rund fünfhundert Häftlinge, überwiegend sowjetische Offiziere, bereiteten sich auf einen verzweifelten Fluchtversuch vor. Sie wussten, dass ihre Chancen gering waren. Aber für Männer, die jeden Tag mit dem Tod konfrontiert waren, konnte selbst eine geringe Hoffnung stärker sein als die Gewissheit, im Lager zu sterben.
In der Nacht zum 2. Februar 1945 begann der Aufstand. Die Gefangenen griffen Wachtürme an und konnten einen Turm besetzen. Sie fanden Möglichkeiten, den elektrischen Zaun teilweise zu überwinden. Nasse Decken wurden verwendet, um den Strom kurzzeitig zu unterbrechen. Menschen kletterten über die Hindernisse und liefen in die Dunkelheit. Einige waren jedoch bereits so geschwächt, dass sie nur wenige Meter weit kamen.
Die SS reagierte sofort. Ein Ausbruch aus Mauthausen durfte nicht erfolgreich sein. Die fliehenden Häftlinge sollten gefangen und getötet werden. Die Suche begann noch in derselben Nacht. SS-Einheiten wurden mobilisiert. Polizei und andere deutsche Kräfte wurden einbezogen. Auch Teile der Hitlerjugend und örtliche Kräfte beteiligten sich an der Jagd. Die Grenze zwischen Lager und Zivilbevölkerung verschwand.
Riegler befand sich unter den SS-Männern, die an der Suchaktion beteiligt waren. Für ihn war dies kein gewöhnlicher Einsatz. Die Männer, die vor ihm flohen, waren Gefangene, die gerade versucht hatten, dem Lager zu entkommen. Der Befehl lautete, niemanden lebend zurückzubringen. In den folgenden Tagen und Wochen verwandelte sich die Umgebung von Mauthausen in ein Jagdgebiet. Wälder, Dörfer, Bauernhöfe und Straßen wurden durchsucht.
Die SS gab der Aktion einen zynischen Namen: „Mühlviertler Hasenjagd“. Der Begriff entmenschlichte die Gefangenen erneut. Aus Menschen wurden in der Sprache der Täter „Hasen“, die gejagt werden sollten. Die Jagd dauerte ungefähr drei Wochen. Viele der Flüchtenden waren zu schwach, um lange zu überleben. Andere wurden von Suchtrupps entdeckt. Nur wenige konnten sich verstecken oder Unterstützung von Einheimischen erhalten.
Nach den Angaben des Ausgangsmaterials wurden mit Ausnahme von elf Offizieren fast alle Flüchtigen gefangen oder getötet. Viele wurden unmittelbar nach ihrer Entdeckung erschossen. Riegler war aktiv an den Hinrichtungen beteiligt. Zeugenaussagen beschrieben ihn als einen Mann, der nach solchen Einsätzen häufig betrunken zurückkehrte und über die begangenen Morde prahlte. Die Jagd hatte damit nicht nur die Funktion, Gefangene zurückzubringen. Für manche Beteiligte wurde sie zu einem Raum, in dem Gewalt ungehindert ausgelebt werden konnte.
CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1: Doch während Riegler noch Jagd auf die letzten Flüchtenden machte, rückte die Front immer näher. Mauthausen, das jahrelang wie eine Festung der SS gewirkt hatte, begann zu zerfallen. Zehntausende neue Gefangene würden bald durch seine Tore kommen. Hunger und Krankheiten würden das Lager in einen Ort des Massensterbens verwandeln. Und Riegler wusste noch nicht, dass die Uniform, die ihm so lange Schutz gegeben hatte, ihn bald nicht mehr schützen würde.


