TEIL 1 – DER WEG IN DEN NATIONALISTISCHEN UNTERGRUND
Am 22. Juni 1941 überschritten deutsche Truppen die sowjetische Grenze. Panzerverbände stießen nach Osten vor, während Flugzeuge Städte und Verkehrswege angriffen. Hinter der Wehrmacht folgten mobile deutsche Mordkommandos und andere Besatzungseinheiten. In der Westukraine hofften radikale Nationalisten zunächst, der deutsche Vormarsch könne ihnen den Weg zu einem unabhängigen ukrainischen Staat öffnen. Einer der Männer, die diese Hoffnung mit besonderer Konsequenz verfolgten, war Roman Taras Josypowytsch Schuchewytsch. Sein Name wurde später in der Ukraine zum Symbol des bewaffneten Nationalismus, zugleich aber auch zum Gegenstand heftiger historischer Kontroversen. Seine Biografie führt durch polnische Gefängnisse, deutsche Ausbildungslager, die Besatzung der Sowjetunion, den Aufbau der Ukrainischen Aufständischen Armee und einen jahrelangen Untergrundkrieg gegen die Sowjetmacht.

Roman Schuchewytsch wurde am 30. Juni 1907 in Krakovets westlich von Lemberg geboren. Seine Familie war ukrainisch-national geprägt. Schon früh lernte er eine politische Umgebung kennen, in der die Frage der ukrainischen Selbstbestimmung eine zentrale Rolle spielte. Nach dem Ersten Weltkrieg war die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung gescheitert, und große Teile der Westukraine waren unter polnische Kontrolle geraten. Für viele junge ukrainische Nationalisten bedeutete dies nicht das Ende ihrer politischen Ziele, sondern den Beginn eines langen Kampfes gegen die polnische Herrschaft.
Eine wichtige Figur in Schuchewytschs Jugend war Jewhen Konowalez, ein führender ukrainischer Nationalist und ehemaliger Militär. Zwischen 1921 und 1922 lebte Konowalez zeitweise im Haus der Familie Schuchewytsch. Seine politische Vorstellung von einer organisierten ukrainischen Befreiungsbewegung prägte die junge Generation. Schuchewytsch schloss sich 1925 der Ukrainischen Militärorganisation an, einer geheimen paramilitärischen Bewegung, die gegen die polnische Herrschaft kämpfte.
Schon ein Jahr später wurde der junge Schuchewytsch in einen Mordfall verwickelt. Der polnische Schulinspektor Stanisław Sobiński wurde im Oktober 1926 vor den Augen seiner Ehefrau erschossen. Ukrainische Aktivisten warfen ihm vor, eine polnische Sprach- und Bildungspolitik zu vertreten, die ukrainische Schulen benachteiligte. Schuchewytsch und Bohdan Pidhaijny wurden als Täter genannt. Für Schuchewytsch war dies der erste bekannte politische Mord in seiner Karriere und ein frühes Zeichen dafür, dass seine Vorstellung vom nationalen Kampf nicht auf politische Diskussion beschränkt bleiben würde.
1930 heiratete Schuchewytsch Natalia Beresynska. Das Paar bekam später zwei Kinder. Sein Privatleben stand jedoch weiterhin unter dem Schatten des politischen Untergrunds. Im selben Jahrzehnt radikalisierte sich die ukrainische Nationalbewegung zunehmend. 1929 wurde in Wien die Organisation Ukrainischer Nationalisten, kurz OUN, gegründet. Sie entstand aus mehreren nationalistischen und faschistischen Gruppierungen und entwickelte sich zur wichtigsten Organisation der ukrainischen extremen Rechten.
Die OUN verband den Wunsch nach einem unabhängigen ukrainischen Staat mit autoritären und ethnisch-nationalistischen Vorstellungen. Gewalt und Terrorismus wurden als legitime politische Mittel betrachtet. Die Bewegung war zugleich stark von den politischen Entwicklungen Europas geprägt. Faschistische Organisationen in Italien, Deutschland und anderen Ländern zeigten, dass radikale Nationalisten mit Gewalt gegen politische Gegner vorgingen und Minderheiten ausgrenzten. Auch innerhalb der OUN entwickelte sich ein ausgeprägter Antisemitismus.
Schuchewytsch stieg innerhalb des militärischen Flügels der Bewegung auf. Unter dem Decknamen „Dzwin“ arbeitete er als militärischer Organisator. Nach der Ermordung des polnischen Innenministers Bronisław Pieracki im Juni 1934 gingen die polnischen Behörden massiv gegen OUN-Mitglieder vor. Schuchewytsch wurde im Juli festgenommen und inhaftiert. Er verbrachte längere Zeit in Gefängnissen und wurde nach den Angaben des Ausgangsmaterials während der Haft misshandelt.
Beim Warschauer Prozess von 1935 und 1936 trat Schuchewytsch als Zeuge auf. Er bestand darauf, Ukrainisch zu sprechen, und wurde dafür bestraft. Als er den Gerichtssaal mit dem nationalistischen Gruß „Ruhm der Ukraine“ begrüßte, wurde er erneut inhaftiert. 1937 kam er im Rahmen einer Amnestie frei. Doch die Haft hatte seine politischen Überzeugungen nicht verändert. Er kehrte in den nationalistischen Untergrund zurück.
Anfang 1938 überschritt Schuchewytsch illegal die Grenze zur Tschechoslowakei und gelangte in die Karpatenukraine. Dort begann eine neue Phase seiner politischen Laufbahn. Die Region erhielt zeitweise Autonomie, und ukrainische Nationalisten organisierten paramilitärische Verbände. Schuchewytsch beteiligte sich an der Karpatensitsch, einer bewaffneten Formation, die für einen unabhängigen ukrainischen Staat kämpfen sollte.
Im März 1939 beteiligte er sich in Chust an einem bewaffneten Aufstand gegen die dortigen Behörden. Der Versuch scheiterte. Gleichzeitig zerfiel die Tschechoslowakei unter dem Druck Deutschlands. Die Slowakei wurde unabhängig, die tschechischen Gebiete gerieten unter deutsche Kontrolle, und ungarische Truppen rückten in die Karpatenukraine ein. Schuchewytsch kämpfte kurzzeitig gegen die ungarischen Verbände, entkam nur knapp und floh anschließend über Rumänien weiter nach Westen.
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs veränderte die politische Lage erneut. Am 1. September 1939 griff Deutschland Polen an. Am 17. September marschierte die Sowjetunion von Osten in Polen ein. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt hatte Osteuropa in deutsche und sowjetische Interessensphären aufgeteilt. Die Westukraine wurde zwischen den beiden Besatzungsmächten geteilt. Für ukrainische Nationalisten entstand damit eine neue Situation: Polen war geschlagen, aber die Sowjetunion kontrollierte große Teile der ukrainischen Gebiete.
1940 zerfiel die OUN in zwei rivalisierende Fraktionen. Der ältere Flügel unter Andrij Melnyk blieb stärker auf Zusammenarbeit mit Deutschland ausgerichtet. Der jüngere und radikalere Flügel unter Stepan Bandera wollte den bevorstehenden Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion nutzen, um einen eigenen ukrainischen Staat zu schaffen. Schuchewytsch schloss sich der Bandera-Fraktion an und wurde zu einem ihrer wichtigen militärischen Organisatoren.
Die Bandera-Fraktion war keineswegs demokratisch. Sie vertrat einen autoritären Nationalismus und war von antisemitischen Vorstellungen geprägt. Ihr Ziel war ein unabhängiger ukrainischer Staat, der nach den Vorstellungen der Bewegung ethnisch und politisch „bereinigt“ werden sollte. Trotzdem hofften ihre Führer, Deutschland zunächst als Verbündeten gegen die Sowjetunion nutzen zu können.
Im Frühjahr und Sommer 1940 nahmen Schuchewytsch und mehr als hundert weitere ukrainische Nationalisten an einer geheimen militärischen Ausbildung teil. Die Ausbildung fand in einem Zentrum statt, das vom deutschen Nachrichtendienst Abwehr betrieben wurde. Die deutsche Führung sah in den ukrainischen Nationalisten zunächst nützliche Verbündete für den geplanten Krieg gegen die Sowjetunion.
Die Zusammenarbeit führte zur Bildung zweier ukrainischer Einheiten: Nachtigall und Roland. Nachtigall wurde im März 1941 in Krakau aufgestellt. Die Männer wurden im deutschen Reich militärisch ausgebildet und mit deutschen Waffen ausgestattet. Schuchewytsch erhielt den Rang eines Hauptmanns und wurde der ranghöchste Ukrainer im Bataillon.
Die deutsche Führung glaubte, die ukrainischen Nationalisten gegen die Sowjetunion einsetzen zu können. Die Nationalisten wiederum glaubten, Deutschland werde ihnen nach dem Sieg über Stalin bei der Gründung eines unabhängigen Staates helfen. Beide Seiten verfolgten jedoch unterschiedliche Ziele. Für Berlin war die Ukraine Teil des geplanten deutschen Herrschaftsraumes im Osten. Für die OUN war Deutschland nur ein Mittel auf dem Weg zur eigenen Staatsgründung.
Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Nachtigall rückte mit den deutschen Verbänden nach Osten vor. Die Einheit erreichte am 30. Juni Lemberg. Die sowjetischen Sicherheitskräfte hatten sich beim Rückzug aus der Stadt an Gefangenen schuldig gemacht. Tausende politische Häftlinge wurden in Gefängnissen ermordet. Unter den Opfern befand sich auch Schuchewytschs Bruder.
Die Nachrichten über diese Gefängnismorde verstärkten die Wut in der Stadt. Gleichzeitig verbreitete die deutsche Propaganda die Behauptung, Juden seien kollektiv für die sowjetischen Verbrechen verantwortlich. In Lemberg kam es zu einem großen Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Ukrainische Milizen und andere Beteiligte ermordeten zahlreiche Menschen. Auch Angehörige von Nachtigall wurden nach Zeugenaussagen mit den Ereignissen in Verbindung gebracht.
Am selben Tag erklärte die Bandera-Fraktion in Lemberg die ukrainische Unabhängigkeit. Die Erklärung enthielt zunächst eine demonstrative Loyalitätserklärung gegenüber Deutschland. Doch Hitler und seine Führung wollten keinen unabhängigen ukrainischen Staat. Die Ukraine sollte wirtschaftlich und politisch dem deutschen Herrschaftsbereich untergeordnet werden.
Die nationalistische Führung wurde deshalb verhaftet. Bandera kam in deutsche Haft. Nachtigall wurde schließlich aufgelöst und entwaffnet. Die Hoffnung, Deutschland werde die ukrainische Unabhängigkeit unterstützen, war gescheitert. Für Schuchewytsch begann damit eine neue Phase seiner Karriere.
Anfang 1942 wurde Nachtigall als Schutzmannschaftsbataillon 201 neu organisiert. Es handelte sich um eine deutsche Hilfspolizeieinheit. Nach einer weiteren Ausbildung wurde sie nach Belarus geschickt. Dort sollte sie gegen sowjetische Partisanen kämpfen. Doch der sogenannte Partisanenkrieg wurde von deutschen Besatzungskräften häufig genutzt, um ganze Dörfer zu bestrafen und Zivilisten zu töten.
Die Einheit beteiligte sich an sogenannten Vergeltungsmaßnahmen. Nach deutschen Angaben wurden für einzelne gefallene Soldaten große Zahlen von Einheimischen als „Feinde“ getötet. Solche Zahlen zeigen, wie weit die Besatzungspolitik von normalen militärischen Operationen entfernt war. Zivilisten wurden kollektiv für den Widerstand verantwortlich gemacht.
Schuchewytsch und seine Kameraden erlebten in Belarus eine Besatzungspolitik, die von extremer Gewalt geprägt war. Die deutsche Führung behandelte die Bevölkerung der besetzten Gebiete nicht als geschützte Zivilbevölkerung, sondern als potenzielle Gegner. Dörfer wurden durchsucht, Menschen erschossen und Häuser zerstört. Die Grenze zwischen militärischem Kampf und systematischer Gewalt gegen Zivilisten verschwand.
Im Jahr 1943 verschlechterte sich die deutsche Kriegslage dramatisch. Die Rote Armee rückte nach Westen vor. Schuchewytsch verließ Belarus mit mehreren seiner Kameraden und kehrte in die Westukraine zurück. Dort begann die entscheidende Phase seiner Karriere.
Die Bandera-Fraktion hatte inzwischen den Aufbau einer eigenen bewaffneten Organisation vorangetrieben: der Ukrainischen Aufständischen Armee, kurz UPA. Sie stellte sich als nationale Befreiungsbewegung dar, die gegen Deutschland und die Sowjetunion kämpfen sollte. In der Praxis richtete sich die Gewalt jedoch auch gegen polnische Zivilisten und andere Bevölkerungsgruppen, die als Hindernis für einen ethnisch definierten ukrainischen Staat betrachtet wurden.
Im August 1943 wurde Schuchewytsch zum Oberbefehlshaber der UPA. Von diesem Moment an trug er Verantwortung für eine Bewegung, die in der Westukraine einen bewaffneten Krieg gegen mehrere Gegner führte. Die UPA kämpfte gegen deutsche Einheiten, gegen sowjetische Kräfte und gegen polnische Organisationen. Gleichzeitig entwickelte sich eine Kampagne ethnischer Gewalt gegen die polnische Bevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien.
Die Opferzahlen dieser Kampagne sind Gegenstand historischer Forschung und politischer Kontroversen. Schätzungen gehen von Zehntausenden getöteten Polen aus, darunter Männer, Frauen und Kinder. Viele weitere Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Ganze Dörfer verschwanden. Die Gewalt richtete sich nicht nur gegen bewaffnete Gegner. Zivilisten wurden wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit zum Ziel.
Der Sommer 1943 markierte dabei einen besonders blutigen Höhepunkt. Am 11. Juli, dem später als „Blutsonntag“ bezeichneten Tag, griffen UPA-Einheiten zahlreiche polnische Ortschaften gleichzeitig an. Menschen wurden während Gottesdiensten überrascht. Kirchen und Häuser wurden angegriffen. Tausende Menschen wurden getötet. Die Gewalt hatte nicht mehr den Charakter eines gewöhnlichen militärischen Konflikts. Sie zielte darauf, die polnische Bevölkerung aus bestimmten Gebieten zu vertreiben oder zu vernichten.
Die Brutalität dieser Angriffe hinterließ tiefe Spuren. Überlebende flohen in andere Gebiete. Familien wurden getrennt. Ganze Gemeinden verloren ihre Bewohner. Auch jüdische Menschen, die zuvor vor der deutschen Vernichtung geflohen waren und sich in Wäldern versteckten, gerieten unter den Druck verschiedener bewaffneter Gruppen. Tschechen und andere Minderheiten wurden ebenfalls verfolgt.
Schuchewytsch stand als Oberbefehlshaber an der Spitze der UPA. Die genaue Frage seiner persönlichen Verantwortung für einzelne Massaker ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher und politischer Debatten. Unbestritten ist jedoch, dass er die Organisation führte, unter deren Herrschaft und in deren Operationsgebieten diese ethnischen Gewaltverbrechen stattfanden. Das macht seine historische Rolle bis heute hoch umstritten.
Währenddessen zog sich Deutschland 1944 aus großen Teilen der Ukraine zurück. Die Rote Armee rückte vor. Für die UPA änderte sich die Situation erneut. Der deutsche Gegner verschwand, der sowjetische Gegner kehrte zurück. Schuchewytsch und seine Anhänger bereiteten sich auf einen langen Untergrundkrieg vor.
Am 9. Mai 1945 war der Krieg in Europa beendet. Doch in der Westukraine war der Kampf noch lange nicht vorbei. Die Sowjetunion stellte ihre Herrschaft wieder her. Sicherheitskräfte gingen gegen die UPA und andere nationalistische Untergrundgruppen vor. Es kam zu Massenverhaftungen, Deportationen und Hinrichtungen. Der Konflikt entwickelte sich zu einem jahrelangen Krieg im Schatten des beginnenden Kalten Krieges.
Schuchewytsch wurde zu einem der wichtigsten Ziele des sowjetischen Sicherheitsapparats. Er wechselte ständig seine Aufenthaltsorte, nutzte Decknamen und hielt Kontakt zu einem weit verzweigten Untergrundnetzwerk. Die Sowjetunion bezeichnete ihn als Terroristen und Staatsfeind. Für seine Anhänger war er dagegen der Befehlshaber eines nationalen Befreiungskampfes.
Diese gegensätzlichen Bilder sollten Jahrzehnte überdauern.
Im März 1950 verdichteten sich die sowjetischen Informationen über seinen Aufenthaltsort. Am 5. März umstellten sowjetische Sicherheitskräfte ein Versteck im Dorf Bilohirschka nahe Lemberg. Schuchewytsch versuchte, sich der Festnahme zu entziehen. Es kam zu einem Feuergefecht.
Roman Schuchewytsch wurde getötet.
Damit endete das Leben eines Mannes, dessen politische Laufbahn fast ein Vierteljahrhundert zuvor mit einem Mord begonnen hatte und über mehrere bewaffnete Organisationen geführt hatte. Doch sein Tod bedeutete nicht das Ende seiner Geschichte.
CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1


