GENERAL ANTON DOSTLER – DER BEFEHL, DER IHN ZUM KRIEGSVERBRECHER MACHTE

GENERAL ANTON DOSTLER – DER BEFEHL, DER IHN ZUM KRIEGSVERBRECHER MACHTE

TEIL 1 – DER GENERAL, DER EINEN BEFEHL WEITERGAB

Am 20. Juli 1944 explodierte im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ eine Bombe, die Adolf Hitler töten sollte. Die Verschwörer glaubten, mit seinem Tod könne der Krieg beendet und die nationalsozialistische Führung gestürzt werden. Doch Hitler überlebte. Wenige Stunden später empfing er Benito Mussolini und tat so, als wäre nichts geschehen. Während in Berlin die ersten Verschwörer verhaftet wurden, kämpfte an einem anderen Ort ein deutscher General weiter für das Regime. Sein Name war Anton Dostler. Er ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sein eigener Name wenige Monate später in einem alliierten Gerichtssaal fallen würde. Dort würde er nicht wegen einer Schlacht angeklagt werden, sondern wegen fünfzehn Männern, die er hatte erschießen lassen. Und seine Verteidigung würde auf drei Worte hinauslaufen: „Ich folgte Befehlen.“

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Wenn dich historische Geschichten über die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und die Männer hinter den Befehlen interessieren, bleib bis zum Ende. Denn Dostlers Geschichte ist mehr als die Geschichte einer Hinrichtung. Sie führt zurück in die Entwicklung der deutschen Armee, in ihre Verbindung mit Hitler, in den Krieg gegen die Sowjetunion und schließlich nach Italien, wo ein einzelner Befehl zu einem der frühen Kriegsverbrecherprozesse der Nachkriegszeit führte. Die entscheidende Frage lautete nicht nur, was Dostler getan hatte. Sie lautete: Kann ein Soldat für ein Verbrechen verantwortlich sein, wenn er behauptet, lediglich einen Befehl seines Vorgesetzten weitergegeben zu haben?

Anton Dostler wurde am 10. Mai 1891 in München geboren. Er wuchs in einer Zeit auf, in der das Deutsche Kaiserreich seine militärische Stärke als einen wichtigen Teil seiner nationalen Identität betrachtete. Für junge Männer aus bürgerlichen und militärisch geprägten Familien war eine Laufbahn im Heer eine angesehene Möglichkeit. Im Juni 1910 trat der neunzehnjährige Dostler als Kadett in das Königlich Bayerische 6. Infanterie-Regiment ein. Zwei Jahre später wurde er zum Leutnant befördert. Er war damit bereits Offizier, bevor der Erste Weltkrieg überhaupt begonnen hatte.

1914 veränderte sich Europa. Bündnisse, politische Spannungen und nationalistische Interessen führten zum Krieg. Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Innerhalb weniger Tage wurden aus regionalen Konflikten internationale Fronten. Deutschland mobilisierte seine Armee. Dostler zog in einen Krieg, von dem niemand wusste, wie lange er dauern würde. Die Soldaten glaubten zunächst an einen schnellen Feldzug. Doch aus Wochen wurden Monate und aus Monaten Jahre.

Dostler diente als Offizier und stieg innerhalb der Armee auf. Im Januar 1916 wurde er Oberleutnant. Im Oktober 1918, wenige Wochen vor dem Ende des Krieges, erhielt er den Rang eines Hauptmanns. Für seine Leistungen im Einsatz wurde er mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse und dem Bayerischen Militärverdienstkreuz mit Schwertern ausgezeichnet. Für einen jungen Offizier war dies ein Zeichen dafür, dass seine militärische Karriere trotz des Zusammenbruchs des Kaiserreichs weitergehen konnte.

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg mit dem Waffenstillstand. Deutschland hatte verloren. Millionen Soldaten waren gefallen. Städte und Industrieanlagen waren beschädigt. Die politische Ordnung des Kaiserreichs brach zusammen. Kaiser Wilhelm II. ging ins Exil. In Deutschland entstand die Weimarer Republik. Für Männer wie Dostler bedeutete das eine schwierige neue Zeit. Die Armee, in der sie gedient hatten, wurde drastisch verkleinert.

Der Versailler Vertrag legte Deutschland schwere militärische Beschränkungen auf. Das Heer durfte nur noch 100.000 Mann umfassen. Schwere Waffen und moderne militärische Strukturen wurden eingeschränkt. Deutschland verlor Gebiete. Reparationsforderungen belasteten die junge Republik. Viele ehemalige Offiziere empfanden den Vertrag als Demütigung. In Teilen des Militärs entstand eine tiefe Ablehnung gegenüber der politischen Ordnung von Weimar.

Dostler blieb dem Militär treu. Er diente in der neu geschaffenen Reichswehr. Seine Karriere verlief weiter, auch wenn die Armee stark verkleinert worden war. Am 1. Oktober 1924 wurde er in die militärische Nachrichtenabteilung des Reichswehrministeriums nach Berlin versetzt. Gleichzeitig begann er ein Studium an der Berliner Universität. Er verband damit militärische Erfahrung und akademische Ausbildung. 1932 wurde er zum Major befördert.

In den Jahren vor Hitlers Machtübernahme war die politische Lage angespannt. Adolf Hitler und die NSDAP waren zwar eine wachsende politische Kraft, doch Teile der konservativen militärischen Führung betrachteten ihn zunächst mit Misstrauen. Der gescheiterte Hitler-Putsch von 1923 hatte gezeigt, dass die Nationalsozialisten bereit waren, staatliche Institutionen gewaltsam herauszufordern. Die Reichswehr unterstützte diesen Putsch nicht. Soldaten gingen gegen Hitlers Bewegung vor, anstatt sich ihr anzuschließen.

Doch die Beziehung zwischen Militär und Nationalsozialismus veränderte sich, nachdem Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler geworden war. Hitler versprach, die militärischen Beschränkungen des Versailler Vertrags zu beseitigen. Für viele Offiziere war das attraktiv. Die Reichswehr sollte wieder wachsen. Deutschland sollte seine militärische Stärke zurückerlangen. Die nationalsozialistische Außenpolitik versprach außerdem, die Macht Frankreichs einzudämmen und die Sowjetunion zu bekämpfen.

Ein entscheidender Schritt erfolgte 1934. Die Sturmabteilung, die SA unter Ernst Röhm, war zu einer gewaltigen Organisation geworden. Hitler fürchtete ihre politische Macht, während die militärische Führung die SA als Konkurrenz zur Reichswehr betrachtete. Hitler wollte die Unterstützung der Armee. Die Führung der Reichswehr war bereit, seine Maßnahmen gegen Röhm zu akzeptieren, solange die Reichswehr ihre Stellung als wichtigste deutsche Militärorganisation behielt.

Am 30. Juni 1934 begann die sogenannte „Nacht der langen Messer“. SS-Einheiten und andere Kräfte ermordeten Röhm und zahlreiche SA-Führer. Auch andere politische Gegner wurden getötet, darunter der ehemalige Reichskanzler Kurt von Schleicher. Die Reichswehr griff nicht ein. Damit wurde eine wichtige Grenze überschritten. Die militärische Führung akzeptierte, dass Hitler politische Gegner außerhalb jedes normalen Rechtsverfahrens beseitigte.

Wenige Monate später wurde der Eid der Soldaten verändert. Statt der Verfassung mussten sie nun Adolf Hitler persönlich unbedingten Gehorsam schwören. Diese Veränderung war mehr als eine Formalität. Ein Soldat schwor nun nicht mehr auf einen Staat und seine Verfassung, sondern auf eine einzelne Person. Der Begriff „Befehl“ erhielt damit eine neue Bedeutung. Gehorsam gegenüber Hitler wurde zu einem zentralen Bestandteil militärischer Identität.

1935 begann das Regime mit der offenen Aufrüstung. Juden wurden aufgrund der nationalsozialistischen Rassengesetze aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Soldaten jüdischer Herkunft verloren ihre Stellung. Gleichzeitig wuchs die Armee. Hitler übernahm 1938 selbst die unmittelbare Befehlsgewalt über die Wehrmacht. Die Verbindung zwischen politischer Führung und Militär war damit weit stärker geworden als während der Weimarer Republik.

Viele hohe Offiziere waren keine überzeugten Nationalsozialisten. Einige standen der Partei sogar kritisch gegenüber. Trotzdem arbeiteten sie mit Hitler zusammen. Es gab gemeinsame Interessen. Hitler versprach militärische Stärke. Die Generäle wollten ihre Armee zurück. Die Nationalsozialisten wollten die militärische Macht für ihre Außenpolitik. Dazu kamen persönliche Vorteile. Einige hohe Offiziere erhielten zusätzliche Zahlungen, Vergünstigungen oder sogar Grundstücke und andere Geschenke.

Dostler stieg ebenfalls weiter auf. Die Wehrmacht wurde größer und politisch radikaler. Junge Offiziere und Soldaten wuchsen in einer Gesellschaft auf, in der nationalsozialistische Propaganda allgegenwärtig war. Militärische Zeitschriften, Filme, Vorträge und Schulungen vermittelten ein Weltbild, in dem Deutschland angeblich von äußeren Feinden bedroht wurde. Besonders Juden und Kommunisten wurden als Teil einer weltweiten Verschwörung dargestellt.

Es wäre falsch, die Einstellung von Millionen deutschen Soldaten als vollkommen identisch darzustellen. Menschen hatten unterschiedliche Motive und Überzeugungen. Aber gleichzeitig lässt sich nicht bestreiten, dass die Wehrmacht zunehmend bereit war, Angriffskriege und die verbrecherische Politik des Regimes mitzutragen. Der Eid auf Hitler, die ideologische Schulung und die gemeinsame militärische Zielsetzung schufen ein Umfeld, in dem Befehle immer weniger hinterfragt wurden.

Am 1. September 1939 griff Deutschland Polen an. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. Die Wehrmacht rückte schnell vor. Polen wurde schließlich zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Doch hinter der Front folgten Einheiten, deren Aufgabe nicht nur militärische Sicherung war. Die Einsatzgruppen von SS und Polizei begannen mit systematischen Morden an Zivilisten. Besonders polnische Intellektuelle, Geistliche, Ärzte, Lehrer und andere gesellschaftliche Führungspersönlichkeiten wurden verfolgt und getötet.

Einige deutsche Generäle protestierten gegen die Brutalität. General Johannes Blaskowitz beschwerte sich über die Morde der SS und warnte vor der Verrohung der deutschen Soldaten. Doch solche Proteste änderten wenig. Das Militär und die SS blieben miteinander verbunden. Vor dem Angriff auf die Sowjetunion wurden Vereinbarungen getroffen, die eine enge Zusammenarbeit zwischen Heer und Einsatzgruppen ermöglichten.

Am 22. Juni 1941 begann die Operation Barbarossa. Deutschland griff die Sowjetunion an. Anton Dostler war zu diesem Zeitpunkt Kommandeur der 57. Infanteriedivision. Seine Division gehörte zur Heeresgruppe Süd und war am Feldzug gegen die Sowjetunion beteiligt. Die Heeresgruppe wurde von Walter von Reichenau geführt, einem überzeugten Nationalsozialisten, der die Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht und SS unterstützte.

Während dieser Operation kam es zu einigen der größten Massenmorde des Zweiten Weltkriegs. Einer der bekanntesten fand in Babyn Jar bei Kiew statt. Am 29. und 30. September 1941 wurden dort Zehntausende jüdische Menschen erschossen. Frauen, Kinder, ältere Menschen und Kranke waren unter den Opfern. Der Bericht der Einsatzgruppe C nannte 33.771 getötete jüdische Menschen innerhalb von zwei Tagen. Die Wehrmacht wusste von den Aktivitäten der Einsatzgruppen und unterstützte sie logistisch in zahlreichen Bereichen.

Dostler war kein Beobachter außerhalb des Geschehens. Seine Division operierte in diesem Krieg. Er war Teil einer militärischen Führung, die den Feldzug gegen die Sowjetunion unterstützte. Der Krieg im Osten war nicht nur ein Kampf zwischen Armeen. Er war von Anfang an mit einer ideologischen und rassistischen Vernichtungspolitik verbunden.

Von Juni bis Dezember 1942 kommandierte Dostler die 163. Infanteriedivision. Die Division hatte bereits an der Seite finnischer Truppen gegen die Sowjetunion gekämpft. Danach war sie lange Zeit in Finnland stationiert. Als sich Deutschland 1944 aus Finnland zurückzog, verlagerte sich der Krieg für Dostler weiter nach Süden.

Inzwischen hatte sich die politische Lage Europas erneut dramatisch verändert. Am 8. September 1943 kündigte die italienische Regierung unter Pietro Badoglio die Kapitulation Italiens gegenüber den Alliierten an. Italien war bis dahin ein Verbündeter Deutschlands gewesen. Hitler betrachtete den italienischen Kurswechsel als Verrat. Deutsche Truppen besetzten Nord- und Mittelitalien sowie italienische Gebiete in anderen Teilen Europas.

Deutsche Fallschirmjäger befreiten Benito Mussolini aus seiner Gefangenschaft. Mussolini wurde an die Spitze der Italienischen Sozialrepublik gestellt, eines von Deutschland abhängigen Regimes mit Sitz in Salò. Gleichzeitig verstärkte sich der deutsche Kampf gegen italienische Partisanen und alliierte Truppen.

Im Januar 1944 wurde Dostler Kommandeur des 75. Armeekorps. Das Korps war am 15. Januar aufgestellt worden und wurde kurz darauf über München und Verona nach Ligurien verlegt. Seine Aufgaben umfassten Küstenverteidigung, Partisanenbekämpfung und den Bau von Befestigungsanlagen. Das Gebiet um Genua, La Spezia und Livorno war strategisch wichtig.

Dostler war damit nicht mehr nur ein Divisionskommandeur. Er verfügte über ein größeres Gebiet und zahlreiche unterstellte Einheiten. Befehle aus seinem Hauptquartier konnten über mehrere Ebenen weitergegeben werden und das Leben vieler Menschen beeinflussen. Er war ein General in einer Besatzungszone, in der Partisanenkämpfe und Repressalien zunehmend brutal geführt wurden.

Dann kam der 22. März 1944.

Fünfzehn Männer der US-Armee landeten an der italienischen Küste. Unter ihnen befanden sich zwei Offiziere. Die Gruppe gehörte zu einer amerikanischen Kommandoeinheit, die im Rahmen der Operation Ginny II eingesetzt worden war. Sie landeten etwa fünfzehn Kilometer nördlich von La Spezia, weit hinter der damaligen Frontlinie.

Ihr Auftrag war begrenzt und militärisch klar: Sie sollten einen Eisenbahntunnel bei Framura sprengen. Die Bahnstrecke zwischen La Spezia und Genua war für deutsche Transporte von großer Bedeutung. Eine Zerstörung hätte den deutschen Nachschub stören können.

Die Männer trugen die Felduniform der US Army.

Sie waren bewaffnet.

Sie waren hinter den deutschen Linien.

Aber sie waren keine Zivilisten.

Und genau dieser Umstand sollte später über ihr Leben entscheiden.

Zwei Tage nach der Landung wurde die Gruppe von einer gemischten Einheit aus italienischen faschistischen Soldaten und deutschen Truppen entdeckt und gefangen genommen. Die fünfzehn Amerikaner wurden nach La Spezia gebracht. Sie wurden in der Nähe des Hauptquartiers der 135. Festungsbrigade festgehalten, die Oberst Kurt Almers unterstand.

Die Gefangenen wurden verhört.

Ein deutscher Geheimdienstoffizier erfuhr dabei Einzelheiten über den Auftrag. Die Informationen wurden an Dostlers Hauptquartier weitergeleitet.

Dostler erhielt damit die Nachricht, dass fünfzehn amerikanische Soldaten hinter den deutschen Linien gefangen genommen worden waren.

Er musste entscheiden, was mit ihnen geschehen sollte.

Am nächsten Tag meldete Dostler die Gefangennahme an seinen Vorgesetzten, Generalfeldmarschall Albert Kesselring. Kesselring war Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte in Italien. Dostler fragte nach dem weiteren Vorgehen.

Nach den später vorgetragenen Angaben erhielt er die Anweisung, die Männer erschießen zu lassen.

Doch es gab ein Problem.

Die Gefangenen trugen amerikanische Uniformen.

Und sie waren damit keine Spione in Zivil.

Dostler kannte den Befehl, den Hitler 1942 für alliierte Kommandotrupps erlassen hatte. Diese Anordnung verlangte, bestimmte gefangene alliierte Kommandoeinheiten ohne reguläres Gerichtsverfahren zu töten, selbst wenn sie in Uniform angetroffen wurden. Der sogenannte Kommandobefehl stand jedoch im Konflikt mit den Grundsätzen des Kriegsvölkerrechts.

Dostler gab den Befehl weiter.

Doch Oberst Kurt Almers war nicht überzeugt.

Er wusste, dass die Männer amerikanische Uniformen trugen.

Er wusste, dass die Tötung von Kriegsgefangenen rechtswidrig sein konnte.

Deshalb wandte er sich erneut an Dostler.

Er wollte Zeit gewinnen.

Er wollte verhindern, dass die Männer erschossen wurden.

Dostler hätte an diesem Punkt eine Entscheidung treffen können.

Er hätte den Befehl überprüfen lassen können.

Er hätte die Gefangenen vor ein Militärgericht stellen können.

Er hätte ihre Gefangenschaft bestätigen und sie als Kriegsgefangene behandeln können.

Stattdessen schickte er eine weitere Nachricht.

Der ursprüngliche Befehl sollte ausgeführt werden.

Almers versuchte erneut, die Hinrichtung zu verhindern.

Doch auch dieser Versuch scheiterte.

Am Morgen des 26. März 1944 wurden die fünfzehn amerikanischen Soldaten nach Punta Bianca gebracht, einem Strand bei Ameglia in der Provinz La Spezia.

Dort wartete ein Erschießungskommando.

Die Männer hatten keine reguläre Gerichtsverhandlung bekommen.

Sie hatten keine Möglichkeit, ihre Verteidigung vorzutragen.

Sie waren Gefangene.

Und sie wurden getötet.

Ihre Körper wurden anschließend in einem nicht gekennzeichneten Grab verscharrt.

Dostler kehrte in sein Hauptquartier zurück.

Für ihn ging der Krieg weiter.

Für die fünfzehn Männer war er beendet.

Doch der Befehl, den Dostler für einen weiteren militärischen Vorgang gehalten haben mochte, sollte ihn bis nach Kriegsende verfolgen.

Denn ein Mann aus seinem Umfeld hatte sich geweigert, den Hinrichtungsbefehl zu unterschreiben.

Alexander zu Dohna-Schlobitten, ein Mitarbeiter Dostlers, kannte den geheimen Kommandobefehl nicht und wollte die Anordnung deshalb nicht unterzeichnen. Er wurde später wegen Ungehorsams aus der Wehrmacht entlassen.

Damit gab es innerhalb des deutschen Systems bereits ein wichtiges Detail: Nicht jeder akzeptierte den Befehl einfach.

Nicht jeder hielt ihn für selbstverständlich.

Und genau diese Tatsache sollte später eine entscheidende Rolle bei der Frage spielen, ob Dostler sich auf „Befehlsnotstand“ berufen konnte.

Im Frühjahr 1944 ahnte Dostler vermutlich noch nicht, dass dieser Befehl später gegen ihn verwendet werden würde.

Der Krieg ging weiter.

Im November 1944 wurde er wieder dem 73. Armeekorps zugeteilt.

Deutschland befand sich zu diesem Zeitpunkt längst in einer strategischen Krise.

Die Alliierten rückten vor.

Die deutsche Armee zog sich zurück.

Die Städte wurden bombardiert.

Die Fronten brachen auseinander.

Und im Hintergrund liefen bereits Vorbereitungen für die Verbrechen und Prozesse, die nach dem Ende des Krieges aufgearbeitet werden sollten.

Dostler blieb General.

Er war Teil der Wehrmacht.

Er hatte Befehle gegeben.

Und irgendwo in Italien lagen fünfzehn amerikanische Soldaten in einem namenlosen Grab.

Dann kam das Jahr 1945.

Am 30. April beging Hitler in Berlin Selbstmord.

Am 8. Mai kapitulierte Deutschland.

Für die meisten Soldaten bedeutete das das Ende des Krieges.

Für einige Generäle bedeutete es den Beginn eines anderen Kampfes.

Den Kampf vor Gericht.

Dostler wurde von amerikanischen Truppen gefangen genommen.

Am 8. Mai 1945 wurde er wegen Kriegsverbrechen angeklagt.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten war er nicht mehr der Mann, dessen Befehl andere ausführen mussten.

Er war selbst der Angeklagte.

Und der wichtigste Beweis lag in einer einfachen Frage:

Wer hatte den Befehl gegeben, die fünfzehn Amerikaner zu töten?

CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1