Ich stand in meiner Werkstatt und polierte gerade die letzte Holzschnitzerei des Tages, als das Telefon klingelte. Es war ein Donnerstagabend im November, der Regen prasselte gegen die Fenster meines kleinen Ateliers in Würzburg. Ich nahm den Hörer ab, in der Erwartung, die Stimme meiner Tochter zu hören. Doch was ich stattdessen hörte, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

In diesem Moment begriff ich, dass die Tochter, für die ich drei Jahre lang alles geopfert hatte, mich die ganze Zeit hintergangen hatte. Und was sie nicht wusste, war, dass in genau diesem Moment etwas in mir erwachte – und am nächsten Tag würde sie entdecken, dass sie mit dem falschen Mann gespielt hatte. Mein Name ist Benedikt Falkenstein. Ich bin achtundsechzig Jahre alt und lebe seit fünfundvierzig Jahren in Würzburg.
Ich bin pensionierter Holzbildhauer und Kunsthandwerker. Nach dem Tod meiner Frau Margarete vor acht Jahren habe ich meine Tochter Franziska allein großgezogen. Sie war damals gerade zwanzig geworden und studierte Betriebswirtschaft an der Universität. Ich verkaufte meine große Werkstatt in der Innenstadt und richtete mir einen kleinen Arbeitsplatz im Keller unseres Hauses ein, um mehr Zeit für sie zu haben und ihr Studium zu finanzieren.
Franzi, wie ich sie liebevoll nannte, war schon immer ein besonderes Mädchen gewesen. Klug, ehrgeizig, aber auch distanziert. Nach Margaretes Tod wurde sie noch kühler, als würde sie mir die Schuld für den Verlust ihrer Mutter geben. Ich versuchte alles, um ihr eine gute Zukunft zu ermöglichen.
Ich verkaufte meine wertvollsten Schnitzereien, nahm einen Kredit auf und arbeitete Tag und Nacht in der kleinen Kellerwerkstatt, um Geld für ihr Studium, ihre Wohnung und ihre Träume zu verdienen. Als Franzi vor fünf Jahren ihr Studium abschloss und eine Stelle als Finanzberaterin bei der Sparkasse bekam, war ich stolz wie ein Pfau. Endlich würde sie ihr eigenes Leben aufbauen. Sie zog in eine schicke Wohnung in der Domstraße, kaufte sich ein neues Auto und begann ein Leben, das völlig anders war als meines.
Wir telefonierten noch regelmäßig, aber die Besuche wurden seltener. Sie war beschäftigt, erklärte sie immer. Wichtige Termine, anspruchsvolle Kunden, ein aufregendes Sozialleben. Vor drei Jahren lernte sie Maximilian kennen, einen erfolgreichen Immobilienmakler aus München.
Ein Mann mit glattem Haar, teuren Anzügen und einem Lächeln, das nie seine Augen erreichte. Mir gefiel er von Anfang an nicht, aber ich schwieg. Franzi wirkte glücklich, oder zumindest sah sie so aus. Wenn ich sie fragte, wie es ihr ging, antwortete sie immer knapp, aber positiv.
Alles läuft gut, Papa. Die Arbeit ist anspruchsvoll, aber ich komme zurecht. Was ich nicht wusste, war, dass sich hinter dieser Fassade eine Welt aus Lügen und Betrug verbarg, die mich fast zerstört hätte. An jenem Donnerstagabend klingelte also das Telefon.
Ich erkannte Franzis Nummer auf dem Display und nahm fröhlich ab. Hallo, mein Schatz, wie geht es dir? Aber es war nicht Franzi, die sprach. Es war eine Frau mit rauer, müder Stimme, die ich nicht kannte.
Ist dort Herr Falkenstein? Ja, der bin ich. Mit wem spreche ich? Mein Name ist Ingeborg Hartmann.
Ich arbeite für ein Inkassobüro in München. Es geht um Ihre Tochter Franziska. Mein Herz begann zu rasen. Was ist mit Franzi?
Ist sie verletzt? Ist etwas passiert? Nicht direkt, Herr Falkenstein, aber wir haben ein Problem. Ihre Tochter hat bei mehreren Banken Kredite in Ihrem Namen aufgenommen.
Insgesamt geht es um eine Summe von hundertachtzigtausend Euro. Die Worte trafen mich wie Hammerschläge. Das ist unmöglich. Ich habe keine Kredite aufgenommen.
Das muss ein Irrtum sein. Leider nicht. Wir haben hier alle Unterlagen. Ihre Tochter hat als Finanzberaterin Zugang zu verschiedenen Kreditprogrammen und hat in den letzten drei Jahren systematisch Kredite in Ihrem Namen beantragt.
Sie hat Ihre persönlichen Daten verwendet, Ihre Unterschrift gefälscht und sich als Ihre bevollmächtigte Vertreterin ausgegeben. Mir wurde schwindelig. Ich musste mich an der Werkbank festhalten. Aber warum rufen Sie mich an?
Warum nicht sie? Weil Franziska Falkenstein seit zwei Wochen verschwunden ist. Ihre Wohnung ist leer. Ihren Arbeitsplatz bei der Sparkasse hat sie verlassen, ohne Kündigung, ohne Nachricht.
Und die Raten für die Kredite sind seit drei Monaten überfällig. Verschwunden? Meine Stimme brach. Was meinen Sie mit verschwunden?
Frau Hartmann seufzte. Ihre Tochter und ihr Partner, ein gewisser Maximilian Brenner, sind mit dem gesamten Geld untergetaucht. Sie haben auch mehrere ihrer Kunden bei der Sparkasse betrogen, falsche Anlagepapiere verkauft und deren Ersparnisse gestohlen. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt bereits gegen Sie wegen schweren Betrugs in mehreren Fällen.
Ich ließ den Hörer sinken und starrte auf die halbfertige Holzfigur vor mir, eine Madonna, die ich für die Stadtkirche schnitzte. Das Gesicht hatte ich nach Margaretes Vorbild gestaltet, voller Güte und Mitgefühl. Jetzt kam es mir vor wie ein Hohn. Herr Falkenstein, sind Sie noch da?
Ich hob den Hörer wieder an. Ja, ich bin da. Was bedeutet das für mich? Die Banken werden die Kredite von Ihnen einfordern.
Rechtlich gesehen sind Sie der Schuldner, auch wenn Sie nichts davon wussten. Sie sollten schnellstens einen Anwalt konsultieren und Anzeige erstatten. Nach dem Telefonat saß ich stundenlang in meiner Werkstatt. Das Telefon klingelte noch mehrmals.
Andere Inkassobüros, verschiedene Banken, alle mit derselben Botschaft. Meine Tochter hatte mich ruiniert. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, die ganze Wahrheit herauszufinden. Ich fuhr zur Sparkasse, wo Franzi gearbeitet hatte.
Der Filialleiter, Herr Schmidtke, ein nervöser Mann mit Brille, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen. Herr Falkenstein, es tut mir leid, aber Ihre Tochter hat nicht nur Sie betrogen. Sie hat mindestens acht unserer Kunden um ihre Lebensersparnisse gebracht. Alte Menschen, die ihr vertraut haben.
Sie verkaufte ihnen falsche Zertifikate, erfundene Anleihen. Insgesamt geht es um fast eine halbe Million Euro. Wie ist das möglich gewesen? fragte ich fassungslos.
Sie war sehr geschickt. Als Finanzberaterin hatte sie Zugang zu allen Systemen. Sie fälschte Dokumente, erstellte gefälschte Kontoauszüge, sogar gefälschte Stempel unserer Bank. Die Kunden dachten, sie investieren in sichere Anlagen.
Stattdessen landete das Geld auf Konten, die sie und ihr Partner kontrollierten. Ich verließ die Bank wie betäubt. Meine eigene Tochter war eine Betrügerin, eine Diebin, die alte Menschen um ihre Ersparnisse brachte und mich dabei als Werkzeug benutzte. Aber das war noch nicht alles.
An diesem Abend erhielt ich einen weiteren Anruf. Diesmal war es Polizeikommissar Weber von der Kripo Würzburg. Herr Falkenstein, wir müssen mit Ihnen sprechen. Es geht um Ihre Tochter Franziska und um Sie.
Um mich? Aber ich bin das Opfer. Das müssen wir noch klären. Können Sie morgen früh zur Dienststelle kommen?
Am nächsten Morgen saß ich in einem kahlen Verhörraum gegenüber von Kommissar Weber und seiner Kollegin, Kommissarin Müller. Sie legten mir einen dicken Ordner vor. Herr Falkenstein, Ihre Tochter behauptet in ihrer letzten Nachricht an uns, dass Sie von allem gewusst haben. Sie sagt, Sie wären ihr Partner gewesen.
Mein Blut gefror. Das ist eine Lüge. Sie hat E-Mails vorgelegt, die angeblich von Ihnen stammen. Nachrichten, in denen Sie die Betrügereien planen.
Sie behauptet, Sie hätten sie dazu gedrängt. Sie zeigten mir Ausdrucke von E-Mails, die tatsächlich von meiner E-Mail-Adresse stammten. Nachrichten an Franzi, in denen ich schrieb: Die alten Kunden der Bank sind perfekte Ziele. Sie verstehen nichts von modernen Anlagen.
Oder: Fünfzigtausend Euro sollten reichen, um unseren Plan umzusetzen. Das habe ich niemals geschrieben, rief ich. Jemand hat meine E-Mail-Adresse gehackt. Kommissarin Müller blätterte weiter.
Es gibt auch Telefonaufzeichnungen, Herr Falkenstein. Gespräche zwischen Ihnen und Ihrer Tochter, in denen Sie über die Betrügereien sprechen. Sie spielten mir eine Aufnahme vor. Ich hörte meine eigene Stimme sagen: Franzi, pass auf, dass niemand misstrauisch wird.
Die fünfzigtausend vom alten Kellermann müssen schnell transferiert werden. Es war definitiv meine Stimme, aber ich hatte diese Worte niemals gesprochen. Das ist unmöglich, stammelte ich. Das bin zwar ich, aber ich habe das nie gesagt.
Die Polizisten wechselten einen Blick. Herr Falkenstein, künstliche Intelligenz macht es heute möglich, jede Stimme zu fälschen. Aber wir müssen alle Möglichkeiten prüfen. Drei Stunden später verließ ich die Polizeiwache als Verdächtiger in einem Betrugsfall.
Mein eigenes Kind hatte nicht nur mein Geld gestohlen, sondern auch versucht, mir die Schuld für ihre Verbrechen in die Schuhe zu schieben. In jener Nacht saß ich in meiner Werkstatt und blickte auf die unfertigen Schnitzereien, die mein ganzes Leben darstellten. Da traf ich eine Entscheidung. Franzi hatte geglaubt, sie könnte mich zerstören und dabei ungeschoren davonkommen.
Sie hatte geglaubt, ich wäre nur ein alter, naiver Handwerker, den sie nach Belieben manipulieren könnte. Sie irrte sich. Ich nahm ein Stück Eichenholz und begann zu schnitzen. Nicht irgendeine Figur, sondern etwas Besonderes, etwas, das die ganze Wahrheit erzählen würde.
Was Franzi nicht wusste: Ich war nicht so hilflos und naiv, wie sie dachte. In den letzten acht Jahren hatte ich nicht nur getrauert und gearbeitet, ich hatte auch gelernt, modern zu denken. Margarete hatte mir vor ihrem Tod einen Computer geschenkt, und ich hatte begonnen, mich damit zu beschäftigen. Ich wusste mehr über E-Mails, gefälschte Aufzeichnungen und digitale Spuren, als meine Tochter sich vorstellen konnte.
Und ich hatte Beweise gesammelt. Beweise, die zeigen würden, wer hier wirklich der Betrüger war. Während ich das Holz bearbeitete, formte sich in meinem Kopf ein Plan. Ein Plan, der nicht nur meine Unschuld beweisen würde, sondern auch sicherstellen würde, dass Franzi für das bezahlen würde, was sie getan hatte.
Sie hatte den falschen Mann betrogen. Drei Wochen vergingen, in denen ich jeden Tag in meiner Werkstatt verbrachte, nicht nur um zu schnitzen, sondern um meinen Plan zu vervollkommnen. Die Nachbarn dachten wahrscheinlich, der alte Benedikt sei endgültig verrückt geworden. Jeden Morgen um sechs Uhr ging ich in den Keller, und die Geräusche meiner Werkzeuge hallten bis spät in die Nacht.
Aber sie verstanden nicht, was ich dort unten schuf. Was sie nicht wussten: Ich hatte bereits vor zwei Jahren begonnen, Franzis seltsame Aktivitäten zu dokumentieren. Als Computerneuling hatte ich zwar Schwierigkeiten gehabt, aber Margaretes alter Freund, der Informatikprofessor Doktor Heinrich Zimmermann von der Universität Würzburg, hatte mir geholfen, moderne Überwachungstechnik zu verstehen. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Vorsicht.
Alles begann vor zwei Jahren, als ich zufällig bemerkte, dass jemand in mein E-Mail-Konto eingedrungen war. Nachrichten verschwanden, neue erschienen, die ich nie geschrieben hatte. Ein normaler Vater hätte vielleicht gedacht, es sei ein technisches Problem. Aber ich rief Heinrich an.
Benedikt, sagte er nach einer kurzen Untersuchung meines Computers, jemand hat professionell Zugang zu deinen Konten. Das ist kein Zufall oder Hackerangriff. Das ist jemand, der deine persönlichen Daten kennt. Von diesem Moment an installierte Heinrich diskret ein Überwachungsprogramm auf meinem Computer.
Jeder Zugriff wurde aufgezeichnet, jede gefälschte E-Mail dokumentiert, jeder unrechtmäßige Login gespeichert. Über zwei Jahre lang sammelte ich Beweise für Franzis digitale Manipulationen, ohne dass sie es ahnte. Aber das war nicht alles. Als sie begann, mich bei Familienbesuchen nach meiner schlechter werdenden Gesundheit und meinem Gedächtnisverlust zu fragen, wurde mir klar, dass sie mehr plante als nur Identitätsdiebstahl.
Sie bereitete sich darauf vor, mich für unzurechnungsfähig erklären zu lassen. Heinrich half mir dabei, ein kleines Aufnahmegerät zu installieren, das während ihrer Besuche alle Gespräche dokumentierte. Was ich dabei entdeckte, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. An einem Sonntag im letzten März hatte sie Maximilian mitgebracht.
Während ich in der Küche Kaffee zubereitete, führten sie im Wohnzimmer ein Gespräch, das sie für privat hielten. Das dauert zu lange, Franzi, hörte ich Maximilian sagen. Dein Vater ist zäher, als wir dachten. Noch ein Jahr höchstens, antwortete Franziska.
Doktor Brennecke sagt, mit den richtigen medizinischen Gutachten können wir ihn für dement erklären lassen. Dann können wir das Haus verkaufen und das Geld verwenden. Und die Bankgeschichte ist perfekt. Er hat keine Ahnung, dass wir seine Identität benutzen.
Die gefälschten E-Mails und Sprachaufnahmen sind so gut, dass selbst die Polizei ihm nicht glauben wird, wenn er behauptet, unschuldig zu sein. Ich stand in der Küche, die Kaffeekanne in der zitternden Hand, und begriff, dass meine eigene Tochter nicht nur mein Geld stehlen wollte, sondern plante, mich für verrückt erklären zu lassen, um vollständige Kontrolle über mein Leben zu bekommen. Von diesem Tag an wurde mein Plan konkreter. Ich würde nicht nur meine Unschuld beweisen.
Ich würde Franzi und Maximilian so bloßstellen, dass ganz Würzburg ihre wahren Gesichter sehen würde. Während die Polizei und die Staatsanwaltschaft immer noch gegen mich ermittelten, arbeitete ich Tag und Nacht an meinem Meisterwerk. Es war keine gewöhnliche Schnitzerei, sondern eine vier Meter hohe Eichenskulptur, die ich die Wahrheit nannte. Die Figur zeigte eine junge Frau, die einem alten Mann Geld aus den Taschen stiehlt, während er schläft.
Aber das war nur die Oberfläche. Heinrich hatte mir geholfen, modernste Technik in das Holz zu integrieren. Versteckte Bildschirme, Lautsprecher, sogar einen kleinen Computer. Die Skulptur würde nicht nur symbolisch die Wahrheit zeigen, sondern auch buchstäblich alle Beweise präsentieren, die ich über zwei Jahre lang gesammelt hatte.
Am fünfzehnten Dezember, drei Tage vor Weihnachten, war es so weit. Ich hatte heimlich mit dem Bürgermeister von Würzburg gesprochen und ihm meine Situation erklärt. Als alter Freund meines verstorbenen Vaters und Kenner meiner Arbeit glaubte er mir sofort. Gemeinsam planten wir die Enthüllung für den Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz.
Benedikt, sagte Bürgermeister Schucht, wenn deine Beweise so eindeutig sind, wie du sagst, dann sollte ganz Würzburg davon erfahren. Diese junge Frau hat nicht nur dich betrogen, sondern auch andere Familien zerstört. Die Installation der Skulptur fand nachts statt. Mit Hilfe eines Krans stellten wir die Wahrheit direkt vor der Marienkapelle auf, dem Herzstück des Weihnachtsmarkts.
Ein rotes Tuch verhüllte das Kunstwerk. Am nächsten Morgen würde ganz Würzburg sehen, was Franziska Falkenstein wirklich war. Aber vorher hatte ich noch einen letzten Anruf zu machen. Franzi, meine Stimme war ruhig, als ich ihre Nummer wählte.
Sie hob nach dem dritten Klingeln ab. Papa, wo steckst du? Die Polizei sucht dich. Sie sagen, du wärst untergetaucht.
Ich bin in Würzburg, mein Kind. Ich habe etwas für dich vorbereitet. Ein Weihnachtsgeschenk. Ein Geschenk?
Ihre Stimme wurde misstrauisch. Was für ein Geschenk? Komm morgen zum Weihnachtsmarkt. Du wirst es nicht verpassen können.
Am nächsten Morgen versammelte sich eine große Menschenmenge vor der verhüllten Skulptur. Der Bürgermeister hatte angekündigt, dass der berühmte Holzkünstler Benedikt Falkenstein sein letztes Werk präsentieren würde. Lokale Zeitungen, der Bayerische Rundfunk, sogar Reporter aus München waren gekommen. Ich sah Franzi und Maximilian in der Menge.
Sie standen am Rand, nervös und unruhig. Franziska trug einen teuren Wintermantel, den sie sicher mit meinem gestohlenen Geld gekauft hatte. Maximilian blickte ständig um sich, als suchte er nach Fluchtwegen. Meine lieben Würzburger, begann ich mit lauter Stimme vor der versammelten Menge.
Vor über vierzig Jahren kam ich in diese schöne Stadt und baute mir hier ein Leben auf. Ich lernte meine geliebte Frau Margarete kennen, gründete eine Familie und widmete mich der Kunst des Holzschnitzens. Ich glaubte an Werte wie Ehrlichkeit, harte Arbeit und Familientreue. Die Menge hörte aufmerksam zu.
Ich sah einige der älteren Kunden der Sparkasse, die Franziska betrogen hatte. Herrn Kellermann, achtundsiebzig Jahre alt, dem sie fünfzigtausend Euro gestohlen hatte. Frau Moser, zweiundachtzig, die ihre gesamten Lebensersparnisse verloren hatte. Aber vor drei Wochen erfuhr ich, dass alles, woran ich geglaubt hatte, eine Lüge war.
Meine eigene Tochter hatte mich nicht nur finanziell ruiniert, sondern auch versucht, mir die Schuld für ihre Verbrechen anzuhängen. Franziska wurde blass. Sie flüsterte Maximilian etwas ins Ohr, und beide begannen, sich durch die Menge zu drängen. Aber Polizisten in Zivil, die der Bürgermeister diskret positioniert hatte, versperrten ihnen den Weg.
Diese Skulptur, fuhr ich fort und zog an der Schnur, die das rote Tuch hielt, erzählt die Wahrheit über Franziska Falkenstein, geboren am zwölften März neunzehnhundertfünfundneunzig in Würzburg, ehemalige Finanzberaterin bei der Sparkasse. Das Tuch fiel zu Boden und enthüllte die Wahrheit. Die Menge stöhnte auf. Die Figur war erschreckend realistisch.
Das Gesicht der stehlenden Frau war eindeutig als Franziska erkennbar. Aber dann begann die eigentliche Show. Die versteckten Bildschirme in der Holzskulptur erwachten zum Leben. Heinrich hatte alles perfekt programmiert.
Zuerst erschienen Screenshots der gefälschten E-Mails, die Franziska in meinem Namen verschickt hatte. Dann folgten Bankdokumente, die zeigten, wie sie meine Identität für Kredite missbraucht hatte. Diese junge Frau, rief ich und zeigte auf Franziska, die vergeblich versuchte, in der Menge zu verschwinden, hat nicht nur mich betrogen. Sie hat mindestens acht ältere Menschen um ihre Lebensersparnisse gebracht.
Frau Moser, sind Sie anwesend? Eine alte Dame mit Stock meldete sich zitternd. Sie hat mir gesagt, mein Geld wäre sicher angelegt. Fünfundsechzigtausend Euro, meine ganzen Ersparnisse.
Herr Kellermann, ein alter Herr mit Krücken, rief: Fünfzigtausend Euro, für die Pflege meiner kranken Frau. Alles weg. Einer nach dem anderen meldeten sich die Betrugsopfer. Die Menge wurde unruhig.
Rufe wie Schande und Betrüger wurden laut. Aber das war noch nicht der Höhepunkt. Die Skulptur begann, die geheimen Audioaufnahmen abzuspielen. Franziskas eigene Stimme hallte über den Marktplatz.
Noch ein Jahr höchstens. Doktor Brennecke sagt, mit den richtigen medizinischen Gutachten können wir ihn für dement erklären lassen. Die Menge verstummte. Dann folgte Maximilians Stimme: Und die Bankgeschichte ist perfekt.
Er hat keine Ahnung, dass wir seine Identität benutzen. Franziska schrie auf. Das ist gefälscht! Das habe ich nie gesagt!
Aber ich war noch nicht fertig. Der finale Teil meiner Präsentation begann. Die Skulptur projizierte Videobeweise auf eine weiße Leinwand, die Heinrich zwischen zwei Bäumen gespannt hatte. Überwachungsaufnahmen zeigten, wie Franziska heimlich meinen Computer benutzte.
Bankvideos zeigten, wie sie gefälschte Dokumente einreichte, sogar Aufnahmen ihres gemeinsamen Hotelzimmers in München, wo sie und Maximilian ihre Flucht planten. Nein! schrie Franziska und versuchte, auf die Skulptur zuzulaufen. Schaltet das ab!
Das ist Verleumdung! Aber die Polizisten hielten sie fest. Kommissar Weber, der mich drei Wochen zuvor verhört hatte, trat vor. Franziska Falkenstein, Sie sind verhaftet wegen schweren Betrugs, Identitätsdiebstahls und Urkundenfälschung.
Die Menge applaudierte. Kamerateams filmten alles. In wenigen Stunden würde ganz Bayern von Franziskas Verbrechen erfahren. Aber ich hatte noch einen letzten Trumpf.
Als die Polizei sie abführen wollte, rief ich: Franziska! Sie drehte sich um, Tränen der Wut und Scham in den Augen. Du hast gedacht, du könntest mich zerstören, weil ich alt und naiv bin. Du hast vergessen, dass ich dein Vater bin.
Ich kenne dich besser als jeder andere. Und ich liebe dich immer noch, trotz allem, was du getan hast. Sie starrte mich an, sprachlos. Aber Liebe bedeutet nicht, dass ich zulasse, dass du andere Menschen verletzt.
Diese Skulptur wird hier stehen bleiben, solange es Würzburg gibt, als Erinnerung daran, dass die Wahrheit immer ans Licht kommt. Franzi und Maximilian wurden abgeführt. Die Menge zerstreute sich langsam, aber viele blieben noch stehen und betrachteten die Wahrheit. Alte Menschen, die ihr Geld verloren hatten, kamen zu mir und dankten mir mit Tränen in den Augen.
Herr Kellermann umarmte mich. Sie haben uns Gerechtigkeit gebracht, Herr Falkenstein. Sechs Monate später stand ich vor dem Landgericht Würzburg als Hauptzeuge im Prozess gegen Franziska und Maximilian. Sie wurden zu je acht Jahren Gefängnis verurteilt.
Alle betrogenen Kunden erhielten ihr Geld zurück, nachdem die Staatsanwaltschaft Franziskas versteckte Konten in der Schweiz entdeckt hatte. Die Wahrheit steht noch heute auf dem Würzburger Marktplatz. Die Stadt hat beschlossen, sie als permanentes Mahnmal gegen Betrug und Familienverrat zu erhalten. Jeden Tag kommen Menschen und betrachten das Kunstwerk.
Manche erkennen die Geschichte, andere fragen Fremde nach der Bedeutung. Ich habe meine kleine Werkstatt in der Zellerauerstraße behalten. Jeden Morgen gehe ich hinunter und schnitze neue Figuren. Aber diesmal sind es keine Madonnen oder Heiligen.
Es sind gewöhnliche Menschen, ehrliche Menschen. Menschen, die trotz aller Schwierigkeiten anständig geblieben sind. Manchmal, wenn ich abends durch die Altstadt spaziere und an der Wahrheit vorbeikomme, denke ich an Margarete. Sie hätte mir sicher gesagt, dass Rache kein Weg ist.
Aber das war keine Rache, das war Gerechtigkeit. Franziska hat mir vor einer Woche aus dem Gefängnis geschrieben, einen kurzen Brief, in dem sie um Vergebung bittet. Sie schreibt, dass sie endlich versteht, was sie getan hat, dass die Therapie im Gefängnis ihr geholfen hat zu erkennen, wie sehr sie ihre Seele verkauft hatte. Ich werde sie besuchen, wenn ihre Haftzeit zu Ende ist.
Nicht, weil ich vergessen habe, was sie getan hat, sondern weil sie immer noch meine Tochter ist. Aber sie wird eine andere Welt vorfinden, eine Welt, in der ihre Verbrechen für immer in Holz gemeißelt sind.


