Es ist der 5. November 2022, ein grauer Samstagnachmittag in Unterhaching, am südlichen Rand von München. Der Herbst liegt über der Stadt, die Bäume im Perlacher Forst sind kahl, die Luft riecht nach nassem Laub und nach dem Ende von etwas. Um 16:40 Uhr betritt eine Frau zusammen mit einem Mann einen Norma-Supermarkt in der Münchner Straße.

Sie schieben einen Einkaufswagen durch die Gänge, legen Brot und Milch hinein, alles ganz normal für einen Samstagnachmittag. Die Überwachungskamera zeichnet alles auf – zwei Menschen beim Einkaufen, nichts Besonderes, ein Bild, wie es tausendfach am Tag in tausend Supermärkten entsteht. Aber dieses Bild ist anders. Es ist das letzte Bild, das jemals von Vanessa Huber aufgenommen wird.
39 Jahre alt, Diplom-Fitnessökonomin, Berlinerin, die für die Liebe nach München gezogen ist. Ehefrau, Tochter, Freundin, eine Frau, die ihre Lebensträume verfolgt hat. Nett, engagiert, zuverlässig, eine Macherin. Vanessa verlässt nach dem Einkauf zusammen mit ihrem Mann Tobias den Supermarkt.
Sie fahren nach Hause, in ihre gemeinsame Eigentumswohnung. Dort kommt es zum Streit. Um 17:50 Uhr, so wird Tobias später der Polizei erzählen, verlässt Vanessa die Wohnung – ohne Handy, ohne Geldbeutel, ohne Schlüssel, ohne Ausweis, ohne EC-Karte, ohne Brille, ohne Smartwatch, ohne Ehering, ohne Verlobungsring. Nichts, was einen Menschen in der modernen Welt zu einem Menschen macht, der existiert.
Und niemand wird Vanessa Huber jemals wiedersehen. Zwei Tage Schweigen, bis der Ehemann sie als vermisst meldet. 19 Monate Ermittlungen, Durchsuchungen im Perlacher Forst, Taucher in einem Tümpel, Leichenspürhunde, die in der Wohnung anschlagen, aber keine eindeutigen Signale geben. Vier Terabyte Daten auf den Computern des Ehemanns, die noch immer ausgewertet werden.
Ein Ehemann, der verdächtigt wird und stirbt, bevor die Wahrheit ans Licht kommt. Seit über zwei Jahren kein einziges Lebenszeichen. Dies ist ein offener Fall. Es gibt keinen Täter, der verurteilt wurde, keinen Körper, keinen Abschluss.
Was hier erzählt wird, sind die Fakten, so wie sie öffentlich bekannt sind. Und es geht um einen Menschen, nicht nur um einen Fall. Vanessa wird 1983 in Berlin geboren, in einer Stadt, die noch geteilt ist. Sechs Jahre später fällt die Mauer, und Vanessa wächst in einem Berlin auf, das sich neu erfindet.
Ihre Eltern, Brigitte und Michael Kitowski, beschreiben ihre Kindheit als glücklich. Eine ganz normale Berliner Familie, eine Tochter, die geliebt wird. Vanessa ist sportlich, Bewegung ist ihr Leben. Sie studiert Fitnessökonomie und schließt mit einem Diplom ab.
Eine Frau, die weiß, was sie will, und die Disziplin hat, es zu erreichen. Mit Anfang 20 zieht sie von Berlin nach München. Ein großer Schritt von der lauten Hauptstadt in die geordnete, teure, manchmal kühle bayerische Metropole. Sie findet Arbeit in einem Fitnessstudio, und dort trifft sie Tobias Huber.
Tobias ist Sporttrainer, die beiden teilen die Leidenschaft für Fitness, Körper und Gesundheit. Sie verlieben sich schnell. Vanessas Eltern sehen es positiv – die Ehe, so wird Brigitte Kitowski später sagen, stand unter einem guten Stern. Vanessa schien rundum glücklich zu sein.
Im Sommer 2018 heiraten die beiden im engsten Kreis. Keine große Feier, aber ein Versprechen. 2019 kaufen sie eine Eigentumswohnung in Unterhaching, einer ruhigen Gemeinde südlich von München. Gute Anbindung, grüne Umgebung, der Perlacher Forst direkt vor der Tür.
Vanessa joggt dort regelmäßig, der Wald ist ihr Ort, ihr Rückzugsraum. Sie kennt jeden Weg, jede Lichtung, die Stellen, an denen das Licht am Morgen durch die Bäume bricht. Die Wohnung ist mehr als vier Wände. Sie ist ein Projekt, ein gemeinsames Ziel, eine Investition in die Zukunft.
Sie stecken Geld und Energie hinein, richten ein, planen, träumen von dem Kind, das hier aufwachsen soll. Eine Frau Mitte 30, ein Diplom, ein Mann an ihrer Seite, eine eigene Wohnung, ein Kinderwunsch. Alles scheint auf Kurs. Von außen betrachtet ist das Leben von Vanessa und Tobias das, was man sich unter einem gelungenen Leben vorstellt.
Aber von außen sieht man vieles nicht. Dann kommt 2020. Die Corona-Pandemie trifft die Fitnessbranche mit voller Härte. Die Studios werden geschlossen, wochenlang, monatelang.
Keine Kurse, keine Mitglieder, kein Umsatz. Tobias Huber, der sein ganzes Berufsleben in dieser Branche verbracht hat, wird erst in Kurzarbeit geschickt, dann ganz arbeitslos. Stell dir vor: Du hast dein Leben lang Sport gemacht, anderen Menschen beigebracht, stärker und gesünder zu leben. Und jetzt sitzt du zu Hause, weil die Welt stillsteht, und kannst nichts tun.
Die finanzielle Verantwortung für die Wohnung, die Kreditraten, das gesamte gemeinsame Leben lastet plötzlich allein auf Vanessas Schultern. Sie arbeitet als Finanzberaterin, nimmt zusätzliche Arbeit an, wird zur Alleinverdienerin, zur Stütze, zur Tragenden. Und dann ist da der Kinderwunsch. Es klappt nicht.
Monat für Monat Hoffnung, Monat für Monat Enttäuschung. Termine beim Arzt, Gespräche, die immer schwerer werden. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist nicht einfach ein fehlendes Kind. Es ist ein Trauern um etwas, das nie existiert hat, ein leeres Zimmer, das nie eingerichtet wird, ein Name, der nie vergeben wird.
Der Druck ist echt, die Spannung zwischen den beiden ist echt. Vanessas Freundin wird später sagen: Sie war meistens sehr erschöpft, besorgt und bedrückt. Aber über das Ausmaß der Probleme hat Vanessa nicht gesprochen. Sie hat sich psychologische Hilfe gesucht.
Vanessa ist schlank, sportlich, durchtrainiert, eine Frau, der man ansieht, dass sie sich ihr Leben lang mit Fitness beschäftigt hat. Sie hat halblange Haare, trägt normalerweise eine Brille und eine Smartwatch. Auf den Überwachungsbildern aus dem Supermarkt sieht man eine Frau in Alltagskleidung neben ihrem Mann, nichts Auffälliges. Was fehlt, ist Vanessa selbst.
Alle persönlichen Gegenstände, die sie normalerweise bei sich trägt, sind in der Wohnung zurückgeblieben – Handy, Geldbeutel, Schlüssel, Brille, Ringe, Smartwatch, Ausweis. Alles da, nur Vanessa nicht. Ende Oktober 2022, wenige Tage vor dem Verschwinden, kommt ein Detail ans Licht, das in den Ermittlungen eine wichtige Rolle spielt. Vanessa hat ein Sparkonto, das sie zusammen mit ihrer Mutter führt.
Tobias weiß nichts davon. Als es herauskommt, reagiert er mit Wut. Es kommt zu einem heftigen Streit, so heftig, dass Tobias seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung wirft. Vanessa zieht zu einer Freundin, die ihren Zustand später so beschreibt: Sie sah elend aus und war psychisch am Boden.
Vanessa vereinbart einen Termin bei einer Scheidungsanwältin, nimmt ihn aber nicht wahr. Krankheitsbedingt, heißt es. War es wirklich Krankheit? Oder Zögern, die Angst vor dem endgültigen Schritt, die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch wird?
Diese Frage wird nie beantwortet. Dann, ein paar Tage später, die Versöhnung. Sie sprechen miteinander und beschließen, es noch einmal zu versuchen. Das Paar geht gemeinsam spazieren im Perlacher Forst, dem Waldgebiet direkt vor ihrer Haustür.
Ein Ort, an dem Vanessa hunderte Male gelaufen ist, ein Ort, der für sie Freiheit bedeutet. Sie machen ein Foto zusammen, ein Versöhnungsfoto. Zwei Menschen, die nebeneinander stehen, lächelnd, nahe beieinander, zwischen kahlen Bäumen in der Novembersonne. Ich habe dieses Foto lange angesehen und mich gefragt: War diese Versöhnung echt, oder war sie die Ruhe vor dem Sturm?
Haben sie in diesem Moment wirklich geglaubt, dass es weitergeht? Oder hat einer von beiden bereits gewusst, dass es nicht weitergehen wird? Dieses Foto wird später von der Polizei veröffentlicht. Es zeigt, wie dünn die Linie ist zwischen dem, was scheint, und dem, was ist.
5. November 2022, 16:40 Uhr. Norma-Supermarkt, die Kamera läuft. Vanessa und Tobias kaufen ein, fahren nach Hause.
Es kommt zum Streit. 17:50 Uhr verlässt Vanessa die Wohnung, so sagt es Tobias, ohne alles. Zwei Tage später, am Montag, den 7. November, geht Tobias zur Polizei und meldet seine Frau als vermisst.
In diesen zwei Tagen hat er sein Auto gereinigt und zwei Matratzen mit einem Dampfreiniger gesäubert. Seine Erklärung: Erbrochenes. Die Polizei reagiert schnell. Das Kommissariat 11, zuständig für Tötungsdelikte, übernimmt den Fall.
Die Ermittler durchsuchen die Wohnung, setzen Leichenspürhunde ein. Die Hunde schlagen an, aber die Signale sind nicht eindeutig, nicht verwertbar. Kein Blut, keine DNA, keine Kampfspuren. Was sie finden, sind alle persönlichen Gegenstände von Vanessa – ordentlich in der Wohnung zurückgelassen.
Die Polizei durchsucht den Perlacher Forst mit Drohnen, Hunden, Hundertschaften. Vanessas Lieblingslaufstrecke wird Meter für Meter abgelaufen. Sie finden nichts, keinen Schuh, kein Kleidungsstück, keinen Hinweis. Vanessas digitales Leben wird überprüft: keine Kontobewegung nach dem 15.
November, kein Login, kein Handysignal, kein Zeichen, dass sie irgendwo Geld abgehoben, etwas gekauft oder mit jemandem kommuniziert hat. Es ist, als hätte jemand einen Schalter umgelegt – von Existenz auf nichts. Tobias wird mehrfach vernommen, kooperiert, sagt aber nichts, was den Fall löst. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts eines Tötungsdelikts, aber die Beweise reichen nicht für einen Haftbefehl oder eine Anklage.
Im Januar 2023 wird der Fall erstmals bei Aktenzeichen XY ungelöst vorgestellt. Die Sendung zeigt das Überwachungsvideo aus dem Supermarkt, Millionen sehen Vanessas letzte Bilder. Es kommen Hinweise, aber keine heiße Spur. Die Monate vergehen, öffentlich wird es still, wie es bei Vermisstenfällen immer still wird, wenn die Kameras weiterziehen.
Aber hinter den Kulissen arbeiten die Ermittler weiter. Sie werten Tobias Hubers Datenträger aus – über vier Terabyte Material, Millionen von Dateien, Fotos, Dokumente, Suchverläufe, Geodaten, die digitale Spur eines Lebens. Im September 2023 gibt es eine erneute Großsuche im Perlacher Forst. Polizisten durchkämmen Waldabschnitte, die bei einer Drohnensuche aufgefallen waren, Spürhunde, Reiter- und Hundestaffeln sind im Einsatz.
Wieder nichts. Dann, im März 2024, geschieht etwas, das den Fall endgültig in eine neue Dimension katapultiert. Am 15. März wird Tobias Huber tot in der gemeinsamen Wohnung aufgefunden.
Er lag dort bereits etwa eine Woche. Die Polizei stellt fest: kein Fremdverschulden, kein Suizid im klassischen Sinne. Der Ermittler Martin Koch sagt dazu nur kryptisch: Manch ein Lebensstil ist mit einer gewissen Gefahr verbunden. Mehr wird nicht gesagt.
Der einzige Mensch, der mit Sicherheit weiß, was am 5. November 2022 passiert ist, kann nicht mehr befragt werden. Es gibt Widersprüche in diesem Fall, die bleiben. Erstens: die zwei Tage Schweigen.
Tobias meldet seine Frau erst zwei Tage nach ihrem angeblichen Verschwinden, und in dieser Zeit reinigt er sein Auto und zwei Matratzen. Zweitens: die zurückgelassenen Gegenstände. Welche Frau verlässt im November eine Wohnung ohne Handy, ohne Geld, ohne Schlüssel und ohne Brille – vor allem eine kurzsichtige Frau, die ihre Brille braucht? Drittens: die Leichenspürhunde, die in der Wohnung anschlagen, auch wenn die Signale nicht eindeutig sind.
Viertens: die Daten. Bei der Auswertung stoßen die Ermittler auf Geodaten eines Tümpels in Taufkirchen, einem kleinen Gewässer südlich von München, unterhalb einer Hanglage an der Hochstraße. Ein Ort, den man nicht zufällig findet, den man kennen muss. Im Juli 2024 suchen dort 211 Bereitschaftspolizisten und sechs Taucher das hüfthohe, mit Algen und Pflanzen gefüllte Gewässer systematisch ab.
Sie finden nichts – keine Kleidung, keine Knochen, keine Gegenstände. Aber die Frage bleibt: Warum hatte Tobias die Koordinaten dieses Tümpels auf seinem Computer? Was hat er dort gesucht oder getan? Die Ermittler wissen es nicht, und sie können ihn nicht mehr fragen.
Fünftens: der Tod von Tobias. Er stirbt eineinhalb Jahre nach dem Verschwinden seiner Frau in der gemeinsamen Wohnung. Fremdverschulden wird ausgeschlossen, aber Zeitpunkt, Ort und Umstände werfen Fragen auf, die nie beantwortet werden. Der Leiter der Münchner Mordkommission, Stefan Beer, sagt bei Aktenzeichen XY: Wir hoffen und wünschen uns alle, dass wir Vanessa Huber noch lebend finden, insbesondere für die Eltern, die Angehörigen, die Bekannten und die Freunde.
Der Ermittler Martin Koch formuliert es nüchterner: Wir können ein Verbrechen weiterhin nicht ausschließen, ebenso wenig einen Suizid, ein Unfallgeschehen oder dass sie einem unbekannten Täter in die Arme lief. Alle Szenarien sind offen. Das erste Szenario: Tobias hat seine Frau am 5. November in der Wohnung getötet und die Leiche an einen unbekannten Ort gebracht.
Die zwei Tage bis zur Vermisstenanzeige hätten ihm Zeit gegeben, die Reinigung von Auto und Matratzen könnte auf Spurenbeseitigung hindeuten, die Geodaten des Tümpels auf einen möglichen Ablageort. Viele Beobachter halten das für das wahrscheinlichste Szenario, aber bewiesen ist es nicht, und der einzige Verdächtige ist tot. Das zweite Szenario: Vanessa hat die Wohnung tatsächlich verlassen und ist danach einem Verbrechen durch eine dritte Person zum Opfer gefallen. Eine Frau ohne Handy, ohne Geld, allein in der Dämmerung eines Novemberabends.
Die Polizei schließt es nicht aus. Das dritte Szenario: Vanessa hat sich das Leben genommen, wegen der psychischen Belastung, der Eheprobleme, des unerfüllten Kinderwunsches, der finanziellen Last. Die Polizei hält das für möglich, aber wegen fehlender Hinweise auf eine psychische Vorbelastung für unwahrscheinlich, und Vanessas Familie widerspricht entschieden. Das vierte Szenario: Vanessa ist untergetaucht, hat sich bewusst entschieden zu verschwinden.
Ohne Handy, ohne Geld, ohne Papiere wäre das extrem schwierig, aber nicht unmöglich. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass sie eine solche Entscheidung vorbereitet hat. Vanessas Mutter Brigitte sagt bei Aktenzeichen XY: Man mag sich nicht vorstellen, dass sie irgendwo tot ist. In diesem einen Satz steckt alles – die Angst, die Hoffnung, die Weigerung, das Schlimmste zu akzeptieren, und gleichzeitig das Wissen, dass das Schlimmste die wahrscheinlichste Erklärung ist.
Vanessas Eltern leben in Berlin, 800 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ihre Tochter zuletzt gesehen wurde. Sie haben sie als Kind geliebt, als Jugendliche unterstützt, als Erwachsene ziehen lassen. Sie waren stolz, als sie nach München ging, heiratete, die Wohnung kaufte. Jetzt können sie nichts tun, außer warten und hoffen und bei jeder Nachricht auf dem Handy zusammenzuzucken.
Brigitte Kitowski sitzt im Studio und spricht über ihre Tochter. Man sieht ihr die Erschöpfung an, die Müdigkeit, die nicht vom Schlafmangel kommt, sondern von der Ungewissheit, von den Nächten, in denen man wach liegt und sich fragt: Lebt sie? Ist sie irgendwo? Friert sie?
Hat sie Angst? Oder ist sie schon lange nicht mehr? Die Wunde heilt nicht, wenn man nicht weiß, was sie verursacht hat. Und bei Vanessa ist die Wunde doppelt, denn auch der Mann, der vielleicht hätte sagen können, was passiert ist, ist tot.
Tobias hat sein Wissen mit ins Grab genommen, falls er welches hatte. Die Mutter sagt auch: Sie war eine Macherin. Wenn es Probleme gab, hat Vanessa immer versucht, eine Lösung zu finden. Und das ist vielleicht das Härteste an dieser Geschichte.
Vanessa war keine, die aufgibt, keine, die sich treiben lässt, keine, die einfach geht. Sie war eine Frau, die kämpft, die anpackt, die Lösungen sucht. Und genau deshalb ist es so schwer zu akzeptieren, dass sie nicht zurückkommt, dass die Macherin nichts mehr machen kann. Unterhaching liegt immer noch da, wo es immer lag, am südwestlichen Rand von München.
Die Wohnung, in der Vanessa und Tobias gelebt haben, steht noch, aber sie ist jetzt nur noch Akten und Erinnerung. Der Norma-Supermarkt ist noch geöffnet, jeden Tag laufen die Menschen mit ihren Einkaufswagen durch die Gänge, die Kamera nimmt jeden Tag neue Bilder auf. Aber das eine Bild, das zählt, stammt vom 5. November 2022, 16:40 Uhr.
Zwei Menschen beim Einkaufen. Einer kam nach Hause, die andere nicht. Vier Terabyte Daten liegen noch immer auf den Servern der Münchner Kriminalpolizei, werden gesichtet, ausgewertet, durchsucht. Irgendwo in diesen Daten liegt vielleicht die Antwort – ein Geodatensatz, ein Suchverlauf, ein Foto, ein Hinweis, der alles verändert.
Oder auch nicht. Vielleicht sind es nur die digitalen Spuren eines Mannes, der zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbracht hat. Aber die Ermittler geben nicht auf. Und solange die Polizei hofft, gibt es eine Chance.
Ich denke oft über Überwachungsvideos nach. Bei Vanessa Huber ist das Video besonders qualvoll, denn es zeigt nicht eine Frau in Gefahr, nicht eine Frau, die wegläuft oder verfolgt wird oder Angst hat. Es zeigt eine Frau beim Einkaufen mit ihrem Mann, wie an jedem Samstag. Es könnte jede Frau sein, jede Ehe.
Und genau das macht es so schwer zu ertragen, weil es zeigt, wie nah das Normale am Unfassbaren liegt, wie dünn die Wand ist, die den Alltag vom Abgrund trennt. 16:40 Uhr Einkaufen, 17:50 Uhr verschwunden. Eine Stunde und zehn Minuten. Das ist die Zeitspanne, in der Vanessas Welt aufgehört hat zu existieren.
Und wir sitzen hier, sehen diese Bilder und wissen, dass diese Frau mit dem Einkaufswagen Vanessa ist, und dass sie in einer Stunde nicht mehr da sein wird. Wir können nichts tun, weil die Bilder alt sind, weil die Zeit vergangen ist, weil wir zu spät kommen. Aber vielleicht nicht für die nächste Vanessa, nicht für die Frau, die gerade jetzt irgendwo in einer Wohnung sitzt und nicht weiß, wie sie da rauskommen soll. Vielleicht können wir für die etwas tun, indem wir hinsehen, indem wir fragen, indem wir da sind.
Vanessa Huber, 39 Jahre alt, Berlinerin, Münchnerin, Sportlerin, Macherin. Die Frau, die ihre Ringe zurückließ und ohne Brille in die Nacht ging, vermisst seit dem 5. November 2022. Die Münchner Kriminalpolizei ist nach wie vor zuständig, Hinweise nimmt das Polizeipräsidium München entgegen oder jede andere Polizeidienststelle.
Gesucht werden Zeugen, die Vanessa oder Tobias am 5. November nach 16:40 Uhr gesehen haben, die das Paar nach dem Einkauf im Norma-Markt beobachtet haben, Informationen zu den Lebensumständen der beiden oder zu möglichen Orten, an denen Vanessa sein könnte. Manchmal reicht ein einziger Hinweis.


