An einem kalten Adventsabend saß ich mit meiner Tochter und ihrem Mann am Küchentisch, und mitten im Gespräch sagte sie mir lächelnd ins Gesicht: „Das schönste Geschenk, das du uns machen…

An einem kalten Adventsabend saß ich mit meiner Tochter und ihrem Mann am Küchentisch, und mitten im Gespräch sagte sie mir lächelnd ins Gesicht: „Das schönste Geschenk, das du uns machen...

Vierundvierzig Jahre lang hatte ich mir jedes Vergnügen versagt, hatte geschuftet und gespart, und alles in meine Tochter investiert. Und dann, an einem kalten Dezemberabend, schaute sie mir in die Augen und sagte, das schönste Geschenk, das ich ihr machen könnte, wäre, wenn ich endlich sterben würde. Was tut ein Vater in einem solchen Moment? Was geht ihm durch den Kopf, wenn das eigene Kind ihm den Tod wünscht, nachdem man ihm alles gegeben hat?

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Mein Name ist Georg Steinbach, ich bin vierundsiebzig, pensionierter Major der Bundeswehr und seit vier Jahren Witwer. Meine Frau Elisabeth verlor ich nach schwerer Krankheit an Krebs. Seitdem lebe ich allein in unserem Familienhaus in Lüneburg, das ich vor fünfunddreißig Jahren fertiggestellt habe. Vierhundertzwanzigtausend Euro ist es heute wert, aber darum geht es nicht.

Sie müssen die ganze Geschichte kennen, um zu verstehen, warum ich meine eigene Tochter enterbt habe und warum ich längst hätte so handeln sollen. Mit achtzehn ging ich zur Bundeswehr, diente zweiunddreißig Jahre lang, arbeitete mich vom einfachen Soldaten zum Major hoch. Nebenbei machte ich eine Ausbildung zum Elektriker, besuchte abends Weiterbildungen. Danach arbeitete ich noch dreizehn Jahre als Sicherheitschef in einem Industrieunternehmen.

Niemals war ich arbeitslos, niemals krankgeschrieben ohne Grund, niemals habe ich einen Cent vom Staat genommen, den ich nicht verdient hatte. Elisabeth und ich lebten bescheiden. Unser einziger Luxus war ein zweiwöchiger Urlaub an der Ostsee, jedes Jahr derselbe Campingplatz. Neue Möbel kauften wir nur, wenn die alten völlig kaputt waren.

Mein Auto fuhr ich zehn Jahre, bis der TÜV mir sagte, dass es endgültig vorbei sei. Alles, was wir sparten, floss in unsere Tochter Angelika. Private Grundschule, achthundert Euro im Monat, weil die staatliche nicht gut genug war. Gymnasium mit Französisch und Latein, zweihundert Euro monatlich für Nachhilfe.

Klavierunterricht, Reitstunden, der Tennisclub. Sie sollte alles haben, was andere Kinder hatten, und mehr. Als sie sechzehn wurde, wollte sie unbedingt ein eigenes Auto, weil alle ihre Freundinnen eines hatten. Ich kaufte ihr einen gebrauchten BMW für fünfzehntausend Euro.

Den Führerschein bezahlte ich mit zweitausend. Als sie studieren wollte, sagte ich, sie solle sich aussuchen, was sie möchte, Geld spiele keine Rolle. Sechs Jahre Betriebswirtschaft in München, monatlich überwies ich zwölfhundert Euro Unterhalt, dazu Studiengebühren, die Kaution für ihre Wohnung, die Einrichtung, und ein neues Auto, als das alte in München den Geist aufgab. Nach dem Studium fand sie nicht sofort einen Job.

Der Markt sei schwierig, sagte sie, sie brauche noch ein bisschen Zeit. Aus dem bisschen Zeit wurden acht Monate, in denen ich weiter zahlte, für eine erwachsene Frau, die ihre Tage mit Fernsehen und Freunden verbrachte. Dann lernte sie Torsten kennen, einen Bankkaufmann, einen netten Kerl, wie ich damals dachte. Sie zogen zusammen, heirateten zwei Jahre später, und natürlich zahlte ich die Hochzeit: achtzehntausend Euro.

Nur einmal im Leben, Papa, sagte sie. Als sie mir erzählte, dass sie schwanger war, freute ich mich ehrlich. Elisabeth hatte von einem Enkelkind geträumt, starb aber drei Monate, bevor Julian geboren wurde. Wenigstens konnte ich ihr vor ihrem Tod sagen, dass sie Großmutter werden würde.

Es war eines der letzten Male, dass ich sie lächeln sah. Julian ist heute zwölf, ein kluger, aufgeweckter Junge, den ich über alles liebe. Aber seine Mutter hat sich in ein Monster verwandelt. Es begann schleichend, mit kleinen Bemerkungen, dann mit direkten Forderungen.

Die Waschmaschine ist kaputt, kannst du uns aushelfen? Julians Klassenfahrt kostet vierhundert Euro, du überweist das, oder? Nie ein Bitte, nie ein Danke, nur Ansprüche, als wäre ich eine Sparkasse mit Beinen. Nach Elisabeths Tod wurde es schlimmer.

Angelika begann offen zu rechnen. Hast du ein Testament gemacht, Papa, man weiß ja nie? Wie viel ist das Haus eigentlich wert, rein interessehalber? Ich hatte neben dem Haus noch vierhundertdreißigtausend Euro auf verschiedenen Konten, Geld, das Elisabeth und ich in fünfundvierzig Jahren zusammengespart hatten.

Die genaue Summe verriet ich niemandem, aber Angelika wusste, dass da einiges lag. Die Besuche wurden seltener, die Anrufe häufiger, und immer ging es um Geld. Julians Nachhilfe, ein neuer Computer, die Autoreparatur, die Nebenkostenabrechnung, alles wurde zu meinem Problem. Zögerte ich einmal, kam der Standardsatz: Papa, du bist doch reich, für dich ist das Kleingeld.

Reich? Ich lebe von eintausendachthundertneunzig Euro Rente im Monat, in einem Haus, das zwar abbezahlt ist, aber jeden Monat vierhundert Euro Nebenkosten verschlingt. Ich fahre einen zwölf Jahre alten Opel, kaufe beim Discounter ein, und mein letzter Urlaub liegt vier Jahre zurück, denn die letzten Ersparnisse gingen in Elisabeths Spezialklinik. Aber das interessierte Angelika nicht.

Für sie war ich nur noch ein alter Mann mit Geld, der zu zahlen hatte und ansonsten nicht zu stören. Letzten Monat kam dann das Gespräch, das alles veränderte. Torsten hatte seinen Job verloren, weil er zu oft zu spät gekommen war und schlampig gearbeitet hatte. Angelika rief an und verlangte sofort dreitausend Euro für Miete, Nebenkosten und Julians Schulgeld.

Torsten suche einen neuen Job. Und was war mit ihrem Job? Stille. Sie habe gekündigt, sagte sie, der Stress sei zu viel gewesen, und Julian brauche sie zu Hause.

Julian war zwölf und brauchte niemanden zu Hause, aber seine Mutter brauchte offensichtlich eine Ausrede, nicht arbeiten zu müssen. Ich sagte ihr, dreitausend Euro seien eine Menge Geld und ich wolle wissen, wie ihre langfristigen Pläne aussähen. Ihr könnt nicht beide aufhören zu arbeiten und erwarten, dass ich alles finanziere. Da schrie sie: Du bist so egoistisch, Mama hätte das verstanden.

Und legte auf. Drei Wochen lang hörte ich nichts. Keine Anrufe, keine Nachrichten, keine Besuche, als wäre ich gestorben. Bis letzten Sonntag, dem dritten Advent.

Ich saß allein im Wohnzimmer, hörte Weihnachtsmusik und dachte an Elisabeth, an die Zeit, als wir zusammen den Baum geschmückt hatten. Dann klingelte es. Vor der Tür standen Angelika, Torsten und Julian. Mein Herz machte einen Sprung, vielleicht wollte sie sich entschuldigen.

Hallo Papa, sagte sie kühl, wir müssen reden. Sie kamen herein, setzten sich. Julian umarmte mich kurz, aber ich merkte, dass er angespannt war, als hätte man ihm gesagt, er solle sich benehmen. Angelika begann ohne Umschweife.

Thorsten und ich haben beschlossen, wir ziehen hier ein. Hier ein, in dein Haus. Es ist groß genug für uns alle, Julian kann sein eigenes Zimmer haben, Thorsten das Arbeitszimmer als Büro nutzen, und du brauchst doch sowieso nicht mehr so viel Platz. Ich starrte sie an.

Das ist mein Haus. Natürlich, aber wir sind Familie, und Familie hilft sich. Thorsten nickte eifrig. Wir könnten uns um dich kümmern, Georg, du wirst ja nicht jünger.

Diese Menschen, die mich seit Monaten nur anriefen, wenn sie Geld brauchten, wollten sich um mich kümmern. Und wenn ich nein sage? Angelika zuckte mit den Schultern. Dann müssen wir wohl oder übel das Haus verkaufen, um unsere Schulden zu begleichen.

Wäre schade drum. Welche Schulden? Thorsten räusperte sich. Nun ja, die Kreditkarten seien etwas überzogen, und die Bank habe wegen der Hausrate gemahnt.

Ich fragte, wie viel. Fünfundvierzigtausend Euro, sagte er. Mir wurde schwindelig. Fünfundvierzigtausend Euro für ein neues Auto, den Urlaub auf Mallorca und eine neue Kücheneinrichtung, winkte Angelika ab, als wäre das völlig normal.

Ich stand auf, ging zum Fenster, atmete tief durch. Diese Menschen hatten fünfundvierzigtausend Euro für Dinge ausgegeben, die sie sich nicht leisten konnten, und erwarteten jetzt, dass ich sie rettete. Und wenn ich die Schulden bezahle, können wir hier einziehen und neu anfangen als Familie. Als Familie, das Wort kam mir bitter über die Lippen.

Und wo soll ich wohnen? Angelika lächelte kalt. Du kannst gern hier bleiben, aber natürlich müssten wir uns das Haus teilen und gewisse Regeln aufstellen. Welche Regeln?

Keine Besucher ohne Absprache, keine laute Musik nach zwanzig Uhr, kein Fernsehen in der Küche beim Essen, und du würdest dich an den Haushaltskosten beteiligen. Ich drehte mich um und sah in drei Gesichter. Thorsten schaute verlegen auf den Boden. Julian sah aus, als würde er sich schämen.

Aber Angelika sah mich an wie einen lästigen alten Mann, den man nur noch duldet. Und wenn ich nein sage? Da stand sie auf, kam zu mir, legte ihre Hand auf meine Schulter, nicht liebevoll, sondern besitzergreifend, und sagte mit einem Lächeln, das mir das Blut gefrieren ließ: Ach Papa, seien wir doch ehrlich. Das schönste Geschenk, das du uns allen machen könntest, wäre, wenn du für immer gehst.

Dann könnten wir endlich in Frieden leben, und Julian müsste sich nicht mehr für seinen griesgrämigen Großvater schämen. Die Welt blieb stehen. Julian riss die Augen auf, Thorsten murmelte, das sei jetzt zu weit gegangen, aber Angelika unterbrach ihn. Es sei doch die Wahrheit, Papa hänge nur noch rum, sei schlecht gelaunt, geize mit seinem Geld, alle wären glücklicher, wenn er verschwände.

In diesem Moment starb etwas in mir. Nicht mein Körper, sondern meine Seele. Das kleine Mädchen, das einmal auf meinen Schultern geritten war, das ich tausendmal in den Arm genommen hatte, wenn es Albträume hatte, das Papa ist der Beste gerufen hatte, wenn ich es vom Kindergarten abholte, dieses Mädchen war verschwunden. Vor mir stand eine fremde Frau, die mir den Tod wünschte.

Ich nickte langsam. Ich verstehe. Angelika strahlte. Super, dann können wir morgen anfangen, Torsten hat schon einen Termin bei der Bank.

Nein, sagte ich ruhig. Das werdet ihr nicht. Wie bitte? Ihr werdet nicht hier einziehen, ich werde eure Schulden nicht bezahlen, und ihr werdet nie wieder einen Cent von mir sehen.

Angelika lachte, ein kaltes, spöttisches Lachen. Papa, sei nicht albern, du bist alt, du brauchst uns, und das Geld bekommen wir sowieso, wenn du stirbst. Ich ging zur Haustür. Werden wir sehen, sagte ich.

Am nächsten Morgen wachte ich um sechs Uhr auf, ihre Worte hallten in meinem Kopf nach. Ich machte Kaffee, setzte mich an denselben Küchentisch, an dem aus einem süßen kleinen Mädchen eine gierige Frau geworden war. Um acht Uhr rief ich meinen Anwalt an, Dr. Hartmut Weber, einen alten Freund aus meiner Zeit bei der Bundeswehr.

Ich brauche deine Hilfe, sagte ich, ich muss mein Testament ändern, komplett. Er lud mich sofort ein, und eine halbe Stunde später saß ich in seinem Büro. Ich erzählte ihm von den Jahren der Ausbeutung, vom gestrigen Besuch, von ihren unglaublichen Worten. Hartmut hörte aufmerksam zu, ohne zu unterbrechen.

Als ich fertig war, schüttelte er den Kopf. Georg, es tut mir leid, aber rechtlich ist die Lage klar. Du kannst sie enterben, musst ihr aber den Pflichtteil lassen, bei deinem Vermögen etwa ein Viertel. Nein, sagte ich entschlossen, sie soll keinen Cent bekommen.

Hartmut runzelte die Stirn. Eine vollständige Enterbung ohne Pflichtteil ist nur in Extremfällen möglich. Welche Extremfälle? Schwere Beleidigung, Androhung von Gewalt, versuchter Mord, solche unmenschlichen Situationen.

Haben wir so einen Fall? Ich dachte nach. Sie hat gesagt, das schönste Geschenk wäre, wenn ich für immer gehe. Das ist doch eine Todesdrohung, oder?

Er nickte langsam. Das könnte reichen, vor allem, wenn wir Zeugen haben. Julian war dabei, und auch Thorsten hat es gehört. Perfekt, dann machen wir das so.

Vollständige Enterbung wegen schwerer Beleidigung und versteckter Todesdrohung. Das Erbe geht an Julian, aber erst, wenn er fünfundzwanzig wird, und nur, wenn er bis dahin keinen Kontakt zu seiner Mutter hat. Hat er doch Kontakt, geht alles an wohltätige Zwecke. Zwei Stunden später war alles erledigt, notariell beglaubigt und hinterlegt.

Angelika würde nichts erben. Aber das war erst der Anfang. Ich fuhr zur Bank und kündigte alle Konten. Vierhundertdreißigtausend Euro wanderten von der Sparkasse Lüneburg zur Deutschen Bank Hamburg, auf ein Konto, von dem Angelika nichts wusste.

Dann rief ich Julian an. Opa, schön, dass du anrufst, sagte er sofort, mir tut das von gestern so leid. Ich unterbrach ihn sanft. Du musst dich nicht entschuldigen, du kannst nichts dafür, wie deine Mutter sich benommen hat.

Aber sie hat so schlimme Sachen gesagt. Deshalb möchte ich mit dir unter vier Augen sprechen, ohne deine Eltern. Kannst du morgen nach der Schule zu mir kommen? Klar, Opa.

Aber wird Mama nicht sauer? Das ist mein Problem, nicht deins. Kommst du? Ja.

Am nächsten Tag kam er zu mir, ich machte ihm einen Kakao. Julian, begann ich, ich habe beschlossen, deine Mutter zu enterben. Er wurde blass. Wegen dem, was sie gesagt hat, das war der letzte Tropfen.

Aber dir zuliebe gebe ich ihr eine Chance. Sie soll sich entschuldigen und einen Job suchen. Falls sie es nicht tut, wirst du mein Alleinerbe, aber nur unter einer Bedingung. Du darfst bis zu deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag keinen Kontakt zu deiner Mutter haben.

Julian schluckte. Aber sie ist meine Mama. Ja, und ich bin ihr Vater. Trotzdem wünscht sie mir den Tod.

Ich ging zum Fenster. Die Entscheidung liegt bei dir. Er schwieg lange. Dann sagte er: Opa, Mama ist nicht mehr wie früher.

Sie schreit nur rum, ist immer schlecht gelaunt, manchmal schäme ich mich für sie. Wo soll ich wohnen, wenn ich mich für das Erbe entscheide? Bei meinem Bruder Klaus in München, du könntest dort studieren, ein normales Leben führen. Julian ging an diesem Nachmittag sehr nachdenklich nach Hause.

Drei Tage später klingelte das Telefon. Angelika. Papa, Julian hat mir erzählt, was du vorhast, das ist völlig verrückt. Findest du?

Du kannst mich nicht enterben, ich bin deine Tochter. Du warst meine Tochter, bis du mir den Tod gewünscht hast. Stille. Dann: Das war doch nur, ich war aufgeregt, das habe ich nicht so gemeint.

Ach nein? Und was hast du gemeint, als du sagtest, Julian müsse sich nicht mehr für seinen griesgrämigen Großvater schämen, wenn ich tot bin? Wieder Stille. Papa, bitte lass uns reden.

Gern, aber nur unter einer Bedingung. Du entschuldigst dich aufrichtig, und du suchst dir einen Job. Angelika lachte bitter. Ein Job?

Papa, ich bin fünfunddreißig, wer nimmt denn eine Frau, die sechs Jahre nicht gearbeitet hat? Das ist dein Problem, nicht meins. Die Entscheidung liegt bei dir, Angelika. Entschuldigung und Job, oder kein Erbe.

Du hast eine Woche Zeit. Ich legte auf. Die Woche verging. Kein Anruf, keine Entschuldigung.

Stattdessen rief Julian an. Opa, Mama sagt, du bluffst nur, kein Vater würde sein eigenes Kind enterben. Und was denkst du? Ich denke, Mama kennt dich nicht so gut, wie sie glaubt.

Am achten Tag rief ich Hartmut an. Es bleibt dabei, vollständige Enterbung. Soll ich Angelika schriftlich informieren? Ja, aber erst in drei Monaten.

Ich möchte vorher noch etwas anderes erledigen. Ich verkaufte das Haus. Vierhundertzwanzigtausend Euro bekam ich dafür, und mit dem Geld kaufte ich eine schöne Wohnung in Hamburg für einhundertachtzigtausend. Der Rest wanderte auf das Konto in Hamburg.

Als ich Angelika mitteilte, dass das Haus verkauft war, rastete sie aus. Du hast was getan? Ich habe mein Haus verkauft. Aber das war unser Erbe.

Nein, es war mein Eigentum. Papa, das kannst du nicht machen, wir haben auf dieses Haus gezählt. Ihr habt darauf gezählt, dass ich sterbe. Das ist ein Unterschied.

Wo sollen wir wohnen? Das ist euer Problem, nicht meins. Sie heulte, schrie, drohte mit einem Anwalt. Aber was sollte ein Anwalt machen?

Ein Mann hat das Recht, sein eigenes Haus zu verkaufen. Drei Monate später bekam Angelika den Brief von Hartmut. Vollständige Enterbung, notariell beglaubigt, rechtskräftig. Ihr Schock war hörbar, als sie mich anrief.

Papa, das ist nicht dein Ernst, oder? Doch, es ist mein vollständiger Ernst. Aber ich bin deine Tochter. Warst du, bis du mir den Tod gewünscht hast.

Sie weinte, echte Tränen zum ersten Mal seit Jahren. Aber es war zu spät. Julian rief mich an diesem Abend an. Opa, Mama weint schon stundenlang, sie tut mir leid.

Mir auch, Julian, aber sie hatte ihre Chance. Ich weiß. Und Opa, ich habe entschieden. Ich komme zu dir, und später zu Onkel Klaus.

Bist du sicher? Ja, Mama liebt nur das Geld. Du liebst mich. Heute, sechs Monate später, lebe ich in meiner Wohnung in Hamburg.

Julian besucht mich jeden zweiten Wochenende, heimlich, seine Mutter weiß nichts davon. Er ist ein kluger Junge und versteht, dass manchmal schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen. Angelika musste ihr Haus verkaufen, um ihre Schulden zu bezahlen. Sie wohnt jetzt in einer kleinen Mietwohnung und arbeitet als Kassiererin im Supermarkt, ihr erster Job seit Jahren.

Torsten hat wieder Arbeit gefunden als Lagerarbeiter. Sie leben bescheiden und müssen jeden Cent umdrehen, genau wie Elisabeth und ich damals, als wir jung waren. Vielleicht lernt Angelika jetzt endlich den Wert des Geldes kennen. Manchmal denke ich, hätte ich früher härter durchgreifen sollen, Grenzen ziehen müssen.

Wahrscheinlich ja. Aber man lernt nie aus. Als Angelika mir den Tod wünschte, dachte sie, sie hätte einen schwachen alten Mann vor sich. Stattdessen traf sie auf einen ehemaligen Bundeswehrmajor, der zweiunddreißig Jahre lang gelernt hat, schwierige Entscheidungen zu treffen.

Das schönste Geschenk, das ich mir machen konnte, war nicht zu sterben, sondern zu leben, ohne gierige, respektlose Menschen, die mich nur ausnutzen wollten, auch wenn es meine eigene Tochter war. Julian wird mit fünfundzwanzig ein reicher Mann sein. Angelika hat eine Lektion gelernt, die längst überfällig war.

Und ich genieße jeden Tag meiner neuen Freiheit.