München, 30. September 1938. Kurz nach zwei Uhr morgens sitzen Hitler, Chamberlain, Daladier und Mussolini an einem Konferenztisch. Die Tschechoslowakei ist nicht vertreten.

Ihre Vertreter warten draußen auf dem Flur, während vier Männer die Grenzen ihres Landes neu zeichnen. Das Münchner Abkommen zwingt die Tschechoslowakei, das Sudetenland abzutreten. Hitler bekommt alles, was er gefordert hat – und mehr. Die Krise, die Europa an den Rand eines Krieges getrieben hat, endet mit einem Diktat.
Doch diese Krise begann nicht in München. Sie begann mit einem Mann, der sich als gemäßigter Politiker ausgab, während er im Hintergrund die Zerschlagung seines eigenen Landes vorbereitete. Sein Name war Konrad Henlein. 1898 in Maffersdorf geboren, wächst Henlein in einer Region auf, in der Deutsche und Tschechen in ständiger Spannung leben.
Viele Deutsche betrachten die Tschechen als minderwertig. Diese Haltung prägt ihn früh. 1916 meldet er sich freiwillig zur österreichisch-ungarischen Armee, kämpft an der italienischen Front und gerät in Kriegsgefangenschaft. Auf der Insel Asinara entwickelt er seine ersten Vorstellungen von deutscher Identität.
Nach dem Krieg wird das Sudetenland Teil der neu gegründeten Tschechoslowakei. Die deutsche Bevölkerung, die die Region lange dominiert hat, wird zur Minderheit. Offiziell gewährt der Staat den Minderheiten gleiche Rechte. Henlein arbeitet zunächst als Bankangestellter, dann als Turnlehrer.
1931 übernimmt er die Leitung des deutschen Turnverbandes und formt ihn zunehmend in eine paramilitärische Organisation um. 1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, gründet Henlein die Sudetendeutsche Heimatfront. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. 1935 wird die Organisation unter Druck der Regierung in Sudetendeutsche Partei umbenannt.
Bei den Wahlen im Mai erhält sie mit finanzieller Unterstützung aus Berlin 15,2 Prozent der Stimmen – die stärkste Einzelpartei des Landes. Rund zwei Drittel der deutschen Wähler stimmen für sie. Nach außen gibt sich Henlein gemäßigt. Er spricht von fairer Behandlung seiner Gemeinschaft, von Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen.
Er bestreitet öffentlich jede Verbindung zu Nazi-Deutschland. Doch hinter den Kulissen erhält er Geld und Anweisungen aus Berlin. Seine Partei ruft Boykotte gegen tschechische und jüdische Geschäfte aus und verwendet den Tarnbegriff „christliche Weltanschauung” als antisemitisches Signal. Ende März 1938, wenige Wochen nach dem Anschluss Österreichs, trifft sich Henlein heimlich mit Hitler in Berlin.
Die Strategie ist einfach: Die Sudetendeutsche Partei soll Forderungen stellen, die unmöglich zu erfüllen sind. So soll die Tschechoslowakei als Unterdrückerstaat dastehen, Frankreich von einem Kriegseintritt abgehalten und ein Vorwand für Hitlers militärisches Eingreifen geschaffen werden. Am 24. April veröffentlicht Henlein das Karlsbader Programm und fordert vollständige Autonomie der deutschsprachigen Gebiete.
Die tschechoslowakische Regierung bietet weitreichende Zugeständnisse an. Henlein erhöht einfach seine Forderungen. Im Sommer reist der britische Vermittler Lord Runciman in die Tschechoslowakei, um die Lage zu untersuchen. Henlein inszeniert für ihn sorgfältig die angebliche Unterdrückung der Sudetendeutschen.
Runciman verlässt das Land mit großer Sympathie für Henleins Position – und verbreitet damit nationalsozialistische Propaganda. Gleichzeitig arbeitet der deutsche Militärnachrichtendienst mit Henlein an einem Plan für einen Aufstand. Mitglieder der Sudetendeutschen Partei sollen Polizeiuniformen anziehen, um Provokationen und Attentate zu inszenieren. Am 12.
September 1938 hält Hitler auf dem Reichsparteitag in Nürnberg eine Drohrede gegen die Tschechoslowakei. Noch am selben Tag startet Henleins Organisation hunderte terroristische Anschläge und zwei Putschversuche. Die tschechoslowakischen Sicherheitskräfte schlagen den Aufstand innerhalb weniger Tage nieder. Henlein flieht nach Deutschland und organisiert von dort das Sudetendeutsche Freikorps, das Überfälle auf tschechoslowakisches Gebiet verübt.
Am 1. Oktober marschieren deutsche Truppen ins Sudetenland ein. Henlein folgt ihnen. Hitler ernennt ihn zum Gauleiter des neuen Reichsgaus Sudetenland.
Henlein zieht in eine Villa in Reichenberg, die er einem jüdischen Unternehmer wegnehmen ließ. Nun fällt die Maske. In der Nacht vom 9. auf den 10.
November organisiert Henlein das Novemberpogrom im Sudetenland. Jüdische Wohnhäuser und Geschäfte werden angegriffen, Synagogen in Teplitz, Reichenberg und Troppau niedergebrannt. Er treibt die Arisierung voran und lässt jüdische Unternehmen beschlagnahmen. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, sind rund neunzig Prozent der Juden aus dem Sudetenland geflohen.
Die übrigen werden zur Zwangsarbeit genötigt, deportiert oder ermordet. Doch Henleins Einfluss schwindet. Reinhard Heydrich hält ihn für nicht radikal genug und versucht wiederholt, ihn zu verdrängen. Henlein übersteht diese Machtkämpfe nur wegen seines persönlichen Verhältnisses zu Hitler.
Innerhalb der NS-Hierarchie bleibt er ein Werkzeug, kein Vertrauter. Als die militärische Lage Nazi-Deutschlands im Frühjahr 1945 zusammenbricht, lösen sich die Verwaltungsstrukturen auf, die Henlein sechs Jahre lang geleitet hat. Im Mai gerät er bei Pilsen in amerikanische Gefangenschaft. Zuvor versucht er noch, mit den Amerikanern zu verhandeln und eine Anerkennung des Münchner Abkommens zu erreichen.
Niemand will mit ihm verhandeln. Ihm droht ein Verfahren wegen Kriegsverbrechen – wegen seiner Rolle bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei, der Verfolgung der jüdischen und tschechischen Bevölkerung und seiner jahrelangen systematischen Täuschung. Am 10. Mai 1945 nimmt sich der 47-jährige Konrad Henlein in amerikanischer Gefangenschaft das Leben.
Er wird anonym auf einem kleinen Gräberfeld des Zentralfriedhofs von Pilsen beigesetzt.


