Ich stand in meiner Gartenparzelle Nummer 14, wo ich seit fast dreißig Jahren meine Zeit verbringe, und reparierte gerade das alte Gewächshaus, als mein Telefon auf dem Klapptisch neben den Tomatenpflanzen summte. Es war ein Dienstag im September. Der Herbst hatte die Birke am Zaun schon golden gefärbt, und ich hatte eigentlich vorgehabt, noch den Kompost umzuschichten, bevor es dunkel wurde. Ich wischte mir die Erde von den Händen, zog die Arbeitshandschuhe aus und sah auf das Display.

Eine Nachricht von meinem Sohn. Ich lächelte, weil ich dachte, er würde vielleicht nach unseren Plänen für den Herbstausflug fragen. Wir hatten im Frühjahr besprochen, gemeinsam den Nationalpark Eifel zu besuchen. Meine Frau Christa hatte das immer gewollt, und nach ihrem Tod vor drei Jahren hatte ich mir vorgenommen, die Orte aufzusuchen, die sie geliebt hatte.
Ich hatte gehofft, meinen Sohn und seine Frau und unseren Enkel Lukas dabei zu haben. Ich las die Nachricht. „Papa, wir müssen kurz über den Eifeltripp reden. Patrizia und ich haben darüber gesprochen, und wir finden, es wäre besser, wenn das diesmal nur wir drei sind.
Du verstehst das doch, oder? Lukas braucht gerade Zeit nur mit uns als Familie. Wir holen das nach. “ Ich las noch einmal, dann ein drittes Mal.
Jedes Mal fühlten sich die Wörter anders an. Ein bisschen schärfer, ein bisschen kälter. Nur wir drei. Lukas braucht Zeit nur mit uns, als Familie.
Ich stellte das Telefon auf den Tisch und sah auf das halbfertige Gewächshaus. Das Metall reflektierte das Nachmittagslicht. Meine Hände zitterten leicht, und das lag nicht an der Herbstkälte. Der Ausflug in die Eifel war nicht einfach ein Wochenendtripp gewesen.
Ich hatte seit März daran geplant. Ich hatte ein Ferienhaus in der Nähe von Manderscheid gebucht, ein altes, renoviertes Bauernhaus mit einem offenen Kamin und einem Garten, der direkt an einen kleinen Bach grenzte. Ich hatte die Wanderwege recherchiert, die für Lukas geeignet waren. Er war sieben, neugierig und lief gerne, solange man ihm unterwegs genug Pausen gönnte und ihm Würmer im Schlamm zeigte.
Ich hatte für das Ferienhaus eintausendachthundert Euro im Voraus bezahlt, nicht rückerstattbar. Ich ging zurück ins Vereinsheim, setzte mich auf die Bank vor der Tür und schaute auf die Gartenanlage, auf die anderen Parzellen, wo vereinzelt noch Menschen arbeiteten. Der Rentner aus Nummer 8 grüßte im Vorbeigehen. Ich nickte.
Dann dachte ich an Christa. Sie war vor drei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, plötzlich, ohne Vorwarnung. Wir waren über dreißig Jahre verheiratet gewesen. Ich hatte meinen Sohn durch diesen Verlust begleitet, oder ich dachte zumindest, das getan zu haben.
Er war damals dreiunddreißig gewesen, bereits verheiratet mit Patrizia, bereits Vater von Lukas. Ich hatte in den ersten Monaten nach Christas Tod versucht, mich nicht zu sehr aufzudrängen, hatte aber gespürt, dass er mich brauchte, auch wenn er es nicht aussprach. Was ich nicht gespürt hatte oder nicht hatte spüren wollen, war, wie viel er und Patrizia in diesen drei Jahren von mir genommen hatten. Es hatte angefangen, kurz nachdem Christa beerdigt war.
Mein Sohn kam zu mir und sagte, dass sie Probleme mit der Wohnung hätten. Die Miete in Frankfurt sei explodiert. Patrizia arbeite als freie Grafikerin, die Aufträge seien unregelmäßig. Er selbst verdiene als Techniker bei einem mittelständischen Unternehmen nicht schlecht, aber für eine Eigentumswohnung reiche es hinten und vorne nicht.
Ob ich vielleicht als Bürge einspringen könnte. Ich hatte gezögert, nicht weil ich nicht helfen wollte, sondern weil ich wusste, was das bedeutete. Als Bürge für ein Immobiliendarlehen einzustehen, heißt im deutschen Recht, mit dem gesamten Privatvermögen zu haften. Meine Ersparnisse, meine Lebensversicherung, das Haus, alles hätte dafür herhalten können, wenn sie die Raten nicht bedienen konnten.
Ich hatte meinen Sohn gefragt, ob er das verstehe. Er hatte gesagt: „Papa, ich weiß, aber wir brauchen das. Wir wollen Lukas eine Heimat geben. “ Ich hatte unterschrieben.
Zwei Jahre später, sechs Monate nach der Hochzeit, die ich zu einem großen Teil mitfinanziert hatte – neuntausend Euro für das Catering, weil Patrizia eine bestimmte Eventlocation wollte und sie sich das nicht leisten konnten – klingelte mein Sohn wieder an. Diesmal wegen des Autos. Der alte Wagen sei zu unzuverlässig für den Arbeitsweg. Patrizia brauche außerdem ein zweites Fahrzeug für Kundenbesuche.
Ob ich einen zinslosen Kredit geben könnte. Viertausendfünfhundert Euro. Zurückzahlen wollten sie, wenn Patrizia einen größeren Auftrag abgeschlossen hatte. Ich hatte das Geld überwiesen.
Dann die Sache mit der Küche. Sie hatten eine Einbauküche für die neue Wohnung ausgesucht, modern, mit Induktionskochfeld und amerikanischem Kühlschrank. Sechstausendzweihundert Euro. Ob ich helfen könnte, für Lukas, damit er ein richtiges Zuhause habe.
Ich hatte nicht Nein gesagt. Und dann hatte ich ihnen meinen Notfallkreditrahmen mitgegeben. Eine Kreditkarte mit einem Limit von achttausend Euro, die ich für echte Notsituationen angelegt hatte. Krankenhausrechnung, Autoreparatur, ähnliches.
Ich hatte meinem Sohn gesagt, er solle sie nur nutzen, wenn wirklich nichts anderes gehe. All das hatte ich akzeptiert. Ich hatte es als Liebe betrachtet, als das, was Väter tun. Nun saß ich also vor dem Vereinsheim, meine Tomatenpflanzen warteten, und mein Sohn schrieb mir, dass ich bei dem Ausflug, den ich bezahlt hatte, nicht dabei sein sollte.
Mein Telefon summte erneut. „Ach Papa, und wegen dem Ferienhaus könnten wir trotzdem deine Kreditkarte nutzen für die Fahrtkosten und so. Wir haben gerade wenig Spielraum. Wir zahlen natürlich zurück.
“ Ich starrte auf diese Nachricht. Dann rief ich meinen Sohn an. Er nahm beim zweiten Klingeln ab. Im Hintergrund hörte ich Lukas, der irgendetwas sang.
Er hatte diese Angewohnheit, Melodien vor sich hinzusummen, die er selbst erfand. Und jedes Mal, wenn ich das hörte, musste ich an Christa denken, die das auch gemacht hatte. „Hey Papa, hast du meine Nachricht gelesen? “
„Ja“, sagte ich.
Ich hielt die Stimme ruhig. „Ich möchte, dass du mir erklärst, was du damit meinst. Ich habe das Ferienhaus gebucht und bezahlt. Ich habe die Wanderwege für Lukas recherchiert.
Und jetzt soll ich nicht mitkommen. “
Eine kurze Pause. Dann hörte ich, wie er die Hand auf das Mikrofon legte, gedämpfte Stimmen, Patrizia im Hintergrund. Als er sich wieder meldete, hatte seine Stimme diesen Ton angenommen, den ich von früher kannte, sanft und zugleich ein wenig ungeduldig, wie man mit jemandem spricht, den man managen muss.
„Papa, verstehe das nicht falsch. Es geht nur darum, dass Lukas gerade eine Phase hat, wo er viel elterliche Aufmerksamkeit braucht. Du weißt ja, du bist manchmal sehr präsent. Lukas soll sich auch mal ohne Opa beweisen können, weißt du?
“
„Präsent“, wiederholte ich. „Ich meine das nicht böse. Du bist ein toller Opa, aber Patrizia und ich brauchen auch Zeit mit ihm als Kernfamilie. “
Ich schwieg einen Moment, dann fragte ich die einzige Frage, auf die es ankam: „Willst du, dass ich mitkomme?
Wirklich? Oder ist das Patrizias Entscheidung? “
Die Stille, die folgte, war meine Antwort. Dann: „Papa, es ist eine gemeinsame Entscheidung.
Wir sind verheiratet. “
„Gut“, sagte ich. „Dann gehe ich jetzt. “
„Warte.
Und wegen der Kreditkarte. “
Ich legte auf. Ich saß noch eine Weile auf der Bank. Die Sonne stand tief, das Licht wurde orangefarben.
Irgendwo in der Anlage harkte jemand Laub zusammen. Dann stand ich auf, ging zurück zu meiner Parzelle, nahm das Gewächshausprojekt in Angriff und arbeitete, bis meine Hände aufhörten zu zittern. Zu Hause in meiner stillen Wohnung in Wiesbaden öffnete ich meinen Laptop. Ich bin kein Mensch, der im Affekt handelt.
Ich bin vierundsechzig Jahre alt, ehemaliger Sachbearbeiter bei der Deutschen Rentenversicherung, sechsunddreißig Jahre lang. Man lernt dabei, Dinge systematisch zu betrachten. Ich öffnete meine E-Mails. Ich suchte alle Nachrichten von meinem Sohn und Patrizia der letzten zwei Jahre heraus.
Dann öffnete ich meinen Online-Bankzugang. Ich brauchte zwei Stunden. Was ich fand, ließ mich kalt werden, nicht vor Wut, vor Klarheit. Die Kreditkarte, die ich für Notfälle gegeben hatte, viertausenddreihundert Euro Umsatz in den letzten acht Monaten.
Ein Restaurant in der Frankfurter Innenstadt, ich erkannte den Namen, das ist kein billiger Laden. Ein Onlineshop für Designermöbel. Zweimal Tankstelle, das verstand ich noch. Aber dann ein Wellnesshotel in Bayern, für ein Wochenende gebucht auf meinen Namen.
Vierhundertachtzig Euro. Kein Wort darüber. Und dann fand ich etwas, das ich nicht gesucht hatte. In einem alten E-Mail-Ordner, den mir mein Sohn vor einem Jahr irrtümlich weitergeleitet hatte.
Er hatte eine E-Mail von seiner Firma zu mir weiterleiten wollen und stattdessen den falschen Thread erwischt. Da lag ein Gesprächsverlauf zwischen ihm und Patrizia. Ich weiß nicht, warum ich ihn damals nicht gelesen hatte. Vielleicht, weil ich nicht hinschauen wollte.
Jetzt las ich. Patrizia: „Dein Vater ruft schon wieder an. Er will wissen, ob er Lukas zum Fußball fahren soll. Er macht sich schon wieder unentbehrlich.
“
Mein Sohn: „Ich weiß, aber lass ihn, er ist nützlich gerade. Solange er zahlt, soll er ruhig das Gefühl haben, gebraucht zu werden. “
Patrizia: „Ich find’s trotzdem nervig, als ob Lukas sein Ersatzkind wäre. Seit deine Mutter gestorben ist, klebt er an uns.
“
Mein Sohn: „Lass es. Er hat die Bürgschaft. Er hat das Geld für die Küche. Er wird uns auch beim Rest helfen.
Danach können wir mehr Abstand halten. “
Patrizia: „Der Eifeltripp ist sowieso das letzte große Ding, das ich von ihm annehmen will. Danach brauchen wir ihn nicht mehr so. Er soll halt hin und wieder Lukas sehen.
Das reicht. “
Mein Sohn: „Ja, ich glaube, er merkt es nicht. Er will ja helfen. “
Ich saß lange vor dem Bildschirm.
Ich dachte an Christa. Ich fragte mich, ob sie das geahnt hatte. Sie hatte Patrizia nie wirklich warm empfangen. Nicht ablehnend, aber zurückhaltend.
Ich hatte damals gedacht, das sei Schwiegermutter-Dynamik. Jetzt fragte ich mich, ob Christa etwas gesehen hatte, was ich nicht sehen wollte. „Er merkt es nicht. Er will ja helfen.
“ Ich stand auf, ging zum Fenster. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, leer um diese Uhrzeit. Ein Mann führte einen Hund aus. Das Leben lief weiter.
Dann ging ich an meinen Schreibtisch, setzte mich und öffnete das Buchungsportal für das Ferienhaus. Der Stornierungsprozess war unkompliziert. Ich klickte auf „Buchung stornieren“. Eine Maske erschien: „Sind Sie sicher?
Eine Stornierung ist kostenpflichtig. Neunhundert Euro Stornogebühr, da wir innerhalb der 30-Tage-Frist liegen. “ Ich akzeptierte. Ich war mir sicher.
Dann rief ich meine Bank an. „Ich möchte den Kreditrahmen der Zusatzkarte mit der Endnummer 44 mit sofortiger Wirkung sperren und die Karte kündigen. “ Der Mitarbeiter fragte, ob ich eine neue Karte benötige. Nein.
Dann wandte ich mich der größeren Sache zu, der Bürgschaft. Ich rief am nächsten Morgen bei der Filialbank an, die das Darlehen meines Sohnes hält. Ich ließ mich mit der Rechtsabteilung verbinden. Die Mitarbeiterin erklärte mir, was ich bereits wusste.
Eine Bürgschaft ist nicht einfach kündbar, wenn das zugrunde liegende Darlehen noch läuft, aber es gibt Ausnahmen bei arglistiger Täuschung, bei Sittenwidrigkeit. Und außerdem, das war der Punkt, auf den ich hinaus wollte, kann ich verlangen, dass die Bank prüft, ob die Kreditnehmer inzwischen in der Lage sind, das Darlehen allein zu tragen. Wenn nicht, wird das deutlich als Risikofaktor in der Bewertung ausgewiesen. „Was bedeutet das konkret für die Kreditnehmer?
“, fragte ich. „Das bedeutet, dass wir die Bonität erneut prüfen. Wenn die Kreditnehmer allein nicht tragfähig sind und Sie als Bürge eine Entlassung beantragen, wird die Bank in der Regel eine Nachbesicherung oder Umstrukturierung verlangen. “
„Ich verstehe“, sagte ich.
„Bitte stellen Sie mir die entsprechenden Formulare zu. “
Am Abend dieses Tages rief mein Sohn an. Ich ließ es klingeln. Er rief ein zweites, ein drittes Mal an.
Dann kamen die Nachrichten. „Papa, was ist das? Die Kreditkarte funktioniert nicht mehr. “ „Papa, ruf mich an.
Das ist nicht okay. Wir haben Lukas doch erklärt, dass wir in die Eifel fahren. “ „Papa, bitte. Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor.
“ Ich legte das Telefon umgekehrt auf den Tisch und ging früh schlafen. Am nächsten Morgen kam ich gerade von meinem täglichen Spaziergang durch den Kurpark zurück. Ich wohne in Wiesbaden, das hat den Vorteil eines wunderbaren Parks mit Thermalquellen. Da stand mein Sohn vor meiner Haustür.
Er sah nicht gut aus, unrasiert, die Augen gerötet. „Papa, wir müssen reden. “
„Ich dachte, wir haben nichts mehr zu besprechen. “
„Papa, bitte.
“ Seine Stimme brach kurz. „Ich weiß, dass du die Buchung storniert hast. Ich weiß, dass du die Karte gesperrt hast. Was ist passiert?
“
Ich hielt die Tür auf. Er kam herein. Wir setzten uns an den Küchentisch, denselben Tisch, an dem Christa und ich dreißig Jahre lang gefrühstückt hatten, an dem wir Schulaufgaben korrigiert, Weihnachtsgebäck gebacken und schweigend gesessen hatten, wenn die Worte fehlten. Ich öffnete meinen Laptop und drehte ihn zu ihm.
Er las den E-Mail-Thread. Sein Gesicht wurde weiß. „Das ist aus dem Zusammenhang gerissen. Wir haben das nicht so gemeint.
“
„Welchen Teil hast du nicht so gemeint? “, fragte ich. „Den Teil, wo du mich als nützlich bezeichnest? Oder den Teil, wo Patrizia sagt, ihr braucht mich danach nicht mehr?
“
„Papa, das war – wir haben uns geärgert. Du weißt doch, wie das ist, wenn man sich über jemanden auslässt. Da sagt man Sachen. “
„Viertausenddreihundert Euro auf meiner Kreditkarte“, sagte ich.
„Darunter ein Wellnesswochenende in Bayern. Hättest du mir davon erzählen wollen? “
Er schwieg. „Ich habe ein Ferienhaus bezahlt, zu dem ich nicht eingeladen bin“, fuhr ich fort.
„Ich habe eurer Hochzeit mit neuntausend Euro geholfen. Ich habe eure Küche mitfinanziert. Ich stehe als Bürge für euer Darlehen. Und du schreibst deiner Frau, dass ich nützlich bin und dass ihr Abstand halten werdet, wenn ihr genug bekommen habt.
“
„Papa, ich habe eine Frage“, sagte ich. „Eine einzige. Ich will, dass du sie ehrlich beantwortest. Bist du bei dem Eifelausflug dabei, weil du Zeit mit mir und Lukas verbringen wolltest?
Oder hat Patrizia entschieden, dass ich nicht mitkomme? “
Er sah mich an, dann sah er weg. Das war Antwort genug. „Die Bürgschaft“, sagte er schließlich leise.
„Papa, wenn du die Bürgschaft – wir können das Darlehen nicht alleine tragen. Du weißt das. “
„Wenn die Bank neu bewertet, dann müsst ihr eine Lösung finden“, sagte ich. „Das ist nicht mein Problem.
“
„Papa. “
„Zieh Patrizia nicht ins Feld“, sagte ich. „Und ruf Lukas nicht ins Feld. Ihr habt Lukas bereits ins Feld gerufen, um mich rauszuhalten.
Das reicht. “
Er stand auf, ließ sich wieder sinken. Dann sagte er etwas, das ich nicht erwartet hatte. „Patrizia hat das angeschoben, den Ausflug ohne dich.
Ich habe – ich habe ihr nicht widersprochen. Das war falsch. Ich weiß das. “
„Ja“, sagte ich.
„Das war es. “
„Ich habe mir selbst eingeredet, dass du zu viel Platz einnimmst, dass Lukas uns als Eltern braucht. Aber das stimmt nicht. Du bist nicht zu viel.
Du – du erinnerst mich an Mama, und das ist manchmal schwer. “
Ich schwieg eine Weile. „Ich weiß“, sagte ich dann. „Für mich auch.
“
Er weinte. Stille, unkontrollierte Tränen, wie ich ihn als Kind manchmal hatte weinen sehen, wenn er dachte, ich würde es nicht bemerken. Ich stand auf, holte ihm ein Glas Wasser und stellte es vor ihn hin. Ich setzte mich nicht wieder, ich lehnte gegen die Arbeitsplatte.
„Du hast mein Vertrauen gebrochen“, sagte ich. „Das repariert man nicht mit einem Gespräch. Aber ich werde nicht so tun, als hättest du das nicht gesagt, was du gerade gesagt hast. Ich höre es.
“
Er nickte, wischte sich das Gesicht ab. „Was jetzt? “, fragte er. „Das Darlehen“, sagte ich, „ist euer Problem.
Ich werde schauen, was rechtlich möglich ist. Wenn ihr nachweisen könnt, dass ihr die Raten allein tragt, sprechen wir weiter. Bis dahin ziehe ich mich aus euren Finanzen zurück. Vollständig.
“
„Und Lukas? “
„Lukas“, sagte ich, „ist mein Enkel. Das ändert sich nicht. Aber ich lasse nicht zu, dass er als Verhandlungsmasse benutzt wird.
Wenn Patrizia mir den Zugang zu ihm verweigert, werde ich meinen Anwalt einschalten. In Deutschland gibt es Großelternrechte gemäß Paragraf 1685 BGB. Ich habe mich informiert. “
Er sah mich an.
„Das klingt nicht wie du. “
„Doch“, sagte ich. „Das bin ich. Ich war es immer.
Ihr habt mich nur verwechselt mit jemandem, der keine Grenzen kennt. “
Die nächsten Wochen waren schwer. Patrizia nahm meinen Anruf nicht an. Sie schickte mir eine Nachricht, in der sie schrieb, dass ich ihre Familie destabilisiere und dass ich keine Berechtigung hätte, mich in ihre Ehe einzumischen.
Mein Sohn schickte kurz danach eine zweite Nachricht, die sachlicher war. Er arbeite an einer Lösung für das Darlehen. Er brauche Zeit. Ich gab ihm Zeit.
Aber ich wartete nicht untätig. Ich rief meinen Schulfreund Burghold an, der seit vielen Jahren als Rechtsanwalt im Zivilrecht tätig ist. Er hörte mir zu. „Die Bürgschaft“, sagte er, „wird schwierig.
Aber die Kreditkartenumsätze, wenn du nachweisen kannst, dass die Nutzung ohne deine Zustimmung war, hast du einen zivilrechtlichen Anspruch auf Rückerstattung. Das muss nicht gleich in eine Anzeige münden, aber du kannst es formell geltend machen. Und wegen Lukas: Wenn sie den Kontakt verweigern und du kannst belegen, dass du kontinuierlich im Leben des Kindes präsent warst – Schulveranstaltungen, regelmäßige Besuche, dokumentierte Fürsorge – dann ist ein Antrag nach Paragraf 1685 BGB realistisch. Familiengerichte schauen dabei auf das Kindeswohl.
Wenn der Großvater nachweislich eine bedeutsame Bezugsperson ist und die Verweigerung nicht im Interesse des Kindes liegt, ordnen sie Umgang an. “
„Ich habe alles dokumentiert“, sagte ich. „Das glaube ich dir“, sagte er. Ich hatte nicht aus Vorsicht dokumentiert, sondern aus Gewohnheit.
In meinem Beruf hatte man Akten geführt. Jede Überweisung, jede Absprache, jede Rechnung. Ich hatte Kopien davon. Ich hatte Fotos von Lukas’ Geburtstagsfeiern, von Ausflügen, von dem Nachmittag, als wir gemeinsam in der Gartenanlage Kartoffeln gegraben hatten und er sich geweigert hatte, seine schmutzigen Hände zu waschen, weil er fand, Schlamm gehöre zum Gärtner.
Ich hatte Christas Tod dokumentiert, die Beerdigung, die Monate danach. Ich hatte alles. Dann, in der vierten Woche nach dem Gespräch an meinem Küchentisch, klingelte es an einem frühen Samstagmorgen. Ich öffnete die Tür.
Lukas stand davor. Er trug einen zu kleinen Rucksack, auf dem ein Astronaut aufgedruckt war, und er hatte verweinte Augen. Hinter ihm auf der Straße hielt das Auto meines Sohnes. Mein Sohn stieg aus.
„Er wollte zu dir“, sagte er. „Bitte. “
Ich trat beiseite. „Komm rein, Lukas.
“
Er lief an mir vorbei in die Wohnung, direkt in den kleinen Raum, der immer sein Zimmer war, wenn er bei mir übernachtete. Ich hörte, wie er sich aufs Bett warf. Mein Sohn stand noch auf dem Gehweg. „Patrizia und ich, wir streiten viel gerade.
Er bekommt das mit. Das ist nicht gut für ihn. “
„Nein“, sagte ich. „Ist es nicht.
“
„Kannst du ihn heute behalten? “
„Ja. “
Er nickte, wollte gehen, blieb stehen. „Papa, ich meine es ernst mit dem, was ich damals gesagt habe, bei dir am Tisch.
Ich meine es ernst. “
Ich sah ihn lange an. „Das weiß ich“, sagte ich. „Aber Meinung und Handlung sind zwei verschiedene Dinge.
Ich warte auf die Handlung. “
Er fuhr ab. Lukas und ich aßen Pfannkuchen. Ich hatte die Pfanne, die ich schon seit Jahrzehnten benutze, eine eiserne Pfanne, die Christa mir zum dreißigsten Hochzeitstag geschenkt hatte.
Lukas stand neben mir auf dem Schemel und rührte den Teig. Er fragte mich, ob Oma die auch so gemacht habe. „Ja“, sagte ich. „Genauso.
“
„Vermisst du sie? “
„Jeden Tag“, sagte ich. Er dachte darüber nach. Dann sagte er: „Ich glaube, Mama mag dich nicht so sehr wie Papa.
“
Ich legte den Kochlöffel ab. „Weißt du, Lukas? Manchmal passen Menschen nicht gut zusammen. Das bedeutet nicht, dass einer von ihnen böse ist.
Das bedeutet manchmal einfach, dass man unterschiedlich ist. Aber du bist nicht böse. “
„Nein“, sagte er. „Ich find’s doof, wenn du nicht da bist.
“
Ich musste einen Moment warten, bevor ich antwortete. „Ich auch“, sagte ich. „Deswegen passe ich darauf auf. “
Das Gerichtsverfahren wegen des Umgangsrechts kam nicht so weit, dass wir vor dem Richter saßen.
Burghold hatte die nötige Korrespondenz geführt, ruhig und unmissverständlich. Und offenbar hatte Patrizia verstanden, dass ich es ernst meinte. Wir einigten uns außergerichtlich. Ich bekomme Lukas an jedem zweiten Wochenende und mittwochs nachmittags.
Das stand auf einem Blatt Papier und hatte meine Unterschrift und die von Patrizia. Es war seltsam, sich einen Enkel durch einen Anwalt sichern zu müssen. Aber es war auch klar. Die Sache mit dem Darlehen zog sich länger hin.
Die Bank hat geprüft. Es stellte sich heraus, dass mein Sohn inzwischen befördert worden war und sein Gehalt gestiegen war. Gemeinsam mit Patrizias Einkünften, die ebenfalls zugelegt hatten – sie hatte einen festen Kundenvertrag gewonnen – waren sie in der Lage, das Darlehen allein zu tragen. Knapp, aber tragfähig.
Meine Bürgschaft wurde aufgehoben. Ich hatte meinen Namen zurück. Die Kreditkartensache regelte ich direkt. Ich schrieb meinem Sohn eine sachliche Aufstellung der Umsätze, die ohne meine Zustimmung getätigt worden waren, mit Bitte um Rückerstattung.
Er überwies innerhalb von zwei Wochen. Kein Kommentar, keine Entschuldigung, nur die Überweisung. Für jetzt reichte mir das. Vier Monate nach dem Tag, an dem ich die Buchungsstornierung bestätigt hatte, fuhr ich tatsächlich in die Eifel.
Allein. Ich hatte ein anderes Ferienhaus gebucht, kleiner als das erste, mit einem direkten Blick auf den Meerfelder Maar. Ich wanderte fünf Tage lang allein oder gelegentlich mit einer Wandergruppe, der ich mich für einen Tag anschloss. Ich kochte mir abends einfache Dinge und trank dazu ein Glas Riesling.
Abends saß ich auf der kleinen Terrasse und schaute auf das Wasser. Es war das erste Mal seit Christa, dass ich merkte, dass ich allein sein konnte, ohne es als Verlust zu empfinden. Im Frühjahr darauf, an einem Samstag mit mildem Märzsonnenschein, klingelte Lukas bei mir, diesmal mit meinem Sohn, der ihn brachte und an der Tür stehen blieb. „Dürfte ich“, fing mein Sohn an, „könntest du dir vorstellen, dass wir – ich meine Lukas und ich – dass wir vielleicht ein bisschen mitgehen, wenn du in den Garten gehst?
“
Ich sah ihn an. Er sah aus wie früher, als er als Jugendlicher etwas wollte, das er nicht zu fragen wusste. Ein bisschen eckig, ein bisschen zu groß für seine Haut. „Du weißt, wo die Handschuhe sind“, sagte ich.
Im Schrank neben der Tür. Er holte sie. Lukas hatte seine eigene kleine Gartenschaufel schon in der Hand, die ich ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte und die er immer hier lässt. Wir fuhren mit der Straßenbahn zur Gartenanlage.
Lukas saß zwischen uns und erzählte von seinem Schulprojekt über das Sonnensystem, und mein Sohn hörte zu und nickte, und ich schaute aus dem Fenster auf die Wiesbadener Straßen und dachte, dass es manche Dinge gibt, die sich nicht reparieren lassen, und andere, die man vielleicht neu bauen kann, wenn man beide Hände hinfasst. Patrizia hat mir nie offiziell etwas gesagt. Sie nickt, wenn wir uns bei der Übergabe sehen. Mehr nicht.
Vielleicht reicht das. Ich werde ihr nicht nachrennen. Meine Lebensversicherung und mein Erspartes gehören mir. Das ist ein Gefühl, das ich erst jetzt wieder kenne.
Ich habe für Lukas ein Konto eröffnet. Jedes Vierteljahr überweise ich einen kleinen Betrag, den ich mir leisten kann und will. Wenn er achtzehn ist, hat er etwas für den Anfang. Daran ist eine Bedingung geknüpft, die ich handschriftlich notiert habe und die ich ihm geben werde, wenn er alt genug ist, um sie zu verstehen.
„Dieses Geld gehört dir. Lass niemanden, auch niemanden, den du liebst, dich dazu bringen, es für sie auszugeben. Liebe ist kein Zahlungsgrund. “
An einem Mittwochnachmittag im Oktober, Lukas’ regulärer Nachmittag bei mir, bauten wir aus alten Brettern vom Schuppen-Holzlager zusammen ein Hochbeet für den Kleingarten.
Es wurde schief. Lukas fand das lustig. Wir richteten es noch einmal aus, und beim zweiten Versuch war es besser. Auf dem Heimweg in der Straßenbahn lehnte er gegen mich und war halb wach, wie Kinder es nach einem langen Nachmittag draußen sind.
„Opa“, murmelte er. „Ich find’s gut, dass du dich nicht hast rausschmeißen lassen. “
Ich sah auf ihn hinunter. Er hatte die Augen schon fast geschlossen.
„Wer hat dir das gesagt? “
„Keiner“, sagte er. „Ich habe es einfach gemerkt. “
Die Straßenbahn fuhr durch das Abendlicht, und draußen zogen die alten Häuser vorbei, die Kastanienbäume, die letzten Radfahrer des Tages.
Ich hielt meinen Enkel leicht an der Schulter, damit er nicht vom Sitz rutschte, und dachte: Das hier ist genug. Das hier, genau das ist genug.


