Ich laufe den Hügel hinauf, statt denselben Weg zurückzunehmen. Unten liegt der Strand, und ich weiß, irgendwo dort wartet meine Stufe auf mich. Wir müssen sie uns ansehen, mein Dad und ich. Gestern, nach meinem Stream, saßen wir noch auf der Couch und haben uns den ganzen Dad-Teil auf dem Fernseher angeschaut, über eine Stunde lang.

Danach sagte er nur: „Lass uns zu unserem Lieblingscafé fahren. “ Auf dem Rückweg dann: „Lass uns kurz die Stufe checken. “ Also sind wir hingefahren. Sie war noch da.
Die Krebsschalen lagen noch oben drauf, die wir hingelegt hatten, um Leute davon abzuhalten, zu früh draufzutreten. Heute Morgen bin ich allein unterwegs. Ich wollte nicht denselben Weg wie gestern nehmen. Also bin ich in die kleine Siedlung hinterm Strand abgebogen.
Zwei Frauen laufen vor mir, sie gehen auf eine Privatstraße zu. Ich scherze in meine Kamera: „Wenn man Zeugen-Jehovas-Blättchen dabeihat, kann man da als angebliche Missionarin die privaten Wege runterlaufen. Wenn dich die Leute dann nochmal sehen, gehen sie dir einfach aus dem Weg. “ Meine eigenen Worte bringen mich zum Lachen.
Ich bin eben eine, die gern trödelt. Carla-Stop-Tempo kann ich nicht. Wenn ich so schnell laufen würde wie sie, würde mein Gimbal rebellieren. Ich wechsle den Arm, der rechte ist müde.
Dann sehe ich sie: eine kleine Holzbrücke, die über das Wasser führt, mitten in den Sumpf hinein. Nicht wirklich eine Brücke. Eher ein Holzsteg, der ins Nichts zu führen scheint. Ein Schild, das den Zutritt verbietet, gibt es nicht.
„Soll ich? “, frage ich in die Kamera. „Kein Schild, also warum nicht? “ Ich trete drauf.
Das Holz knarzt, hält aber. Der Wind wird stärker, die Luft riecht nach Salzwasser und nassem Gras. Ich gehe bis zum Ende, schaue ins Wasser. Auf dem Grund liegt versunkene Seegrasvegetation, matschig und dunkel.
„Ich wette, das hier gehört zu dem Haus da drüben“, sage ich. „Aber es steht nirgends, dass man nicht drauf darf. “ Ein kleiner Triumph, dieser verbotene Steg. Ich frage mich laut, warum Dad und ich den nie entdeckt haben.
Dann muss ich zurück. Über die Hügelstraße, vorbei an der Kirche und am Golfclub. Die Häuser hier haben makellose, leuchtend grüne Rasenflächen. Ich denke an unseren eigenen, als wir das Haus gekauft haben.
So ein schöner Rasen, dachten wir. Und dann starb er im zweiten Jahr ab. Alles nur Rollrasen, der nie richtig angewachsen war. Jetzt haben wir einen Hof voller Unkraut, das grün aussieht, weil alles sprießt.
Irgendwann haben wir gelernt, das Unkraut zu lieben. An einem Haus stehen hübsche Narzissen in der Gosse. Die erinnern mich an das Chaos bei uns zu Hause, die Blumen, die durch den Regenabfluss an den seltsamsten Ecken wachsen. Wir schneiden sie und stellen sie in der Küche in eine Vase.
Der Wind peitscht mir ins Gesicht, als ich zum Strand zurückkehre. Meine Ohren sind kalt, also ziehe ich die Kapuze wieder hoch. Ein paar Leute laufen in T-Shirts an mir vorbei, ich dagegen im Wintermantel. Weiter geht’s zur Stufe.
Ich weiß nicht, ob sie schon jemand benutzt hat. Die Krebsschalen sollten eigentlich abschrecken. Aber wir wollten sie heute inspizieren. Ich hoffe, es ist nichts kaputt.
Der Strand ist ruhig, kleine Wellen, ein falscher Leuchtturm in der Ferne. Es ist fast acht Uhr morgens und schon ein langer Stream gewesen. Aber ich will nach Hause, zu meinem Dad, und ihm sagen, was ich gefunden habe.


