TEIL 1 – DER WEG IN DIE MASCHINE DES TERRORS
Am 3. Februar 1947 herrschte im Gerichtssaal in Hamburg eine bedrückende Stille.

Nach fast zwei Monaten voller Zeugenaussagen standen ehemalige Mitarbeiter des Konzentrationslagers Ravensbrück vor Gericht.
Frauen und Männer, die während der Existenz des größten Frauen-Konzentrationslagers im nationalsozialistischen Deutschland Teil eines Systems gewesen waren, das Tausende Menschen misshandelt, gefoltert und ermordet hatte.
Die Überlebenden hatten gesprochen.
Sie hatten von Hunger erzählt.
Von Gewalt.
Von Demütigungen.
Von einem Alltag, in dem Angst und Tod allgegenwärtig waren.
Nun wartete die Welt auf die Urteile.
Von den 16 Angeklagten wurden elf zum Tod durch den Strang verurteilt.
Eine der Frauen, die diese Strafe erhalten sollte, war erst 27 Jahre alt.
Ihr Name war Dorothea Binz.
Eine junge Frau, die einst aus einer gewöhnlichen Familie stammte.
Eine Frau, deren Kindheit keine offensichtliche Erklärung dafür gab, warum sie später zu einer der brutalsten Aufseherinnen des NS-Lagersystems werden würde.
Doch ihre Geschichte zeigt eine erschütternde Wahrheit:
Grausamkeit entsteht nicht immer aus Menschen, die von Anfang an als Monster geboren werden.
Manchmal entsteht sie durch Entscheidungen.
Durch Anpassung.
Durch Ideologie.
Durch die Bereitschaft, anderen Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen.
Und genau deshalb ist die Geschichte von Dorothea Binz bis heute so verstörend.
Wenn euch historische Geschichten interessieren, die zeigen, wie Menschen in extremen Systemen handeln und welche Konsequenzen daraus entstehen, bleibt bis zum Ende dabei.
Denn Ravensbrück war nicht nur ein Ort des Leidens.
Es war auch ein Ort, an dem sichtbar wurde, wie gewöhnliche Menschen Teil außergewöhnlicher Verbrechen werden konnten.
Dorothea Binz wurde am 16. März 1920 in Düsterlake geboren.
Die Stadt lag nahe Ravensbrück in der damaligen Weimarer Republik.
Sie war die zweite Tochter eines Waldarbeiters.
Ihre Familie gehörte nicht zur politischen Elite.
Sie lebte kein privilegiertes Leben.
Wie viele andere deutsche Familien dieser Zeit waren sie mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg konfrontiert.
Dorothea besuchte die Grundschule und später eine weiterführende Schule.
Als sie 14 Jahre alt war, veränderte sich Deutschland grundlegend.
Im Januar 1933 übernahmen Adolf Hitler und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei die Macht.
Innerhalb weniger Jahre durchdrang die NS-Ideologie fast alle Bereiche des Lebens.
Die Propaganda wurde allgegenwärtig.
Joseph Goebbels, der Leiter des Propagandaministeriums, entwickelte ein System, das Hitler als unfehlbaren Führer darstellte.
Zeitungen.
Radio.
Filme.
Schulen.
Öffentliche Veranstaltungen.
Alles wurde genutzt, um die nationalsozialistische Weltanschauung zu verbreiten.
Kinder lernten in der Schule die Verehrung Hitlers.
Der sogenannte „deutsche Gruß“ wurde zur Pflicht in vielen öffentlichen Situationen.
„Heil Hitler“ wurde nicht nur ein politischer Ausdruck.
Es wurde ein Symbol für Anpassung und Loyalität gegenüber dem Regime.
Auch Dorothea wuchs in dieser Atmosphäre auf.
Eine Generation junger Menschen wurde von dieser Propaganda geprägt.
Für viele wurde die Gewalt des Regimes nicht plötzlich sichtbar.
Sie kam Schritt für Schritt.
Zuerst durch Worte.
Dann durch Gesetze.
Dann durch Ausgrenzung.
Und schließlich durch Vernichtung.
Bereits im März 1933 eröffnete das NS-Regime das erste Konzentrationslager in Dachau.
Es war der Beginn eines Systems, das sich in den folgenden Jahren über ganz Europa ausbreiten sollte.
Zwischen 1933 und 1939 wurden jüdische Menschen in Deutschland durch immer neue Gesetze aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.
Sie verloren Berufe.
Eigentum.
Rechte.
Nach den Novemberpogromen 1938, bekannt als Kristallnacht, verschärfte sich die Verfolgung massiv.
Synagogen wurden zerstört.
Geschäfte verwüstet.
Tausende jüdische Männer wurden verhaftet und in Konzentrationslager deportiert.
Die Gesellschaft veränderte sich.
Und Millionen Menschen mussten entscheiden, wie sie mit diesem System umgehen wollten.
Dorothea Binz war 19 Jahre alt, als sie im August 1939 eine Entscheidung traf, die ihr Leben und das Leben vieler anderer Menschen verändern sollte.
Sie bewarb sich um eine Stelle im Konzentrationslager Ravensbrück.
Ursprünglich wollte sie als Küchenverwalterin arbeiten.
Sie suchte offenbar eine Möglichkeit, eine harte Fabrikarbeit zu vermeiden.
Doch diese Stelle war bereits vergeben.
Stattdessen wurde sie als Aufseherin eingestellt.
Ravensbrück war das größte Konzentrationslager für Frauen im nationalsozialistischen Deutschland.
Das Lager wurde im Mai 1939 errichtet.
Es befand sich nördlich von Berlin.
Dort wurden Frauen aus zahlreichen europäischen Ländern eingesperrt.
Politische Gegnerinnen.
Jüdinnen.
Sinti und Roma.
Widerstandskämpferinnen.
Frauen, die vom NS-Regime als „unerwünscht“ betrachtet wurden.
Das Lager wurde sowohl von männlichen SS-Angehörigen als auch von weiblichen Aufseherinnen kontrolliert.
Viele dieser Frauen kamen nicht aus ideologischen Elitekreisen.
Einige meldeten sich wegen der besseren Bezahlung.
Wegen der Arbeitsbedingungen.
Wegen der Möglichkeit, eine sichere Stellung zu erhalten.
Doch innerhalb des Lagers wurden sie Teil eines Systems, das auf Unterdrückung und Gewalt aufgebaut war.
Dorothea Binz entwickelte sich schnell innerhalb dieser Hierarchie.
Bereits im November 1939 beaufsichtigte sie eine Gruppe von zehn weiblichen Gefangenen.
Diese Frauen mussten schwere körperliche Arbeit verrichten.
Holz sägen.
Material transportieren.
Arbeiten unter Bedingungen, die für viele tödlich waren.
In den folgenden Monaten erhielt Binz weitere Aufgaben.
Sie überwachte Gefangene, die Kohle trugen.
Backsteine abladen mussten.
Schutt transportierten.
Im Garten arbeiteten.
Oder beim Aufbau des Lagers eingesetzt wurden.
Im August oder September 1940 erfolgte ihr nächster Karriereschritt.
Sie wurde stellvertretende Leiterin des sogenannten Zellenblocks.
Dieser Bereich war einer der gefürchtetsten Orte innerhalb Ravensbrücks.
Dort wurden Gefangene eingesperrt, die gegen Lagerregeln verstoßen hatten.
In der Realität bedeutete dies oft:
Isolation.
Folter.
Misshandlungen.
Zusammen mit ihrer Vorgesetzten Maria Mandl war Binz an Bestrafungen beteiligt.
Dazu gehörten auch Stockschläge.
Im April 1941 trat Dorothea Binz offiziell der NSDAP bei.
Im selben Jahr wurde Maria Mandl zur Oberaufseherin befördert.
Binz übernahm daraufhin die Leitung des Zellenblocks.
Ihre Macht wuchs.
Und mit dieser Macht veränderte sich auch ihr Verhalten.
Überlebende beschrieben später, dass Binz zunehmend brutal und gefühllos auftrat.
Sie suchte sich oft die schwächsten Gefangenen aus.
Frauen, die erschöpft waren.
Kranke.
Ängstliche.
Menschen, die kaum noch Kraft hatten, sich zu wehren.
Zeugenaussagen berichteten von Schlägen.
Tritten.
Peitschenhieben.
Demütigungen.
Wenn Binz beim Appell erschien, kehrte häufig völlige Stille ein.
Die Gefangenen wussten, dass ihr Erscheinen Gefahr bedeutete.
Sie konnte Frauen stundenlang im Freien stehen lassen.
Sie konnte Bestrafungen anordnen.
Sie konnte über den Alltag der Häftlinge entscheiden.
Im Jahr 1943 erreichte Binz einen weiteren Höhepunkt ihrer Karriere.
Sie wurde inoffiziell zur stellvertretenden Oberaufseherin ernannt.
1944 wurde diese Position offiziell bestätigt.
Damit gehörte sie zum Kommandostab von Ravensbrück.
Sie war nun verantwortlich für die Ausbildung neuer weiblicher Wachkräfte.
Bis zu hundert Aufseherinnen konnten ihrer Kontrolle unterstehen.
Sie half dabei, neue Frauen für den Dienst im Konzentrationslagersystem auszubilden.
Ravensbrück wurde dadurch auch zu einer Art Schule der Gewalt.
Tausende Aufseherinnen wurden dort geprägt und anschließend in andere Lager versetzt.
Eine der Frauen, die später ebenfalls berüchtigt wurde, war Irma Grese.
Binz war Teil jener Struktur, die Frauen nicht nur erlaubte, Gewalt auszuüben, sondern sie darin bestätigte.
Sie vermittelte ein Weltbild, in dem Gefangene nicht als Menschen betrachtet wurden.
Sondern als Feinde.
Als Objekte.
Als Menschen ohne Wert.
Doch Ravensbrück sollte noch grausamer werden.
Im Jahr 1944 wurden dort Gaskammern errichtet.
Die systematische Ermordung von Gefangenen nahm weiter zu.
Selektionen entschieden darüber, wer leben durfte und wer sterben sollte.
Und Dorothea Binz befand sich mitten in diesem System.
Sie hatte einen langen Weg zurückgelegt.
Von einer jungen Frau, die eine sichere Arbeit suchte.
Zu einer Funktionärin eines Vernichtungsapparats.
Doch der Krieg neigte sich dem Ende zu.
Und mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes würde die Welt beginnen, Fragen zu stellen.
Fragen nach Verantwortung.
Nach Schuld.
Nach den Menschen, die Befehle ausführten.
Nach denen, die Gewalt ausübten.
Und nach denen, die glaubten, niemals zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Dorothea Binz sollte bald erfahren, dass Ravensbrück nicht mit der Befreiung des Lagers endete.
Denn ihre eigene Geschichte hatte gerade erst begonnen, vor Gericht geschrieben zu werden…
FORTSETZUNG IN TEIL 2


