Ich stand in meiner Werkstatt und polierte die letzte Holzschnitzerei des Tages, als das Telefon klingelte. Draußen prasselte der Novemberregen gegen die Fenster meines kleinen Ateliers in Würzburg. Ich nahm ab und dachte, es wäre meine Tochter. Aber die Stimme am anderen Ende gehörte einer fremden Frau.

„Herr Falkenstein? Hier ist Ingeborg Hartmann vom Inkassobüro in München. Es geht um Ihre Tochter Franziska. “
Mein Herz hämmerte.
„Was ist mit Franzi? Ist etwas passiert? “
„Ihre Tochter hat in den letzten drei Jahren Kredite in Ihrem Namen aufgenommen. Insgesamt 180.
000 Euro. Sie hat Ihre Unterschrift gefälscht und sich als Ihre bevollmächtigte Vertreterin ausgegeben. “
Die Worte trafen mich wie Hammerschläge. Ich musste mich an der Werkbank festhalten.
„Das ist unmöglich. Ich habe nie einen Kredit aufgenommen. “
„Leider doch. Und Ihre Tochter ist seit zwei Wochen verschwunden.
Ihre Wohnung ist leer, ihren Job bei der Sparkasse hat sie ohne Kündigung verlassen. “
In den folgenden Tagen kam die ganze Wahrheit ans Licht. Franziska hatte nicht nur mich betrogen. Als Finanzberaterin hatte sie mindestens acht ältere Kunden um ihre Lebensersparnisse gebracht.
Fast eine halbe Million Euro. Sie hatte falsche Anlagezertifikate verkauft, Dokumente gefälscht und sich mit ihrem Freund Maximilian abgesetzt. Doch dann geschah das Schlimmste. Die Polizei lud mich vor.
Man zeigte mir E-Mails, die angeblich von mir stammten, und Tonaufnahmen, auf denen ich über Betrugspläne sprach. „Ihre Tochter behauptet, Sie wären ihr Partner gewesen“, sagte Kommissar Weber. „Das bin zwar ich auf der Aufnahme, aber ich habe das nie gesagt“, stammelte ich. „Jemand muss meine Stimme gefälscht haben.
“
Die Beamten wechselten misstrauische Blicke. Statt als Opfer ging ich als Verdächtiger nach Hause. Mein eigenes Kind hatte versucht, mir die Schuld für ihre Verbrechen in die Schuhe zu schieben. Was Franzi nicht wusste: Ich war nicht der naive alte Handwerker, für den sie mich hielt.
Vor zwei Jahren war ich zufällig auf seltsame Aktivitäten in meinem E-Mail-Konto gestoßen. Mein alter Freund, Professor Heinrich Zimmermann, hatte mir geholfen, moderne Überwachungstechnik zu verstehen. Diskret installierten wir Programme, die jeden unrechtmäßigen Zugriff aufzeichneten. Ich sammelte über zwei Jahre lang Beweise für Franzis digitale Manipulationen.
Noch schlimmer war ein Gespräch, das ich zufällig aufnahm, als Franzi Maximilian zu Besuch mitbrachte. Ich stand in der Küche und lauschte, wie sie meinen geistigen Verfall planten. „Noch ein Jahr höchstens“, sagte sie. „Mit den richtigen Gutachten können wir ihn für dement erklären lassen.
Dann verkaufen wir das Haus. “
Ich begriff, dass meine Tochter mich nicht nur bestehlen, sondern auch meiner Freiheit berauben wollte. In jener Nacht traf ich eine Entscheidung. Ich würde mich rächen.
Ich arbeitete wochenlang in meiner Werkstatt, schnitzte Tag und Nacht an einer vier Meter hohen Eichenskulptur, die ich „Die Wahrheit“ nannte. Sie zeigte eine junge Frau, die einem schlafenden alten Mann das Geld aus der Tasche stiehlt. Doch die Figur verbarg etwas viel Mächtigeres: Versteckte Bildschirme und ein Computer, mit deren Hilfe all meine gesammelten Beweise präsentiert werden konnten. Am 15.
Dezember stellten wir die Skulptur heimlich mitten auf dem Würzburger Weihnachtsmarkt auf. Ein rotes Tuch verhüllte sie. Am Vorabend rief ich Franzi an. „Komm morgen zum Weihnachtsmarkt“, sagte ich ruhig.
„Ich habe ein Geschenk für dich. “
Am nächsten Morgen standen Hunderte Menschen vor der verhüllten Skulptur. Der Bürgermeister hatte die Presse eingeladen. Ich sah Franzi und Maximilian am Rand der Menge stehen, nervös und blass.
Dann begann ich zu sprechen und zog das Tuch herunter. Die Menge stöhnte auf. Die Skulptur war erschreckend realistisch – das Gesicht der stehlenden Frau war eindeutig das meiner Tochter. Dann erwachten die Bildschirme zum Leben.
Gefälschte E-Mails, Bankdokumente, Überwachungsaufnahmen. Ich rief die betrogenen Opfer auf: Frau Moser, der 65. 000 Euro gestohlen wurden. Herr Kellermann, dessen Ersparnisse für die Pflege seiner kranken Frau verschwunden waren.
Dann spielte die Skulptur die geheimen Tonaufnahmen ab. Franziskas eigene Stimme hallte über den Platz: „Mit den richtigen Gutachten können wir ihn für dement erklären lassen. “
„Das ist gefälscht! “, schrie sie.
„Das habe ich nie gesagt! “
Doch ich hatte noch mehr. Projektionen zeigten, wie sie heimlich meinen Computer benutzte und gefälschte Dokumente bei der Bank einreichte. Kommissar Weber, der mich Wochen zuvor verhört hatte, trat vor.
„Franziska Falkenstein, Sie sind verhaftet wegen schweren Betrugs, Identitätsdiebstahls und Urkundenfälschung. “
Die Menge applaudierte. Als die Polizei sie abführte, sah ich ihr in die Augen. „Du hast gedacht, du könntest mich zerstören, weil ich alt bin.
Du hast vergessen, dass ich dein Vater bin. Ich liebe dich trotz allem. Aber Liebe bedeutet nicht, dass ich zulasse, dass du andere Menschen verletzt. “
Sechs Monate später wurden Franziska und Maximilian zu je acht Jahren Gefängnis verurteilt.
Alle betrogenen Kunden erhielten ihr Geld zurück. Die Skulptur „Die Wahrheit“ steht bis heute auf dem Würzburger Marktplatz als Mahnmal gegen Betrug und Familienverrat. Ich habe meine Werkstatt behalten und schnitze weiter – diesmal nur ehrliche Menschen. Vor einer Woche schrieb mir Franzi aus dem Gefängnis.
Sie bittet um Vergebung. Eines Tages werde ich sie besuchen, wenn ihre Haftzeit vorbei ist. Nicht, weil ich vergessen habe, was sie getan hat, sondern weil sie immer noch meine Tochter ist.


