OTTO MOLL — DER SS-MANN VON AUSCHWITZ, DER ÜBER MENSCHENLEBEN ENTSCHEIDEN KONNTE UND AM ENDE SELBST VOR DEM GALGEN STAND

OTTO MOLL — DER SS-MANN VON AUSCHWITZ, DER ÜBER MENSCHENLEBEN ENTSCHEIDEN KONNTE UND AM ENDE SELBST VOR DEM GALGEN STAND

TEIL 1 — AUS DEM GÄRTNER WURDE EIN TÄTER

Als Otto Moll am Ende des Zweiten Weltkriegs gefangen genommen wurde, war die Welt, in der er jahrelang Macht über andere Menschen ausgeübt hatte, zusammengebrochen. Keine SS-Uniform konnte ihn mehr schützen. Keine Beförderung konnte ihn retten. Keine Vorgesetzten konnten seine Entscheidungen rückgängig machen. Doch bevor Moll in einem Gefängnis saß und auf sein Urteil wartete, war er einer der gefürchtetsten Männer im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gewesen. Überlebende beschrieben ihn als einen Mann, der Gewalt nicht nur ausübte, sondern sie in seinen Alltag einbaute. Er ließ Gefangene für kleinste Vergehen bestrafen, erschoss Menschen, die seiner Meinung nach nicht schnell genug arbeiteten, und war während der Massenvernichtung der ungarischen Juden im Jahr 1944 für die Krematorien und Verbrennungsanlagen verantwortlich. Später sollte er behaupten, in Auschwitz lediglich als Gärtner gearbeitet zu haben. Doch vor Gericht war seine Vergangenheit nicht mehr verschwunden zu lassen. Wenn du solche historischen Geschichten über die Täter und die Menschen hinter den Namen des NS-Lagersystems verfolgst, bleib bis zum Ende dabei. Denn Otto Molls Geschichte zeigt nicht nur, wie brutal ein einzelner SS-Mann handeln konnte, sondern auch, wie ein verbrecherisches System einem Menschen immer mehr Macht geben konnte, bis Gewalt für ihn zur täglichen Routine wurde.

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Otto Hermann Wilhelm Moll wurde am 4. März 1915 in Hohen Schönberg geboren, das damals zum Deutschen Kaiserreich gehörte. Seine Kindheit und Jugend lagen in einer Zeit großer politischer Veränderungen. Der Erste Weltkrieg, die Niederlage Deutschlands und der Zusammenbruch der Monarchie prägten die Generation, in die Moll hineinwuchs. Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, war Moll siebzehn Jahre alt. Deutschland verwandelte sich innerhalb weniger Jahre in eine Diktatur. Politische Gegner wurden verfolgt, die Gesellschaft gleichgeschaltet und Organisationen wie die SS gewannen immer mehr Macht. Moll erlernte zunächst einen völlig anderen Beruf. Er wurde Gärtner. Pflanzen, Gewächshäuser, Erde und landwirtschaftliche Arbeit sollten eigentlich sein berufliches Leben bestimmen. Doch 1935 traf er eine Entscheidung, die seinen Lebensweg dauerhaft verändern sollte. Am 30. Mai trat er der SS bei.

Die SS war zu diesem Zeitpunkt längst mehr als eine persönliche Schutztruppe Hitlers. Unter Heinrich Himmler entwickelte sie sich zu einem weitreichenden Machtapparat, der Polizei, Konzentrationslager und später große Teile des Vernichtungsapparates kontrollierte. Für Männer wie Moll bedeutete der Eintritt in die SS die Möglichkeit, innerhalb eines hierarchischen Systems aufzusteigen, das Loyalität gegenüber Hitler und ideologische Zuverlässigkeit belohnte. Moll wurde zunächst nicht als Massenmörder bekannt. Er spielte sogar Musik im SS-Spielmannszug und trat mit der Kapelle bei Veranstaltungen in Kasernen und im öffentlichen Raum auf. Doch ein schwerer Unfall veränderte sein Leben. Im Januar 1937 kollidierte während einer Fahrt der SS-Lastwagen, in dem sich Moll befand, mit einem anderen Fahrzeug. Moll wurde lebensgefährlich verletzt. Er erlitt einen Schädelbruch und verlor ein Auge. Später wurde vermutet, dass die Verletzung auch Auswirkungen auf seine Persönlichkeit gehabt haben könnte. Doch selbst wenn seine Verletzungen psychische Folgen hatten, können sie seine späteren Entscheidungen nicht erklären oder entschuldigen. Gewalt wurde von ihm nicht nur erlitten. Er gab sie später selbst weiter.

Ab 1938 arbeitete Moll im Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort erhielt er die Leitung eines Gärtnerkommandos. Ausgerechnet die Arbeit mit Pflanzen führte ihn damit in ein System, in dem Menschen als Häftlinge ihrer Freiheit beraubt und zur Zwangsarbeit gezwungen wurden. In Sachsenhausen arbeitete Moll unter Vorgesetzten, die später ebenfalls zentrale Rollen im Konzentrationslagersystem übernehmen sollten. Einer von ihnen war Rudolf Höß. Höß wurde später Lagerkommandant von Auschwitz. Als der Zweite Weltkrieg begann, veränderte sich die Funktion der Konzentrationslager erneut. Am 1. September 1939 griff Deutschland Polen an. Der Krieg wurde von Anfang an von Besatzung, Terror und Verfolgung begleitet. Polen wurde geteilt und unter deutsche Herrschaft gestellt. Die Zahl der Verhaftungen stieg. Gefängnisse waren überfüllt. Die nationalsozialistischen Behörden suchten neue Orte, an denen Gefangene eingesperrt und zur Arbeit gezwungen werden konnten. Einer dieser Orte sollte Auschwitz werden.

Im Frühjahr 1940 begann die Errichtung des Konzentrationslagers Auschwitz etwa sechzig Kilometer westlich von Krakau. Zunächst sollte das Lager vor allem der Inhaftierung polnischer politischer Gefangener dienen. Doch Auschwitz entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem riesigen Komplex aus Hauptlager, Außenlagern und dem Vernichtungszentrum Auschwitz-Birkenau. Die ersten dreißig deutschen Häftlinge trafen am 20. Mai 1940 aus Sachsenhausen ein. Sie waren deutsche Strafgefangene und trugen den grünen Winkel. In der Lagerhierarchie erhielten diese sogenannten „Grünen“ besondere Funktionen und übten teilweise selbst Gewalt gegenüber anderen Gefangenen aus. Kurz darauf trafen die ersten polnischen Häftlinge ein. Am 14. Juni 1940 wurde eine Gruppe von 728 Männern aus dem Gefängnis von Tarnów nach Auschwitz deportiert. Unter ihnen befanden sich Soldaten, Mitglieder des Widerstands, Schüler, Studenten und auch einige jüdische Polen. Sie erhielten die Häftlingsnummern 31 bis 758.

Für diese Männer begann ein Leben, in dem jede Kleinigkeit über Leben und Tod entscheiden konnte. Hunger, körperliche Arbeit, Krankheiten und Misshandlungen bestimmten den Alltag. Die SS wollte nicht nur Menschen einsperren. Sie wollte sie brechen. Arbeit sollte die Gefangenen erschöpfen. Strafen sollten sie einschüchtern. Die Lagerordnung sollte jede Hoffnung auf Widerstand zerstören. Auschwitz wurde in dieser frühen Phase noch nicht ausschließlich als Vernichtungsort betrieben. Doch die Entwicklung ging schnell. Die deutsche Besatzungspolitik radikalisierte sich. Aus Verfolgung wurde systematische Ausbeutung. Aus Ausbeutung wurde Massenmord. Und Männer wie Otto Moll bewegten sich innerhalb dieses Systems immer weiter nach oben.

Am 2. Mai 1941 wurde Moll von Rudolf Höß nach Auschwitz geholt. Er kam nicht allein. Seine zweite Ehefrau und seine beiden Kinder lebten mit ihm im Lagerkomplex. Seine erste Frau Elli hatte ebenfalls im Konzentrationslagersystem gearbeitet und war 1940 an einer Blutvergiftung gestorben. Nur kurze Zeit später heiratete Moll erneut. Während außerhalb der Lager die Welt im Krieg versank, führte die SS in Auschwitz ein Leben, das für die Täter oft erschreckend normal wirkte. Es gab Familien, Mahlzeiten, Freizeit und persönliche Beziehungen. Gleichzeitig wurden wenige Meter entfernt Menschen geschlagen, ausgehungert und getötet. Gerade dieser Kontrast ist ein wichtiger Teil der Geschichte. Die Täter mussten nicht ständig wie Monster aussehen. Sie konnten am Abend nach Hause gehen und am nächsten Morgen wieder entscheiden, welcher Gefangene bestraft werden sollte.

Die Häftlinge bemerkten Moll sofort. Wegen seines künstlichen Auges nannten sie ihn den „Zyklopen“. Ein Überlebender beschrieb später einen Mann mit kurz geschnittenem blondem Haar und einem Gesicht, in dem ein echtes und ein künstliches Auge nebeneinander lagen. Doch entscheidender als sein Aussehen war die Angst, die er verbreitete. Moll war nicht dafür bekannt, Gefangene lediglich zu beaufsichtigen. Überlebende schilderten ihn als besonders brutal. Er schlug Menschen, setzte Hunde ein und verhängte Strafen, die weit über jede angebliche Arbeitsdisziplin hinausgingen. Seine Stellung gab ihm die Möglichkeit, über den Alltag der Häftlinge zu bestimmen. Und er nutzte diese Macht.

Zunächst leitete Moll wieder ein landwirtschaftliches Kommando. Auf dem Papier ging es um Gemüse und Gartenarbeit. In Wirklichkeit bedeutete die Arbeit für die Gefangenen schwere körperliche Belastung unter Bedingungen, die kaum ein Mensch dauerhaft aushalten konnte. Ein ehemaliger Häftling erinnerte sich später daran, wie Moll einen Gefangenen bestrafte, der einige Zwiebelblätter genommen hatte. Für einen normalen Menschen wäre ein solches Verhalten belanglos gewesen. Im Lager konnte es tödliche Folgen haben. Moll soll den Mann zu einem Fass mit menschlichem Dünger gebracht und ihn darin untergetaucht haben. Danach musste der Gefangene weiterarbeiten. Am nächsten Tag erschien er nicht mehr. Für seine Kameraden war klar, dass er gestorben war. Ein Stück Gemüse war damit zum Anlass für ein Menschenleben geworden.

Auch die Kälte wurde unter Moll zu einem Instrument der Gewalt. Die Gefangenen mussten im Winter teilweise mit unzureichender Kleidung arbeiten. Moll soll sie gefragt haben, ob ihnen kalt sei. Natürlich antworteten sie mit Ja. Daraufhin zwang er nach der Erinnerung eines Überlebenden einen Häftling, im Kreis zu laufen. Ein Wachmann schoss auf den laufenden Mann. Solche Szenen konnten sich wiederholen. Die Gefangenen wussten, dass jede Aufforderung eine Falle sein konnte. Arbeit war nicht einfach Arbeit. Ein Fehler konnte den Tod bedeuten. Ein Blick konnte als Ungehorsam gelten. Ein Versuch, sich zu wärmen, konnte als Vergehen behandelt werden.

Im Juni 1942 erhielt Moll eine neue Aufgabe. Er wurde Leiter der Strafkompanie. Diese Funktion brachte ihn in unmittelbaren Kontakt mit Häftlingen, die aus Sicht der SS besonders schwer bestraft werden sollten. In die Strafkompanie konnten Menschen gelangen, denen Fluchtversuche vorgeworfen wurden, die Kontakt zu Zivilisten gehabt hatten oder Lebensmittel, Geld oder zusätzliche Kleidung besessen hatten. Für die Gefangenen war diese Einheit besonders gefürchtet. Sie mussten schwerste Arbeiten verrichten, waren isoliert und wurden ständig überwacht. Gewalt gehörte zum System. Moll war nun nicht mehr nur ein Aufseher. Er leitete einen Bereich, dessen Zweck darin bestand, Menschen durch Arbeit, Strafen und Misshandlungen zu zerstören.

Die Strafkompanie war mit Block 11 verbunden, einem der berüchtigtsten Bereiche von Auschwitz. Dort wurden Gefangene eingesperrt, verhört und bestraft. Das Lager entwickelte damit ein immer komplexeres System von Repression. Gleichzeitig wurde Auschwitz-Birkenau ausgebaut. Birkenau sollte später zum zentralen Vernichtungszentrum für die europäischen Juden werden. Als der Betrieb des Komplexes im Jahr 1942 ausgeweitet wurde, änderte sich auch Molls Rolle. Seine Tätigkeit sollte sich nun immer stärker mit dem Massenmord verbinden.

In Auschwitz-Birkenau begann für viele jüdische Deportierte der tödliche Weg bereits auf der Rampe. Die Menschen kamen in überfüllten Zügen an. Sie hatten häufig keine Ahnung, was sie erwartete. Familien wurden getrennt. Männer und Jungen standen auf der einen Seite, Frauen und Kinder auf der anderen. Ärzte und SS-Angehörige entschieden innerhalb kürzester Zeit, wer zur Zwangsarbeit geeignet erschien und wer sofort ermordet werden sollte. Alter, körperliche Verfassung und Arbeitsfähigkeit konnten über Leben und Tod entscheiden. Die meisten Menschen hatten keine Möglichkeit zu verstehen, was gerade geschah.

Die SS versuchte, die Täuschung bis zum letzten Moment aufrechtzuerhalten. Viele Deportierte glaubten, sie würden lediglich duschen oder desinfiziert werden. Wertgegenstände mussten abgegeben werden. Die Menschen sollten sich ausziehen und ihre Kleidung ordentlich zurücklassen. Dann wurden sie in Räume geführt, die als Duschen bezeichnet wurden. Tatsächlich waren sie Gaskammern. Zyklon B wurde eingesetzt, und innerhalb kurzer Zeit starben die Menschen. Ärzte und SS-Angehörige konnten den Vorgang von außen überwachen. Die Schreie der Opfer waren hörbar. Für die Menschen im Inneren war die Tür verschlossen. Es gab keinen Weg zurück.

Auch ältere, kranke und behinderte Menschen wurden systematisch getötet. Die SS nutzte Täuschung, um die Opfer möglichst widerstandslos an den Ort ihrer Ermordung zu bringen. Fahrzeuge mit Rotkreuzzeichen konnten dabei den Eindruck erwecken, medizinische Hilfe zu bringen. Tatsächlich wurden Menschen, die nicht mehr selbstständig gehen konnten, in den Tod gebracht. Die Gewalt war damit nicht nur körperlich. Sie beruhte auch auf einer systematischen Lüge. Die Opfer sollten bis zuletzt glauben, dass sie eine Behandlung, eine Dusche oder eine andere Form der Hilfe erwartete.

Moll wurde zunehmend mit den Tötungsanlagen in Verbindung gebracht. Überlebende berichteten von seiner Anwesenheit bei Selektionen und Transporten. Ein besonders erschütternder Bericht schildert, wie ein kleines Kind während eines Transports aus einem Fahrzeug fiel. Moll soll das Kind gepackt und getötet haben, bevor er die Leiche zurück zur Mutter werfen ließ. Solche Zeugenaussagen gehören zu den schwersten Teilen der Überlieferung über Auschwitz. Sie zeigen, wie weit die Entmenschlichung reichen konnte. Ein Kind wurde nicht mehr als schutzbedürftiger Mensch wahrgenommen, sondern als Hindernis innerhalb eines Mordapparates.

Im April 1943 wurde Moll mit dem Kriegsverdienstkreuz erster Klasse mit Schwertern ausgezeichnet. Diese Auszeichnung war keine Anerkennung für humanitäre Arbeit. Sie war Ausdruck der nationalsozialistischen Logik, in der Männer für ihren Einsatz innerhalb des Kriegs- und Unterdrückungsapparates geehrt werden konnten. Neben Moll erhielten nach dem Ausgangstext auch Rudolf Höß und Josef Klehr diese Auszeichnung. Das Bild, das dadurch entsteht, ist erschütternd: Ein Mann, der von Überlebenden als besonders grausam beschrieben wurde, erhielt innerhalb des Systems Anerkennung.

Von September 1943 bis Mai 1944 war Moll als Lagerleiter in den Auschwitz-Nebenlagern Fürstengrube und Gleiwitz I eingesetzt. Dort mussten Gefangene unter anderem an der Reparatur beschädigter Eisenbahnwaggons, im Straßenbau und bei Bauarbeiten arbeiten. Die Arbeit war schwer, die Schichten wurden immer länger. Ab dem Spätsommer 1944 mussten Häftlinge teilweise zwölf Stunden am Stück arbeiten. Wer erschöpft war, konnte trotzdem nicht einfach aufhören. Krankheit bedeutete keine Schonung. Die Lagerleitung erwartete Leistung, und Moll war dafür verantwortlich, diese Leistung mit allen verfügbaren Mitteln durchzusetzen.

Ein Überlebender namens Samuel Stöger erinnerte sich später an die Bestrafungen in Gleiwitz. Deutsche Vorarbeiter konnten Häftlinge bereits wegen kleinster Dinge melden. Wer versuchte, sich an einem Heizkörper aufzuwärmen, konnte bestraft werden. Wer Essensreste fand und aß, konnte als Dieb gelten. Moll verkündete die Urteile persönlich. Eine besondere Form der Bestrafung fand sonntags statt. Auf eigens dafür errichteten Bocktischen wurden Häftlinge ausgepeitscht. Die Zahl der Schläge konnte fünfzig erreichen. Für die Gefangenen war der Sonntag damit nicht der einzige Tag ohne Arbeit. Er wurde zu einem weiteren Tag der Angst.

Stöger berichtete außerdem, dass Moll Menschen selbst erschoss oder ihre Erschießung anordnete. In einem Fall wurde Stöger beim Kochen von Kartoffeln entdeckt. Moll glaubte, die Kartoffeln seien gestohlen worden. Der Gefangene versuchte zu erklären, woher sie stammten. Moll glaubte ihm nicht. Er schlug ihn, setzte seinen Hund auf ihn und befahl ihm anschließend, zur Freiheit zu laufen. Gemeint war der elektrische Stacheldrahtzaun. Stöger sollte auf den Zaun zulaufen und hinaufklettern. Von einem Wachturm wurden Schüsse abgegeben. Nur durch das Eingreifen eines anderen Verantwortlichen überlebte er.

Solche Geschichten zeigen, dass die Gewalt in den Außenlagern nicht nur aus zentralen Befehlen bestand. Sie wurde im Alltag von Menschen umgesetzt. Ein Stück Kartoffel konnte zum Todesurteil werden. Ein Versuch, sich zu wärmen, konnte als Verbrechen behandelt werden. Ein Gefangener konnte auf Befehl eines SS-Mannes in Richtung Zaun geschickt werden, obwohl alle wussten, dass dort auf ihn geschossen werden würde. Der Begriff „Lagerordnung“ konnte damit jede moralische Bedeutung verlieren. Es war ein System, in dem Willkür als Ordnung bezeichnet wurde.

Die Folgen waren verheerend. In Gleiwitz I starben Häftlinge durch Hunger, Krankheit, Misshandlungen und die schwere Arbeit. Menschen, die keine reguläre Arbeitszuweisung erhielten, mussten teilweise sinnlos schwere Lasten bewegen. Steine wurden von einem Ort zum anderen getragen und wieder zurück. Solche Tätigkeiten hatten keinen wirtschaftlichen Sinn. Sie dienten der Erschöpfung und Bestrafung. Arbeit wurde zum Werkzeug der Vernichtung.

Im Mai 1944 kehrte Moll nach Auschwitz-Birkenau zurück. Diesmal erhielt er eine Aufgabe, die ihn unmittelbar an das Zentrum der Massenvernichtung stellte. Rudolf Höß ernannte ihn zum Leiter der Krematorien. Zu diesem Zeitpunkt begann die systematische Deportation ungarischer Juden nach Auschwitz. Die Dimension dieser Transporte war enorm. Innerhalb weniger Wochen wurden Hunderttausende Menschen aus Ungarn deportiert. Für die SS stellte sich ein praktisches Problem: Die vorhandenen Krematorien konnten die große Zahl der Leichen nicht schnell genug beseitigen.

Moll reagierte darauf mit einer brutalen Lösung. Neben den Krematorien wurden offene Verbrennungsgruben vorbereitet. Dort konnten Leichen verbrannt werden, wenn die Öfen nicht ausreichten. Ein spezielles System sollte dabei helfen, das aus den Körpern austretende Fett aufzufangen und erneut ins Feuer zu geben. Das Ziel war nicht nur die Tötung. Auch die Beseitigung der Spuren wurde organisiert. Mord und Leichenverbrennung wurden Teil eines einzigen technischen Ablaufs.

Zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli 1944 wurden rund 424.000 ungarische Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Menschen kamen in Transportzügen an und wurden unmittelbar nach der Ankunft selektiert. Der größte Teil derjenigen, die nicht als arbeitsfähig eingestuft wurden, wurde ermordet. Für die SS bedeutete dies eine enorme logistische Aufgabe. Für die Opfer bedeutete es die vollständige Zerstörung ihrer Familien. Eltern verloren ihre Kinder. Kinder verloren ihre Eltern. Menschen, die noch wenige Stunden zuvor ein normales Leben geführt hatten, wurden in den Vernichtungsprozess gezwungen.

Überlebende berichteten, dass Moll häufig in der Nähe der Verbrennungsgruben auftauchte. Einige Zeugenaussagen beschrieben besonders grausame Handlungen gegenüber Kindern und Frauen. Andere schilderten, wie er Menschen persönlich erschoss. Der Ausgangstext berichtet auch, dass Moll Kinder mit Süßigkeiten von ihren Müttern weglockte. Solche Berichte sind schwer zu lesen, aber sie verdeutlichen die besondere Grausamkeit der Täuschung: Selbst eine Geste, die normalerweise mit Fürsorge verbunden ist, konnte in diesem Umfeld Teil eines Mordes werden.

Moll war außerdem für das jüdische Sonderkommando verantwortlich. Diese Häftlinge wurden gezwungen, in den Krematorien zu arbeiten. Sie mussten Leichen aus den Gaskammern entfernen und die Überreste beseitigen. Für die Mitglieder des Sonderkommandos war diese Arbeit eine extreme Form der Zwangsarbeit. Sie mussten täglich mit den Folgen des Massenmords umgehen und wussten gleichzeitig, dass auch ihr eigenes Leben jederzeit beendet werden konnte.

Die Häftlinge gaben Moll einen Namen, der seine Rolle in ihrer Erinnerung ausdrückte: „Schweinemetzger“. Für sie war er kein normaler Vorgesetzter. Er war jemand, der über Leben und Tod entschied und Gewalt als Werkzeug einsetzte. Ein Überlebender erklärte später, Moll sei so genannt worden, weil er für die Gefangenen jede Menschlichkeit verloren habe. Dieser Name blieb an ihm haften.

Ein weiterer Bericht schilderte die Bestrafung eines Häftlings, bei dem Moll einen Goldring und eine Uhr gefunden haben soll. Der Gefangene hieß Labe und war erst zwanzig Jahre alt. Nach der Zeugenaussage wurde er mit Benzin übergossen und in einen Krematoriumsofen gesperrt. Danach wurde er aus dem Ofen geholt und sollte im Hof herumlaufen und sich selbst als Dieb bezeichnen. Schließlich wurde er zum Zaun geschickt und dort erschossen. Ob jedes Detail solcher Zeugenaussagen heute mit letzter Sicherheit rekonstruiert werden kann, muss die historische Forschung jeweils anhand der Quellen prüfen. Unbestreitbar ist jedoch, dass Moll zu den SS-Männern gehörte, die im Umfeld der Krematorien von Auschwitz eine zentrale und äußerst brutale Funktion innehatten.

Moll war auch als Schütze gefürchtet. Überlebende des Sonderkommandos berichteten, dass er Häftlinge selbst aus größerer Entfernung erschossen habe. Für die Menschen im Lager bedeutete das, dass selbst der Abstand keine Sicherheit bot. Ein Häftling konnte arbeiten und plötzlich erkennen, dass ein SS-Mann ihn beobachtete. Ein einziger Schuss konnte folgen. Es gab keine Verhandlung, keinen Richter und keine Möglichkeit, seine Sicht darzustellen.

Philip Müller, ein slowakischer Überlebender des Sonderkommandos, berichtete später von verschiedenen grausamen „Spielen“, die Moll angeordnet haben soll. Dazu gehörte das sogenannte Froschschwimmen. Häftlinge wurden gezwungen, in einem Löschbecken zu schwimmen, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. Andere mussten bei einem sogenannten Ziegelspiel unter Zeitdruck Ziegel zerbrechen. Wer verlor, konnte erschossen werden. Solche Berichte zeigen, wie Gewalt und Willkür miteinander verbunden wurden. Für die Täter konnte daraus ein „Spiel“ werden. Für die Gefangenen war es eine Frage des Überlebens.

Im Sommer 1944 endete die große Vernichtungsaktion gegen die ungarischen Juden. Doch der Krieg war noch lange nicht vorbei. Die sowjetische Armee rückte immer weiter nach Westen vor. Die deutsche Führung wusste, dass Auschwitz irgendwann evakuiert werden musste. Im Januar 1945 begann die SS, den Lagerkomplex zu räumen. Zehntausende Häftlinge wurden unter Bewachung nach Westen getrieben. Diese Märsche gingen als Todesmärsche in die Geschichte ein. Hunger, Kälte und Erschöpfung forderten unzählige Opfer.

Moll wurde erneut eingesetzt. Er verließ Auschwitz und bewegte sich mit den SS-Einheiten nach Westen. Im Februar 1945 erreichte er den Lagerkomplex Kaufering, der zum Konzentrationslager Dachau gehörte. Dort sollte er eine neue Funktion übernehmen. Die Menschen, die er dort vorfand, waren bereits durch jahrelange Haft und Zwangsarbeit geschwächt. Viele lebten in primitiven Unterkünften. Die Lebensbedingungen waren katastrophal. Regen und Schnee drangen in die Erdhütten ein. Die Gefangenen schliefen auf Stroh am Boden. Krankheiten verbreiteten sich. Nahrung war knapp. Und Moll brachte seine alte Methode der Gewalt mit.

Doch diesmal sollte sein eigener Weg bereits auf das Ende zulaufen.

Denn die amerikanische Armee rückte näher.

Und die Männer, die jahrelang über Gefangene verfügt hatten, mussten plötzlich darüber nachdenken, was geschehen würde, wenn ihre Opfer erzählen konnten.

Moll ahnte wahrscheinlich, dass die Welt irgendwann Fragen stellen würde.

Aber er wusste noch nicht, dass einige dieser Fragen bald direkt an ihn gerichtet werden würden.

Und dass Menschen, die seine Gewalt überlebt hatten, vor einem Gericht über ihn sprechen würden.

FORTSETZUNG IN TEIL 2