TEIL 1 – DER WEG NACH STUTTHOF
Am 4. Juli 1946 war es in Danzig ungewöhnlich warm. Die Sonne stand über dem Hügel von Biskupia Górka, und schon Stunden vor dem angekündigten Termin strömten Menschen aus der Stadt und den umliegenden Orten zusammen. Niemand kam zu einem Fest. Niemand kam, um einen Sieg zu feiern. Sie kamen, um elf Menschen sterben zu sehen, die wegen ihrer Beteiligung an Verbrechen im Konzentrationslager Stutthof verurteilt worden waren. Unter ihnen befanden sich fünf Frauen. Eine von ihnen war vierundzwanzig Jahre alt und hieß Wanda Klaff. Noch wenige Monate zuvor hatte sie in einem Gefängnis gesessen und behauptet, sie habe nur ihre Pflicht erfüllt. Nun sollte sie öffentlich hingerichtet werden. Tausende Menschen warteten auf dem Hügel, während Sicherheitskräfte versuchten, die Menge unter Kontrolle zu halten. Doch um zu verstehen, wie eine junge Frau aus Danzig an diesen Ort gelangte, muss man weit zurückgehen. Denn Wanda Klaffs Geschichte begann nicht am Galgen. Sie begann Jahre zuvor mit einem scheinbar gewöhnlichen Mädchen, das in einer Stadt aufwuchs, die später Teil einer der dunkelsten Epochen Europas werden sollte. Wenn dich historische Geschichten über Menschen, Entscheidungen und die Folgen von Macht interessieren, bleib bis zum Ende dabei. Denn bei Wanda Klaff geht es nicht nur um eine Täterin und ihr Urteil. Es geht auch darum, wie ein System aus gewöhnlichen Menschen Werkzeuge der Gewalt machte – und wie manche von ihnen diese Rolle freiwillig annahmen.

Wanda Kalinski wurde am 6. März 1922 in der Freien Stadt Danzig geboren, dem heutigen Gdańsk in Polen. Ihre Eltern waren deutscher Herkunft. Ihr Vater Ludwig arbeitete bei der Eisenbahn. Die Familie gehörte nicht zu den mächtigen Kreisen der Stadt. Wanda wuchs in einer Zeit auf, in der politische Grenzen, wirtschaftliche Unsicherheit und nationale Spannungen das Leben vieler Menschen bestimmten. Sie besuchte die Schule und beendete ihre Ausbildung 1938. Sie war sechzehn Jahre alt. Für ein junges Mädchen bedeutete das zunächst nichts Außergewöhnliches. Sie suchte Arbeit und fand eine Stelle in einer Marmeladenfabrik. Sie arbeitete, verdiente Geld und lebte ein Leben, das auf den ersten Blick kaum etwas mit dem kommenden Krieg zu tun hatte. Doch Europa bewegte sich bereits auf eine Katastrophe zu. In Deutschland hatte das nationalsozialistische Regime seine Macht gefestigt. Propaganda bestimmte den öffentlichen Raum. Menschen wurden nach Herkunft, politischer Haltung und vermeintlicher Loyalität bewertet. Gewalt war nicht länger nur etwas, das am Rand der Gesellschaft existierte. Sie wurde zunehmend zu einem Werkzeug des Staates.
Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Danzig wurde Teil des nationalsozialistischen Machtbereichs. Die Besatzung veränderte das Leben der Menschen radikal. Was zuvor noch wie politische Propaganda gewirkt hatte, wurde nun Realität. Menschen wurden verhaftet, deportiert und zur Arbeit gezwungen. Besonders die polnische Intelligenz, politische Gegner und Angehörige gesellschaftlicher Gruppen, die das Regime als Bedrohung betrachtete, gerieten ins Visier. Gleichzeitig entstand ein riesiges Netz aus Gefängnissen, Zwangsarbeitslagern und Konzentrationslagern. Diese Orte waren keine gewöhnlichen Haftanstalten. Sie dienten der Einschüchterung, Ausbeutung und Vernichtung. Die Gewalt wurde organisiert. Zuständigkeiten wurden verteilt. Befehle wurden weitergegeben. Menschen wurden zu Nummern und Arbeitskräften reduziert. Einer dieser Orte war Stutthof.
Stutthof wurde am 2. September 1939 eingerichtet, nur einen Tag nach dem deutschen Angriff auf Polen. Das Lager lag in einem Waldgebiet östlich von Danzig. Seine Entfernung zur Stadt betrug ungefähr fünfunddreißig Kilometer. Anfangs war es Teil der Verfolgung polnischer Eliten. Mit der Zeit entwickelte sich Stutthof zu einem großen Konzentrationslagersystem mit zahlreichen Außenlagern. Tausende Menschen wurden dorthin deportiert. Die Gefangenen kamen aus verschiedenen europäischen Ländern. Viele waren Polen, später nahm der Anteil jüdischer Häftlinge stark zu. Männer, Frauen und Kinder wurden unter Bedingungen festgehalten, die von Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, Gewalt und permanenter Angst geprägt waren. Typhusepidemien forderten zahlreiche Opfer. Wer zu krank oder zu schwach für die Arbeit war, konnte zur Ermordung bestimmt werden. Ab 1944 wurden auch Gaskammern eingesetzt. Stutthof war damit nicht nur ein Ort der Gefangenschaft, sondern Bestandteil der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.
Das Lager benötigte Personal. SS-Männer übernahmen Bewachung und Verwaltung. Ab 1943 kamen zusätzliche Hilfskräfte hinzu. Für die Bewachung von Frauen wurden außerdem weibliche Aufseherinnen eingesetzt. Ihre Herkunft war unterschiedlich. Einige hatten zuvor als Hausangestellte, Friseurinnen, Straßenbahnschaffnerinnen oder Lehrerinnen gearbeitet. Manche wurden angeworben, andere meldeten sich freiwillig. In Zeitungsanzeigen wurde Frauen vermittelt, dass sie durch ihren Dienst ihre Pflicht gegenüber dem Reich erfüllen könnten. Die Ideologie hatte viele junge Menschen bereits während ihrer Schulzeit erreicht. Organisationen wie der Bund Deutscher Mädel dienten der politischen und gesellschaftlichen Indoktrination. Für manche Frauen war die Arbeit in den Lagern attraktiv, weil sie regelmäßiges Einkommen und bessere Bedingungen als andere verfügbare Arbeitsplätze versprach. Das bedeutete jedoch nicht, dass jede Aufseherin dieselbe Motivation oder dieselbe Brutalität besaß. Doch wer sich für diese Tätigkeit entschied, trat in ein System ein, dessen Alltag von Gewalt geprägt war.
Wanda heiratete 1942 Willy Klaff. Aus Wanda Kalinski wurde Wanda Klaff. Nach der Hochzeit war sie zeitweise Hausfrau und arbeitete als Straßenbahnschaffnerin. Ihr Leben schien weiterhin weit entfernt von den Konzentrationslagern zu liegen. Doch 1944 veränderte sich alles. Die SS benötigte dringend mehr weibliches Personal. In und um Danzig wurden Frauen angeworben. Wanda Klaff trat ihren Dienst als Aufseherin an. Ihr erster Einsatz führte sie in das Außenlager Praust, das dem Stutthof-System unterstand. Später wurde sie in ein weiteres Außenlager versetzt, wo sie am 5. Oktober 1944 eintraf. Dort sollte sie etwa dreihundert weibliche Gefangene beaufsichtigen. Die Frauen mussten schwere Arbeiten verrichten, darunter das Verlegen und Reparieren von Gleisen. Es war eine Arbeit, die enorme körperliche Kräfte erforderte. Die Häftlinge waren jedoch bereits durch Hunger, Krankheit, Schlafmangel und Misshandlungen geschwächt. Wer nicht mithalten konnte, riskierte die Rücksendung nach Stutthof.
Wanda Klaff war nach späteren Aussagen keine Aufseherin, die Gewalt nur widerwillig ausführte. Überlebende beschrieben sie als besonders brutal. Sie soll Frauen ohne erkennbaren Anlass geschlagen und getreten haben. Wenn Häftlinge nicht schnell genug arbeiteten, konnte sie sie bestrafen. Die Gewalt wurde Teil ihres Umgangs mit den Gefangenen. In ihren späteren Aussagen beschrieb sie selbst, wie Frauen ins Gesicht geschlagen oder mit einem Stock auf den Rücken geprügelt wurden. Wenn eine Gefangene danach immer noch nicht schnell genug arbeitete, konnte Klaff sie an einen SS-Mann übergeben, der die Misshandlung fortsetzte. Diese Aussagen sind besonders erschütternd, weil sie zeigen, dass Gewalt für sie nicht nur ein abstrakter Befehl war. Sie kannte die Folgen. Sie wusste, was geschah. Und dennoch setzte sie die Praxis fort.
Die Arbeit in den Außenlagern war für die Gefangenen ein täglicher Kampf gegen Erschöpfung. Die Frauen verlegten Gleise, reparierten Schienen und verrichteten körperlich schwere Aufgaben unter Bedingungen, die kaum Raum für Erholung ließen. Essen war knapp. Kleidung bot wenig Schutz. Krankheiten verbreiteten sich. Die SS entschied immer wieder, welche Gefangenen noch arbeitsfähig waren. Wer als zu schwach galt, wurde zurück nach Stutthof geschickt. Von dort aus konnten diese Menschen für den Tod bestimmt werden. Neue, jüngere oder kräftigere Gefangene kamen an ihre Stelle. Dieses Verfahren machte deutlich, wie vollständig der Mensch im Lagersystem auf seine Arbeitskraft reduziert wurde. Nicht mehr die Frage, wer jemand war, bestimmte sein Schicksal, sondern die Frage, ob sein Körper noch für die Arbeit genutzt werden konnte.
Klaff gab später an, ungefähr hundert Frauen persönlich für solche Selektionen ausgewählt zu haben. Sie erklärte außerdem, dass sie nach etwa einer Woche erfahren habe, was mit den zurückgeschickten Frauen geschah. Sie wusste, dass viele von ihnen in Stutthof ermordet wurden. Die Selektionen fanden regelmäßig statt. Die erschöpften Gefangenen wurden aussortiert und durch neue Arbeitskräfte ersetzt. Damit wurde aus dem Lager ein System, das sich selbst ständig erneuerte. Menschen wurden deportiert, ausgebeutet und getötet, während neue Häftlinge ihre Plätze einnahmen. Für eine Aufseherin wie Klaff bedeutete das, dass sie nicht nur am Rand dieses Systems stand. Sie war Teil eines Mechanismus, der über Leben und Tod entschied.
Der Winter wurde härter. In den Lagern bedeutete Kälte zusätzliche Gefahr. Ein kranker Körper konnte die niedrigen Temperaturen kaum überstehen. Hunger schwächte die Menschen weiter. Wer sich nicht schnell genug bewegte, riskierte Bestrafung. Wer krank wurde, konnte als unnütz gelten. Die Gefangenen lebten in einer Welt, in der selbst ein kleiner Fehler tödliche Konsequenzen haben konnte. Gleichzeitig führten die Wachmannschaften ihren Alltag fort. Für die Aufseherinnen bedeutete dies Schichten, Befehle, Kontrollen und Appelle. Das Unfassbare wurde zur Routine. Menschen wurden geschlagen, weggeführt oder zurückgeschickt. Für die Täter konnte danach der Dienst beendet sein. Für die Opfer bedeutete jeder einzelne Tag eine neue Prüfung.
Wanda Klaff bewegte sich innerhalb dieses Systems zunehmend sicher. Nach späteren Zeugenaussagen gehörte sie zu den Aufseherinnen, die ihre Macht gegenüber den Häftlingen bewusst einsetzten. Sie konnte entscheiden, wen sie bestrafte, wen sie meldete und wer als nicht arbeitsfähig galt. In einem System ohne wirksame Kontrolle war die Grenze zwischen Befehl und persönlicher Grausamkeit oft kaum noch zu erkennen. Gerade darin lag eine der Gefahren des Konzentrationslagersystems. Die SS schuf eine Umgebung, in der Gewalt erwartet und belohnt wurde. Doch die Existenz von Befehlen bedeutete nicht, dass jeder einzelne Schlag automatisch befohlen wurde. Menschen trafen eigene Entscheidungen. Manche nutzten ihre Stellung besonders brutal.
Stutthof wuchs während des Krieges weiter. Insgesamt durchliefen nach den im Ausgangsmaterial genannten Schätzungen ungefähr hunderttausend Menschen das Lager und seine Außenlager. Mehr als sechzigtausend starben. Weitere Gefangene wurden in andere Konzentrationslager deportiert. Besonders 1944 stieg die Zahl der jüdischen Häftlinge. Eine größere Gruppe kam aus Auschwitz. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Frauen. Für diese Menschen war Stutthof nur eine weitere Station in einem System, das bereits unzählige Leben zerstört hatte. Viele hatten ihre Familien verloren. Manche waren zuvor aus ihren Heimatorten deportiert worden. Andere hatten bereits mehrere Lager durchlaufen. Stutthof bedeutete für sie neue Zwangsarbeit und neue Gefahr.
Im Juni 1944 begann die SS in Stutthof mit Vergasungen. Gaskammern wurden eingesetzt. Nach den Angaben des Ausgangstextes wurden ungefähr viertausend Häftlinge, darunter jüdische Frauen und Kinder, dort ermordet. Auch kranke und verletzte Gefangene waren nicht sicher. Im Revier konnten Menschen durch tödliche Injektionen ermordet werden. Das Lager funktionierte wie eine Maschine, in der unterschiedliche Formen der Gewalt ineinandergreifen konnten. Zwangsarbeit, Hunger, Krankheit, Selektion und direkte Tötung waren keine voneinander unabhängigen Vorgänge. Sie ergänzten sich. Wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde aussortiert. Wer krank war, konnte sterben. Wer sich widersetzte, wurde bestraft. Und wer die Arbeit überlebte, blieb weiterhin dem Terror ausgesetzt.
Klaff verbrachte nur einen begrenzten Zeitraum in dem Außenlager, in dem sie die rund dreihundert Frauen beaufsichtigte. Doch dieser Zeitraum reichte aus, um Spuren zu hinterlassen, die Jahrzehnte später noch in Zeugenaussagen auftauchten. Für die Gefangenen waren sechzehn Wochen eine Ewigkeit. Für die Aufseherin waren es sechzehn Wochen Dienst. Diese unterschiedlichen Perspektiven machen die Geschichte besonders erschütternd. Während eine Häftlingsfrau jeden Morgen mit der Angst aufwachte, ob sie den Tag überleben würde, konnte eine Aufseherin ihren Dienst beenden und in eine Unterkunft zurückkehren. Das Lager trennte die Täter und Opfer nicht nur durch Zäune und Uniformen. Es trennte sie durch eine völlig unterschiedliche Wahrnehmung dessen, was ein menschliches Leben wert war.
Dann begann sich der Krieg zu wenden. Die deutsche Front brach zusammen. Die sowjetische Armee rückte immer weiter nach Westen vor. Für die SS bedeutete dies, dass das Stutthof-System nicht mehr sicher war. Im Januar 1945 begann die Evakuierung. Die Gefangenen mussten das Lager verlassen. Für viele wurde daraus ein Todesmarsch oder eine Fahrt unter Bedingungen, die kaum jemand überleben konnte. Wer zurückblieb, war besonders gefährdet. Die SS wollte Spuren ihrer Verbrechen beseitigen und gleichzeitig verhindern, dass die Gefangenen von der heranrückenden Roten Armee befreit wurden.
Die Evakuierung wurde zu einer Katastrophe. Menschen waren bereits ausgehungert und krank. Sie mussten sich dennoch bewegen. Wer nicht mehr laufen konnte, blieb zurück oder wurde getötet. Später wurden Gefangene auch auf dem Seeweg abtransportiert. Das Lagersystem zerfiel, aber die Gewalt hörte nicht auf. Nach den Angaben des Ausgangstextes starben während der Evakuierung mehr als fünfundzwanzigtausend Menschen. Das bedeutete ungefähr jeden zweiten Häftling, der in dieser Phase evakuiert wurde. Für die Überlebenden bedeutete das Ende des Krieges noch lange nicht das Ende ihrer Erinnerungen.
Wanda Klaff floh im Januar 1945 aus dem Lagerbereich. Sie kehrte nach Danzig zurück und lebte zunächst in der Wohnung ihrer Eltern in der damaligen Marinarki-Polsky-Straße. Vielleicht glaubte sie, die Vergangenheit hinter sich lassen zu können. Vielleicht hoffte sie, dass niemand wissen würde, was sie getan hatte. Der Krieg hatte die Stadt verändert. Die politische Ordnung war zusammengebrochen. Viele Menschen versuchten, irgendwo Schutz zu finden. Klaff war nun keine Aufseherin mehr. Sie trug keine Uniform. Sie hatte keinen direkten Zugriff mehr auf Gefangene. Aber ihre Vergangenheit war nicht verschwunden.
Am 9. Mai 1945 wurde Stutthof von sowjetischen Truppen befreit. Nur noch eine kleine Zahl von Gefangenen befand sich im Lager, viele andere waren bereits evakuiert worden. Die Soldaten fanden Menschen, die kaum noch Kraft hatten. Das Lager selbst wurde zum Ort der Erinnerung und der Beweissicherung. Was dort sichtbar wurde, bestätigte das Ausmaß der Verbrechen. Die Überlebenden konnten erzählen. Sie konnten Namen nennen. Sie konnten Aufseher beschreiben. Und irgendwann würde auch Wanda Klaffs Name in diesen Aussagen auftauchen.
Wann genau sie verraten wurde, ließ sich später nicht eindeutig klären. Vielleicht erkannte sie jemand. Vielleicht berichtete ein Nachbar über ihre Vergangenheit. Vielleicht hatte jemand aus dem Kreis ehemaliger Gefangener ihren Aufenthaltsort erfahren. Fest stand nur: Am 11. Juni 1945 wurde sie in der Wohnung ihrer Eltern verhaftet. Die Frau, die wenige Monate zuvor noch über andere Menschen Macht ausgeübt hatte, war nun selbst Gefangene. Sie wurde in Haft gebracht. Kurz darauf erkrankte sie an Typhus.
Ihre Krankheit verzögerte den Weg zum Prozess, änderte aber nichts an ihrem Schicksal. Inzwischen wurden die Verbrechen von Stutthof systematisch untersucht. Zeugen wurden befragt. Dokumente wurden gesammelt. Ehemalige Häftlinge wurden ausfindig gemacht. Die britischen und polnischen Behörden arbeiteten daran, Verantwortliche vor Gericht zu stellen. Der erste Stutthofprozess begann am 25. April 1946. Unter den Angeklagten befanden sich Männer und Frauen aus dem Lagerpersonal. Wanda Klaff musste sich nun den Aussagen jener Menschen stellen, die sie während des Krieges beherrscht hatte.
Während des Prozesses zeigte sich eine Haltung, die viele Beobachter später als erschreckend beschrieben. Einige der Angeklagten wirkten nicht wie Menschen, die die Dimension der gegen sie erhobenen Vorwürfe verstanden hatten. Es wurde gelacht und gekichert. Die Atmosphäre erinnerte teilweise eher an eine Gruppe ehemaliger Kolleginnen als an Menschen, die wegen schwerer Verbrechen vor Gericht standen. Wanda Klaff selbst versuchte nicht, sich vollständig von ihrer Tätigkeit zu distanzieren. Im Gegenteil: Ihre Aussagen waren teilweise belastend.
Sie behauptete, intelligent zu sein.
Sie erklärte, sie habe ihre Arbeit im Lager sehr ernst genommen.
Und sie sagte, sie habe mindestens zwei Häftlinge pro Tag geschlagen.
Ein Satz, der später in den Berichten über den Prozess immer wieder auftauchte.
Für die Überlebenden musste diese Aussage unerträglich gewesen sein. Menschen hatten ihre Familien verloren. Sie hatten Hunger und Krankheit erlebt. Sie hatten Kameraden sterben sehen. Manche hatten ihre Kinder verloren. Und nun saß eine ehemalige Aufseherin vor Gericht und sprach über Schläge, als wären sie Teil eines gewöhnlichen Arbeitstages gewesen. Doch hinter jedem solchen Satz standen Menschen, deren Namen vielleicht nie wieder bekannt wurden.
Die Anklage legte Zeugenaussagen vor. Frauen beschrieben die Gewalt. Andere schilderten die Selektionen. Es wurde deutlich, dass die Aufseherinnen nicht nur Zuschauerinnen des Lagersystems gewesen waren. Sie konnten Häftlinge schlagen, melden und bestrafen. Sie konnten zur Atmosphäre des Terrors beitragen. Wanda Klaff musste sich mit einer Tatsache auseinandersetzen, die sie während ihrer Tätigkeit vermutlich verdrängt hatte: Die Menschen, die sie damals kontrollierte, waren nun diejenigen, die über ihre Taten berichteten.
Am 31. Mai 1946 endete der Prozess. Mehrere Angeklagte wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod verurteilt. Unter ihnen befanden sich fünf Frauen. Wanda Klaff war eine von ihnen. Gemeinsam mit Gerda Steinhoff, Elisabeth Becker, Eva Paradies und einer weiteren Angeklagten erhielt sie das Todesurteil. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Die Frau, die einst hinter einem Stacheldrahtzaun gestanden hatte, stand nun selbst hinter Gittern. Doch die Geschichte war noch nicht vorbei. Denn das Urteil sollte nicht in einer stillen Gefängniszelle vollstreckt werden. Es sollte öffentlich sein.
Und während Wanda Klaff im Gefängnis auf den Tod wartete, begann in Danzig bereits die Vorbereitung auf eine Hinrichtung, die zu einem der bekanntesten öffentlichen Exekutionsereignisse im Polen der Nachkriegszeit werden sollte.
FORTSETZUNG IN TEIL 2


