TEIL 1 – DER ARZT, DER HITLERS VERTRAUEN GEWANN
Wenn ein Arzt einem Menschen gegenübersteht, der nicht mehr geheilt werden kann, beginnt normalerweise die schwierigste Aufgabe seines Berufs: Leiden zu lindern, Würde zu bewahren und Leben zu schützen. Karl Brandt sollte später behaupten, genau das getan zu haben. Doch zwischen seiner Überzeugung und der Realität lagen Tausende Tote. Was zunächst mit medizinischen Entscheidungen begann, verwandelte sich unter der nationalsozialistischen Diktatur in ein staatlich organisiertes System der Zwangssterilisation, der Tötung von Menschen mit Behinderungen und schließlich in medizinische Experimente an wehrlosen Häftlingen. Brandt war nicht irgendein Arzt am Rand dieses Systems. Er gehörte zu den Männern, die Adolf Hitler persönlich vertraute und die an zentraler Stelle an der Organisation der sogenannten „Euthanasie“ beteiligt waren. Wenn du verstehen möchtest, wie ein Arzt vom angesehenen Mediziner zum Angeklagten wegen Kriegsverbrechen wurde, dann begleite diese Geschichte bis zu ihrem letzten Moment.

Karl Brandt wurde am 8. Januar 1904 in Mülhausen im Elsass geboren, das damals zum Deutschen Kaiserreich gehörte. Sein Vater war Offizier der preußischen Armee. Damit wuchs Brandt in einem Umfeld auf, in dem Disziplin, Gehorsam und militärische Pflichterfüllung einen hohen Stellenwert besaßen. Die Medizin sollte zunächst sein eigenes Lebensprojekt werden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begann er 1922 ein Medizinstudium in Jena und setzte seine Ausbildung später in München, Berlin und Freiburg fort. 1928 wurde er Facharzt für Medizin und Chirurgie. Sein besonderes Interesse galt Verletzungen des Kopfes und der Wirbelsäule. Ein Jahr später promovierte er.
Brandts berufliche Laufbahn hätte damit den Weg eines angesehenen deutschen Arztes nehmen können. Doch Deutschland der frühen dreißiger Jahre war kein normales Land. Die Weltwirtschaftskrise hatte Millionen Menschen arbeitslos gemacht. Armut und politische Gewalt prägten den Alltag. Viele Deutsche verloren das Vertrauen in die demokratischen Parteien der Weimarer Republik. Gleichzeitig verbreiteten nationalistische und antisemitische Bewegungen die Vorstellung, Deutschland sei nach dem Ersten Weltkrieg gedemütigt worden und brauche eine radikale politische Erneuerung. Die Nationalsozialisten verstanden es, diese Unzufriedenheit auszunutzen.
Brandt trat im Januar 1932 der NSDAP bei. Im folgenden Jahr schloss er sich der SA an. Im Juli 1934 trat er schließlich der SS bei. Seine politische Karriere entwickelte sich damit parallel zu seiner medizinischen Laufbahn. Für Brandt schien die nationalsozialistische Bewegung zunächst eine Möglichkeit zu sein, Teil eines neuen Deutschlands zu werden. Doch bald sollte sich zeigen, dass seine medizinischen Kenntnisse ihn für die Führung des Regimes besonders wertvoll machten.
Der entscheidende Wendepunkt kam im August 1933.
Hitlers Chefadjutant Wilhelm Brückner war auf einer Straße unterwegs, als er während der Fahrt die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Sein Wagen verunglückte schwer. Brückner erlitt unter anderem einen Schädelbruch, eine schwere Verletzung am Bein und eine massive Verletzung an einem Auge. Karl Brandt befand sich zufällig mit seinem Fahrzeug hinter ihm. Er stoppte, kümmerte sich um den Verletzten und brachte ihn in ein Krankenhaus nach Traunstein.
Dort wurde Brückner am Schädel operiert. Sein schwer beschädigtes Auge musste entfernt werden. Brandt blieb in den folgenden Wochen in seiner Nähe und überwachte seine Genesung. Für den Arzt war es zunächst eine medizinische Aufgabe. Für Hitler sollte dieser Vorfall jedoch zu einer persönlichen Begegnung mit Brandt führen.
Brückner war nicht irgendein Beamter. Als Chefadjutant kontrollierte er einen großen Teil der persönlichen Umgebung Hitlers. Er kannte die Männer, die den Diktator täglich umgaben, und hatte direkten Zugang zu ihm. Brückner sprach positiv über Brandt. Hitler wurde auf den Arzt aufmerksam.
Im Sommer 1934 ernannte Hitler Karl Brandt zu seinem Begleitarzt.
Von diesem Zeitpunkt an veränderte sich Brandts Leben grundlegend.
Er gehörte nun zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die Hitler regelmäßig aus nächster Nähe erlebten. Er war nicht nur Arzt, sondern Teil eines abgeschirmten Kreises, in dem politische Entscheidungen, private Gespräche und medizinische Fragen miteinander verbunden waren. Zusammen mit seiner Frau Anni Reborn, einer erfolgreichen deutschen Schwimmerin, verbrachte Brandt viel Zeit in Hitlers Umgebung.
Das Zentrum dieses Lebens war der Berghof auf dem Obersalzberg in Bayern.
Dort lebte Hitler während längerer Aufenthalte beinahe wie ein Fürst. Die Anlage war streng bewacht, doch innerhalb dieses abgeschirmten Bereichs gab es ein scheinbar normales gesellschaftliches Leben. Hitler empfing Gäste, sprach über Architektur, Kunst und Politik und ließ sich von seinen Vertrauten umgeben. Albert Speer war häufig dort. Martin Bormann kontrollierte einen großen Teil der organisatorischen Abläufe. Theodor Morell behandelte Hitler als Leibarzt. Und Karl Brandt gehörte ebenfalls zu diesem Kreis.
Brandt hatte damit etwas erreicht, was viele Ärzte niemals erreichen konnten.
Er hatte direkten Zugang zum mächtigsten Mann Deutschlands.
Dieser Zugang sollte ihm später Macht verleihen.
Aber er sollte ihn auch in eine Verantwortung führen, der er nicht mehr entkommen konnte.
Während Brandt in Hitlers Nähe aufstieg, entwickelte das nationalsozialistische Regime eine immer radikalere Vorstellung davon, welche Menschen als wertvoll und welche als „Belastung“ betrachtet werden sollten. Diese Ideen waren nicht erst mit Hitler entstanden. Schon Jahrzehnte zuvor hatten europäische und amerikanische Wissenschaftler über Eugenik und sogenannte Rassenhygiene diskutiert. Doch die Nationalsozialisten verwandelten solche Theorien in staatliche Politik.
Der Gedanke war erschreckend einfach.
Der Mensch sollte nach dem angeblichen Wert seines Erbguts beurteilt werden.
Menschen mit bestimmten Krankheiten oder Behinderungen galten in dieser Ideologie nicht mehr zuerst als Menschen, sondern als Träger unerwünschter Eigenschaften.
Das Regime behauptete, sie würden die Gesellschaft wirtschaftlich belasten.
Es behauptete, ihre Krankheiten könnten vererbt werden.
Und aus dieser Vorstellung entstand eine gefährliche Verbindung zwischen Medizin und Staatsgewalt.
1933 verabschiedete das NS-Regime das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Es ermöglichte Zwangssterilisationen bei Menschen, die nach nationalsozialistischer Definition als „erbkrank“ galten. Betroffen waren unter anderem Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie bestimmten körperlichen und geistigen Behinderungen. Auch Menschen, die als „asozial“ oder „minderwertig“ bezeichnet wurden, konnten ins Visier der Behörden geraten.
Etwa 400.000 Menschen wurden im nationalsozialistischen Deutschland zwangssterilisiert.
Damit war bereits eine Grenze überschritten.
Der Staat entschied nicht mehr nur darüber, welche Menschen Rechte besaßen.
Er griff in ihren Körper ein.
Und viele Ärzte machten dabei mit.
Brandt war einer von ihnen.
Seine medizinische Tätigkeit stand zunehmend im Dienst einer Ideologie, die menschliches Leben nach politischen und rassistischen Kriterien bewertete. Abtreibungen, die aus rassistischen oder eugenischen Gründen erwünscht waren, wurden unter bestimmten Umständen zugelassen, während Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen, die das Regime als „erbgesund“ und „arisch“ betrachtete, weiterhin streng verfolgt wurden.
Die Medizin war damit nicht länger ausschließlich eine Wissenschaft zum Schutz des Patienten.
Sie wurde zu einem Instrument des Staates.
Und Brandt bewegte sich immer tiefer in dieses System hinein.
Der nächste Schritt war noch radikaler.
Es ging nicht mehr darum, Menschen daran zu hindern, Kinder zu bekommen.
Es ging darum, bestimmte Menschen überhaupt nicht mehr leben zu lassen.
Im Jahr 1939 begann die nationalsozialistische Führung mit der Planung eines geheimen Tötungsprogramms gegen behinderte Kinder. Einer der zentralen Organisatoren war Philipp Bouhler, der Leiter der Kanzlei des Führers. Der zweite entscheidende Name war Karl Brandt.
Am 18. August 1939 wurde eine Meldepflicht eingeführt. Ärzte, Hebammen und Pflegepersonal mussten Säuglinge und kleine Kinder melden, bei denen bestimmte körperliche oder geistige Behinderungen festgestellt wurden.
Für Eltern konnte eine solche Meldung wie ein medizinischer Verwaltungsakt aussehen.
Doch dahinter stand etwas anderes.
Kinder, die in speziellen Einrichtungen aufgenommen wurden, sollten dort nicht geheilt werden.
Sie sollten sterben.
Zunächst waren es Säuglinge und Kleinkinder.
Später wurde die Altersgrenze ausgeweitet.
Eltern wurden teilweise davon überzeugt, dass ihre Kinder in besonderen Kliniken besser behandelt werden könnten. Manche glaubten tatsächlich, ihre Kinder würden dort medizinische Hilfe erhalten. In Wirklichkeit wurden viele von ihnen durch Medikamente getötet oder systematisch verhungern gelassen.
Das medizinische Personal wurde Teil eines Mordapparates.
Und die Sprache blieb bewusst medizinisch.
Patient.
Behandlung.
Verlegung.
Diagnose.
Tod.
Die Begriffe sollten verschleiern, was tatsächlich geschah.
Für das Regime war dies ein Test.
Wenn es möglich war, Menschen mit Behinderungen heimlich zu töten, konnte das System weiter ausgebaut werden.
Im Herbst 1939 unterzeichnete Hitler eine geheime Vollmacht, mit der beteiligte Ärzte und Mitarbeiter vor strafrechtlicher Verfolgung geschützt werden sollten. Das Dokument wurde rückdatiert, um den Eindruck zu erwecken, das Programm sei bereits zum Beginn des Krieges genehmigt worden.
Der Codename lautete „Aktion T4“.
Der Name stammte von der Adresse der Berliner Koordinierungsstelle in der Tiergartenstraße 4.
Dort liefen organisatorische Fäden zusammen.
Formulare wurden erstellt.
Transporte wurden geplant.
Opferlisten wurden ausgewertet.
Ärzte entschieden anhand von Akten über Leben und Tod.
Menschen wurden aus Heimen abgeholt und in spezielle Tötungsanstalten gebracht.
Zu den wichtigsten Tötungsorten gehörte Hadamar in Hessen.
Dort wurde eine Gaskammer eingerichtet, die wie ein Duschraum gestaltet war. Die Opfer wurden in das Gebäude geführt. Anschließend wurde Kohlenmonoxid eingeleitet.
Die Menschen starben.
Ihre Leichen wurden verbrannt.
Den Angehörigen wurden später gefälschte Sterbeurkunden geschickt.
Manchmal wurden sogar Todesursachen erfunden.
Eine Mutter konnte dadurch einen Brief erhalten, in dem stand, ihr Kind sei an einer Krankheit gestorben, obwohl es in einer Tötungsanstalt ermordet worden war.
Die Angehörigen sollten nicht wissen, was geschehen war.
Doch Gerüchte verbreiteten sich.
Menschen bemerkten, dass Bewohner aus Heimen plötzlich verschwanden.
Busse kamen.
Busse fuhren wieder.
Familien erhielten Nachrichten mit ähnlichen Formulierungen.
Und in Orten wie Hadamar wussten immer mehr Menschen, dass etwas nicht stimmte.
Der Geruch verbrannter Körper hing zeitweise über der Stadt.
Die Nationalsozialisten hatten versucht, den Mord bürokratisch zu verstecken.
Doch Tod lässt sich nicht vollständig verwalten.
Die Aktion T4 wurde schließlich öffentlich kritisiert. Geistliche, Angehörige und andere Gegner des Programms protestierten. Im August 1941 stoppte Hitler die zentrale Gasmordaktion offiziell.
Doch der Mord endete nicht.
Er wurde nur verändert.
Die Tötungen wurden dezentral fortgesetzt.
In Kliniken starben Menschen durch Überdosierungen.
Andere wurden verhungert.
Weitere Opfergruppen wurden einbezogen.
Auch jüdische Patienten und Zwangsarbeiter wurden Opfer.
Historiker gehen davon aus, dass im gesamten Komplex der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde etwa 250.000 Menschen ums Leben kamen.
Die Aktion T4 war damit nicht nur ein medizinisches Verbrechen.
Sie war eine Vorstufe der späteren Massenvernichtung.
Techniken wurden erprobt.
Personal wurde geschult.
Tötungszentren wurden eingerichtet.
Die Erfahrung mit Gaskammern und Leichenverbrennung konnte später in anderen Vernichtungsprogrammen genutzt werden.
Und mitten in diesem System stand Karl Brandt.
Er war kein unbedeutender Arzt.
Er war einer der Männer, die Hitler persönlich mit medizinischen Fragen betraut hatten.
Er hatte Zugang zur Macht.
Er konnte Entscheidungen beeinflussen.
Und er war bereit, die tödliche Ideologie des Regimes als medizinische Aufgabe zu betrachten.
Doch für Brandt sollte dies erst der Anfang sein.
Denn während in den Tötungsanstalten Menschen mit Behinderungen ermordet wurden, bereitete sich Deutschland auf einen Krieg vor, der Europa in ein riesiges Labor verwandeln sollte.
Medizinische Forschung bekam neue Prioritäten.
Soldaten mussten überleben.
Wunden mussten behandelt werden.
Medikamente mussten getestet werden.
Und die nationalsozialistische Führung wollte diese Forschung beschleunigen.
Nur stellte sie eine Frage nicht:
Was geschieht mit den Menschen, an denen experimentiert wird?
Die Antwort sollte in Konzentrationslagern gegeben werden.
Dort, wo Menschen keine Rechte mehr besaßen.
Dort, wo ein Arzt einen Häftling nicht als Patienten, sondern als Versuchsmaterial betrachten konnte.
Und dort sollte Karl Brandts Name erneut auftauchen.
Diesmal neben Experimenten, die für viele der Betroffenen tödlich endeten.
FORTSETZUNG FOLGT …

