Eines Abends stand ich am Gartentor meines Häuschens in Garmisch-Partenkirchen und reichte Siegfried, einem Obdachlosen, ein warmes Abendessen. Er war ein Mann um die 55, mit einem vom Leben gezeichneten Gesicht und einem gräulichen Bart, der ein schüchternes Lächeln verbarg. Siegfried lebte in der Umgebung des Viertels und war immer höflich, still und sehr dankbar. Doch plötzlich knallte die Stimme meiner Tochter Adelheid hinter mir, und ich ließ fast die Thermoskanne fallen.

Sie stand am Gartentor und schrie: „Vater, das ist nur ein Teller Essen! Es ist kalt draußen. Es kostet nichts zu helfen. “
Siegfried senkte die Augen und hielt die Schüssel mit beiden Händen, als wäre sie ein Schatz.
„Danke, Herr Gottfried. Gott vergelte es Ihnen. Ich gehe schon, um keine Probleme zu verursachen“, sagte er mit rauer Stimme und drehte sich zum Gehen. „Sie müssen nicht gehen, Siegfried“, rief ich, aber er beschleunigte seine Schritte und verschwand in der Dunkelheit.
Ich drehte mich zu Adelheid um und spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg. Sie stand mit verschränkten Armen da, dieser missbilligende Ausdruck, der in den letzten Wochen immer häufiger wurde. „Du bist viel zu naiv, Vater“, murrte sie und ging ins Haus. Ließ mich allein im Garten stehen.
“Großmutter sagt immer, man gibt ihnen die Hand und sie wollen den ganzen Arm. Gefährliche Leute vor unsere Tür, Vater, und wir werden bald zusammenziehen. Ich will Sicherheit für unsere Familie. ”
Ich atmete tief durch und versuchte, keinen Streit daraus zu machen.
Ich liebte Adelheid. Sie war fleißig, organisiert und schien mich auch zu lieben. Wir bereiteten den Umzug in eine größere Wohnung vor, und Stress war natürlich, aber diese Abneigung gegen Siegfried konnte ich nicht verstehen. Für mich war es selbstverständlich, dem Nächsten zu helfen.
In den folgenden Tagen ging die Routine weiter. Ich arbeitete zu Hause an meinen Holzschnitzereien, eine alte bayerische Tradition, die ich von meinem Vater gelernt hatte. Und wann immer vom Mittag- oder Abendessen etwas übrig blieb, stellte ich eine Portion beiseite. Siegfried bat nie um etwas.
Er ging nur vorbei. Es war an einem Dienstagnachmittag, als die Dinge seltsam wurden. Ich war in der Werkstatt, als ich ein Geräusch hörte. Ich öffnete die Tür und sah Siegfried, der hastig in einer Hecke verschwand.
Ich rief ihn, aber er antwortete nicht. Am nächsten Tag klingelte das Telefon. Eine fremde Stimme fragte nach Siegfried. Ich sagte, ich kenne ihn nicht gut.
Der Anrufer legte auf. Adelheid wurde immer unruhiger. Sie sprach von Einbruch und Sicherheitsmaßnahmen. Ich versuchte, sie zu beruhigen, aber sie hörte nicht.
Dann, eines Abends, klopfte es heftig an der Tür. Ich öffnete und stand Siegfried gegenüber. Sein Gesicht war bleich und er zitterte. „Herr Gottfried, Sie müssen aus diesem Haus raus.
Sie müssen damit aufhören. Es ist gefährlich. “
Mein Herz schlug schneller. „Was meinst du, Siegfried?
Was ist gefährlich? “
Er sah sich um und flüsterte: „Die Leute, die mich suchen. Sie werden auch kommen. Sie dürfen nicht wissen, dass Sie mir geholfen haben.
“
Bevor ich mehr fragen konnte, rannte er davon. Ich stand wie versteinert da. Adelheid war hinter mir aufgetaucht. „Siehst du, Vater?
Ich habe dir gesagt, dass er gefährlich ist. Wir müssen sofort die Polizei rufen. “
Ich schüttelte den Kopf. „Er braucht Hilfe, keine Anschuldigungen.
“
Am nächsten Morgen kam die Polizei. Sie fragten nach Siegfried. Sie sagten, er sei ein Zeuge in einem Fall, aber sie wollten nicht sagen, welcher. Sie warnten mich, vorsichtig zu sein.
Ich wusste nicht, was ich glauben sollte. Siegfried war immer freundlich gewesen. Aber warum kam die Polizei? Warum hatte er Angst?
Ich beschloss, Siegfried zu finden. Ich ging durch die Straßen, fragte in den Geschäften. Nichts. Dann, drei Tage später, lag ein Zettel unter meiner Tür.
Darauf stand: „Pass auf dich auf. Sie beobachten dich. Geh zur Bäckerei um die Ecke, wenn du Hilfe brauchst. — S.
“
Ich steckte den Zettel ein. Ich wusste nicht, wem ich trauen konnte. Adelheid drängte mich, den Umzug zu beschleunigen. Ich willigte ein, obwohl ich das Gefühl hatte, etwas Wichtiges zu ignorieren.
In der Nacht vor dem Umzug hörte ich ein Geräusch im Garten. Ich schlich zum Fenster. Ein Schatten bewegte sich zwischen den Bäumen. Dann verschwand.
Am nächsten Tag öffnete ich die Tür und fand eine kleine Holzfigur, eine Taube, auf der Schwelle. Sie war nicht von mir. Ich hob sie auf. In ihrer Unterseite war eine Nummer eingeritzt.
Ich rief die Nummer an. Eine Frau meldete sich. „Siegfried hat Ihnen das geschickt? Dann ist er in Gefahr.
Nur Sie können ihm helfen. Er ist versteckt in der alten Mühle am Fluss. Bitte, gehen Sie. “
Ich hielt das Telefon fest.
Mein Herz raste. Ich blickte zu Adelheid, die die Umzugskartons sortierte. Sie sah müde aus. Ich wusste, dass sie nicht verstehen würde.
Aber ich konnte Siegfried nicht im Stich lassen. Ich wartete, bis sie schlief, und schlich hinaus. Die Nacht war kalt. Die alte Mühle ragte dunkel vor mir auf.
Ich trat ein. Staub lag in der Luft. Ich rief leise: „Siegfried? “
Eine Stimme antwortete von oben: „Gottfried.
Du bist gekommen. Ich wusste, du würdest kommen. “
Ich ging die Treppe hinauf. Siegfried saß in einer Ecke.
Er war verletzt, aber lebendig. „Sie haben mich gefunden“, sagte er. „Die Männer, die mich suchen. Sie wollen mich tot.
Ich habe etwas gesehen, was ich nicht hätte sehen dürfen. “
„Was denn? “, fragte ich. „Einen Deal.
Drogen und Geld. Und ich kann beweisen, dass einer in der Stadtregierung dahintersteckt. “
Ich setzte mich neben ihn. „Wir müssen zur Polizei.
“
„Das geht nicht. Sie sind korrupt. Sie werden mich ausschalten. “
Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Aber in diesem Moment hörten wir Schritte unten. Siegfried legte einen Finger auf die Lippen. Die Türe flog auf. Zwei Männer standen im Licht.
„Da bist du ja, Siegfried. Und du hast Gesellschaft. “
Ich hob die Hände. Mein Herz schlug wild.
Ich sah Siegfried an. Er nickte mir zu. „Gottfried, renn! “, schrie er und warf eine Kiste nach den Männern.
Ich zögerte keine Sekunde. Ich rannte zur Tür. Schüsse knallten hinter mir. Ich warf mich in die Büsche und rannte weiter, bis ich außer Atem war.
Ich versteckte mich hinter einem Baum und keuchte. Ich hörte Motoren, die davonfuhren. Ich wagte nicht, zur Mühle zurückzukehren. Ich wankte nach Hause und rief die Polizei.
Diesmal gab ich die Adresse der Mühle an. Sie schickten Streifenwagen. Aber Siegfried war verschwunden. Die Männer ebenfalls.
Adelheid wachte auf, als ich hereinkam. „Vater, wo warst du? Du siehst furchtbar aus. “
Ich erzählte ihr alles.
Sie wurde blass. „Du hättest dich nicht einmischen sollen. Jetzt sind wir alle in Gefahr. “
Am nächsten Tag kamen sie.
Zwei Männer in Anzügen, nicht von der Polizei. Sie stellten sich als „Sicherheitsberater“ vor. Sie fragten nach Siegfried. Ich sagte, ich wisse nicht, wo er sei.
“Wir wissen, dass Sie ihm geholfen haben. Wir wissen, was er gesehen hat. Es wäre besser, wenn Sie keine Fragen stellen. ”
Sie gingen.
Aber sie hinterließen eine Visitenkarte mit einer Nummer. Ich rief die Nummer von der Taube an. Die Frau meldete sich. „Sind Sie sicher, dass Sie nicht verfolgt werden?
“, fragte sie. „Ich weiß nicht“, sagte ich. „Siegfried ist in Sicherheit. Er hat einen Unterschlupf.
Aber er braucht Beweise. Sie haben die Nummer. Sie können helfen. “
Sie erklärte mir, dass Siegfried Beweise für den Drogenhandel hatte, aber sie waren versteckt.
Sie brauchten meine Hilfe, um sie zu holen. Ich fühlte mich überfordert. Aber ich konnte nicht wegsehen. Ich meldete mich.
Ich fuhr zu einem Parkplatz am Stadtrand. Dort lag ein Paket in einem Mülleimer. Ich holte es heraus. Es enthielt Unterlagen und Fotos.
Ich brachte es zu der Frau, die sich als Anwältin herausstellte. Sie hieß Frau Lechner. Sie nahm die Unterlagen an. „Das reicht vielleicht, um eine Untersuchung einzuleiten.
Aber Siegfried muss noch einmal aussagen. “
Ich versprach, ihn zu finden. Aber wo? Er hatte keine feste Adresse.
Ich fragte mich herum. Schließlich erfuhr ich, dass er sich in einem verlassenen Gebäude am Fluss versteckte. Ich ging dorthin. Ich fand Siegfried.
Er war dünner geworden, aber lebendig. Er umarmte mich. „Du bist zurückgekommen“, sagte er. „Natürlich“, sagte ich.
„Wir müssen das zu Ende bringen. “
Siegfried ging zur Anwältin und gab eine Aussage ab. Die Beweise waren stark. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein.
Ein paar Wochen später wurden zwei Männer in der Stadtverwaltung festgenommen. Die Zeitungen schrieben darüber. Siegfried wurde nicht erwähnt. Adelheid saß am Tisch und las die Nachricht.
Sie sah auf. “Ihr habt das wirklich geschafft. ”
„Ja“, sagte ich. „Wir haben es geschafft.
“
Siegfried kam nie wieder zurück. Er hinterließ mir eine Nachricht: „Ich bin weitergezogen. Danke, dass du mir geglaubt hast. Pass auf dich auf.
“
Ich steckte die Nachricht in die Schreibtischschublade. Manchmal denke ich an ihn. Und ich weiß, dass ich richtig gehandelt habe.


