Ich stand in meiner Werkstatt und polierte die letzte Holzschnitzerei, als das Telefon klingelte. Ein Anruf von der Bank brachte mich fast zu Boden: „Herr Falkenstein, es geht um 180.000 Euro auf…

Ich stand in meiner Werkstatt und polierte die letzte Holzschnitzerei, als das Telefon klingelte. Ein Anruf von der Bank brachte mich fast zu Boden: „Herr Falkenstein, es geht um 180.000 Euro auf...

Ich stand in meiner Werkstatt und polierte gerade die letzte Holzschnitzerei des Tages, als das Telefon klingelte. Es war ein Donnerstagabend im November, der Regen prasselte gegen die Fenster meines kleinen Ateliers in Würzburg. Ich dachte, es wäre meine Tochter, aber die Stimme am anderen Ende ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Mein Name ist Benedikt Falkenstein.

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Ich bin 68 Jahre alt und lebe seit 45 Jahren in Würzburg. Früher war ich Holzbildhauer und Kunsthandwerker. Nach dem Tod meiner Frau Margarete vor acht Jahren habe ich meine Tochter Franziska allein großgezogen. Sie war damals gerade 20 geworden und studierte Betriebswirtschaft an der Universität Würzburg.

Ich verkaufte meine große Werkstatt in der Innenstadt und richtete mir eine kleine Werkstatt im Keller ein, um mehr Zeit für sie zu haben und ihr Studium zu finanzieren. Franzi, wie ich sie liebevoll nannte, war schon immer ein besonderes Mädchen. Klug, ehrgeizig, aber auch distanziert. Nach Margaretes Tod wurde sie noch kühler, als ob sie mir die Schuld am Tod ihrer Mutter geben würde.

Ich versuchte trotzdem alles, um ihr eine gute Zukunft zu ermöglichen. Ich verkaufte meine wertvollsten Schnitzereien, nahm einen Kredit auf und arbeitete Tag und Nacht in meiner Kellerwerkstatt, um Geld für ihr Studium, ihre Wohnung und ihre Träume zu verdienen. Als Franzi vor fünf Jahren ihr Studium abschloss und einen Job als Finanzberaterin bei der Sparkasse Meinfranken bekam, war ich stolz wie ein Pfau. Endlich würde sie ihr eigenes Leben aufbauen.

Sie zog in eine schicke Wohnung in der Domstraße, kaufte sich ein neues Auto und lebte ein Leben, das völlig anders war als meines. Wir telefonierten noch regelmäßig, aber die Besuche wurden seltener. Sie war beschäftigt, erklärte sie immer. Dann lernte sie einen Mann kennen, der ihr neuer Freund wurde.

Mir gefiel er von Anfang an nicht. Er war zu glatt, zu charmant, und seine Art, über Geld zu reden, machte mich misstrauisch. Aber ich schwieg, weil ich keine weitere Trennung von ihr riskieren wollte. An diesem Novemberabend, als ich den Hörer abhob, war es jedoch nicht Franzi am Telefon.

Es war eine fremde, weibliche Stimme. Sie stellte sich als Frau Merkle von der Bank vor. „Herr Falkenstein, ich rufe wegen eines dringenden Problems an. Es geht um mehrere Konten, auf denen Ihr Name als Kontoinhaber eingetragen ist.

Mein Herz fing an zu rasen. „Welche Konten? Ich habe nur ein Konto bei meiner Sparkasse. “

„Es geht um insgesamt 180.

000 Euro. Um 50. 000 Euro von einem Herrn Kellermann, 65. 000 Euro von Ihrem eigenen Konto und 65.

000 Euro von einem weiteren Konto. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass diese Konten heute kurz vor Feierabend auffällige Bewegungen aufwiesen. “

Ich verstand kein Wort. „Ich habe kein Geld außer meiner Rente und etwas Erspartem.

Was soll das bedeuten? “

Frau Merkle fuhr fort: „Herr Kellermann, 78 Jahre alt, hat angerufen, weil er erfahren hat, dass 50. 000 Euro von seinem Konto abgebucht wurden. Unsere Recherche zeigt, dass diese Überweisung unter Ihrer Identität als Nutzer erfolgte.

Ich muss Sie bitten, morgen früh in die Filiale zu kommen. “

Ich legte den Hörer auf und starrte die Wand an. Die Worte hallten in meinem Kopf: 180. 000 Euro, 50.

000 von Kellermann, 65. 000 meine Ersparnisse. Ich hatte gerade mal 3. 000 Euro auf meinem Konto.

In dem Moment begriff ich das Ausmaß der Sache: Jemand hatte meine Identität benutzt. Und es gab nur eine Person, die alle meine Daten kannte: meine Tochter Franzi. Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Am nächsten Morgen ging ich zur Bank.

Frau Merkle führte mich in einen Besprechungsraum. Auf dem Tisch lagen Kontoauszüge und Überweisungsbelege. Ich erkannte die Unterschriften nicht wieder, doch meine Daten waren überall verwendet worden. „Herr Falkenstein, Ihre Tochter arbeitet bei dieser Bank.

Es gab mehrere Überweisungen, die von Ihrem Namen ausgingen, aber technisch von internen Systemen ausgeführt wurden. Wir mussten das der Polizei melden. “

Ich schluckte. „Und Franzi?

Was ist mit ihr? “

„Ihre Tochter ist heute nicht zur Arbeit erschienen. Ihr Freund auch nicht. Wir versuchen, sie zu erreichen.

Ich saß da und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Meine eigene Tochter, für die ich alles geopfert hatte, hatte meinen Namen gestohlen und einen alten Mann um 50. 000 Euro betrogen. Und sie hatte mein Erspartes genommen, das ich für ihr Studium gespart hatte.

Ich musste handeln. Ich ging zur Polizei und erstattete Anzeige. Aber bevor ich das tat, rief ich Franzi an. Sie meldete sich, als wäre nichts gewesen.

„Papa, ich bin gerade beschäftigt. Kann ich dich später zurückrufen? “

„Franzi, ich weiß, was du getan hast. Ich habe heute mit der Bank gesprochen.

Es wurde still. Dann lachte sie kalt. „Ach, das alte Spiel? Du wolltest mich schon immer kontrollieren.

Du hast nie geglaubt, dass ich alleine klarkomme. “

„Es geht nicht um Kontrolle. Es geht um 180. 000 Euro.

Um Herrn Kellermanns Geld, um meine Ersparnisse. “

„Herr Kellermann? Der alte Knochen hat genug Geld. Er merkt es nicht mal.

“ Ihre Stimme klang so gleichgültig, dass mir übel wurde. „Bist du das ernsthaft? “

„Hör zu, Papa. Ich habe mein Leben satt.

Du hast mich nie verstanden. Ich nehme mir jetzt, was mir zusteht. Und du wirst nichts dagegen tun, denn wenn du es tust, dann verliere ich meinen Job, und dann bin ich für immer weg. “

Sie legte auf.

Ich stand im Flur und hielt das Telefon in der Hand, und in diesem Moment wusste ich: Ich hatte genug. Ich würde sie nicht mehr beschützen. Noch an demselben Tag ging ich zur Polizei und gab meine Aussage zu Protokoll. Ich zeigte die Kontoauszüge, die Bankbelege, alles.

Wochen später wurde Franzi festgenommen. Sie und ihr Freund hatten die Konten über Monate leergeräumt. Herr Kellermann bekam sein Geld zurück, weil die Bank ihre Fehler eingestand. Mein Erspartes war weg, aber das war mir egal.

Der wichtigste Sieg war die Wahrheit. Franzi wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Sie verlor ihren Job und ihre Wohnung. Sie zog zu mir zurück, aber unser Verhältnis war zerstört.

Sie saß Tag für Tag im Wohnzimmer und sah aus dem Fenster. Sie war nicht mehr die Tochter, die ich kannte, sondern eine Fremde, die sich erst nach und nach wieder an mich herantastete. Eines Abends, als ich in der Werkstatt arbeitete, kam sie zu mir. Sie stand in der Tür und weinte.

„Papa, es tut mir leid. Ich habe so viel kaputt gemacht. “

Ich legte den Hobel beiseite und sah sie an. „Ich weiß, Franzi.

Aber Vertrauen kann man nicht kaufen. Das muss man verdienen. “

Sie nickte und umarmte mich zum ersten Mal seit Jahren. Es war kein Ende voller Vergebung, aber es war ein Anfang.

Ich wusste, dass noch ein langer Weg vor uns lag – aber ich war bereit, ihn zu gehen, solange sie es auch war. Der Regen hatte aufgehört. Ich setzte mich an meinen Werkbank und schnitzte weiter – nicht weil ich es musste, sondern weil es mich am Leben hielt.

Und während ich die feinen Linien in das Holz zog, dachte ich daran, dass man die Fehler der anderen nicht heilen kann, aber man kann das eigene Leben weiterführen.