Er kam zwanzig Minuten zu spät ins schicke Restaurant, ölverschmiert und mit schweißnassem Haar. Nicht der Anwalt, den mein Vater mir vorstellen wollte – sondern ein Typ, der Motorräder repariert….

Er kam zwanzig Minuten zu spät ins schicke Restaurant, ölverschmiert und mit schweißnassem Haar. Nicht der Anwalt, den mein Vater mir vorstellen wollte – sondern ein Typ, der Motorräder repariert....

Entschuldige, dass ich zu spät bin. Leon wischte sich zum zehnten Mal seine ölverschmierten Hände an seiner ausgewaschenen Jeans ab. Sein Herz schlug zu schnell, auf seiner Stirn glänzte Schweiß. Der Verkehr aus Offenbach war die Hölle gewesen.

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Lina hob den Blick von ihrem Handy. Das elegante Restaurant im Frankfurter Westend lag in gedämpftem Licht, Kerzen flackerten auf weißen Tischdecken. Die Kellner bewegten sich lautlos wie in einem Museum. Vor ihr stand nicht der Mann, den ihr Vater eingeladen hatte.

Kein perfekt gestylter Junioranwalt aus der Kanzlei der Hartmann und Söhne Holding. Sondern ein Fremder in grauem T-Shirt, abgegriffener Jeans und mit Fingern, die vom Waschen nur heller, aber nicht sauberer geworden waren. Er wirkte nervös, fehl am Platz – und interessanter als der Anwalt, der seit zwanzig Minuten im Stau hing. „Der Verkehr ist immer schlimm“, sagte sie ruhig.

„Mach dir keine Sorgen. “

Die Erleichterung in seinem Gesicht war greifbar. Er setzte sich vorsichtig hin, als hätte er Angst, den teuren Stuhl zu beschmutzen. Sein Blick glitt durch den Raum: Champagnerflaschen, Kunst an den Wänden, makellose Servietten.

„Schön hier“, murmelte er. „Du lieferst Motorräder? “

„Ich repariere sie. Ich habe eine kleine Werkstatt in Fächenheim.

Er fuhr sich durchs Haar. Sie musste unwillkürlich lächeln. Seine Ehrlichkeit hatte etwas entwaffnend Reales. „Ungewöhnlich“, sagte sie.

„Was machst du sonst so? “

Er zögerte. Dann nannte er einen Namen. Der Name hatte Gewicht, selbst in seiner kleinen gemieteten Werkstatt.

Lina spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Sie kannte diesen Namen. „Woher weißt du das? “

„Ich habe gelesen, was passiert ist.

Das ist doch dein Vater, oder? “

Lina schluckte. Sie wollte nicht darüber sprechen. Nicht hier, nicht mit ihm.

Aber er sah sie an, und in seinem Blick lag kein Mitleid, keine Neugier – nur eine stille Nüchternheit. „Du bist nicht wegen mir hier“, sagte sie plötzlich. „Nein. “ Er sah ihr direkt in die Augen.

„Dein Vater hat mich eingeladen. Er will, dass ich ihm Geld schulde oder so. Aber ich habe nicht vor, mich in irgendwas zu verstricken. “

Sie verstand.

Ihr Vater hatte ihn nicht zufällig ausgewählt. Er wollte Kontrolle, wie immer. Und dieser Mann hier war nicht der Typ, der sich kontrollieren ließ. Nicht wie der Junioranwalt, der im Stau steckte.

„Ich habe keine Ahnung, was er vorhat“, sagte sie. „Aber ich gehe da nicht mehr mit. “

„Mit wohin? “

„In seine Welt.

Ich habe mein Leben gelebt nach seinen Regeln. Jetzt will ich nicht mehr. “

Leon schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Ich bin auch nicht gut in Regeln.

Sie lachte kurz auf. Das erste ehrliche Lachen seit Wochen. „Was ist mit dir? “, fragte er.

„Was machst du, wenn du nicht im Restaurant sitzt? “

„Ich studiere Jura. Gegen den Willen meines Vaters. Er will, dass ich in die Kanzlei gehe und seine Nachfolgerin werde.

„Und willst du das? “

„Nein. “

Die Antwort kam zu schnell, zu scharf. Sie sah den Schmerz in seinen Augen, bevor er ihn wegdrehte.

Er kannte das Gefühl, unter Druck zu stehen, Erwartungen nicht zu erfüllen. „Ich habe meinen eigenen Weg gewählt“, sagte er leise. „Kleine Werkstatt. Kein Geld.

Aber ich kann nachts schlafen. “

Lina betrachtete ihn. Er war nicht wie die Männer, die ihr Vater ihr vorgestellt hatte. Er war rau, unperfekt, aber echt.

Und irgendwo in ihrem Bauch wuchs etwas, das sie nicht benennen konnte. „Ich will nicht mehr in diesem Schatten leben“, sagte sie. „Ich will nicht mehr Stellvertreterin für all die Angst sein, die er nie verarbeitet hat. “

„Und was willst du?

Sie öffnete den Mund, aber die Antwort blieb stecken. Der Kellner brachte die Speisekarten. Der Anwalt stürmte herein, mit Entschuldigungen auf den Lippen. Leon stand auf.

„Ich muss los. “

„Schon? “

„Ich bin nicht für so einen Ort gemacht. “ Er reichte ihr eine Visitenkarte – nur sein Name, eine Handynummer.

„Falls du reden willst. “

Dann war er gegangen. Lina saß noch lange da, während der Anwalt über Verträge sprach, die sie nicht hörte. In ihrer Hand die Karte eines Mannes, der nichts zu verlieren hatte.

Am nächsten Tag rief sie an.