Am 26. Juli 1984 gab ich meinem Nachbarn die Schlüssel zu meinem Zimmer, ging zum Zahnarzt und stieg in einen Zug. Ich war 24, hatte gerade mein Informatikstudium abgeschlossen und eine Familie,…

Am 26. Juli 1984 gab ich meinem Nachbarn die Schlüssel zu meinem Zimmer, ging zum Zahnarzt und stieg in einen Zug. Ich war 24, hatte gerade mein Informatikstudium abgeschlossen und eine Familie,...

Es ist Freitag, der 26. Juli 1984, in Braunschweig. Die Sommerhitze flimmert über den Dächern, das Semester neigt sich dem Ende zu. In einem Studentenwohnheim packt eine junge Frau ein paar Kleidungsstücke in eine Tasche.

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Nicht viel, nur das Nötigste. Sie gibt ihrem Zimmernachbarn die Schlüssel, zum ersten Mal, weil sie keine Probleme machen will, weil sie nicht möchte, dass irgendwann Schlüssel fehlen und jemand Fragen stellt. Dann geht sie zum Zahnarzt. Ein ganz normaler Termin.

Danach fährt sie zum Bahnhof, nicht nach Wolfsburg, wo ihre Eltern wohnen. Nicht zum Geburtstag ihres Bruders, der in zwei Tagen ist. Sie steigt in einen Zug und fährt weg. 300 Kilometer weit, in ein neues Leben.

Ihr Name ist Petra Patzitka. Sie ist 24 Jahre alt, Informatikstudentin. Sie hat gerade ihre Diplomarbeit über Computersprachen abgeschlossen. Sie hat ein Zimmer im Studentenwohnheim, eine Familie in Wolfsburg, einen Bruder, der auf sie wartet, Eltern, die sich auf ihren Besuch freuen.

Und an diesem Freitagnachmittag beschließt sie, all das hinter sich zu lassen. Für immer. Petra Patzitka wird an diesem Tag verschwinden. Die Polizei wird sie suchen.

Hubschrauber werden über Wolfsburg kreisen. Hunderte Beamte werden Wälder durchkämmen. Aktenzeichen XY wird ihren Fall ausstrahlen. Ein Mann wird gestehen, sie getötet zu haben.

Sie wird für tot erklärt werden. Und 31 Jahre später wird sie in Düsseldorf die Tür öffnen und sagen: „Ich bin Petra Patzitka. “

Keine Abschiedsworte, 31 Jahre Stille, 3000 D-Mark als Startkapital, ein falscher Name und eine Wahrheit, die schlimmer ist als jedes Verbrechen, das die Ermittler vermutet haben. Das letzte, was irgendjemand von Petra Patzitka sah, war, wie sie an einem Julitag 1984 den Zahnarzt verließ und in Richtung Bahnhof ging.

Zeugen sagten später aus, sie hätten sie an einer Bushaltestelle in Wolfsburg gesehen. Danach verlor sich ihre Spur in einem kleinen Waldstück zwischen der Bushaltestelle und dem Haus ihrer Eltern. Sie kam dort nie an. Zwei Tage später, als sie nicht zur Geburtstagsfeier ihres Bruders Carsten erschien, meldete die Familie sie als vermisst.

Aber Petra ist nicht die Art Mensch, die einfach verschwindet. Sie ist eine junge, intelligente Frau mit einem Universitätsabschluss in der Tasche. Sie hat Pläne, sie hat ein Leben. Warum sollte sie einfach gehen?

Niemand konnte sich das erklären, und deshalb begann man zu fürchten, dass ihr etwas Schreckliches zugestoßen war. Bevor ich weitermache, möchte ich etwas sagen. Diese Geschichte ist anders als die meisten Geschichten, die ich hier erzähle, denn Petra Patzitka wurde gefunden, lebendig, nach 31 Jahren. Und normalerweise wäre das der Moment, in dem man aufatmet, der Moment, in dem die Geschichte gut ausgeht.

Aber diese Geschichte geht nicht gut aus. Nicht wirklich. Denn die Gründe, warum Petra verschwand, sind keine Gründe, über die man sich freut. Und die 31 Jahre, die sie im Verborgenen gelebt hat, sind keine 31 Jahre Freiheit.

Sie sind 31 Jahre Einsamkeit, Angst und Verzicht. Ich erzähle diese Geschichte nicht, um über Petra zu urteilen, nicht um ihre Entscheidung zu bewerten. Ich erzähle sie, weil hinter dem sensationellen Moment der Entdeckung ein Mensch steht, der so verzweifelt war, dass das Verschwinden die einzige Lösung schien. Nicht für den Fall, für den Menschen.

Lasst mich euch erzählen, wer Petra Patzitka war, bevor sie verschwand. Bevor sie Susanne Schneider wurde. Petra wächst in Wolfsburg auf, einer Stadt, die untrennbar mit dem Volkswagenwerk verbunden ist. Eine Arbeiterstadt, pragmatisch, ordentlich, norddeutsch.

Petra ist ein kluges Mädchen, still vielleicht, aber aufmerksam. Sie interessiert sich für Technik, für Computer, für Sprachen. Die Maschinen verstehen. In einer Zeit, in der Informatik noch ein exotisches Fach ist, schreibt sie sich an der Technischen Universität Braunschweig ein.

Mitte der 80er Jahre, als Personal Computer noch Luxusgegenstände sind und das Internet nicht einmal ein Traum ist. Petra schließt ihr Studium ab. Sie schreibt ihre Diplomarbeit über Computersprachen. 24 Jahre alt, einen Abschluss in der Tasche, das ganze Leben vor sich.

Von außen betrachtet sieht alles nach einem Anfang aus, aber Petra trägt etwas mit sich, das niemand sieht. Etwas, das sie selbst lange nicht benennen kann. Etwas, das so tief vergraben ist, dass es Jahrzehnte dauern wird, bis die Worte dafür kommen. Lasst mich hier kurz innehalten.

Was ich jetzt sage, stammt aus Petras eigenen Worten, aus einem Interview, das sie fast 40 Jahre nach ihrem Verschwinden gegeben hat. Sie hat es selbst erzählt, und ich werde es wiedergeben, so behutsam wie möglich. Petra sagt, sie sei in ihren ersten fünf Lebensjahren schwer misshandelt worden, in einer Weise, die kein Kind jemals erleben sollte. Sie sagt, sie habe das lange nicht gewusst, dass eine massive Verdrängung eingesetzt habe, dass die Erinnerungen erst viel später kamen, bruchstückhaft wie Scherben, die man im Dunkeln findet.

Stellt euch das vor. Ein Mensch, der 20 Jahre lang lebt und nicht weiß, was ihm als Kind angetan wurde, der spürt, dass etwas nicht stimmt, dass etwas in ihm zerbrochen ist, aber nicht benennen kann, was es ist. Der funktioniert, studiert, Prüfungen besteht, Diplomarbeiten schreibt, und unter der Oberfläche zerreißt es ihn. Und dann, kurz vor ihrem Verschwinden, übersteht Petra eine Krebserkrankung.

Sie sagt später, sie habe in dieser Zeit niemanden gehabt, mit dem sie reden konnte. In ihrer Familie habe sie sich nicht geborgen gefühlt. Da war eine junge Frau, die gerade eine lebensbedrohliche Krankheit überstanden hatte, die ein Trauma in sich trug, das sie nicht einmal kannte, und die sich in ihrem eigenen Leben so fremd fühlte, dass das Verschwinden ihr als einziger Ausweg erschien. Ich lasse diesen Gedanken stehen.

Er braucht keine weiteren Worte. 24 Jahre, das ist kein Alter, das ist ein Anfang. Aber manchmal fühlt sich ein Anfang an wie eine Sackgasse, wenn man nicht weiß, wie man aus der Vergangenheit herauskommt. Ich möchte euch jetzt Petra beschreiben, so wie sie 1984 ausgesehen hat, damit sie nicht nur eine Geschichte bleibt, sondern ein Gesicht bekommt.

Petra Patzitka war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 24 Jahre alt. Sie war schlank, hatte dunkle Haare und ein freundliches, offenes Gesicht. Auf den Fotos, die die Polizei später veröffentlichte, sieht man eine junge Frau, die in die Kamera lächelt. Ein ganz normales Lächeln, das Lächeln einer Studentin, die ihr Leben vor sich hat.

Bei Aktenzeichen XY wurde später eine Fotomontage gezeigt, die zeigen sollte, wie Petra mit zunehmendem Alter aussehen könnte. Die Polizei beschrieb sie als schlank mit dunklen Haaren und bat um Hinweise. Vermisst wurden außerdem persönliche Gegenstände, die Petra bei sich gehabt haben könnte. Aber da Petra ihr Verschwinden geplant hatte, wie sich später herausstellte, hatte sie nur wenige Dinge mitgenommen, vor allem Kleidung und 3000 D-Mark in bar, die sie vorher von ihrem Konto abgehoben hatte.

Falls ihr jemals in einer Situation seid, in der ihr euch so allein fühlt wie Petra, meldet euch bitte bei den Anlaufstellen, die ich am Ende dieses Videos nenne. Niemand muss verschwinden, um frei zu sein. Lasst mich jetzt die Ereignisse rekonstruieren. Langsam, weil die Langsamkeit in dieser Geschichte wichtig ist, weil 31 Jahre nicht in einem Absatz erzählt werden können.

26. Juli 1984. Petra verlässt ihr Studentenwohnheim in Braunschweig. Sie hat ein paar Sachen gepackt.

Sie gibt ihre Schlüssel dem Zimmernachbarn. Sie geht zum Zahnarzt. Nach dem Termin geht sie nicht nach Hause. Sie geht zum Bahnhof.

Und dann ist Petra weg. 28. Juli 1984. Petras Bruder Carsten feiert Geburtstag.

Petra kommt nicht. Die Familie wird unruhig. Carsten meldet seine Schwester als vermisst. Die Polizei beginnt zu suchen.

Groß angelegte Suchaktionen in und um Braunschweig und Wolfsburg. Hubschrauber kreisen über der Region. Polizeihunde durchkämmen Wälder und Felder. Hunderte Beamte arbeiten systematisch die Gegend ab.

Jeden Feldweg, jeden Waldrand, jeden Graben zwischen der Zahnarztpraxis in Braunschweig und dem Elternhaus in Wolfsburg. Man sucht eine 24-jährige Studentin, die irgendwo auf dem Weg nach Hause verschwunden ist. Die Ermittler befragen Nachbarn, Kommilitonen, den Zimmernachbarn im Wohnheim, den Zahnarzt, Busfahrer, Passanten. Niemand hat etwas Ungewöhnliches bemerkt.

Petra war da, und dann war sie weg. Kein Schrei, kein Kampf, keine Spuren. Man findet nichts. Nicht einen Hinweis, nicht ein Kleidungsstück, nicht eine Spur im Wald.

Die Polizei steht vor einem vollkommenen Rätsel. Eine junge Frau verschwindet am helllichten Tag mitten in einer deutschen Großstadt und hinterlässt keine einzige Spur. Das ist selbst für erfahrene Ermittler ungewöhnlich. Normalerweise gibt es irgendetwas, einen Zeugen, einen Gegenstand, eine Kameraaufnahme.

Aber bei Petra gibt es nichts. Lass das einen Moment sacken. Eine junge Frau verschwindet an einem Julitag mitten in Niedersachsen, und die gesamte Polizei findet keine Spur von ihr. Keine Kleidung, kein Gegenstand, kein Zeuge, der etwas Verdächtiges gesehen hätte.

Nichts. Januar 1985, sechs Monate nach dem Verschwinden. Die Polizei wendet sich an die Öffentlichkeit. Der Fall Petra Patzitka wird bei Aktenzeichen XY im ZDF ausgestrahlt.

Eine Schauspielerin stellt Petras letzte bekannte Bewegungen nach. Der Besuch bei den Eltern, das Gespräch mit dem Zimmernachbarn über die Pflanzen. Der Zahnarzt, der Weg zur Bushaltestelle, und dann das Nichts. Die Sendung bringt Hinweise, aber keine heiße Spur.

Die Ermittler stehen vor einem Rätsel. 1985, ein Wendepunkt. Die Polizei verhaftet einen neunzehnjährigen Tischlerlehrling namens Günther K. Er hat ein 14-jähriges Mädchen in der Nähe einer Bushaltestelle in Wolfsburg getötet, derselben Bushaltestelle, an der Petra zuletzt gesehen wurde.

Und dann gesteht Günther K. noch etwas. Er sagt, er habe auch Petra Patzitka getötet. Stellt euch vor, was das für die Familie bedeutet.

Die Ungewissheit ist vorbei. Ihre Tochter ist tot. Ein Mann hat es gestanden. Die Trauer kann beginnen.

Aber es gibt ein Problem. Ein großes Problem. Günther K. kann den Ermittlern nicht zeigen, wo Petras Leiche ist.

Er kann keine Details nennen, die nur der Täter wissen könnte. Sein Geständnis hält der Überprüfung nicht stand. Später nimmt er es zurück. Trotzdem: Die Polizei findet keine andere Erklärung.

In der Nähe derselben Bushaltestelle wurde ein junges Mädchen getötet. Petra war dort. Es liegt nahe, dass ihr dasselbe Schicksal widerfahren ist. Auch ohne Leiche.

1989, fünf Jahre nach ihrem Verschwinden, wird Petra Patzitka offiziell für tot erklärt. Die Akte wird geschlossen. Petras Familie betrauert eine Tochter, eine Schwester, die sie nie begraben konnten. Und während die Familie trauert, lebt Petra 300 Kilometer entfernt in Essen unter dem Namen Susanne Schneider.

Lass das einen Moment sacken. Während ihre Mutter weint, kocht Petra sich Abendessen in einer kleinen Wohnung, für die sie bar bezahlt. Während ihr Bruder Carsten sich fragt, was er hätte anders machen können, geht Petra als Putzhilfe arbeiten, weil sie keinen richtigen Job annehmen kann. Während die Polizei ihre Akte schließt, sitzt Petra in einem Zimmer ohne Telefon, ohne Bankkonto, ohne Ausweis, ohne Vergangenheit.

Das ist die Realität von 31 Jahren im Verborgenen. Es ist kein Abenteuer, es ist kein Neuanfang. Es ist ein Leben in permanenter Unsichtbarkeit. Ein Leben, in dem man nicht zum Arzt gehen kann, wenn man krank ist.

In dem man keinen Urlaub buchen kann, in dem man kein Auto fahren kann, kein Telefon auf den eigenen Namen anmelden kann, in dem man keinen Freund anrufen kann, weil man keine Freunde hat, in dem jeder Kontakt mit der Außenwelt ein Risiko ist. Petra arbeitete als Putzfrau, als Nachhilfelehrerin, Gelegenheitsjobs, die bar bezahlt werden. Jobs, bei denen niemand nach einem Ausweis fragt. Sie lebte in verschiedenen Städten, immer in kleinen Wohnungen, immer allein, immer aufpassen, dass der Vermieter keine Fragen stellt, dass die Nachbarn nicht neugierig werden, dass niemand bemerkt, dass diese Frau, die so ruhig und unauffällig lebt, eigentlich gar nicht existiert.

Stellt euch das vor. 31 Jahre lang kein Weihnachten mit der Familie. Kein Geburtstagskuchen, kein Anruf am Muttertag, kein Mensch auf der ganzen Welt, der weiß, wer du wirklich bist. Und das Schlimmste: kein Mensch, dem du es erzählen kannst.

Denn jedes Wort, jede Offenbarung wäre das Ende deiner Freiheit. Und diese Freiheit, so einsam sie ist, ist alles, was du hast. Petra sagt später im Interview: „Man muss unauffällig leben und wissen, dass man manche Dinge nicht tun kann. “

31 Jahre in verschiedenen Städten unter verschiedenen Namen.

Immer in bar, immer allein, immer aufpassen, dass niemand Fragen stellt. Eine Existenz am Rande der Gesellschaft, in der man offiziell nicht existiert und in der man offiziell tot ist. September 2015, 31 Jahre nach dem Verschwinden. In einer Wohnung in Düsseldorf wird eingebrochen.

Die Bewohnerin ruft die Polizei. Die Beamten kommen und nehmen den Einbruch auf. Routine, bis sie die Bewohnerin nach ihrem Ausweis fragen. Die Frau, die sich als Frau Schneider vorstellt, hat keinen Ausweis, keinen Pass, keine Versicherungskarte, kein Bankkonto, nichts.

Die Beamten werden misstrauisch. Und dann sagt die Frau etwas, das die Polizisten nicht erwarten. Sie sagt: „Der Name an der Tür ist nicht meiner. Ich bin Petra Patzitka.

Ich bin die Studentin aus Braunschweig, die vor 31 Jahren verschwunden ist. “ Und sie zeigt ihnen einen längst abgelaufenen Personalausweis, der es beweist. Stellt euch die Gesichter der Polizisten vor. Sie sind wegen eines Einbruchs gekommen und stehen plötzlich vor einer Frau, die seit 31 Jahren für tot erklärt ist.

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Erdbeben. Petra Patzitka lebt. Die Studentin, deren Mord gestanden wurde, deren Akte geschlossen ist, deren Familie sie betrauert hat, lebt in Düsseldorf unter dem Namen Schneider. Seit 31 Jahren.

Die Polizei informiert die Familie. Petras Mutter und ihr Bruder Carsten brechen in Tränen aus. Vor Schock, vor Erleichterung, vor Fassungslosigkeit. Petras Vater hat das nicht mehr erlebt.

Er ist in den Jahren dazwischen gestorben, ohne zu wissen, dass seine Tochter lebt. Ich lasse diesen Satz stehen. Er braucht keine weiteren Worte. Es gibt Dinge in dieser Geschichte, die nicht zusammenpassen, und Dinge, die auf eine schmerzhafte Art perfekt zusammenpassen.

Erster Punkt, die Planung. Petra hat ihr Verschwinden geplant. Sie hat vorher Geld abgehoben, 3000 D-Mark. Sie hat eine Wohnung gemietet, heimlich, in einer anderen Stadt.

Sie hat ihre Schlüssel abgegeben. Sie hat nur wenige Sachen mitgenommen. Das war kein spontaner Ausbruch. Das war eine kalkulierte Flucht.

Die Frage ist nicht, wie sie es getan hat. Die Frage ist, wie verzweifelt ein Mensch sein muss, um mit 24 Jahren sein gesamtes Leben auszulöschen. Zweiter Punkt, das Geständnis. Ein Mann hat gestanden, Petra getötet zu haben, und obwohl sein Geständnis nicht hielt, wurde Petra für tot erklärt.

Was bedeutet das für die Justiz? Was bedeutet das für die Familie, die 31 Jahre lang dachte, ihre Tochter sei einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Die Polizei hatte 100. 000 Euro darauf gewettet, dass Petra ermordet wurde.

Das sagte der damalige Ermittler Holger Kunkel später. 100. 000 Euro auf eine Vermutung, die sich als falsch herausstellte. Dritter Punkt, das Schweigen.

Als Petra 2015 gefunden wird, sagt sie der Polizei ausdrücklich, dass sie keinen Kontakt zu ihrer Familie und zur Öffentlichkeit wünscht. Keinen. Nach 31 Jahren. Ihre Familie bittet die Polizei, einen Brief an Petra zu übermitteln, einen Brief von einer Mutter an ihre totgeglaubte Tochter, und Petra will ihn nicht.

Das ist keine Bosheit. Das ist die Tiefe einer Wunde, die so groß ist, dass selbst 31 Jahre nicht ausreichen, um sich der Quelle dieser Wunde zu nähern. Vierter Punkt, der Name. Petra hat sich Susanne Schneider genannt.

Sie sagte später: „Und von da an war ich Susanne, und Petra ist irgendwo hier in Braunschweig zurückgeblieben. “ Das ist kein Namenswechsel, das ist eine Identitätszerstörung. Petra hat nicht nur ihren Namen abgelegt, sie hat versucht, die Person abzulegen, der als Kind etwas Schreckliches angetan wurde. Susanne war frei.

Petra war gefangen. Und die einzige Möglichkeit, frei zu sein, war, Petra sterben zu lassen. Fünfter Punkt, der Preis. 31 Jahre ohne Arzt, 31 Jahre ohne Bankkonto, 31 Jahre ohne Reisen, ohne Freundschaften, ohne Familie.

31 Jahre, in denen jeder Gang zum Supermarkt, jede Begegnung mit einem Nachbarn, jede Behördenanfrage eine potenzielle Gefahr war. Petra sagt später: „Ich freue mich, dass ich ins Internet kann. Das ist etwas Schönes, und dass ich zum Arzt gehen kann, wenn ich krank bin. “ Wenn das Schöne in deinem Leben ist, zum Arzt gehen zu können, dann war das Leben davor kein freies Leben.

Dann war es ein anderes Gefängnis, eines ohne Wärter, aber mit denselben Gittern. Sechster Punkt, die Frage, die niemand stellt. Warum hat niemand sie erkannt? 31 Jahre in deutschen Städten.

Ihr Gesicht war bei Aktenzeichen XY gezeigt worden. Millionen Menschen hatten es gesehen. Und trotzdem hat niemand sie erkannt. Das sagt etwas über unsere Gesellschaft, über die Unsichtbarkeit von Menschen, die am Rand leben, über die Leichtigkeit, mit der ein Mensch verschwinden kann, wenn er keine offiziellen Spuren hinterlässt.

Kein Bankkonto, kein Handyvertrag, keine Krankenkasse. In einer Welt, in der wir glauben, dass jeder Mensch jederzeit auffindbar ist, hat eine Frau 31 Jahre lang in derselben Stadt gelebt, in der Polizisten arbeiten und Nachbarn grüßen, und niemand hat sie gefunden, weil sie nicht gesucht wurde, weil sie tot war. Offiziell. Die Geschichte von Petra Patzitka hat keine klassische Ermittlungsgeschichte.

Es gab keine Sonderkommission, die den Fall gelöst hat, keinen Durchbruch durch DNA-Analyse oder Zeugenaussagen. Der Fall wurde gelöst durch einen Zufall, einen Einbruch, eine Routinekontrolle und eine Frau, die nach 31 Jahren müde war, sich zu verstecken. Die Polizei in Braunschweig bestätigt später, dass Petras Daten eigentlich aus dem System hätten gelöscht werden müssen, als sie für tot erklärt wurde. Aber durch einen bürokratischen Fehler blieben sie gespeichert.

Deshalb konnten die Beamten in Düsseldorf so schnell feststellen, wer die Frau vor ihnen war. Ein bürokratischer Fehler rettete eine Identität, die 31 Jahre lang begraben war. Aktenzeichen XY hatte den Fall 1985 ausgestrahlt. Eine Schauspielerin spielte Petra nach.

Der ganze Aufwand, die ganze Öffentlichkeit, all die Hinweise, die damals eingingen, nichts davon führte zur Wahrheit, weil die Wahrheit war, dass Petra gar nicht gefunden werden wollte. Und wenn ein Mensch nicht gefunden werden will, dann ist er schwerer zu finden als ein Mensch, dem etwas zugestoßen ist. Neun Jahre nach ihrer Entdeckung, im Jahr 2023, gibt Petra Patzitka ein ausführliches Interview im RTL-Magazin, vor laufenden Kameras. Zum ersten Mal erzählt sie ihre Geschichte mit eigenen Worten.

Und was sie erzählt, verändert alles. Sie spricht über die Planung, über die Schlüssel, die sie dem Nachbarn gab, über den Zahnarzt, der ihr letzter offizieller Termin als Petra war, über den Zug, den sie bestieg, über die 3000 D-Mark, die ihr neues Leben finanzieren sollten. Und dann stellt ihr der ehemalige Ermittler Holger Kunkel, der den Fall nie vergessen hat, die entscheidende Frage: „Warum bist du abgehauen? “

Und Petras Antwort ist keine Antwort.

Sie ist ein Abgrund. Sie sagt: „Ich weiß es nicht. Ich denke, dass ich psychisch erkrankt bin. Ich glaube, dass Frauen, die als Kind misshandelt werden, öfter psychisch erkranken.

Und ich bin die ersten fünf Lebensjahre schwer misshandelt worden. “

Ihre Stimme bricht, als sie das sagt. Sie sagt, sie habe das lange nicht gewusst, dass sie die Erinnerungen verdrängt habe, dass sie nicht wusste, warum sie sich so fühlt, wie sie sich fühlt, dass sie nur wusste, dass sie weg musste, dass Petra sterben musste, damit sie weiterleben konnte. Und dann sagt sie etwas, das mich nicht mehr loslässt.

Sie sagt: „Kurz vor meinem Verschwinden hatte ich eine Krebserkrankung. Und ich hatte in dieser Zeit niemanden, mit dem ich reden konnte. In meiner Familie fühlte ich mich nicht geborgen. “

Stellt euch das vor.

24 Jahre alt, gerade eine Krebserkrankung überstanden. Ein Trauma, das du nicht einmal kennst, frisst dich von innen auf, und du hast niemanden, dem du dich anvertrauen kannst. Nicht deine Familie, nicht deine Freunde, nicht die Welt. Was tust du?

Du verschwindest. Du wirst jemand anderes. Du legst Petra zurück wie einen abgetragenen Mantel und gehst als Susanne weiter. Allein, aber frei.

Zumindest frei von dem, was Petra war. Ich lasse diesen Gedanken stehen. Er braucht keine weiteren Worte. Und jetzt möchte ich über das sprechen, was in dieser Geschichte oft vergessen wird.

Die Familie. Da ist Carsten, Petras Bruder. Er hat seine Schwester als vermisst gemeldet. Er hat seinen Geburtstag gefeiert und gewartet, dass sie kommt, und sie kam nicht.

Und dann kamen die Tage, die Wochen, die Monate, die Jahre. Ein Geständnis, das ein Ende versprach und keines war. Eine Todeserklärung, die einen Schlussstrich zog unter eine Geschichte, die keinen hatte. 31 Jahre hat Carsten geglaubt, seine Schwester sei tot.

31 Jahre hat er mit dem Gedanken gelebt, dass ein Mann ihr etwas Unsagbares angetan hat. Und dann ruft die Polizei an und sagt: „Deine Schwester lebt. Sie war die ganze Zeit da. “

Die Erleichterung muss unvorstellbar gewesen sein, und der Schmerz auch, denn Petra will keinen Kontakt.

Die Schwester, die du 31 Jahre betrauert hast, lebt, und sie möchte nicht mit dir sprechen. Das ist eine Art von Verlust, für die es kein Wort gibt. Nicht Trauer, nicht Wut, nicht Verständnis. Etwas dazwischen, etwas, das kein Mensch jemals fühlen sollte.

Und da ist Petras Mutter, die ihre Tochter betrauert hat, die vielleicht an jedem Geburtstag an sie gedacht hat, die vielleicht jede Nacht gehofft hat, dass es ein Irrtum ist, und die dann erfährt, dass ihre Tochter lebt, aber sie nicht sehen möchte. Petras Vater hat das nicht mehr erlebt. Er ist gestorben, ohne zu wissen, dass seine Tochter noch lebt. Hätte, hätte, hätte, vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Die Familie hat die Polizei gebeten, Petra einen Brief zu bringen. Einen Brief. Papier und Tinte. Worte, die 31 Jahre überbrücken sollen.

Die Wunde heilt nicht, wenn man nicht weiß, was die Wunde verursacht hat. Und Petras Familie wusste lange nicht, was die Wunde war. Sie dachten, es sei ein Mord. Dabei war es etwas, das viel früher angefangen hatte.

Etwas, das in Petras Kindheit passiert war und das so zerstörerisch war, dass ein ganzes Leben daran zerbrochen ist. Braunschweig liegt immer noch da, wo es immer lag. Das Studentenwohnheim gibt es vielleicht noch, vielleicht auch nicht. Die Bushaltestelle in Wolfsburg steht noch.

Der Zahnarzt hat längst eine andere Praxis. Der Wald, in dem die Polizei damals nach einer Leiche suchte, steht still und grün, als wäre nichts geschehen. Die Vögel singen dort wie 1984. Die Bäume sind älter geworden, die Straßen sind breiter.

Alles hat sich verändert, und nichts hat sich verändert. In einer Akte in Braunschweig steht noch immer der Name Petra Patzitka. Daneben stand jahrzehntelang das Wort „verstorben“. Jetzt steht dort wahrscheinlich etwas anderes.

Aber das Wort, das dort am längsten stand, war eine Lüge. Eine Lüge, die ein Täter erzählt hat und die die Justiz geglaubt hat. Und während diese Lüge in einer Akte stand, lebte Petra unsichtbar, allein, aber lebendig. Und in Düsseldorf lebt eine Frau, die 31 Jahre lang Susanne Schneider hieß und jetzt wieder Petra Patzitka heißt.

Eine Frau, die sagt, dass die Entdeckung zuerst ein Schock war, aber heute eine Befreiung ist, die mit einem Psychologen ihre Vergangenheit aufarbeitet, die sich darüber freut, dass sie ins Internet kann und zum Arzt gehen kann, wenn sie krank ist. Petra Patzitka hat 31 Jahre lang in einer Welt ohne Netz gelebt, ohne soziale Absicherung, ohne Identität, ohne Vergangenheit. Sie hat für ihre Freiheit einen Preis bezahlt, den die meisten von uns sich nicht vorstellen können. Und der Grund für diese Flucht war kein Verbrechen, das sie begangen hat, sondern eines, das an ihr begangen wurde, als sie zu klein war, um sich zu wehren, zu klein, um zu verstehen, zu klein, um sich zu erinnern.

Petra wollte nicht Petra sein, und 31 Jahre lang war sie es nicht. Petra Patzitka, 24, als sie verschwand, fast 50, als man sie fand. Für immer die Frau, die sich selbst begrub, um weiterleben zu können. Nicht Petra, nicht Susanne, einfach ein Mensch, der versucht hat, dem Schmerz zu entkommen, und der dafür sein gesamtes Leben aufgab.

Wenn ihr dieses Video bis hierhin geschaut habt, danke. Danke, dass ihr zugehört habt. Nicht wegen der Sensation, die dieser Fall zweifellos ist, sondern wegen des Menschen dahinter, wegen einer Frau, die als Kind etwas Schreckliches erlebt hat und 31 Jahre brauchte, um darüber sprechen zu können. Dieser Fall zeigt etwas, das wir nicht oft genug sagen.

Manchmal verschwinden Menschen nicht, weil ihnen etwas zugestoßen ist. Manchmal verschwinden sie, weil ihnen schon etwas zugestoßen ist, lange bevor sie vermisst wurden. Wenn ihr euch in einer Situation befindet, in der ihr euch gefangen fühlt, in der ihr glaubt, keinen Ausweg zu haben, in der die Vergangenheit euch nicht loslässt, dann möchte ich euch sagen: Es gibt Hilfe, und Verschwinden ist nicht die einzige Lösung. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ erreicht ihr unter 116 016, rund um die Uhr, kostenlos, anonym, in vielen Sprachen.

Die Telefonseelsorge erreicht ihr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, ebenfalls kostenlos und anonym. Den Weißen Ring, der Betroffenen von Straftaten hilft, erreicht ihr unter 116 006. Und wenn ihr als Kind etwas erlebt habt, das euch bis heute belastet, dann wisst: Es ist nie zu spät, Hilfe zu suchen. Petra hat es mit über 60 geschafft.

Ihr könnt es auch. Ihr seid nicht allein, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Wir sehen uns im nächsten Video.

Passt auf euch auf und aufeinander.