AMON GÖTH – DER MANN, DER ÜBER PLASZÓW HERRSCHTE UND SCHLIESSLICH VOR DEM POLNISCHEN GERICHT STAND

AMON GÖTH – DER MANN, DER ÜBER PLASZÓW HERRSCHTE UND SCHLIESSLICH VOR DEM POLNISCHEN GERICHT STAND

TEIL 1

Am 12. März 1938 rollten deutsche Truppen über die österreichische Grenze. Es fiel kein Schuss. Stattdessen wurden die Soldaten vielerorts mit Blumen, Fahnen und Jubel empfangen. Während Adolf Hitler auf seiner Fahrt nach Linz und später nach Wien von Menschenmengen gefeiert wurde, versuchten jüdische Familien, politische Gegner und andere Verfolgte verzweifelt, das Land zu verlassen. Doch für viele schlossen sich die Türen bereits. Österreich wurde innerhalb kürzester Zeit nazifiziert, und aus Nachbarn wurden Denunzianten, aus Gesetzen Instrumente der Verfolgung und aus jungen Männern überzeugte Anhänger eines Systems, das bald ganz Europa in einen Krieg stürzen würde. Unter diesen jungen Österreichern befand sich ein Mann, dessen Name später mit einem der grausamsten Konzentrationslager im besetzten Polen verbunden werden sollte: Amon Leopold Göth.

Göth wurde am 11. Dezember 1908 in Wien geboren. Seine Eltern betrieben einen Buch- und Kunsthandel, der ihm schon früh Zugang zu Büchern, Bildern und dem bürgerlichen Milieu der österreichischen Hauptstadt verschaffte. Sein Vater war häufig unterwegs, weshalb Amon einen Teil seiner Kindheit bei einer kinderlosen Tante verbrachte. In der Schule zeigte er wenig Interesse. Die Erwartungen seiner Familie erfüllte er nicht, und schließlich wurde er auf ein katholisches Internat geschickt. Doch auch dort fand er keinen Halt. 1925 brach er seine Ausbildung ab und begann im Familienbetrieb eine Lehre als Buchhändler.

In diesen Jahren veränderte sich Österreich politisch immer stärker. Radikale Bewegungen gewannen an Einfluss, und der Nationalsozialismus versprach jungen Männern wie Göth eine Welt aus Stärke, Hierarchie und Zugehörigkeit. Er begeisterte sich für die Idee eines Anschlusses Österreichs an Deutschland. 1930 trat er der NSDAP bei und wurde am 31. Mai 1931 offiziell als Parteimitglied aufgenommen. Damit gehörte er zu den sogenannten „Alten Kämpfern“, also jenen Parteianhängern, die bereits vor Hitlers Machtübernahme in Deutschland der Bewegung beigetreten waren.

Diese frühe Mitgliedschaft sollte ihm später innerhalb des nationalsozialistischen Apparats einen gewissen Status verleihen. Doch zunächst war Österreich noch kein Teil des Deutschen Reiches. Die österreichischen Nationalsozialisten arbeiteten deshalb unter zunehmend illegalen Bedingungen. Ab 1933 unterstützte Deutschland ihre Propaganda- und Terrorkampagne gegen die Regierung von Engelbert Dollfuß. Bombenanschläge, Schlägereien und politische Gewalt wurden zu Mitteln des Kampfes. Die österreichische Regierung reagierte mit Verboten und Verhaftungen. Göth geriet wegen seiner Beteiligung an illegalen Aktivitäten ins Visier der Behörden.

Er soll unter anderem bei der Beschaffung von Sprengstoff für die nationalsozialistische Untergrundbewegung geholfen haben. Als die österreichischen Behörden nach ihm suchten, floh er nach Deutschland. Dort arbeitete er für die nationalsozialistische Bewegung und schmuggelte Funkgeräte und Waffen nach Österreich. Er war nicht mehr einfach ein junger Mann mit radikalen politischen Ansichten. Er war Teil einer Untergrundorganisation, die bereit war, Gewalt einzusetzen, um politische Ziele zu erreichen.

Im Oktober 1933 wurde Göth von österreichischen Behörden gefasst und verhaftet. Das Verfahren gegen ihn endete jedoch im Dezember desselben Jahres mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen. Er kehrte in den Familienbetrieb zurück, hielt aber seine Kontakte zur nationalsozialistischen Szene aufrecht. Am 25. Juli 1934 versuchten österreichische Nationalsozialisten erneut, die Regierung zu stürzen. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wurde dabei ermordet. Göth wurde erneut verhaftet, konnte jedoch entkommen und nach Deutschland fliehen.

Die Jahre danach waren für ihn eine Phase politischer Radikalisierung. Seine Mutter starb 1936. Seine erste Ehe scheiterte. Doch während sein persönliches Leben instabil blieb, gewann seine politische Überzeugung immer mehr an Festigkeit. Als Hitler im März 1938 Österreich annektierte, musste Göth nicht mehr im Untergrund arbeiten. Die Bewegung, der er jahrelang gedient hatte, war nun die herrschende Macht.

Nach dem sogenannten Anschluss kehrte er nach Wien zurück und nahm seine Parteitätigkeit wieder auf. Im Oktober 1938 heiratete er Anna Geiger, die er bei einem Motorradrennen kennengelernt hatte. Vor der SS-Zeremonie mussten beide körperliche Untersuchungen bestehen, mit denen die nationalsozialistische Organisation ihre Vorstellungen von „Ehetauglichkeit“ überprüfte. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Das erste, Peter, wurde 1939 geboren und starb nur sieben Monate später an Diphtherie.

Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Deutschland eroberte große Teile Europas, und die nationalsozialistische Verfolgung nahm eine völlig neue Dimension an. Göth trat in die SS ein. Er erhielt den Rang eines SS-Hauptsturmführers und wurde schließlich in jene Organisation eingebunden, die in den besetzten Gebieten für Terror, Deportationen und Massenmord verantwortlich war.

Im Sommer 1942 begannen die Deutschen, jüdische Menschen aus den Ghettos des Generalgouvernements in Vernichtungslager zu deportieren. Göth wurde dem SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik in Lublin zugeteilt. Dort wurde er Teil des Apparats der sogenannten Operation Reinhard. Unter diesem Tarnnamen organisierte die SS die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung im Generalgouvernement. Die Vernichtungszentren Bełżec, Sobibór und Treblinka wurden zu Orten des industriell organisierten Massenmordes.

Göths Aufgabe bestand unter anderem darin, Menschen zu sammeln und Transporte zu organisieren. Damit war er bereits unmittelbar in die Verfolgung und Vernichtung jüdischer Menschen eingebunden. Doch seine nächste Station sollte ihn selbst zu einer der bekanntesten Figuren des nationalsozialistischen Terrors machen.

Am 11. Februar 1943 erhielt Göth den Auftrag, den Aufbau des Konzentrationslagers Plaszów bei Krakau zu beaufsichtigen. Das Lager war ursprünglich als Zwangsarbeitslager für jüdische Gefangene eingerichtet worden. Auf dem Gelände befanden sich zwei jüdische Friedhöfe. Schon die Wahl des Ortes machte deutlich, wie wenig Rücksicht die Nationalsozialisten auf das religiöse und kulturelle Erbe der Menschen nahmen, die sie verfolgten.

Göth wurde Lagerkommandant. Das Gelände wuchs auf ungefähr zweihundert Hektar an. Männer und Frauen wurden getrennt untergebracht. Es gab Fabriken, Lagerhäuser, Baracken für die SS und Bereiche für Zwangsarbeiter. Auch polnische Arbeiterinnen konnten in einem speziellen Bereich festgehalten werden, wenn sie gegen die Arbeitsdisziplin verstießen. Das Lager war von einem elektrischen Doppelzaun umgeben. Wer hinter diesen Zäunen lebte, war praktisch vollständig der SS ausgeliefert.

Göth betrachtete Plaszów nicht nur als Gefängnis. Er wollte es als persönliches Herrschaftsgebiet führen. In seiner ersten Ansprache soll er den Gefangenen erklärt haben, er sei ihr „Gott“. Die Worte waren keine bloße Übertreibung. Im Lager entwickelte sich tatsächlich eine Situation, in der sein persönlicher Wille über Leben und Tod entscheiden konnte.

Nach dem Morgenappell wurden die Gefangenen zu den Arbeitsplätzen getrieben. Hunger und Erschöpfung gehörten zum Alltag. Fluchtversuche konnten mit dem Tod bestraft werden. Bei bestimmten Vergehen wurden Gruppen von Gefangenen kollektiv bestraft. Selbst der Verdacht auf Diebstahl von Lebensmitteln konnte schwere Misshandlungen nach sich ziehen. Die SS nutzte Strafen nicht nur zur Disziplinierung, sondern auch zur Einschüchterung.

Göth selbst war dabei nicht bloß ein Schreibtischtäter. Überlebende berichteten, dass er Gefangene persönlich misshandelte und erschoss. Eine seiner berüchtigten Gewohnheiten bestand darin, vom Balkon seiner Villa aus auf Gefangene zu schießen. Menschen, die sich seiner Meinung nach zu langsam bewegten oder eine Pause machten, konnten plötzlich zum Ziel werden. Für die Häftlinge bedeutete das, dass Gefahr nicht nur von Befehlen oder offiziellen Strafen ausging. Gefahr konnte überall und jederzeit von einer einzelnen Laune des Kommandanten kommen.

Die Gefangenen beobachteten seine Kleidung und seine Bewegungen. Wenn Göth seinen Tirolerhut trug, wussten manche erfahrene Häftlinge, dass besondere Vorsicht geboten war. Er besaß Hunde, darunter eine Deutsche Dogge und einen Schäferhund, die darauf abgerichtet waren, Gefangene anzugreifen. Schon das Geräusch ihrer Bewegungen konnte Panik auslösen.

Eine ehemalige Plaszów-Gefangene, Helen Jonas-Rosenzweig, berichtete später, dass sich Menschen versteckten, sobald sie Göth in der Ferne sahen. Manche suchten Zuflucht in Latrinen oder hinter Baracken. Für sie war sein Name nicht einfach der Name eines Lagerkommandanten. Er war eine Warnung.

Göth lebte gleichzeitig in einer Villa innerhalb des Lagerkomplexes. Während Gefangene hungerten und unter Zwangsarbeit zusammenbrachen, verfügte er über Komfort, Bedienstete, Fahrzeuge und Pferde. Er hatte einen Chauffeur, Mechaniker, Stallpersonal, einen Masseur und weitere Helfer. Sein persönlicher Lebensstil stand in groteskem Gegensatz zu dem Elend der Menschen, über die er herrschte.

Auch gegenüber seinen Untergebenen war Göth brutal. Küchenpersonal konnte wegen angeblich zu kleiner Portionen oder zu stark gesalzener Speisen geschlagen werden. Ein jüdischer Koch wurde erschossen, nachdem Göth sich über die Temperatur der Suppe beschwert hatte. Handwerker, die seine persönlichen Wünsche nicht exakt erfüllten, mussten ebenfalls mit schweren Strafen rechnen.

Doch die Gewalt beschränkte sich nicht auf die Arbeitswelt. Göth nutzte seine Macht auch zur sexuellen Ausbeutung von Gefangenen. Nach dem Krieg berichteten Zeugen über sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen. Sein privates Verhalten war geprägt von Alkoholmissbrauch und Gewalt. In seiner Villa fanden ausschweifende Trinkgelage statt, während außerhalb der Mauern Menschen um ihr Überleben kämpften.

Plaszów war jedoch nicht der einzige Ort, mit dem Göth verbunden war. Er war auch an der Liquidierung verschiedener Ghettos und Arbeitslager beteiligt. Besonders bedeutend war seine Rolle bei der Räumung des Ghettos von Tarnów. Vor dem Krieg lebten dort etwa 25.000 Juden. Die jüdische Bevölkerung machte einen großen Teil der Stadt aus. Nach der deutschen Besetzung wurde ihre Welt innerhalb weniger Jahre zerstört.

Im Juni 1942 begannen Deportationen aus Tarnów. Tausende Menschen wurden in das Vernichtungszentrum Bełżec gebracht. Andere wurden bereits während der Aktionen in den Straßen, auf dem Marktplatz, auf dem jüdischen Friedhof oder außerhalb der Stadt erschossen. Die Überlebenden wurden in ein Ghetto gezwungen. Dort herrschten Hunger, Krankheit und Zwangsarbeit.

Im September 1942 mussten sich die Bewohner zu einer sogenannten Selektion versammeln. Tausende Menschen wurden als nicht arbeitsfähig eingestuft und nach Bełżec deportiert. Weitere Transporte folgten. Als das Ghetto 1943 endgültig aufgelöst wurde, wurden die verbliebenen Menschen entweder nach Auschwitz oder nach Plaszów deportiert.

Mehrere Zeugen sagten nach dem Krieg aus, Göth habe während der Räumung des Ghettos persönlich Menschen erschossen. Für die Opfer bedeutete seine Anwesenheit, dass eine Entscheidung über Leben und Tod unmittelbar vor ihnen stand.

Doch selbst innerhalb der SS blieb Göth nicht unangreifbar.

Der Grund war zunächst nicht seine Brutalität.

Es war seine Gier.

Was den Nationalsozialisten offiziell als Eigentum des Deutschen Reiches galt, nahm Göth für sich selbst. Schmuck. Diamanten. Devisen. Möbel. Teppiche. Kunstwerke. Wertgegenstände.

Er ließ die Dinge nicht nur beschlagnahmen.

Er eignete sie sich persönlich an.

Das war für die SS ein Problem.

Denn innerhalb des Systems durfte gestohlen werden, solange die Beute dem vorgesehenen Zweck zugeführt wurde. Ein SS-Offizier, der sich selbst bereicherte, überschritt eine Grenze, die das Regime trotz seiner verbrecherischen Natur kontrollieren wollte.

Ermittler begannen, Göths Vermögen zu untersuchen.

Nach und nach entstand ein Bild von enormen Mengen an gestohlenem Eigentum.

Ende August 1944 wurde ein erster Waggon mit Göths Beute auf einem Bahnhof sichergestellt. Weitere folgten.

Am 13. September 1944 wurde Göth seines Postens enthoben.

Dann kamen Gestapo-Beamte zu seiner Villa.

Der Mann, vor dem Gefangene gezittert hatten, stand plötzlich selbst unter Anklage.

CLIFFHANGER – ENDE TEIL 1