Am 21. Juni 2024 hörten die Nachbarn in Innsbruck Schreie durch die Sommerhitze. Poltern. Dann Stille. Ich war zuverlässig, meldete mich täglich bei meinem Cousin in Düsseldorf, lebte allein mit…

Am 21. Juni 2024 hörten die Nachbarn in Innsbruck Schreie durch die Sommerhitze. Poltern. Dann Stille. Ich war zuverlässig, meldete mich täglich bei meinem Cousin in Düsseldorf, lebte allein mit...

Es ist Hochsommer in Innsbruck, der 21. Juni 2024. Die Berge stehen still über der Stadt, der Inn fließt grün und kalt durch das Tal. Touristen fotografieren die Altstadt, Studenten sitzen in den Cafés, und irgendwo in einer kleinen Wohnung bereitet eine Mutter das Mittagessen für ihre Tochter vor.

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Vielleicht. Vielleicht ist sie auch bei der Arbeit oder auf dem Weg nach Hause. Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass die Nachbarn an diesem Nachmittag etwas hören.

Hilferufe. Poltern. Geräusche, die nicht in einen ruhigen Sommertag passen. Geräusche, die man hört und wieder vergisst, weil man denkt, es wird schon nichts sein.

Weil man denkt, jemand anderes kümmert sich. Und dann wird es still. Die Frau, die in dieser Wohnung lebt, ist 34 Jahre alt. Sie kommt aus Syrien.

Sie hat den Krieg überlebt, die Flucht überlebt, die Einsamkeit eines Neuanfangs in einem fremden Land. Sie hat sich in Innsbruck ein Leben aufgebaut, allein mit ihrer zehnjährigen Tochter. Sie hat eine Arbeit, eine Wohnung, eine Routine. Sie ist zuverlässig.

Sie meldet sich regelmäßig bei ihrer Familie, bei ihrem Cousin in Düsseldorf, bei den Menschen, die ihr wichtig sind. Und nach diesem Nachmittag im Juni wird sie sich nie wieder melden. Keine Nachricht nach dem 21. Juni.

Sechzehn Monate Stille. Zwei Tiefkühltruhen. Eine Rigipswand. Und eine Lüge, die fast funktioniert hätte.

Das letzte, was die Ermittler mit Sicherheit über die 34-jährige Syrerin wissen, ist, dass am 21. Juni 2024 der letzte Kontakt zu ihr bestand. Danach bricht alles ab. Kein Anruf, keine Nachricht, keine Bewegung auf ihrem Bankkonto, die von ihr stammt.

Keine Spur. Aber diese Frau ist nicht die Art Mensch, die einfach verschwindet. Sie lebt allein mit ihrer Tochter. Sie hat einen Job.

Sie ist zuverlässig. Sie hält Kontakt zu ihrer Familie. Und plötzlich ist sie weg – und ihre Tochter auch. Ein Kind, zehn Jahre alt, und niemand weiß, wo es ist.

Die Namen der Betroffenen wurden aus Gründen des österreichischen Persönlichkeitsschutzes nicht vollständig veröffentlicht. Hinter den Zahlen und Aktenzeichen stehen zwei Menschen: eine Mutter und ihre Tochter. Zwei Menschen, die vor einem Krieg geflohen sind, um in Sicherheit zu leben – und die in der Sicherheit das gefunden haben, wovor sie geflohen sind. Diese Geschichte wird nicht erzählt, um Angst zu machen.

Sie wird erzählt, weil diese beiden Menschen nicht vergessen werden dürfen. Nicht der Fall zählt. Die Menschen zählen. Was wir über diese Frau wissen, ist wenig.

Und das ist Teil der Tragödie. Sie kommt aus Syrien, einem Land, das seit Jahren von einem Krieg zerrissen wird, der Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat. Millionen Frauen, Männer, Kinder, die alles verloren haben: ihr Zuhause, ihre Nachbarn, ihre Straßen, ihre Sprache. Und die irgendwo in Europa versuchen, etwas Neues aufzubauen – mit nichts als dem, was sie am Leib tragen, und dem, was sie im Kopf haben.

Stellt euch das vor. Du bist eine junge Frau in Syrien. Du hörst die Bomben. Du siehst, wie deine Nachbarn fliehen.

Du packst dein Kind und gehst. Du lässt alles zurück: dein Haus, deine Familie, deine Sprache, deine Geschichte. Du gehst durch Länder, die du nicht kennst, zu Menschen, die dich nicht erwarten. Du lernst Worte, die du nie lernen wolltest: Aufenthaltserlaubnis, Asylantrag, Integrationsvereinbarung.

Du lernst, dass Freiheit nicht automatisch Sicherheit bedeutet. Diese Frau hat es nach Innsbruck geschafft. In eine Stadt, die für ihre Schönheit bekannt ist. Für die Berge, den Fluss, die Altstadt, das Goldene Dachl.

Eine Stadt, in der Touristen staunen und Studenten feiern und das Leben leicht aussieht. Aber für eine alleinerziehende Mutter aus Syrien ist Innsbruck kein Postkartenmotiv. Es ist ein Ort, an dem man jeden Tag kämpfen muss: um Sprache, um Arbeit, um Anerkennung, um einen Platz in einer Gesellschaft, die einen freundlich aufnimmt, aber nicht immer versteht. Und trotzdem hat sie es geschafft.

Sie hat eine Wohnung gefunden, einen Job, eine Routine. Ihre Tochter geht in die Schule, lernt Deutsch, macht Hausaufgaben, hat vielleicht Freundinnen gefunden. Ein ganz normales Leben – oder das, was davon übrig bleibt, wenn man einmal alles verloren hat. Sie findet Arbeit bei einem Unternehmen, dessen Geschäftsführer ein 55-jähriger Österreicher ist.

Die beiden werden nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Die Polizei spricht später von einem privaten Naheverhältnis, von einer Beziehung, die als schwierig beschrieben wurde. Stellt euch das vor. Eine junge Frau, allein in einem fremden Land, ohne Familie in der Nähe, mit einem kleinen Kind.

Und der einzige Mensch, der ihr nahesteht, ist ihr Chef, ihr Arbeitgeber – der Mann, von dem ihr Job abhängt, ihre Miete, ihr Alltag. Das ist kein Verhältnis auf Augenhöhe. Es ist ein Verhältnis, in dem die Macht ungleich verteilt ist und die Verwundbarkeit auf einer Seite liegt. Die Tochter ist zehn Jahre alt.

Ein Kind, das in Innsbruck aufwächst, das wahrscheinlich besser Deutsch spricht als seine Mutter, das in die Schule geht, das Freunde hat, das Träume hat. Ein Kind, das den Krieg nicht bewusst erlebt hat, aber dessen ganzes Leben von der Flucht geprägt ist, vom Neuanfang, von der Abwesenheit eines Vaters, einer Großfamilie, einer Heimat. Vierunddreißig und zehn. Zwei Zahlen, zwei Leben, die an einem Juni-Nachmittag enden.

Die Polizei hat keine Fotos veröffentlicht. Es gibt keine Fahndungsbilder mit ihrem Gesicht. Was wir wissen: Sie war 34, syrische Staatsangehörige, lebte allein mit ihrer Tochter in einer Wohnung in Innsbruck, war berufstätig und wurde von ihrem Umfeld als zuverlässig beschrieben. Vermisst werden die Frau und ihre Tochter seit dem 21.

Juni 2024. Ihre Mobiltelefone wurden in ihrer Wohnung gefunden. Das allein ist ein Alarmsignal. Welche Mutter lässt ihr Handy zurück, wenn sie verreist?

Welches Kind lässt sein Telefon zu Hause? In einer Zeit, in der das Handy das letzte Band zur Familie ist, zur Heimat, zur Welt. Jetzt die Ereignisse. Langsam, weil jedes Detail zählt.

21. Juni 2024, ein Freitag. Sommer in Innsbruck. Der längste Tag des Jahres.

In einer Wohnung hören Nachbarn am Nachmittag Hilferufe und laute Geräusche. Poltern. Dann Stille. Niemand ruft die Polizei.

Niemand klopft an die Tür. Die Geräusche verschwinden in der Sommerhitze. Vier Tage später, am 25. Juni, meldet ein Cousin der Frau, der in Düsseldorf lebt, sie und ihre Tochter als vermisst.

Er hat seit dem 21. keinen Kontakt mehr zu ihr. Das ist ungewöhnlich. Sie meldet sich immer.

Die Polizei beginnt zu ermitteln. Sie überprüft die Wohnung. Die Wohnung ist verschlossen. Drinnen finden die Beamten die Mobiltelefone von Mutter und Tochter.

Keine Spuren eines Kampfes. Keine Hinweise auf den Verbleib der beiden. Aber zwei Handys, zurückgelassen. Das ist seltsam.

Das ist mehr als seltsam. Dann beginnen die Lügen. Vom Handy der Frau werden nach dem 21. Juni noch Nachrichten verschickt.

Ein Kündigungsschreiben an den Arbeitgeber. Nachrichten an den 55-jährigen Arbeitskollegen und Freund. Aber die Nachrichten sind nicht auf Arabisch, nicht in der Muttersprache der Frau. Das fällt den Ermittlern auf.

Jemand schreibt in ihrem Namen – aber nicht in ihrer Sprache. Der 55-jährige Arbeitskollege erzählt der Polizei, die Frau sei mit ihrer Tochter zu ihren Eltern in die Türkei gereist. Eine längere Reise. Deshalb habe sie auch ihren Job gekündigt.

Alles ganz normal, nichts Ungewöhnliches. Aber die Ermittler sind misstrauisch. Es gibt kein Flugticket, keine Buchung, keine Einreise in die Türkei. Und die Verwandten der Frau wissen nichts von einer Reise.

Niemand hat sie gesehen. Niemand hat von ihr gehört. Dann entdecken die Ermittler etwas, das alles verändert. Die Bankomatkarte der Frau wird nach ihrem Verschwinden mehrfach benutzt – in Österreich, in Slowenien, in anderen Ländern.

Aber nicht von ihr. Der 53-jährige Bruder des Hauptverdächtigen wird mit den Abhebungen in Verbindung gebracht. Und noch etwas. Ein vierstelliger Geldbetrag wird vom Konto der Frau an den 55-jährigen Hauptverdächtigen überwiesen.

Er erklärt das mit einer Rückzahlung. Die Ermittler glauben ihm nicht. Und dann der entscheidende Hinweis. Die Polizei findet heraus, dass die beiden Brüder bereits vor dem Verschwinden der Frau einen Lagerraum angemietet hatten.

In diesem Lagerraum stand eine verschlossene Tiefkühltruhe. Am 21. Juni, am Tag des Verschwindens, holten die Brüder diese Tiefkühltruhe aus dem Lager und brachten sie später zurück. Kurz darauf schafften sie eine zweite Tiefkühltruhe an.

Eine Woche später brachten sie beide Truhen an einen damals unbekannten Ort. Stellt euch das vor. Jemand mietet einen Lagerraum und stellt eine Tiefkühltruhe hinein, bevor etwas passiert. Bevor die Frau verschwindet.

Das ist keine spontane Tat. Das ist keine Panikreaktion. Das ist Planung. Und es hört nicht auf.

Der Hauptverdächtige verkauft später Schmuck der Frau auf der Internetplattform Willhaben. Er bietet Möbel und Einrichtungsgegenstände aus ihrer Wohnung zum Verkauf an, als gehörten sie ihm. Als wäre sie nie da gewesen. Die Polizei überwacht die beiden Brüder monatelang.

Verdeckt, geduldig. Sie sammelt Beweise Stück für Stück. Jede Bankomatabhebung wird dokumentiert. Jede Nachricht wird analysiert.

Jeder Verkauf wird festgehalten. Die Ermittler wissen: Ohne die Leichen können sie keinen Mordfall beweisen. Ein Tötungsdelikt ohne Leiche zu beweisen, sagt die Staatsanwaltschaft später, ist ein schwieriges Unterfangen. Aber sie arbeiten daran.

Tag für Tag, Monat für Monat. Die Landeskriminalamtsleiterin Katja Tersch leitet die Ermittlungen persönlich. Sie weiß, dass die Zeit gegen sie arbeitet. Denn solange die Leichen nicht gefunden werden, kann der Verdächtige seine Geschichte aufrechterhalten.

Die Geschichte von der Reise in die Türkei. Die Geschichte, die fast funktioniert hätte. Fast. Dann, im Juni 2025, fast ein Jahr nach dem Verschwinden, schlägt die Polizei zu.

Beide Brüder werden festgenommen und in Untersuchungshaft genommen. Der 55-Jährige in Innsbruck, sein 53-jähriger Bruder in Salzburg. Getrennt, damit sie sich nicht absprechen können. Damit die Lügen, die sie gemeinsam aufgebaut haben, unter dem Druck der Isolation zusammenbrechen.

Monate vergehen. Die Brüder schweigen. Die Ermittler warten. Und dann, am 12.

November 2025, bricht der 55-Jährige sein Schweigen. Er räumt ein, dass er die Leichen der Frau und ihrer Tochter versteckt hat. Er spricht von einem Unfall. Die Staatsanwaltschaft glaubt ihm nicht.

Zwei Tage später durchsucht die Polizei die Wohnung des 53-jährigen Bruders in Innsbruck. Hinter einer Rigipswand finden sie zwei Tiefkühltruhen. In den Truhen finden sie die sterblichen Überreste einer 34-jährigen Frau und ihrer zehnjährigen Tochter. Sechzehn Monate.

Sechzehn Monate lang lagen eine Mutter und ihr Kind in einer Wohnung in Innsbruck, hinter einer Wand, in einer Truhe, während das Leben draußen weiterging. Während die Nachbarn ihre Türen öffneten und schlossen. Während der Sommer kam und der Herbst und der Winter und der Frühling und wieder der Sommer. Sechzehn Monate lang hat niemand sie gefunden.

Der Landespolizeidirektor sagt bei der Pressekonferenz, es handle sich um einen besonderen Fall. Besonders – ein Wort, das der Situation nicht gerecht wird. Aber es gibt kein Wort, das ihr gerecht wird. Dieser Fall erzählt nicht nur die Geschichte eines Verbrechens.

Er erzählt die Geschichte eines Systems, das versagt hat. Nicht die Polizei – die hat hervorragend gearbeitet. Monatelange Überwachung, akribische Beweissicherung, geduldige Ermittlungsarbeit. Katja Tersch und ihr Team haben diesen Fall gelöst.

Das verdient Anerkennung. Aber das System, das versagt hat, ist größer als die Polizei. Es ist das System, in dem eine alleinerziehende Mutter aus Syrien in einer österreichischen Stadt so allein sein kann, dass ihr Verschwinden erst bemerkt wird, als ein Verwandter aus Deutschland anruft. Es ist das System, in dem Nachbarn Hilferufe hören und nicht reagieren.

Es ist das System, in dem die verletzlichsten Menschen am wenigsten geschützt sind. Es gibt Widersprüche in diesem Fall, die wie offene Wunden sind. Erster Punkt: die Hilferufe. Nachbarn haben am Nachmittag des 21.

Juni Hilferufe und Poltern gehört. Niemand hat reagiert. Niemand hat die Polizei gerufen. Niemand hat an die Tür geklopft.

In einer Stadt, in einer Wohnung, umgeben von Menschen, hat jemand um Hilfe gerufen – und die Hilfe kam nicht. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn jemand reagiert hätte. Vielleicht. Aber dieses Vielleicht gehört nicht den Nachbarn.

Es gehört dem Täter. Zweiter Punkt: die Sprache. Die Nachrichten, die nach dem Verschwinden vom Handy der Frau verschickt wurden, waren nicht auf Arabisch. Diese Frau ist Syrerin.

Ihre Muttersprache ist Arabisch. Wenn sie eine Kündigung schreibt, wenn sie Nachrichten an Vertraute schickt, tut sie das in ihrer Sprache. Dass alle Nachrichten in einer Sprache verfasst waren, die nicht ihre Muttersprache ist, hätte früher auffallen müssen. Dritter Punkt: die Tiefkühltruhe.

Eine Tiefkühltruhe wird vor dem Verschwinden angeschafft und in einem eigens dafür angemieteten Lagerraum gelagert. Am Tag des Verschwindens wird sie abgeholt. Später wird eine zweite angeschafft. Die Staatsanwaltschaft sagt: Wir gehen von Mord aus.

Der Hauptverdächtige sagt: Es war ein Unfall. Aber Unfälle plant man nicht. Unfälle mieten keinen Lagerraum. Unfälle kaufen keine Tiefkühltruhen im Voraus.

Vierter Punkt: die Rigipswand. Die beiden Truhen wurden nicht einfach in eine Wohnung gestellt. Sie wurden hinter einer eigens errichteten Trockenbauwand verborgen. Jemand hat Gipskartonplatten gekauft, eine Wand gebaut und zwei Tiefkühltruhen dahinter versteckt.

In der Wohnung des Bruders. Das ist kein Verstecken in Panik. Das ist Architektur des Verbergens. Ein Plan, der darauf angelegt ist, dass niemand jemals findet, was dahinter liegt.

Fünfter Punkt: das Motiv. Die Staatsanwaltschaft macht keine Angaben zum Motiv. Sie sagt nur, dass die Beziehung zwischen der Frau und dem 55-Jährigen als schwierig beschrieben wurde. Schwierig.

Ein Wort, das so viel verbergen kann. Eine Zurückweisung, vielleicht ein Streit, eine Trennung, ein Kontrollverlust. Wir wissen es nicht. Sechster Punkt: die Verwundbarkeit.

Eine alleinerziehende Mutter aus Syrien, allein in einem fremden Land, abhängig von ihrem Arbeitgeber, ohne familiäres Netzwerk in der Nähe, ohne die Sicherheitsnetze, die viele für selbstverständlich halten. Diese Frau war verwundbar. Und die Person, der sie am meisten vertraut hat, ist die Person, die jetzt unter dringendem Mordverdacht steht. Und da ist noch etwas, das in dieser Geschichte zu oft vergessen wird: die Familie.

Da ist ein Cousin in Düsseldorf, der als Erster den Alarm geschlagen hat. Der sich gemeldet hat, als die Frau sich nicht mehr meldete. Der die Polizei angerufen hat, obwohl er tausend Kilometer entfernt war. Der nicht aufgehört hat zu fragen, wo seine Cousine ist, wo das Kind ist, was passiert ist.

Dieser Cousin hat getan, was Familie tut. Er hat nicht aufgegeben. Er hat nicht gewartet. Er hat gehandelt.

Und ohne ihn wäre dieser Fall vielleicht nie aufgerollt worden. Stellt euch seine Situation vor. Du lebst in Düsseldorf. Deine Cousine lebt in Innsbruck mit einem kleinen Mädchen.

Plötzlich meldet sie sich nicht mehr. Du rufst an. Nichts. Du schreibst.

Nichts. Du wartest einen Tag, zwei Tage, drei Tage. Dann weißt du, dass etwas nicht stimmt. Sie meldet sich immer.

Du rufst die Polizei an, in einem anderen Land, in einer anderen Stadt, und sagst: Meine Cousine ist verschwunden. Bitte sucht sie. Und dann beginnt das Warten. Das endlose, zermalmende Warten.

Wochen, Monate, ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr. Sechzehn Monate. In all dieser Zeit hörst du Geschichten: Sie ist in der Türkei. Sie ist verreist.

Es geht ihr gut. Aber du weißt, dass etwas nicht stimmt. Du spürst es in den Lügen, die nicht zusammenpassen. In den Nachrichten, die nicht in ihrer Sprache geschrieben sind.

In der Stille, die lauter ist als jeder Hilferuf. Da sind Eltern irgendwo, in der Türkei vielleicht oder in dem, was von Syrien übrig ist. Eltern, die ihre Tochter an den Krieg verloren haben – nicht an Bomben, sondern an die Flucht. Die gehofft haben, dass es ihr in Europa besser geht.

Dass sie in Sicherheit ist. Dass ihre Enkelin in einer Schule sitzt und lacht und lernt und eine Zukunft hat, die in Syrien nicht möglich gewesen wäre. Und die sechzehn Monate lang nicht wussten, dass ihre Tochter und ihre Enkeltochter längst nicht mehr lebten. Und da ist ein zehnjähriges Mädchen.

Ein Kind, das keine Stimme hat in dieser Geschichte. Das keinen Namen hat in den Zeitungen. Das in keiner Statistik vorkommt. Ein Kind, das in Innsbruck aufgewachsen ist, das Deutsch gelernt hat, das vielleicht Freundinnen hatte und Lieblingsfächer und Lieblingssendungen und Träume.

Ein Kind, das zehn Jahre alt war. Ein Alter, in dem man anfängt, die Welt zu verstehen. Ein Alter, in dem man anfängt, Fragen zu stellen. Ein Alter, in dem das Leben erst beginnt.

Diese Familie musste sechzehn Monate warten, um zu erfahren, was passiert ist. Sechzehn Monate zwischen Hoffnung und Angst. Zwischen vielleicht ist sie verreist und vielleicht ist etwas Schreckliches passiert. Sechzehn Monate in einem Raum ohne Türen.

Innsbruck liegt immer noch da, wo es immer lag. Am Inn, zwischen den Bergen, unter einem Himmel, der im Sommer endlos blau ist. Die Altstadt ist immer noch schön. Die Touristen kommen immer noch.

Das Leben geht weiter, wie es das immer tut. Aber in einer Wohnung in dieser Stadt wurde eine Wand gebaut, um zwei Menschen verschwinden zu lassen. Und sechzehn Monate lang hat niemand hinter diese Wand geschaut. Diese Frau hatte keinen Namen in den Schlagzeilen.

Keine Fahndungsfotos, die millionenfach geteilt wurden. Keinen Hashtag, unter dem die Welt nach ihr suchte. Sie war eine syrische Frau mit einer kleinen Tochter, die in einem fremden Land allein war. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum es so lange gedauert hat, bis jemand sie fand.

Es gibt Menschen, die verschwinden, und die Welt hält den Atem an. Und es gibt Menschen, die verschwinden, und die Welt merkt es nicht einmal. Diese Frau und ihre Tochter gehörten zur zweiten Gruppe. Und das darf nicht sein.

Denn ein Menschenleben ist ein Menschenleben. Egal, woher man kommt. Egal, welche Sprache man spricht. Egal, ob jemand deinen Namen kennt.

Dieser Fall wirft eine Frage auf, die wir uns alle stellen müssen. Wie viele Menschen leben unter uns, die niemand vermissen würde? Wie viele Frauen, wie viele Kinder, die in Wohnungen leben, in Städten, unter Menschen – und die doch so unsichtbar sind, dass ihr Verschwinden monatelang unbemerkt bleibt? Wie viele Hilferufe verhallen in der Sommerhitze, weil niemand an die Tür klopft?

Diese Frau hatte einen Cousin in Düsseldorf, der sich gemeldet hat. Vier Tage nach ihrem Verschwinden. Ohne ihn wäre sie vielleicht noch später vermisst worden. Oder gar nicht.

Das ist ein Gedanke, der wehtut. Denn er bedeutet, dass die einzige Person, die schnell genug reagiert hat, tausend Kilometer entfernt war. Am anderen Ende eines Kontinents, auf dem diese Frau Schutz gesucht hatte. Manchmal ist die größte Gefahr nicht der Krieg, vor dem man flieht.

Manchmal ist die größte Gefahr die Einsamkeit, in der man ankommt. Sie war 34. Ihre Tochter war 10. Vierunddreißig und zehn.

Das sind keine Zahlen. Das sind Lebensalter. Anfänge, die jemand beendet hat. Träume, die jemand ausgelöscht hat.

Hinter einer Wand. In einer Truhe. In einer Stadt, die so schön ist, dass man vergisst, dass auch in schönen Städten schreckliche Dinge geschehen. Vierunddreißig ist kein Alter.

Das ist ein Anfang. Und zehn ist noch weniger als ein Anfang. Das ist ein Versprechen. Ein Versprechen, das nie eingelöst werden wird.

Der Fall ist noch nicht abgeschlossen. Die beiden Verdächtigen befinden sich in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Innsbruck und des Tiroler Landeskriminalamts dauern an. Wenn jemand etwas weiß, das mit diesem Fall zusammenhängt, soll er sich bei der Polizei melden.

Und wenn diese Geschichte jemanden an etwas erinnert hat, das ihn selbst betrifft – wenn jemand sich in einer Situation befindet, in der er sich unsicher fühlt, in der jemand ihn kontrolliert, in der er Angst hat – dann gibt es Hilfe. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen erreicht man unter 11616, rund um die Uhr, kostenlos, anonym, in vielen Sprachen, auch auf Arabisch. Die Telefonseelsorge erreicht man unter 0800111011, ebenfalls kostenlos und anonym. In Österreich erreicht man die Frauenhelpline gegen Gewalt unter 08205555.

Kostenlos. Anonym. Rund um die Uhr. Ihr seid nicht allein.

Auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Auch wenn die Welt euren Namen nicht kennt. Ihr seid nicht allein.