Ich stand in meiner dunklen Wohnung, den ungetrunkenen Kaffee in der Hand, als ich den weißen Umschlag im Briefkasten sah. Kein Absender, nur mein Name – in einer Handschrift, die ich seit zwanzig…

Ich stand in meiner dunklen Wohnung, den ungetrunkenen Kaffee in der Hand, als ich den weißen Umschlag im Briefkasten sah. Kein Absender, nur mein Name – in einer Handschrift, die ich seit zwanzig...

Die Wohnung war dunkel, obwohl es kurz nach acht Uhr morgens war. Ein grauer Vorhang hing schief vor einem Fenster, das schon bessere Tage gesehen hatte, und ließ nur wenig Licht herein. Auf dem Tisch standen ein leerer Becher und ein Stapel überfälliger Rechnungen. Anton stand am Fenster, einen Kaffee in der Hand, den er längst nicht mehr trank.

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Er war schon wach gewesen, bevor der Wecker klingelte, weil er wieder einmal nicht schlafen konnte. Die letzten Monate hatten ihn schneller altern lassen als die Jahre zuvor. Über zwei Jahre war es jetzt her, dass die Firma, in der er als Buchhalter gearbeitet hatte, von einem Tag auf den anderen geschlossen wurde. Und genauso lange kämpfte er sich durch schlecht bezahlte Jobs, Tagelöhner-Arbeiten und Praktika, die niemanden interessierten.

Seine Frau hatte sich vor vier Jahren getrennt, nicht wegen ihm, wie sie betonte, aber doch wegen des Lebens, das er führte. Mittlerweile wohnte sie weit weg mit einem anderen Mann, der eine ordentliche Stelle hatte und ein Haus mit Garten. Anton blieb in dieser kleinen Mietwohnung zurück, in der die Wände Risse hatten und die Heizung im Winter klapperte wie ein krankes Tier. Er hatte zwei Kinder, eine Tochter im Teenageralter, die nur noch am Wochenende bei ihm war, und einen Sohn, der in einer anderen Stadt studierte.

Die Kinder liebten ihn, aber die Liebe war von Schuldgefühlen durchzogen, weil er nichts zu bieten hatte, keinen Beruf, keine Sicherheit, keine Zukunft. Und dann war da die Sache mit dem Briefkasten. An diesem Morgen, als er den Müll hinunterbringen wollte, fiel ihm ein weißer Umschlag auf, der aus dem Briefkasten ragte. Er hatte ihn schon gestern übersehen, weil er nur auf Werbung geachtet hatte.

Neugierig zog er ihn heraus. Der Umschlag war schlicht, ohne Absender, nur sein Name stand darauf, in einer Handschrift, die ihm sofort im Magen ein Gefühl von Eis verursachte. Er kannte diese Handschrift. Sie war krakelig, ungeduldig, ein wenig chaotisch, genau wie der Mann, der sie geschrieben hatte.

Anton riss den Umschlag auf. Ein Zettel fiel heraus. Eine Treffen, in drei Tagen, im alten Chinesen am Marktplatz. Es ist wichtig.

Wenn du nicht kommst, verpasst du das letzte Detail, das dir noch bleibt. Darunter: Dein alter Schatten. Anton musste sich setzen. Der alte Schatten.

Das war der Spitzname, den ein Mitschüler ihm vor über zwanzig Jahren gegeben hatte, weil Anton ihm immer bei den Hausaufgaben geholfen hatte, aber nie im Rampenlicht stehen wollte. Und diesen Spitznamen hatte nur einer benutzt. Matse. Matthias Kerber.

Anton hatte Matse nicht mehr gesehen seit dem letzten Schultag, damals, als sie beide achtzehn waren und glaubten, die Welt würde vor ihnen liegen. Matse war laut, charmant, ein bisschen verrückt, immer für einen Streich zu haben, aber auch jemand, der einem nie das letzte Hemd nahm. Er hatte Anton durch die Schule geschleppt, wenn das Lernen schwer war, hatte ihm geholfen, die Abschlussprüfung zu bestehen. Und dann hatte Matse sich gesetzt und war mir, als alle anderen sich verabschiedet hatten, plötzlich ernst geworden.

Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt zu erobern, und hatte geschworen, wenn er es geschafft habe, würde er seinem Schatten den Weg zeigen. Anton hatte damals nur gelacht. Er dachte, das sei eine Jugendschwärmerei. Seit zwanzig Jahren hatte er kein einziges Lebenszeichen von Matse erhalten.

Kein Geburtstagsgruß, keine E-Mail, nichts. Und jetzt, nach all den Jahren, dieser Brief. Drei Tage später, um genau kurz nach sechs Uhr abends, stand Anton vor dem alten China-Restaurant. Es hieß noch immer wie früher, das Goldenes Tor, aber die Farbe war abgeblättert und die Leuchtreklame flackerte.

Anton zögerte, bis sich die Tür öffnete und ein Mann herauskam, den er sofort erkannte. Matse war noch breiter geworden, nicht unbedingt fett, aber kräftig, mit runden Schultern und grauen Schläfen. Er trug einen schicken dunklen Anzug, der ihm erstaunlich gut saß, und lächelte breit. Anton, alter Knabe, ich dachte schon, du lässt mich hier verdursten.

Anton blieb einen Moment stehen, dann schüttelte er den Kopf und musste trotzdem grinsen. Matse, verdammt noch mal. Sie fielen sich in die Arme, klopften sich auf die Schultern, als wären sie immer noch Teenager. Im Restaurant war es wie früher, gedämpftes Licht, rot lackierte Tische, ein kitschiger goldener Drache an der Wand.

Sie bestellten Bier und die Riesenplatte Samstag, die sie früher manchmal geteilt hatten, wenn das Geld reichte. Die ersten Minuten füllten sie mit Erinnerungen, mit alten Lehrern, die sie nicht ausgestanden hatten, mit unvergessenen Streichen und mit Matse, der einmal fast das Chemielabor in die Luft gesprengt hätte. Aber Anton wusste, es würde nicht ausreichen, um die Kernthematik zu umgehen. Er legte die Gabel ablegte.

Es war ein Test. Der Mann trug eine Bomberjacke und schwarze Handschuhe, obwohl das Wetter lau war. Er stellte sich vor als Kommissar an einem gewissen Ort. In seiner Tasche hatte er ein Foto.

Er legte es auf den Tisch, ohne ein Wort zu sagen. Darauf war ein junges Paar zu sehen, um die Dreißiger, lachend, die Arme umeinandergelegt, bei einem Straßenfest, einige Jahre zuvor. Tom erkannte das Lächeln der Frau. Es war dasselbe Lächeln, das ihn an einem Winterabend in der U-Bahn berührt hatte.

Aber er sah ihr Gesicht nur. Die Augen waren dieselben, die Haare dieselben, Santiago war so aufrecht. Als der Kommissar das Foto wieder einstecken wollte, fragte Tom: Was ist mit ihr? Der Kommissar sagte: Vor drei Wochen aus einer Klinik in Baden-Württemberg verschwunden.

Sie war dort wegen Kreislaufproblemen, offiziell. Die Männer vom Revier glauben, dass sie nicht allein verschwunden ist. Tom spürte eine Röte über seinen Nacken ziehen. Ich soll wissen, wo sie ist?

Der Kommissar wirkte überzeugt. Ich glaube nicht, dass das dein eigener Tipp ist. Wir wissen, dass du dich vor zwei Wochen in der Nähe der Klinik aufgehalten hast. Wir wissen auch, dass du oft mit ihrem Handy Kontakt hattest, über eine Nummer, die auf einen dritten Namen angemeldet ist.

Tom schluckte. Er sah zu Marina, die mit verschränkten Armen an der Tür lehnte. Sie sah ihn an mit diesem Blick, den er zu gut kannte, aus ihren gemeinsamen Wochen am Anfang. Sie hatte ihm vor einer Stunde das Handy gegeben und gesagt: Die Zeit der Spiele ist vorbei.

Auf dem Display hatte er eine Nachricht gesehen, von einem Absender namens ULN, mit einem Standort in der Nähe eines Waldes außerhalb der Stadt. Ich verstehe nicht, sagte Tom, ich kenne niemanden mit diesem Namen. Der Kommissar schüttelte den Kopf. Du wirst uns jetzt helfen.

Wir sind kein Staat, der lange fragt. Du hast Anteile an der Verschleppung einer Zeugin, und du wirst sie zurückbringen, sonst machen wir dich zur Person der Öffentlichkeit. Tom wusste, dass es keine Wahl war. Später, als der Kommissar gegangen war und Marina ihm einen Kaffee einschenkte, sagte sie leise: Du hast mich damals nicht angerufen, als ich krank war.

Du hast niemanden angerufen. Ich dachte, du bist weggefahren. Er schüttelte den Kopf. Ich war da.

Ich stand vor der Klinik. Aber ich hatte Angst, wie du auf mich reagieren würdest. Sie stellte die Tasse ab. Dann hilf mir jetzt.

Sichere ihn, den Weg, den du gefunden hast. Tom nahm das Handy und tippte die Adresse ein. Am nächsten Morgen war er schon vor Sonnenaufgang unterwegs. Er fuhr durch eine Landschaft, die er nicht kannte, vorbei an versperrten Waldwegen und einsamen Höfen.

Das Handy führte ihn zu einem verlassenen Schuppen am Rand einer Lichtung. Die Tür war nicht abgeschlossen. Im Inneren stand ein leeres Bett, ein Glas Wasser auf einem Nachttisch, und auf einem Stuhl ein zerknittertes Flugblatt mit der Aufschrift: Wer sich erinnern kann, der ist nicht allein. Tom rief den Kommissar an, und die Antwort war kurz: Wir sind unterwegs.

Bleib bei ihr, falls sie in der Nähe ist, und nimm sie mit, wenn du sie findest. Tom suchte die Umgebung ab, den Waldrand, eine alte Hütte, ein kaputtes Auto. Und dann, hinter einer Reihe dichter Sträucher, sah er eine Gestalt. Es war die Frau, die er kannte.

Sie hockte auf einem umgeworfenen Baumstamm und schien auf ihn zu warten. Sie hatte keine Angst in den Augen, sondern eine Ruhe, die ihn traf wie ein Schlag. Er blieb stehen, behielt das Handy in der Tasche, und machte einen Schritt auf sie zu. Sie sah auf und sagte nur: Du hast mich also doch nicht vergessen.

Er setzte sich neben sie, ohne zu antworten. Sie schwiegen eine Weile, bis sie sagte: Ich bin nicht weggelaufen, um mich zu verstecken. Ich bin weggelaufen, um endlich selbst zu entscheiden, wo ich hingehe. Du glaubst, dass du mir helfen musst, aber ich brauche dich nicht, um mich zu schützen.

Ich brauche dich, um mir zuzuhören. Tom atmete langsam aus. Er verstand nun, was Marina gemeint hatte, als sie sagte, die Zeit der Spiele sei vorbei. Es ging nie um Verbrechen, sondern um sein schlechtes Gewissen, um seine Flucht vor Verantwortung.

Er nahm ihre Hand, ohne ein Wort. Als der Kommissar mit einem Einsatzfahrzeug eintraf, stand das Paar nebeneinander, Hand in Hand. Der Kommissar sah sie an und nickte nur. Die Frau sagte: Ich bin freiwillig hier.

Niemand hat mich verschleppt. Der Kommissar drehte sich zu Tom um. Dann hast du heute Nacht wohl dein letztes Geheimnis gelüftet. Er stieg ein und fuhr davon.

Tom blieb mit der Frau zurück, in der Stille des Waldes. Sie wandte sich ihm zu und sagte: Ich bin in drei Tagen wieder in der Stadt. Vielleicht können wir dann sprechen. Er nickte.

Er wusste, dass er nicht mehr wegfahren würde. Ein paar Tage später stand er erneut vor einer Tür, diesmal vor der Wohnung, die sie ihm gegeben hatte. Sie öffnete, als hätte sie ihn erwartet, führte ihn in eine Küche mit einem großen Fenster zur alten Stadt. Sie kochte Tee, setzte sich ihm gegenüber und sagte: Ich will nicht die Frau sein, die du retten musst.

Ich will nur die sein, bei der du bleiben kannst. Tom sah sie lange an. Dann sagte er: Ich habe Angst, dass ich es nicht verdiene. Sie schob ihm die Tasse hin.

Das entscheide ich. Er lächelte, so wie er seit Jahren nicht mehr gelächelt hatte. In diesem Moment verstand er, dass er nicht zurückgeholt werden musste, um wieder zu leben. Er musste nur ankommen, und zwar hier.

Draußen wurde das Abendlicht allmählich golden, und die Stadt gehörte ihm wieder, nicht als Ort, an dem er verloren war, sondern als Ort, an dem er bleiben würde.