SIE VEREHRTE HITLER, WÄHREND IHRE JÜDISCHEN NACHBARN DEPORTIERT WURDEN – UND NACH DEM KRIEG BEKAM SIE WEITER GELD VOM STAAT

SIE VEREHRTE HITLER, WÄHREND IHRE JÜDISCHEN NACHBARN DEPORTIERT WURDEN – UND NACH DEM KRIEG BEKAM SIE WEITER GELD VOM STAAT

TEIL 1 – DER AUFSTIEG DER „SCHWARZEN WITWE“

  1. Mai 1940. Über den Niederlanden dröhnen deutsche Flugzeuge. Fallschirmjäger landen an strategisch wichtigen Punkten, Brücken werden angegriffen, Straßen blockiert. Ein Land, das gehofft hatte, wie im Ersten Weltkrieg neutral bleiben zu können, wird innerhalb weniger Stunden in einen Krieg hineingezogen. Vier Tage später brennt das historische Zentrum Rotterdams. Am 15. Mai kapitulieren die niederländischen Streitkräfte. Für Millionen Menschen beginnt die Besatzung. Für eine junge Frau aus gutem Hause dagegen scheint sich eine politische Hoffnung zu erfüllen.

Ihr Name ist Florentine Sophie Heubel. Später wird sie als Florentine Rost van Tonningen bekannt werden. Jahrzehnte nach dem Krieg bekommt sie einen Namen, der wie aus einem düsteren Roman klingt: „die Schwarze Witwe“. Doch hinter diesem Spitznamen verbirgt sich keine Legende. Es geht um eine überzeugte Nationalsozialistin, die Hitler und Himmler bewunderte, Kontakte zu ehemaligen Nationalsozialisten pflegte und sich auch nach 1945 nicht glaubwürdig von der Ideologie distanzierte, deren Folgen Europa verwüstet hatten. Wenn euch solche weniger bekannten Kapitel der europäischen Geschichte interessieren, bleibt bis zum Ende dabei. Denn die vielleicht verstörendste Wendung beginnt erst nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches.

Florentine wird am 14. November 1914 in Amsterdam geboren. Sie ist das jüngste von vier Kindern. Ihr Vater stammt aus Deutschland und ist als junger Mann in die Niederlande gekommen, um im Bankwesen Karriere zu machen. Dort heiratet er die Tochter seines Arbeitgebers und steigt selbst zu einem angesehenen Bankier auf. Die Familie gehört damit keineswegs zu den gesellschaftlichen Außenseitern.

Florentine wächst in Hilversum in privilegierten Verhältnissen auf. Ihre Familie genießt einen solchen gesellschaftlichen Status, dass Florentine und ihr Bruder Wim bei einem Besuch der jungen Prinzessin Juliana ausgewählt werden, um mit ihr Tennis zu spielen. Nichts in diesem Leben deutet darauf hin, dass Florentine später zu einer der berüchtigtsten rechtsextremen Persönlichkeiten der niederländischen Nachkriegszeit werden würde.

Doch schon als junge Frau blickt sie fasziniert nach Deutschland. Dort gewinnt eine politische Bewegung immer mehr Einfluss, die Demokratie, Liberalismus und gesellschaftliche Vielfalt verachtet. Florentine liest Adolf Hitlers „Mein Kampf“ und beschäftigt sich mit den Schriften des NS-Ideologen Alfred Rosenberg. Die nationalsozialistische Vorstellung einer rassisch geordneten Gesellschaft stößt sie nicht ab. Sie zieht sie an.

Gemeinsam mit ihrem Bruder Wim engagiert sie sich in der Nationale Jeugdstorm, der Jugendorganisation der niederländischen faschistischen NSB. Die Bewegung orientiert sich in Auftreten und Organisation an der Hitlerjugend. Uniformen, Disziplin, Gemeinschaft und politische Indoktrination gehören zu einer Welt, die Florentine zunehmend als Zukunft begreift.

Gleichzeitig studiert sie Biologie an der Universität Utrecht. Besonders interessiert sie sich für Tierpsychologie. Es ist ein bemerkenswerter Gegensatz: Auf der einen Seite eine junge Akademikerin aus einem angesehenen Elternhaus, auf der anderen Seite eine immer radikaler werdende politische Überzeugung, die Menschen nach vermeintlicher Abstammung und „Rasse“ bewertet.

Im Januar 1933 kommt Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Die nationalsozialistische Diktatur beginnt, ihre politischen Gegner auszuschalten und jüdische Bürger systematisch zu entrechten. Florentine beobachtet diese Entwicklung nicht mit Ablehnung. Im Gegenteil.

Im Sommer 1936 hält sie sich im Zusammenhang mit ihrem Studium in Berlin auf. Dort erlebt sie die nationalsozialistische Bewegung aus unmittelbarer Nähe. Sie zeigt sich beeindruckt von der demonstrierten Kameradschaft, der Disziplin und der Bereitschaft, sich einer gemeinsamen Sache unterzuordnen. Was für Verfolgte bereits eine bedrohliche Diktatur ist, erscheint ihr als Modell einer neuen Gesellschaft.

Ein Jahr später reist Florentine nach Niederländisch-Indien. Nach ihrer Rückkehr kommt es zu einer bemerkenswerten Entscheidung. Sie verlässt die NSB vorübergehend. Doch nicht, weil sie den Faschismus ablehnt oder Zweifel an Hitlers Deutschland entwickelt hätte.

Das Gegenteil ist der Fall.

Florentine hält die niederländische Bewegung offenbar für nicht radikal genug. Besonders in Fragen der sogenannten „Rassenhygiene“ ist sie unzufrieden. Parteiführer Anton Mussert teilt ihre Vorstellungen nicht in der von ihr gewünschten Konsequenz. Ihre Distanz zur Partei entsteht damit nicht aus Mäßigung, sondern aus ideologischer Radikalisierung.

Dann kommt der 1. September 1939. Deutsche Truppen greifen Polen an. Der Zweite Weltkrieg beginnt. Die Niederlande erklären erneut ihre Neutralität und hoffen, aus dem Konflikt herausgehalten zu werden. Acht Monate lang scheint diese Hoffnung zumindest äußerlich zu bestehen.

Am 10. Mai 1940 endet sie.

Ohne vorherige Kriegserklärung beginnt der deutsche Angriff auf die Niederlande. Fallschirmjäger sichern strategische Punkte, Flugzeuge greifen Ziele an, deutsche Verbände dringen über die Grenzen vor. Die niederländische Armee leistet Widerstand, ist der militärischen Übermacht jedoch nicht gewachsen.

Am 14. Mai wird Rotterdam bombardiert. Das historische Stadtzentrum wird schwer zerstört, Hunderte Zivilisten sterben. Unter dem Eindruck der Zerstörung und der Gefahr weiterer Angriffe kapitulieren die niederländischen Streitkräfte einen Tag später. Königin Wilhelmina und die Regierung gehen nach London.

Für die Bevölkerung beginnt die deutsche Besatzung.

Zunächst versuchen die Besatzer, den Alltag kontrolliert erscheinen zu lassen. Doch Schritt für Schritt werden demokratische Strukturen beseitigt und antisemitische Maßnahmen eingeführt. Jüdische Bürger verlieren Rechte, Arbeitsplätze und Sicherheit. Später folgen Verhaftungen, Entrechtung und Deportationen.

In diesem Moment treffen Niederländer sehr unterschiedliche Entscheidungen. Manche passen sich aus Angst an. Andere schließen sich dem Widerstand an, verstecken Verfolgte, fälschen Papiere oder helfen Menschen unter Lebensgefahr bei der Flucht.

Florentine entscheidet sich für die andere Seite.

Als die Niederlande angegriffen werden, arbeitet sie in einem Berliner Zoo. Nach der Besetzung kehrt sie in ihre Heimat zurück. Nicht, um gegen die Besatzer zu kämpfen, sondern weil sie sich am Aufbau der neuen politischen Ordnung beteiligen möchte.

Kurz nach dem deutschen Einmarsch veranstaltet die NSB eine große sogenannte Befreiungsversammlung. Schon die Bezeichnung zeigt, wie weit die Wahrnehmung ihrer Anhänger von jener vieler Landsleute entfernt ist: Eine militärische Besetzung wird als Befreiung gefeiert.

Dort begegnet Florentine einem Mann, der ihr weiteres Leben prägen wird.

Meinoud Rost van Tonningen.

Er ist rund zwanzig Jahre älter als sie, eine prominente Persönlichkeit der NSB und einer der radikalsten Nationalsozialisten innerhalb der niederländischen Bewegung. Als zweiter Vorsitzender besitzt er erheblichen Einfluss. Unter seiner Mitwirkung hat sich die NSB seit Mitte der 1930er Jahre immer stärker an Hitlers NSDAP orientiert und antisemitische sowie rassistische Positionen übernommen.

Florentine ist von ihm beeindruckt.

Nur wenige Monate nach ihrer ersten Begegnung macht Meinoud ihr einen Heiratsantrag. Doch selbst innerhalb dieser ideologischen Welt ist die Verbindung kompliziert. Meinoud ist deutlich älter und hat bereits eine Ehe und ein Kind. Außerdem kursieren innerhalb des rassistischen Milieus Zweifel an seiner angeblichen „rassischen Reinheit“.

Die Absurdität dieser Situation ist kaum zu übersehen. Zwei Menschen, die eine rassistische Ideologie vertreten, sehen ihre eigene Hochzeit durch eben jene pseudowissenschaftlichen Kriterien bedroht, die das Regime zur Ausgrenzung und Verfolgung anderer Menschen benutzt.

Schließlich greift Heinrich Himmler persönlich ein. Der Reichsführer SS genehmigt die Ehe.

Im Dezember 1940 heiraten Florentine und Meinoud Rost van Tonningen. Führende Mitglieder der NSB nehmen an der Hochzeit teil. Florentine ist nun nicht mehr nur eine junge Anhängerin des Nationalsozialismus. Sie ist die Ehefrau eines Mannes aus der politischen Spitze der Kollaborationsbewegung.

In den ersten Ehejahren bekleidet sie selbst kein bedeutendes öffentliches Amt. Sie erfüllt vor allem repräsentative Aufgaben und bekommt innerhalb kurzer Zeit drei Söhne. Doch politisch besteht zwischen ihr und ihrem Mann weitgehende Übereinstimmung.

Beide vertreten eine besonders radikale Vorstellung von der Zukunft ihres Landes. Die Niederlande sollen ihrer Ansicht nach nicht als unabhängiger Staat bestehen bleiben. Sie betrachten das Land als einen angeblich verlorenen Teil des germanisch-deutschen Raumes, der in das Deutsche Reich eingegliedert werden müsse.

Selbst innerhalb der NSB ist diese Position umstritten. Andere Parteiflügel halten am niederländischen Nationalismus fest und wollen trotz ihrer Zusammenarbeit mit den Deutschen ein eigenständiges Holland bewahren.

Meinoud hingegen rückt immer enger an die deutschen Besatzer heran.

Im März 1941 erhält er eine Schlüsselposition: Er wird Präsident der Niederländischen Zentralbank. Damit sitzt ein überzeugter Nationalsozialist an einer Stelle, an der Entscheidungen über Geld, Währung und wirtschaftliche Beziehungen getroffen werden.

Unter seiner Leitung werden Währungsschranken zwischen den Niederlanden und Deutschland beseitigt. Niederländische Goldreserven können in das Deutsche Reich transferiert werden. Die wirtschaftliche Ausbeutung des besetzten Landes wird damit erleichtert.

Während Florentine und ihr Mann politisch und gesellschaftlich aufsteigen, verändert sich das Leben jüdischer Familien grundlegend.

Immer neue Verbote werden verhängt. Menschen werden registriert, ausgegrenzt und aus Berufen gedrängt. Die Besatzungsmacht und ihre Helfer machen aus Nachbarn zunächst Bürger zweiter Klasse und schließlich Menschen, die deportiert werden können.

Im Juli 1942 beginnen die systematischen Deportationen niederländischer Juden. Züge fahren Richtung Osten. Viele Deportierte werden nach Auschwitz und Sobibor gebracht. Für einen großen Teil bedeutet die Fahrt den Tod.

Florentine befindet sich währenddessen auf der privilegierten Seite des Besatzungssystems. Ihr Mann gehört zu den mächtigsten niederländischen Kollaborateuren. Sie selbst teilt die Ideologie, auf deren Grundlage andere Menschen entrechtet werden.

Gerade dieser Gegensatz macht ihre Geschichte so schwer erträglich.

Während Widerstandsgruppen ihre Freiheit und teilweise ihr Leben riskieren, um jüdische Familien zu verstecken, profitieren andere vom neuen Machtgefüge. Die Besatzung ist nicht nur eine Geschichte deutscher Täter. Sie ist auch eine Geschichte der Entscheidungen, die Menschen im besetzten Land treffen.

Florentine hat ihre Entscheidung getroffen.

Doch ab 1943 beginnt sich die militärische Lage zu verändern. Die Vorstellung vom unaufhaltsamen deutschen Sieg bekommt Risse. An den Fronten gerät die Wehrmacht zunehmend unter Druck.

1944 ist kaum noch zu übersehen, dass Deutschland den Krieg verlieren könnte.

Meinoud Rost van Tonningen reagiert darauf nicht mit Distanzierung.

Er geht noch einen Schritt weiter.

Er tritt der Waffen-SS bei.

Im März 1945, nur wenige Wochen vor dem Ende des Krieges in Europa, wird er als SS-Obersturmführer an die Front geschickt. Das politische Projekt, dem Florentine und ihr Mann jahrelang gedient haben, steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Florentine flieht mit den drei Kindern nach Goslar in Deutschland. Dort besitzen ihre Eltern Grundbesitz. Aus dem privilegierten Leben einer einflussreichen Kollaborateursfamilie wird plötzlich die Flucht vor einer Zukunft, die niemand mehr kontrollieren kann.

Am 8. Mai 1945 endet der Krieg in Europa.

Hitlers Reich existiert nicht mehr.

Die Niederlande sind befreit.

Überlebende kehren aus Lagern und Verstecken zurück. Familien suchen nach Angehörigen, die niemals nach Hause kommen werden. Das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen wird zunehmend sichtbar.

Meinoud Rost van Tonningen wird festgenommen.

Er wartet im Gefängnis auf seinen Prozess.

Doch zu diesem Prozess kommt es nie.

Am 6. Juni 1945 stürzt er im Gefängnis über ein Treppengeländer und stirbt.

Nach offizieller Darstellung handelt es sich um Selbstmord.

Florentine akzeptiert diese Erklärung niemals.

Für sie beginnt damit eine zweite Geschichte, die fast noch länger dauern wird als ihre Jahre im Nationalsozialismus.

Sie behauptet, ihr Mann sei ermordet worden.

Später wird sie sogar prominente Personen beschuldigen und aus seinem Tod eine Verschwörungsgeschichte formen.

Doch das wirklich Überraschende geschieht erst, als Florentine selbst in die Niederlande zurückkehrt.

Denn drei Jahre nach dem Ende der Besatzung wartet zwar die Polizei auf sie.

Aber nicht das Schicksal, das viele angesichts ihrer Vergangenheit erwartet hätten……

TEIL 2 – NACH HITLER: LEUGNUNG, PRIVILEGIEN UND DAS ERBE DER „SCHWARZEN WITWE“

Im Juli 1948 kehrt Florentine Rost van Tonningen in die Niederlande zurück. Ihre Vergangenheit ist bekannt. Ihr Mann gehörte zu den prominentesten Kollaborateuren des Landes, und sie selbst hatte sich offen zum Nationalsozialismus bekannt.

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr wird sie verhaftet.

Es scheint zunächst, als würde nun eine umfassende Abrechnung mit ihrer Vergangenheit beginnen.

Doch nur einen Monat später kommt Florentine wieder frei.

Damit beginnt ein Nachkriegsleben, das über Jahrzehnte immer wieder öffentliche Empörung auslösen wird.

Zunächst besitzt sie kaum eigenes Einkommen und lebt bei einem Cousin in Den Haag. Dort führt sie den Haushalt. Von der gesellschaftlichen Stellung während der Besatzung ist wenig übrig geblieben.

Doch diese Situation dauert nicht lange.

Nach 1950 verbessert sich ihre finanzielle Lage erheblich. Florentine erhält eine Witwenrente vom niederländischen Staat.

Der Grund dafür ist juristisch bemerkenswert: Meinoud Rost van Tonningen hatte vor und während seiner politischen Karriere als NSB-Mitglied im niederländischen Parlament gesessen. Aus dieser Stellung ergeben sich Versorgungsansprüche für seine Witwe.

Damit zahlt der demokratische niederländische Staat einer Frau Geld, deren verstorbener Mann aktiv mit der nationalsozialistischen Besatzungsmacht zusammengearbeitet hatte.

Für Florentine bedeutet die Rente wirtschaftliche Sicherheit.

Hinzu kommt ein Teil des Vermögens ihrer deutschen Familie. Mit diesen Mitteln kann sie in Velp eine Villa erwerben. Außerdem gründet sie ein Unternehmen im Elektrobereich.

Man könnte vermuten, dass die Erfahrungen von Krieg, Niederlage, Verhaftung und dem Tod ihres Mannes zu einer Neubewertung ihrer politischen Überzeugungen führen.

Doch genau das geschieht nicht.

Florentine hält an ihrer Weltanschauung fest.

Sie pflegt Kontakte zu Personen aus dem ehemaligen nationalsozialistischen Umfeld. Zu ihrem Bekanntenkreis gehören unter anderem Gudrun Himmler, die Tochter Heinrich Himmlers, und Paula Hitler, Adolf Hitlers jüngere Schwester.

Das sind keine zufälligen Begegnungen mit Menschen aus einer vergangenen Epoche.

Florentine beginnt aktiv daran zu arbeiten, ihre Version dieser Vergangenheit zu bewahren.

In den 1950er und 1960er Jahren tritt sie mehrfach im Fernsehen auf. Dort spricht sie weiterhin positiv über Adolf Hitler und Heinrich Himmler.

Gleichzeitig hält sie an ihrer Behauptung fest, ihr Mann habe sich 1945 nicht selbst getötet.

Nach Florentines Darstellung wurde Meinoud ermordet, weil er als früherer Präsident der Zentralbank zu viel über geheime Finanzgeschäfte gewusst habe.

Mit den Jahren werden ihre Anschuldigungen immer konkreter.

In einem eigenen Buch beschuldigt sie sogar Prinz Bernhard, den Ehemann der späteren Königin Juliana, eine zentrale Verantwortung für den Tod ihres Mannes getragen zu haben.

Für diese Darstellung liefert das vorliegende Ausgangsmaterial keine Bestätigung. Entscheidend für ihre Biografie ist vielmehr, dass Florentine selbst diese Überzeugung jahrzehntelang vertritt und daraus einen Teil ihrer politischen Identität macht.

Ihr verstorbener Mann wird in ihrer Erzählung nicht zum Kollaborateur, der Verantwortung für seine Entscheidungen trug.

Er wird zum Opfer.

Diese Umkehr der Rollen ist charakteristisch für Florentines Umgang mit der Vergangenheit.

Noch schwerwiegender ist ihre Haltung zum Holocaust.

Florentine leugnet weiterhin öffentlich die systematische Ermordung der europäischen Juden.

Damit überschreitet ihre Nachkriegstätigkeit die Grenze zwischen persönlicher Erinnerung und aktiver Geschichtsfälschung.

Die Vernichtung der europäischen Juden ist zu diesem Zeitpunkt längst durch Dokumente, Zeugenaussagen, Täterakten, Lagerunterlagen und die Aussagen Überlebender umfassend belegt.

Florentine hält dennoch an einer Ideologie fest, deren verbrecherische Folgen nicht mehr verborgen sein können.

In den 1970er Jahren wird sie politisch wieder aktiver.

Ihre Villa in Velp entwickelt sich zu einem Treffpunkt für Menschen aus alten und neuen rechtsextremen Kreisen.

Dort finden Veranstaltungen statt, die bewusst an Rituale und Symbolwelten des Dritten Reiches anknüpfen.

Besonders berüchtigt werden die Sonnwendfeiern.

Menschen versammeln sich auf ihrem Grundstück, pflegen germanisch-nationalistische Rituale und beschwören eine Vergangenheit, die für Millionen andere Menschen Verfolgung, Krieg und Tod bedeutete.

In dieser Zeit festigt sich der Spitzname, der Florentine bis an ihr Lebensende begleiten wird.

Die Schwarze Witwe.

Der Name verbindet zwei Elemente ihrer öffentlichen Wahrnehmung: die Witwe eines der prominentesten niederländischen Kollaborateure und eine Frau, die Jahrzehnte nach dem Tod ihres Mannes weiterhin dessen politische Welt verteidigt.

Anfang der 1980er Jahre bildet sich um Florentine ein kleiner, aber loyaler Kreis von Anhängern.

Gemeinsam gründen sie das Consortium De Levensboom.

Offiziell geht es um die Pflege und Wiederbelebung germanischer Kultur.

Doch die dazugehörige Zeitschrift „Manuscripten“ macht die politische Richtung deutlich.

Darin wird offen nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet.

Auf dem Höhepunkt erreicht das Blatt eine Auflage von ungefähr 450 Exemplaren.

Das klingt klein.

Und zahlenmäßig ist es das auch.

Doch die Bedeutung liegt weniger in der Reichweite als in der Kontinuität.

Fast vier Jahrzehnte nach dem Untergang des Dritten Reiches existiert in Westeuropa ein Kreis, in dessen Mittelpunkt eine Frau steht, die Hitler noch immer verherrlicht und die nationalsozialistische Vergangenheit politisch umdeutet.

Florentine versucht außerdem, Einfluss auf die aktuelle niederländische Politik zu nehmen.

Sie ist indirekt an der Entstehung der rechtsextremen Centre Party beteiligt und hilft dabei, Unterstützungsunterschriften für die Wahlen von 1982 zu sammeln.

Damit bleibt ihre Ideologie nicht auf nostalgische Treffen im privaten Wohnzimmer beschränkt.

Sie versucht, politische Wirkung zu entfalten.

Doch ihre Aktivitäten haben finanzielle Folgen.

Florentine verwendet Mittel aus ihrem Unternehmen, um politische Projekte zu unterstützen.

Das Geschäft gerät in Schwierigkeiten.

Schließlich folgt der Bankrott.

Die Frau, die aus einer angesehenen Bankiersfamilie stammte, während der Besatzung an der Seite eines der mächtigsten Kollaborateure gelebt hatte und später durch Erbschaft und staatliche Versorgung wieder Wohlstand erreichte, steht erneut vor finanziellen Problemen.

Gleichzeitig wird ihr Name immer häufiger mit Gerichtsverfahren verbunden.

Florentine ist über Jahre hinweg in juristische Auseinandersetzungen verwickelt.

Dann kommt 1986 eine Frage erneut auf die politische Tagesordnung, die viele Niederländer empört.

Soll eine überzeugte Nationalsozialistin weiterhin eine staatliche Witwenrente erhalten, weil ihr Mann einmal Parlamentsabgeordneter gewesen war?

Die Debatte erreicht das Parlament.

Es wäre ein symbolischer Schritt gewesen, Florentine diese Versorgung zu entziehen.

Doch die juristische Lage ist kompliziert.

Am Ende entscheidet eine parlamentarische Abstimmung, dass für diesen einzelnen Fall keine besondere gesetzliche Regelung geschaffen werden soll.

Florentine darf die Rente behalten.

Gerade hier zeigt ihre Geschichte einen der Widersprüche demokratischer Rechtsstaatlichkeit.

Ein Rechtsstaat darf seine eigenen Regeln nicht beliebig verändern, nur weil der Empfänger einer Leistung moralisch verachtet wird.

Doch für Überlebende der Besatzung und für Angehörige deportierter Juden muss das Ergebnis schwer zu akzeptieren gewesen sein.

Eine Frau, die das System der Verfolger verteidigt, erhält weiter Geld von jenem demokratischen Staat, dessen Ordnung ihre politische Bewegung einst beseitigen wollte.

Florentine deutet solche Vorgänge nicht als Zeichen rechtsstaatlicher Prinzipien.

Sie sieht sich zunehmend selbst als Verfolgte.

Das Muster wird mit zunehmendem Alter deutlicher.

Die Verbrechen des Nationalsozialismus treten in ihrer eigenen Erzählung in den Hintergrund.

Stattdessen spricht sie über das vermeintliche Unrecht, das ihrem Mann und ihr selbst widerfahren sei.

Doch in ihrer unmittelbaren Familie findet diese Interpretation keinen gemeinsamen Boden.

Ihre Kinder distanzieren sich von der nationalsozialistischen Ideologie ihrer Mutter.

Das ist eine der stillsten, aber bedeutendsten Wendungen ihrer Geschichte.

Florentine hat jahrzehntelang versucht, eine politische Überzeugung zu bewahren und weiterzugeben.

Doch ausgerechnet ihre eigenen Kinder wollen dieses Erbe nicht übernehmen.

Die Ideologie, die für ihre Eltern eine Art Lebensprojekt gewesen war, wird von der nächsten Generation zurückgewiesen.

Florentine bleibt trotzdem unbeirrbar.

Mit zunehmendem Alter wird ihr Leben einsamer und komplizierter.

In den Niederlanden findet sie schließlich keine Mietwohnung mehr.

Sie verlässt das Land und verbringt ihre letzten Jahre im belgischen Waasmunster.

Später behauptet sie, das Leben in den Niederlanden sei für sie unmöglich geworden.

Wieder erscheint sie in ihrer eigenen Darstellung als Opfer.

Doch die historische Bilanz erzählt eine andere Geschichte.

Florentine war keine Frau, die lediglich wegen der politischen Entscheidungen ihres Mannes verurteilt wurde.

Ihre nationalsozialistischen Überzeugungen waren ihre eigenen.

Sie hatte Hitlers Schriften gelesen und bewundert.

Sie hatte die NSB nicht verlassen, weil diese ihr zu extrem gewesen wäre, sondern zeitweise, weil sie ihr in rassistischen Fragen nicht konsequent genug erschien.

Sie war nach der deutschen Invasion bewusst in die besetzten Niederlande zurückgekehrt, um sich an der neuen Ordnung zu beteiligen.

Sie hatte einen führenden Kollaborateur geheiratet und dessen politische Vision geteilt.

Und nach 1945 hatte sie Jahrzehnte Zeit, ihre Haltung zu überdenken.

Sie tat es nicht.

Stattdessen verherrlichte sie weiterhin führende Nationalsozialisten, leugnete den Holocaust und schuf einen Treffpunkt für Rechtsextreme.

Am 24. März 2007 endet dieses außergewöhnlich lange Nachkriegsleben.

Florentine Rost van Tonningen stirbt im belgischen Waasmunster.

Sie ist 92 Jahre alt.

Mehr als sechs Jahrzehnte sind seit dem Untergang des Dritten Reiches vergangen.

Ihre Beerdigung wird bewusst ohne großes öffentliches Aufsehen organisiert.

Der Grund ist nicht schwer zu verstehen.

Die Behörden wollen verhindern, dass Rechtsextreme und Neofaschisten die Beisetzung zu einer politischen Demonstration machen.

Florentine hatte bereits in den 1990er Jahren ein Grab im niederländischen Rheden erworben.

Dort wird sie schließlich still beigesetzt.

Kein großer Aufmarsch.

Keine öffentliche Inszenierung.

Keine politische Bühne.

Doch selbst am Ende gibt es eine letzte bittere Ironie.

Die Frau, die aus einer wohlhabenden Bankiersfamilie gekommen war, zeitweise zu den privilegierten Kreisen der Besatzungszeit gehört hatte, später eine Villa besaß und jahrzehntelang eine staatliche Witwenrente erhielt, hinterlässt Schulden.

Für ihre Beerdigung ist kein ausreichendes Geld vorhanden.

Damit endet ihr Leben fast als Gegenbild zu seinem Anfang.

Das Mädchen aus der angesehenen Familie von Hilversum hatte einst sogar mit einer Prinzessin Tennis gespielt.

Die junge Studentin war von Hitlers Deutschland begeistert gewesen.

Die Ehefrau eines mächtigen Kollaborateurs hatte erlebt, wie ihr Mann die niederländische Zentralbank führte.

Die Witwe hatte nach dem Krieg erneut Besitz und finanzielle Sicherheit aufgebaut.

Und die alte Frau stirbt schließlich im Ausland, politisch isoliert von ihren eigenen Kindern und mit Schulden.

Doch es wäre falsch, darin eine einfache Geschichte von gerechter Vergeltung zu sehen.

Geschichte funktioniert selten so sauber.

Florentine verbrachte den größten Teil ihres langen Lebens in Freiheit.

Sie konnte öffentlich auftreten.

Sie konnte schreiben.

Sie konnte politische Kontakte pflegen.

Sie konnte Menschen um sich sammeln, die ihre Vorstellungen teilten.

Und sie erhielt jahrzehntelang eine staatliche Versorgung.

Gerade deshalb ist ihre Biografie historisch interessant.

Sie zwingt zu einer unbequemen Frage: Was geschieht mit überzeugten Anhängern einer Diktatur, wenn die Diktatur verschwindet, ihre Überzeugungen aber nicht?

Bei Florentine Rost van Tonningen lautet die Antwort: Sie versuchte, ihre Vergangenheit umzudeuten.

Aus Tätern und Kollaborateuren wurden in ihrer Erzählung Opfer.

Aus gesicherten historischen Verbrechen wurden angebliche Lügen.

Aus der Niederlage des Nationalsozialismus wurde kein Grund zur Einsicht, sondern ein Grund, sich noch stärker an die alte Ideologie zu klammern.

Vielleicht erklärt genau das ihren Spitznamen besser als jede dramatische Legende.

Die „Schwarze Witwe“ war nicht deshalb bemerkenswert, weil sie ein verborgenes Doppelleben führte.

Sie war bemerkenswert, weil sie kaum etwas verbarg.

Ihre Bewunderung für Hitler.

Ihre Nähe zu ehemaligen Nationalsozialisten.

Ihre Holocaustleugnung.

Ihre politischen Aktivitäten.

All das erstreckte sich über Jahrzehnte.

Und während sie selbst ihre Vergangenheit verteidigte, blieb die historische Realität bestehen.

Von den etwa 140.000 Juden, die zu Beginn der Besatzung in den Niederlanden lebten, überlebte ein großer Teil die Verfolgung nicht. Familien wurden auseinandergerissen, Menschen aus ihren Wohnungen geholt und über Lager wie Westerbork in die Vernichtungsstätten im Osten deportiert.

Vor diesem Hintergrund erhält Florentines Geschichte ihre eigentliche Bedeutung.

Es geht nicht darum, aus ihr eine geheimnisvolle Filmfigur zu machen.

Es geht darum zu verstehen, dass Diktaturen nicht nur von den wenigen Männern an der Spitze getragen werden.

Sie brauchen Funktionäre.

Kollaborateure.

Überzeugte Anhänger.

Menschen, die wegsehen.

Und Menschen, die von der neuen Ordnung profitieren und sie deshalb verteidigen.

Florentine Rost van Tonningen gehörte zu jenen, die sich bewusst auf die Seite dieser Ideologie stellten.

Der Krieg endete 1945.

Ihre Überzeugung endete damals nicht.

Sie überlebte ihren Mann um mehr als sechzig Jahre.

Sie überlebte Hitler, Himmler und fast alle führenden Figuren des Regimes, das sie bewundert hatte.

Sie erlebte den Wiederaufbau Europas.

Sie sah eine neue Generation heranwachsen.

Sie erlebte, wie Archive geöffnet, Prozesse geführt und immer mehr Zeugnisse des Holocaust dokumentiert wurden.

Und dennoch hielt sie an ihrer eigenen Version der Vergangenheit fest.

Das ist vielleicht der eigentliche historische Twist dieser Geschichte.

Nicht der rätselhafte Tod ihres Mannes.

Nicht die staatliche Rente.

Nicht ihre Villa voller rechtsextremer Besucher.

Sondern die Tatsache, dass ein Mensch mehr als sechs Jahrzehnte Zeit haben kann, die Folgen einer Ideologie zu sehen, und sich trotzdem weigert, sie anzuerkennen.

Wenn euch diese Geschichte nachdenklich gemacht hat, schreibt gern in die Kommentare, welcher Teil euch am meisten überrascht hat: Florentines Radikalisierung schon vor dem Krieg, die Karriere ihres Mannes während der Besatzung oder ihr politisches Leben Jahrzehnte nach 1945.

Und wenn ihr weitere historische Geschichten sehen möchtet, in denen wir hinter bekannte Ereignisse blicken und auch die weniger bekannten Personen untersuchen, die von Diktatur, Krieg und Verfolgung profitierten, könnt ihr den Kanal gern unterstützen und bei der nächsten Geschichte wieder dabei sein.

Denn manchmal endet eine Ideologie nicht an dem Tag, an dem ein Regime kapituliert.

Manchmal lebt sie noch Jahrzehnte in den Menschen weiter, die sich weigern, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu stellen.