Es war ein ganz normaler Dienstag im August 1944, als ich in Warschau in den Keller lief – nicht wegen der Bomben, sondern weil ich hoffte, dort meine Schwester zu finden. Doch was ich fand, war…

Es war ein ganz normaler Dienstag im August 1944, als ich in Warschau in den Keller lief – nicht wegen der Bomben, sondern weil ich hoffte, dort meine Schwester zu finden. Doch was ich fand, war...

August 1944. Warschau, das seit fast fünf Jahren unter deutscher Besatzung leidet, bäumt sich auf. Der polnische Untergrund erhebt sich, um die Hauptstadt zu befreien, angetrieben von der Hoffnung, das Land vor der Roten Armee selbst in die Unabhängigkeit zu führen. Doch die deutsche Führung sieht in diesem Aufstand keinen militärischen Konflikt, sondern einen letzten Akt des Widerstands, der endgültig ausgelöscht werden muss.

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Adolf Hitlers Befehl ist eindeutig: Jeder Einwohner ist zu töten, keine Gefangenen zu machen. Warschau soll dem Erdboden gleichgemacht werden, um ganz Europa abzuschrecken. Zur Umsetzung dieses Befehls wird ein Verband zusammengestellt, der aus Männern der besetzten Sowjetgebiete besteht – die Waffen-Sturmbrigade Rona unter dem Kommando von SS-Brigadeführer Bronislav Kaminski. Es sind keine disziplinierten Soldaten, sondern Plünderer und Mörder.

Am 4. August 1944 marschieren etwa 1700 Mann der Brigade unter Major Iwan Frolow in den Warschauer Stadtteil Ochota ein. Was als Militäreinsatz beginnen soll, gerät sofort außer Kontrolle. Statt gegen die Aufständischen zu kämpfen, stürzen sich die Männer auf die Zivilbevölkerung.

In der Opaczewska-Straße dringen sie in die Häuser ein, zerren die Bewohner auf die Straße und erschießen jeden, der sich widersetzt. Sie plündern die Wohnungen, stecken die Gebäude in Brand. In der Głócka-Straße 104 werfen sie Handgranaten in den Keller, in dem sich Bewohner versteckt haben. Alle sterben.

Am nächsten Tag richten die Deutschen ein provisorisches Lager auf dem Gelände des ehemaligen Gemüsemarkts Zelazna ein. Tausende Bewohner aus Ochota und den umliegenden Stadtteilen werden zusammengetrieben. Auf dem Weg dorthin werden den Menschen Uhren und Schmuck geraubt. Zeugen berichten später, wie Soldaten Finger abhacken, um an Ringe zu kommen, und Ohrringe mitsamt den Ohrläppchen herausreißen.

Junge Frauen und Mädchen werden aus den Menschenmengen gerissen und zwischen den Trümmern vergewaltigt. Wer nicht mithalten kann, wird erschossen. Die Soldaten schießen aus Spaß in die Menge oder werfen Handgranaten in die Kolonnen. Das Lager ist die Hölle auf Erden.

Es gibt keine Toiletten, kein Trinkwasser, kaum Essen. Gelegentlich erhalten die Gefangenen Stücke verschimmelten Brots. Um sich vor den Vergewaltigungen zu schützen, beschmieren Frauen ihre Gesichter mit Schlamm und Ruß, schneiden sich die Haare ab oder legen sich provisorische Verbände an, um krank zu wirken. Familien verstecken ihre Töchter unter Decken und Kleidungsstücken.

Niemand wird verschont. Weder kleine Mädchen noch alte Frauen noch Wöchnerinnen. Viele Opfer werden von einem Dutzend oder mehr Männern nacheinander vergewaltigt. Ein Augenzeuge beschreibt später die Nächte, erleuchtet vom Feuerschein der brennenden Häuser.

Betrunkene Gruppen rasten wie Tiere durch die Menge, schleppten junge Frauen an die Mauer. Nach den Vergewaltigungen lagen die Frauen halbnackt am Boden, häufig mit Schüssen in den Bauch oder in die Brüste. Neugeborene und Säuglinge werden vor den Augen ihrer Mütter ermordet – erwürgt oder mit dem Kopf gegen die Mauer geschlagen. Am Eingang des Lagers wächst ein riesiger Haufen von Leichen.

Niemand begräbt sie. In der Sommerhitze verwesen die Körper schnell. Schließlich scharren die Soldaten die Toten in flachen Gräbern ein und verbrennen weitere in der Turnhalle eines Gymnasiums. Mindestens 300 Menschen werden direkt von den Ronasoldaten ermordet.

Zur gleichen Zeit stürmen die Soldaten das von Marie Curie gegründete Radiuminstitut. Sie plündern das Krankenhaus, rauben Patienten und Personal aus, zerstören die Bibliothek, die Apotheke und die medizinische Ausrüstung. Zunächst wollen sie alle erschießen, dann treiben sie die meisten Menschen ins Lager. Zurück bleiben die Patienten und ein Teil des Personals.

In der Nacht vergewaltigen betrunkene Soldaten die Krankenschwestern und Patientinnen – darunter schwer krebskranke Frauen. Am nächsten Tag wird das Gebäude in Brand gesetzt. Einige Patienten verbrennen bei lebendigem Leib. Rund 60 Menschen überleben, weil sie sich im Keller oder in den Schornsteinen verstecken.

Am 9. August entdecken die Soldaten einen Teil von ihnen und stecken das Gebäude erneut in Brand. Am 19. August zerren sie die verbliebenen Menschen aus ihren Verstecken und erschießen 50 schwerkranke Patienten auf der Stelle.

Die übrigen werden ins Lager gebracht, wo sie durch Genickschuss ermordet und auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden. Im Radiuminstitut sterben insgesamt etwa 170 Patienten und Mitarbeiter. Mehr als 10. 000 Menschen verlieren während des Massakers von Ochota ihr Leben.

Die Täter werden ihrer Verbrechen nicht entkommen. Hans Frank, oberster Verwaltungschef des Generalgouvernements, wird im Oktober 1946 hingerichtet. Die Hinrichtung führt ein Sergeant der US-Armee so fehlerhaft durch, dass Frank erst nach elf qualvollen Minuten stirbt. Major Iwan Frolow, der die Täter im Massaker befehligt hat, streitet vor Gericht in Moskau alles ab.

Seine Soldaten seien nicht an der Erschießung von Zivilisten beteiligt gewesen, er habe von Massenerschießungen nichts gewusst. Die zivilen Opfer erklärt er mit Luftangriffen und Artilleriebeschuss auf Gebäude, in denen sich Aufständische verschanzt hätten. Seine Lügen helfen ihm nicht. Am 31.

Dezember 1946 wird er in Moskau hingerichtet. Bronislav Kaminski, der Befehlshaber der Brigade, erlebt das Kriegsende nicht mehr. Ende August 1944 wird er von der SS erschossen – offiziell wegen Plünderungen. In Wahrheit war seine Einheit völlig außer Kontrolle geraten und hatte selbst innerhalb der NS-Führung Empörung ausgelöst.

In den letzten Kriegsmonaten werden zahlreiche Angehörige der Kaminski-Brigade getötet oder beim Rückzug aufgerieben. Andere geraten in alliierte Gefangenschaft und werden später an die Sowjetunion ausgeliefert. Viele von ihnen enden in den Zwangsarbeitslagern des Gulag-Systems oder vor dem Erschießungskommando.