Der Tee war unerträglich bitter, und der Geruch von Marlenes Keksen, die sie sonst immer mitbrachte, fehlte völlig. Ich saß in meinem Sessel und sah ihr zu, wie sie in der Küche herumhastete, ihre Bewegungen ruckartig und unruhig. „Trink deinen Tee, Papa“, sagte sie mit einer Stimme, die ich aus ihrer Kindheit kannte – dem Tonfall, den sie benutzte, wenn sie etwas angestellt hatte. Ich stellte die Tasse ab.

„Marlene, was hast du in diesen Tee getan? “, fragte ich. Sie drehte sich um, ihr Gesicht war kreidebleich, und das Küchentuch fiel ihr aus den zitternden Händen. „Ich habe dich vergiftet“, stammelte sie.
„Aber ich hatte einen Plan, Papa. Es sollte friedlich sein, wie im Schlaf. Niemand würde Verdacht schöpfen. Du bist alt, die Leute würden denken, es war dein Herz.
“
Die Welt um mich herum wurde still. Ich hörte mein eigenes Herz schlagen, schneller als normal. Die Tochter, für die ich nach dem Tod ihrer Mutter alles getan hatte – ihre Schulbildung bezahlt, ihre Hochzeit, ihr Geschäft mit meinen Ersparnissen gerettet – stand vor mir und gestand, mich töten zu wollen. „Wie lange planst du das schon?
“, fragte ich mit kratziger Stimme. „Seit Monaten“, schluchzte sie. „Das Geschäft steht vor dem Bankrott. Thomas wird mich verlassen, wenn er die Schulden erfährt.
Ich brauchte dein Erbe jetzt. “
Ich stand langsam auf, meine Beine zitterten. Ich ging zur Kommode und zog die oberste Schublade auf. Mein alter Notizblock lag darin.
„Weißt du, was das ist? “, fragte ich. „Eine Liste aller Lügen, die du mir in den letzten zwei Jahren erzählt hast. Und daneben die Beträge, die du von meinem Konto gestohlen hast.
Ich habe alles dokumentiert, Marlene. “
Ihr Gesicht wurde noch blasser. „Das ist nicht möglich. Du bist alt.
Du vergisst Sachen. “
„Ich vergesse nichts“, unterbrach ich sie. „Ich bin 77 Jahre alt, und mein Verstand ist schärfer als deiner. “
Ich griff zum Telefon und wählte eine Nummer, die ich auswendig kannte.
„Hallo, Dr. Brenner, hier ist Gustav Hartmann. Wie geht es meiner Tochter nach ihrer Behandlung? Ja, genau, wegen ihrer Spielsucht.
Hat sie Ihnen erzählt, woher sie das Geld für ihre Schulden nehmen will? “
Dr. Brenner seufzte am anderen Ende. „Herr Hartmann, Sie wissen, dass ich über Patientengespräche nicht sprechen darf, aber da Sie die Behandlung bezahlen: Ihre Tochter hat erwähnt, dass sie Zugang zu einem größeren Geldbetrag haben wird.
Sie war sehr zuversichtlich. “
Ich legte auf und sah Marlene an. Sie weinte nicht mehr, sie starrte mich nur an. „Ich weiß alles, Marlene.
Von deiner Spielsucht. Von den Schulden bei den Wucherern. Ich weiß, dass Thomas nicht dein Mann ist, sondern dein Komplize. Und ich weiß, dass Emma gar nicht existiert.
Du hast sie erfunden, um an mein Mitleid zu appellieren. “
Sie taumelte rückwärts gegen die Wand. „Das kann nicht sein. “
„Oh, es kann“, sagte ich und schlug den Notizblock auf.
„Hier steht alles. Jeder Besuch, jede Geschichte, jede Lüge. Weißt du, was mir am meisten wehgetan hat? Nicht das Geld.
Nicht einmal der heutige Versuch, mich zu töten. Es war die Tatsache, dass du dachtest, ich wäre zu dumm, um es zu bemerken. “ Ich legte den Block weg. „Aber ich bin schlau genug, um auch meine eigenen Pläne zu machen.
“
Ich ging zum alten Sekretär und öffnete eine Schublade, die Marlene noch nie gesehen hatte. Ein dicker Umschlag lag darin. „Meinst du, das Gift wirkt langsam genug, dass ich dir noch zeigen kann, was ich vorbereitet habe? “
Sie nickte stumm, Panik in den Augen.
Ich zog Dokumente heraus. „Das erste ist eine Kopie meines neuen Testaments. Rate mal, wer darin nicht mehr vorkommt. Das zweite ist eine vollständige Aufstellung deiner Diebstähle mit Beweisen.
Das dritte ist eine eidesstattliche Erklärung von Dr. Brenner über deine Spielsucht und deine Pläne, mich zu bestehlen. Und das vierte ist eine Kopie über die Autopsie, die bei meinem Tod durchgeführt wird. Dr.
Brenner weiß bereits, dass du mir gedroht hast. Sie werden das Gift finden, und dann werden sie dich finden. “
Marlene begann wieder zu schluchzen. „Papa, bitte, wir können das regeln.
Ich bringe dich ins Krankenhaus, sie können dir den Magen auspumpen. “
Ich lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. „Oh, aber es ist zu spät, Marlene. Zu spät, aber nicht so, wie du denkst.
“ Ich setzte mich wieder in meinen Sessel. „Weißt du, was das Schöne an einem langen Leben ist? Man lernt, auf alles vorbereitet zu sein, sogar darauf, dass die eigene Tochter einen vergiften will. Du erinnerst dich an Dr.
Brenner? Er ist nicht nur Psychiater, sondern auch Toxikologe, ein alter Freund aus der Universität. Vor drei Monaten habe ich ihm meine Vermutungen mitgeteilt. Wir haben einen Plan ausgearbeitet.
“
Marlene konnte nur noch flüstern. „Was für einen Plan? “
„Der erste Teil war herauszufinden, womit du mich vergiften wolltest. Er hat mir harmlose Substanzen gegeben, die wie echte Gifte wirken, aber ungefährlich sind.
Ich habe sie täglich eingenommen. Der zweite Teil war sicherzustellen, dass alles aufgezeichnet wird. “ Ich deutete auf ein kleines Gerät auf dem Bücherregal. „Das nimmt jedes Wort auf, das du gesagt hast.
Jede Träne. Jedes Geständnis. “
Ihr Mund stand offen. „Und der dritte Teil war der wichtigste.
“ Ich stand auf, ging zur Haustür und öffnete sie weit. Draußen warteten zwei Polizisten. „Kommen Sie herein, meine Herren. Ich glaube, Sie haben genug gehört.
“
Die Beamten traten ein, ihre schweren Stiefel hallten auf dem Holzboden. „Herr Hartmann, wir haben draußen alles gehört. Ihr Geständnis ist klar und eindeutig“, sagte der ältere Polizist. Marlene versuchte aufzustehen, sackte aber wieder zusammen.
„Das ist nicht legal“, schrie sie. „Wärest du doch tot, dann wäre ich dich endlich los, du alter seniler Trottel! “
„Versuchter Mord ist ein schweres Verbrechen, Frau Weber“, sagte der junge Polizist ruhig. „Und wir haben alles aufgezeichnet.
“
Ich hob das Aufnahmegerät auf. „Zweieinhalb Stunden Aufnahme, und nicht nur das heutige Gespräch. Ich habe alle ihre Gespräche der letzten drei Monate aufgezeichnet. “ Ich sah Marlene an.
„Erinnerst du dich an das kleine Geschenk zu Weihnachten? Die hübsche Vase für dein Wohnzimmer. “ Sie nickte schweigend. „Darin war ein winziges Mikrofon versteckt.
Ich habe jedes Gespräch mit deinen Geschäftspartnern mitgehört. “
Ich holte ein kleines Gerät aus meiner Tasche und drückte einen Knopf. Marlenes Stimme erfüllte den Raum: „Er ist alt und vertraut mir, es wird einfach sein. Ein paar Tropfen in seinen Tee, und es sieht aus wie ein Herzinfarkt.
Niemand wird Verdacht schöpfen. “ Eine andere Stimme: „Und du bist sicher, dass er dir alles vererbt hat? “ „Natürlich, ich bin sein einziges Kind. “
Marlene weinte hemmungslos.
„Aber das ist noch nicht alles“, sagte ich und holte einen dicken Ordner aus meinem Schreibtisch. „Weißt du, was hier drin ist? Die Unterlagen über dein echtes Leben. Thomas Weber existiert nicht, du hast nie geheiratet.
Emma existiert nicht. Das Geschäft, von dem du erzählt hast, gibt es nicht. Aber ich kenne den Mann, der wirklich existiert: Klaus Richter, dein Komplize, vorbestraft wegen Betrug und Erpressung. Er wartet draußen in seinem Auto.
“
Ich trat ans Fenster und zeigte hinaus. Ein dunkler Mercedes stand am Straßenrand, der Motor lief. „Herr Kommissar, ich glaube, Sie sollten auch ihn verhaften. “ Der Beamte sprach in sein Funkgerät, und wenige Minuten später zerrten zwei Polizisten Klaus aus dem Wagen.
Marlene lag zusammen geknickt auf dem Boden. Ich kniete mich neben sie. „Du dachtest wirklich, ich wäre ein dummer alter Mann, nicht wahr? Du dachtest, du könntest mich töten und mein Vermögen erben.
“ Ich zog mein Testament aus dem Ordner. „Aber ich habe eine Überraschung für dich. “ Sie nahm das Dokument mit zitternden Händen, und ich sah, wie ihr Gesicht vor Schreck erstarrte. „Mein gesamtes Vermögen, drei Millionen Euro, geht an die Kinderkrebsstation des städtischen Krankenhauses.
Du bekommst nichts. Absolut nichts. Du warst so beschäftigt damit, mich zu bestehlen, dass du nie gefragt hast, wie viel ich wirklich besitze. Meine Patente haben mir ein Vermögen eingebracht.
“
„Aber das ist immer noch nicht alles. “ Ich holte noch eine Mappe aus dem Schrank. „Erinnerst du dich an Frau Schneider, die alte Dame, die letzten Winter gestorben ist? Sie hatte eine Tochter, die nach Amerika ausgewandert ist.
Sie heißt Sarah Schneider, ist vor einem Monat zurückgekommen und arbeitet als Anwältin in München. Sie wird dafür sorgen, dass du auch wegen systematischen Betrugs, Urkundenfälschung und Erpressung angeklagt wirst. “
Die Polizisten nickten zustimmend. „Die Dame hat uns bereits kontaktiert.
Sehr gründliche Arbeit. “
Ich ging ans Telefon und wählte eine Nummer. „Hallo, Herr Direktor, hier ist Gustav Hartmann. Es ist so weit, Sie können die Pressekonferenz abhalten.
“ Ich sah zu Marlene. „Ich habe beschlossen, meine Geschichte öffentlich zu machen. In einer Stunde weiß die ganze Stadt, was du getan hast. Morgen das ganze Land.
Du wirst berühmt, mein Kind. Als die Frau, die ihren Vater vergiften wollte. “
Marlene kroch auf dem Boden und umklammerte meine Beine. „Papa, bitte, du kannst das nicht tun.
Mein Leben wird ruiniert sein. “
Ich schüttelte sie ab und trat zurück. „Du wolltest meines beenden. Du hast mein Vertrauen missbraucht, mich bestohlen, belogen, und heute wolltest du mich töten.
Du hast dein Leben selbst ruiniert. Ich räume nur auf. “
Die Polizisten hoben sie auf und legten ihr Handschellen an. „Marlene Weber, Sie sind verhaftet wegen versuchten Mordes, Betrugs und Diebstahls.
Sie haben das Recht zu schweigen. “
Während sie ihr die Rechte vorlasen, setzte ich mich wieder in meinen Sessel. Ich fühlte mich seltsam ruhig. Bevor sie hinausgeführt wurde, drehte sie sich zu mir um.
„Papa“, flüsterte sie, „ich bin immer noch deine Tochter. “
Ich sah sie lange an, dann schüttelte ich langsam den Kopf. „Nein. Meine Tochter ist vor langer Zeit gestorben.
Du bist nur noch ein Fremder, der ihr Gesicht trägt. “ Das waren die letzten Worte, die ich je zu ihr sprach. Nach ihrem Abgang saß ich lange in der Stille meines Hauses. Draußen versammelten sich Journalisten und Neugierige.
Das Blitzlicht erhellte meine Fenster wie ein endloses Gewitter. Mein Telefon klingelte ununterbrochen, aber ich nahm nicht ab. Stattdessen stand ich auf und trat zu Heinrichs altem Foto auf dem Kaminsims. Er sah mich mit denselben ernsten Augen an, die ich geerbt hatte.
„Es ist vorbei, Papa. Sie wird nie wieder jemandem weh tun können. Du hättest stolz auf mich sein können. “
In der Küche machte ich mir eine frische Tasse Tee.
Diesmal schmeckte er genau richtig – süß, warm und ehrlich. Ich setzte mich an den alten Küchentisch, an dem Marlene einst ihre Hausaufgaben gemacht und mir gesagt hatte, dass sie mich liebte. Das Telefon klingelte wieder, diesmal nahm ich ab. Es war Dr.
Brenner. „Gustav, ich habe die Nachrichten gesehen. Geht es dir gut? “
„Ja, besser als seit langem.
“ Die Polizei wird noch Fragen haben, und die Presse. „Ich bin bereit“, unterbrach ich ihn. „Ich habe 77 Jahre gelebt. Ich habe keine Angst mehr vor der Wahrheit.
“
Nach dem Gespräch blieb ich am Küchentisch sitzen und sah durch das Fenster, wie die Sonne unterging. Der Himmel färbte sich in warme Orangetöne. Es würde ein schöner Abend werden, an dem ich zum ersten Mal seit Monaten wieder ruhig schlafen konnte. Morgen würde die ganze Welt Marlenes Geschichte kennen.
Aber heute Abend war ich einfach ein alter Mann, der überlebt hatte.


