Die Wahrsagerin sagte meiner Mutter, ich würde mehr als ein Herz brechen. Jahre später fand ich einen Brief auf meinem Küchentisch: „Ich bin fertig mit dir. Ich kann das nicht mehr.“ Keine…

Die Wahrsagerin sagte meiner Mutter, ich würde mehr als ein Herz brechen. Jahre später fand ich einen Brief auf meinem Küchentisch: „Ich bin fertig mit dir. Ich kann das nicht mehr.“ Keine...

Die Wahrsagerin auf der Kirmes hatte es meiner Mutter prophezeit, lange bevor ich überhaupt geboren wurde. „Dein Junge wird zu heftig lieben“, sagte sie, „und er wird mehr als ein Herz brechen. Er wird den süßen Frauen das Lachen und das Weinen bringen. “

Meine Mutter lachte damals.

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Eine alte Frau mit schmutzigen Karten und blumigen Sprüchen – wer sollte ihr schon glauben? Ich wusste es besser. Ich spürte es selbst, sobald ich alt genug war, um im Dunkeln nach Hause zu kommen, wenn die Straßen leer waren und nur das Neonlicht der Tankstelle noch brannte. Sie nannten mich den Mitternachtsmann, weil ich immer erst auftauchte, wenn alles andere schlief.

Und irgendwann begann ich zu glauben, dass das mein Fluch war. Die Frauen kamen und gingen. Sie lachten mit mir, tanzten mit mir, flüsterten mir süße Worte ins Ohr. Und jedes Mal endete es gleich: mit Tränen.

Ich war gut darin, Herzen zu gewinnen. Ich war noch besser darin, sie zu brechen, ohne es zu wollen. Ich wollte nicht gemein sein, aber irgendetwas in mir schien sie anzuziehen und dann wieder wegzustoßen, wie Ebbe und Flut. Meine Mutter sah es zuerst.

„Du bist wie dein Vater“, sagte sie eines Abends, als ich wieder einmal mit rotem Kopf und zerrissener Stimmung nach Hause kam. „Er hat auch alle geliebt und keine behalten. Am Ende blieb nur das Weinen. “

Ich schüttelte den Kopf.

Ich wollte nicht wie mein Vater sein. Ich wollte nicht der Mann sein, den alle kannten und den doch niemand wirklich berühren durfte. Dann kam sie. Eines Nachts, als ich dachte, ich hätte mich längst an die Einsamkeit gewöhnt, stand sie vor mir.

Sie lachte nicht wie die anderen. Sie sah mich an, als würde sie durch meine Fassade hindurchsehen, direkt auf das, was unter der Oberfläche lag. Und ich dachte: Vielleicht ist sie es. Vielleicht ist sie die Person, die mich von diesem Fluch befreien kann.

Wir verbrachten unzählige Nächte zusammen. Ich erzählte ihr Dinge, die ich nie jemandem erzählt hatte – von der Wahrsagerin, von meiner Angst, zu lieben, ohne zu verletzen, von den Träumen, die ich hatte, wenn ich nachts allein in meiner Wohnung saß. Sie hörte zu. Sie hielt meine Hand.

Sie sagte: „Du bist nicht verflucht. Du hast nur Angst, jemanden wirklich in dein Herz zu lassen. “

Ich wollte es glauben. Ich wollte es so sehr glauben, dass ich anfing, an ein gemeinsames Leben zu denken.

An gemeinsame Morgen mit Kaffee und Sonnenlicht. An ein Zuhause, in dem ich nicht mehr der Mitternachtsmann sein musste. Dann kam der Brief. Ich fand ihn eines Abends auf meinem Küchentisch, sauber neben die Kaffeetasse gelegt, die sie immer benutzt hatte.

Meine Hände zitterten, als ich das Papier öffnete. Nur ein paar Zeilen. Keine Erklärung, keine Entschuldigung, nicht einmal ein verständlicher Grund. „Ich bin fertig mit dir.

Ich kann das nicht mehr. “

Das war alles. Kein Name, kein Abschied, keine letzte Umarmung. Sie hatte ihre Sachen genommen, ihre Schlüssel auf den Tisch gelegt, und war gegangen.

Ich stand da, den Brief in der Hand, und spürte, wie etwas in mir brach. Die schwarze Katze, die ich als Glücksbringer über der Tür hängen hatte, schien mich anzustarren, als wollte sie sagen: „Ich hab’s dir doch gesagt. “

Ich lief durch die leere Wohnung, öffnete Schränke, als würde ich sie irgendwo finden, irgendein Zeichen davon, dass sie wiederkommen würde. Es war nichts da.

Nur Stille. Nur dieser eine Brief, dessen Worte wie Splitter in mir steckten. Am nächsten Tag rief ich ihre beste Freundin an. Sie seufzte, zögerte, und dann sagte sie: „Sie hat gesagt, sie kann nicht mehr mit jemandem leben, der nachts heimkommt wie ein Schatten und morgens schon wieder fort ist.

Sie hat gesagt, du bist nicht wirklich da, auch wenn du da bist. “

Ich wusste nicht, ob ich wütend sein sollte oder ob sie recht hatte. Vielleicht beides. Die nächsten Wochen verschwammen.

Ich arbeitete, ich sang, ich versuchte, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Aber bei jedem Lied über Liebe und Verlust dachte ich an sie. Die Menge klatschte, die Menge weinte, und ich stand dort, ein zerissener Mann auf der Bühne, umgeben von Menschen, die applaudierten – und niemand wusste, wie leer ich mich fühlte. Meine Mutter rief mich eines Sonntags an.

„Ich habe wieder von der alten Wahrsagerin geträumt“, sagte sie leise. „Sie hat mir gesagt, dass dein Fluch dich erst loslässt, wenn du verstehst, dass du nicht den Frauen verpflichtet bist, die du triffst. Du bist dir selbst verpflichtet. “

„Was soll das bedeuten?

„Es bedeutet, mein Junge, dass du erst aufhören musst, die Mitternachtsman zu sein. Dann kannst du vielleicht ein Mann sein, der am Morgen bleiben kann. “

Ich legte auf und starrte an die Decke. Die schwarze Katzenskulptur war mir plötzlich unheimlich.

Ich nahm sie ab, stellte sie in die hinterste Ecke eines Schranks. Vielleicht wollte ich einfach nicht mehr an den Fluch glauben. Monate vergingen. Ich musste an sie denken, aber ich hörte auf, sie zu suchen.

Ich hörte auf, die Orte abzuklappern, an denen wir uns getroffen hatten. Und zum ersten Mal seit langer Zeit war ich nachts allein, ohne Verlangen nach Gesellschaft, ohne den Drang, den nächsten Abend mit irgendjemandem zu teilen. Dann sah ich sie wieder. Eine heiße Sommernacht, eine Bar am Ende der Stadt, wo ich manchmal noch saß, wenn ich nicht auftreten musste.

Sie saß mir gegenüber, ein Glas Wein in der Hand, und sie lächelte schwach, als sie mich bemerkte. „Du siehst anders aus“, sagte sie. „Ich fühle mich auch anders. “

„Ich habe gehört, du singst immer noch.

Über Liebe und Tränen. “

„Ja. Manches ändert sich nicht. Aber manches schon.

Sie nickte. Wir sprachen lange. Sie erzählte mir von ihrem neuen Leben, ihrer neuen Arbeit, dem Versuch, neu anzufangen. Ich erzählte ihr von der Nacht, in der ich den Brief fand, und davon, wie ich gelernt hatte, allein zu sein, ohne mich als Verlierer zu fühlen.

„Tut es dir leid? “, fragte sie schließlich. „Dass du gegangen bist? “, erwiderte ich.

„Nein. Ich glaube, du musstest gehen. Vielleicht habe ich dich nicht so geliebt, wie du es verdient hast. Ich war zu sehr damit beschäftigt, der Mitternachtsman zu sein, um wirklich da zu sein.

Sie schluckte. „Ich hätte dir sagen sollen, dass ich gehen werde. Ich hätte es dir ins Gesicht sagen sollen, statt nur einen Brief zu lassen. “

„Vielleicht.

Aber vielleicht war der Brief ehrlicher, als ich zugeben wollte. “

Wir saßen noch eine Weile zusammen, schweigend, bis die Bar schloss. Beim Aufstehen berührte sie kurz meinen Arm. „Du bist kein schlechter Mensch, weißt du.

Du musst nur aufhören, dich als Fluch zu sehen. “

Sie ging. Diesmal ohne Brief, ohne weggelaufene Tränen. Ich sah ihr nach, bis sie in der Dunkelheit verschwand, und dann setzte ich mich noch einmal hin und bestellte einen Kaffee.

Am nächsten Morgen zog ich eine neue Jacke an, verließ die Wohnung, als die Sonne gerade aufging, und ging den langen Weg durch die Stadt, den ich immer gemieden hatte. Ich kam an dem Kiosk vorbei, an der Tankstelle, an der Bushaltestelle, wo der Himmel rosa und golden wurde. Die alte Wahrsagerin hätte wahrscheinlich gelacht, wenn sie mich gesehen hätte. Den Mitternachtsman, der am helllichten Tag durch die Straßen lief, ohne zu wissen, wohin er gehörte.

Aber ich wusste es besser. Ich ging einfach weiter.