ER SOLLTE MENSCHEN HEILEN – DOCH IN AUSCHWITZ ENTSCHEIDETEN SEINE BEFEHLE ÜBER LEBEN UND TOD

ER SOLLTE MENSCHEN HEILEN – DOCH IN AUSCHWITZ ENTSCHEIDETEN SEINE BEFEHLE ÜBER LEBEN UND TOD

TEIL 1 – VOM ARZT ZUM TEIL DER VERNICHTUNGSMASCHINE

Am 27. Januar 1945 erreichten sowjetische Soldaten das Tor von Auschwitz.

Was sie vorfanden, war kein gewöhnliches Gefangenenlager.

Es war einer der größten Orte des organisierten Massenmords in der Geschichte der Menschheit.

Hinter den Zäunen lagen Menschen, die kaum noch wie Menschen aussahen.

Ausgehungert.

Krank.

Völlig entkräftet.

Viele hatten kaum noch die Kraft aufzustehen.

Die Soldaten fanden Überlebende, die jahrelang Hunger, Zwangsarbeit und Gewalt ertragen hatten.

Sie fanden Dokumente.

Beweise.

Zeugnisse eines Systems, das Menschen nicht als Menschen betrachtet hatte.

Und sie fanden Spuren medizinischer Experimente.

Versuche an Männern.

An Frauen.

An Kindern.

Durchgeführt von Ärzten, die eigentlich geschworen hatten, Leben zu schützen.

An der Spitze dieses medizinischen Apparats in Auschwitz stand ein Mann, dessen Name später untrennbar mit diesem Ort verbunden sein sollte.

Eduard Wirths.

Ein Arzt.

Ein Familienvater.

Ein Mann, der von Menschen in seiner Jugend als ruhig, freundlich und gewissenhaft beschrieben wurde.

Und dennoch wurde er zum ranghöchsten SS-Arzt von Auschwitz.

Zu einem Mann, der über Selektionen, medizinische Versuche und die Arbeit zahlreicher Lagerärzte entschied.

Seine Geschichte gehört zu den schwierigsten Fragen der Geschichte:

Wie kann ein Mensch, der einst geschworen hat zu helfen, Teil eines Systems werden, das Menschen zerstört?

Wenn euch historische Geschichten interessieren, die nicht nur Täter und Opfer zeigen, sondern auch die Entscheidungen und Entwicklungen dahinter, bleibt bis zum Ende dabei.

Denn Eduard Wirths war kein einfacher Fall.

Er war kein Mann, dessen gesamte Vergangenheit nur aus Hass bestand.

Gerade diese Widersprüche machen seine Geschichte so erschütternd.

Eduard Egid Wirths wurde am 4. September 1909 in Geroldshausen bei Würzburg geboren.

Er wuchs in einer katholischen Familie auf.

Seine Kindheit unterschied sich zunächst kaum von der vieler anderer deutscher Familien dieser Zeit.

Sein Vater war während des Ersten Weltkriegs Sanitätsunteroffizier.

Der Krieg prägte ihn tief.

Er erzählte seinen Kindern von den Erfahrungen an der Front.

Doch anders als viele Nationalisten nach dem Krieg entwickelte die Familie Wirths keine extreme politische Haltung.

Sie stand eher sozialdemokratischen Ideen nahe.

Antisemitismus oder radikaler Nationalismus waren nicht die prägenden Werte des Elternhauses.

Eduard hatte mehrere Geschwister.

Besonders eng blieb seine Beziehung zu seinem jüngeren Bruder Helmut.

Auch Helmut wurde später Arzt.

Innerhalb der Familie galt Eduard als ernsthafter, disziplinierter und zuverlässiger junger Mann.

Er rauchte nicht.

Er trank keinen Alkohol.

Er war ruhig.

Viele Menschen beschrieben ihn als höflich und respektvoll.

Niemand hätte damals erwartet, dass dieser junge Mann eines Tages mit Auschwitz verbunden sein würde.

Schon früh entschied sich Eduard für die Medizin.

Der Beruf des Arztes erschien ihm als eine Möglichkeit, Menschen zu helfen.

1930 begann er sein Medizinstudium an der Universität Würzburg.

Fünf Jahre später schloss er sein Studium ab.

Anschließend promovierte er zum Doktor der Medizin.

Doch Deutschland veränderte sich während dieser Jahre grundlegend.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Die Nationalsozialisten begannen, den Staat Schritt für Schritt umzubauen.

Demokratische Institutionen wurden zerstört.

Politische Gegner verfolgt.

Rassistische Gesetze eingeführt.

Auch Eduard Wirths trat in die nationalsozialistischen Organisationen ein.

Im Juni 1933 wurde er Mitglied der NSDAP und der SA.

Die SA, bekannt als Sturmabteilung oder Braunhemden, war damals ein wichtiges Werkzeug der nationalsozialistischen Bewegung.

Im Oktober 1934 wechselte Wirths jedoch von der SA zur SS.

Jener Organisation, die später zu einem der wichtigsten Instrumente von Terror, Verfolgung und Vernichtung werden sollte.

1936 heiratete Eduard Wirths Gertrud Petavy.

Das Paar bekam vier Kinder.

Nach außen führte er weiterhin das Leben eines normalen Familienvaters.

Doch gleichzeitig entfernte er sich immer stärker in Richtung des Systems, das Deutschland kontrollierte.

Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen begann, trat Wirths der Waffen-SS bei.

Zunächst arbeitete er als Truppenarzt.

Er wurde nach Norwegen versetzt.

Später kam er während des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion an die Ostfront.

Dort erlebte er die Realität eines brutalen Vernichtungskrieges.

Doch seine militärische Laufbahn endete schneller als erwartet.

Im Frühjahr 1942 wurde bei ihm eine Herzerkrankung festgestellt.

Er galt als nicht mehr fronttauglich.

Er erhielt zwar das Eiserne Kreuz II. Klasse.

Doch anstatt zurück in eine zivile Arztpraxis zu gehen, wurde er dem Konzentrationslagersystem zugeteilt.

Zunächst führte ihn sein Weg nach Dachau.

Danach arbeitete er als leitender Arzt im Konzentrationslager Neuengamme.

Doch seine wichtigste und folgenreichste Aufgabe sollte erst noch kommen.

Im September 1942 erhielt Wirths eine Beförderung.

Er wurde SS-Hauptsturmführer.

Und er wurde zum Leitenden SS-Arzt von Auschwitz ernannt.

Damit übernahm er eine zentrale Position im größten deutschen Vernichtungszentrum.

Von nun an standen zahlreiche Lagerärzte unter seiner Aufsicht.

Unter ihnen befand sich auch Josef Mengele.

Der Mann, dessen Name später weltweit zum Symbol für medizinische Verbrechen in Auschwitz wurde.

Wirths war verantwortlich für den medizinischen Bereich des gesamten Lagerkomplexes.

Er koordinierte die Arbeit der Ärzte.

Er kontrollierte die Krankenreviere.

Er organisierte medizinische Abläufe.

Doch diese Aufgaben bedeuteten in Auschwitz etwas völlig anderes als in einem normalen Krankenhaus.

Denn die Medizin war hier nicht nur Behandlung.

Sie war Teil des Vernichtungssystems.

Nach der Ankunft neuer Häftlinge begannen sogenannte Selektionen.

Menschen wurden untersucht.

Nicht um sie zu heilen.

Sondern um zu entscheiden, wer noch arbeiten konnte.

Und wer sofort ermordet werden sollte.

Kinder.

Alte Menschen.

Kranke.

Geschwächte Gefangene.

Viele wurden direkt in die Gaskammern geschickt.

Die Lagerärzte waren Teil dieses Prozesses.

Und Wirths als leitender Arzt trug Verantwortung dafür.

Er teilte Ärzte für die Selektionen ein.

Er war an diesem System beteiligt.

Neben den Selektionen spielten medizinische Experimente eine zentrale Rolle in Auschwitz.

Besonders berüchtigt war Block 10.

Dort wurden vor allem jüdische Frauen für medizinische Versuche missbraucht.

Untersuchungen.

Operationen.

Entnahmen von Gewebeproben.

Alles ohne freiwillige Zustimmung.

Wirths selbst beteiligte sich an Untersuchungen zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs.

Die Frauen wurden dabei nicht als Patienten behandelt.

Sie wurden als Material betrachtet.

Als Objekte für Forschung.

Ein weiteres Thema waren Sterilisationsversuche.

Diese standen eng mit der nationalsozialistischen Rassenideologie verbunden.

Gefangene Ärzte wurden gezwungen, an diesen Experimenten mitzuwirken.

Unter Wirths’ Verantwortung wurden außerdem Häftlinge absichtlich mit Krankheiten infiziert.

In einem Fall wurden vier jüdische Gefangene mit Fleckfieber infiziert, um ein Impfserum zu testen.

Zwei von ihnen starben.

Diese Verbrechen zeigen die zentrale Rolle, die Wirths innerhalb des medizinischen Systems von Auschwitz spielte.

Doch seine Geschichte weist auch eine verstörende Widersprüchlichkeit auf.

Denn gleichzeitig berichten einige ehemalige Häftlinge, dass er bestimmte Verbesserungen im Lager unterstützte.

Er versuchte, die Ausbreitung von Krankheiten einzudämmen.

Er setzte sich für bessere hygienische Bedingungen in Teilen der Krankenstationen ein.

Er untersagte bestimmten SS-Sanitätern, schwerkranke Häftlinge eigenmächtig mit Phenolinjektionen zu töten.

Einige Gefangene berichteten später, dass er einzelne Menschen vor dem Tod bewahrt habe.

Er setzte auch qualifizierte Häftlingsärzte in medizinischen Funktionen ein.

Diese Handlungen führten später zu unterschiedlichen Bewertungen seiner Person.

Einige sahen darin Zeichen eines gewissen menschlichen Handelns innerhalb eines verbrecherischen Systems.

Andere betonten, dass diese Maßnahmen nichts daran änderten, dass Wirths weiterhin ein wichtiger Funktionär der Vernichtungsmaschinerie war.

Denn er konnte Krankheiten behandeln lassen.

Er konnte Hygiene verbessern.

Und gleichzeitig blieb er Teil eines Systems, das Menschen selektierte und ermordete.

Zu den Häftlingen, die Wirths näher kannten, gehörte Hermann Langbein.

Ein österreichischer politischer Gefangener.

Langbein arbeitete als Schreiber in Wirths’ Umfeld.

Er gehörte heimlich dem Widerstand innerhalb des Lagers an.

Im Laufe der Zeit gewann er Wirths’ Vertrauen.

Über Kontakte ließ der Widerstand Wirths sogar wissen, dass die Alliierten ihn nach dem Krieg für seine Rolle in Auschwitz verantwortlich machen würden.

Seine Familie jedoch bewusst verschont werden sollte.

Diese Information beeinflusste möglicherweise Wirths’ Verhalten.

Doch sie änderte nicht seine Stellung.

Nicht seine Verantwortung.

Nicht seine Vergangenheit.

Während Auschwitz weiter funktionierte, blieb Eduard Wirths der Mann an der Spitze des medizinischen Apparats.

Er überwachte Ärzte.

Er koordinierte Abläufe.

Er trug Verantwortung.

Im August 1944 wurde er in einer Beurteilung besonders hervorgehoben.

Darin lobte er auch Josef Mengele.

Er bezeichnete ihn als zuverlässig, entschlossen und wissenschaftlich wertvoll.

Besonders erschreckend war die Sprache, mit der Wirths die Arbeit Mengeles beschrieb.

Die Opfer wurden nicht als Menschen betrachtet.

Sondern als „Material“.

Als etwas, das für Forschung genutzt werden konnte.

Im Januar 1945 änderte sich alles.

Die Rote Armee rückte näher.

Auschwitz wurde geräumt.

Die SS versuchte, Spuren zu verwischen.

Eduard Wirths verließ den Ort, an dem er fast zweieinhalb Jahre lang eine zentrale Funktion ausgeübt hatte.

Doch sein Weg war noch nicht zu Ende.

Denn der Krieg stand kurz vor dem Zusammenbruch.

Und bald würde der Arzt, der in Auschwitz Macht über Leben und Tod gehabt hatte, selbst zum Gefangenen werden.

Doch bevor er vor einem Gericht aussagen musste, würde er noch versuchen, sich selbst davon zu überzeugen, dass er keine Schuld trug…

FORTSETZUNG IN TEIL 2